? Antwortschreiben des Grafen von Struensee an Beelzebub. 1772. Mit einem saubern Kupfer. [træsnit af Jesusfigur]

Antwortschreiben des Grafen von Struensee an Beelzebub. 1772. Mit einem saubern Kupfer.

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Monsieur Beelzebub!

|t erwarteter fonte mir nichts kommen,alS $ ein Schreiben von einem Wesen, das ich immer für ein Unding gehalten habe, welches wie ein Gespenst aus leeren Köpfen ausgeganr gen sey, Blödsinnige zu schrecken und am Ger nusse der Wollust dieses kurzen Lebens zu hin dern. Wenn Sie aber doch wirklich sind, Mon: seur Beelzebub, und in derUnterwelt bey den Plettet Teufeln einen Monarchen vorstelr len: so kan ich zuvörderst mich nicht entbrechen, ihnen meine Befremdung zu erkenen zu geben, daß Sie mich, dessen hoher irdischer Stand, und dessen beynahe königliche Würde und unumschränkte Gewalt, die ich schon seit einigen Monaten aufder Welt bekleidet und ausgeür bet habe,Ihnen nicht unbekant geblieben sind, daß Sie mich, sage ich,so enCanaille tractiren, mich schlechtweg, "mein lieber Struensee" zu heissen; da ich mich doch nicht der geringsten Bekanntschaft, geschweige eine Familiarität oder Verbrüderung mit Ihnen, bey meiner Ehre,bewußt bin.Sogar sagenSie,Monsieur Beelzebub, mir von JhrerGnade vor; da Sie doch hätten bedenken sollen,daß ich auf einer so hohen Stufe gestanden bin, wo ich keiner königlichen Gnade mehr zu bedörfen glaubte. Und ob ich mich gleich jetzt gestürzt sehn muß,

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so steht es doch Ihnen am wenigsten an, und reimet sich durchaus nicht mit der Hochachtung, die Sie übrigens gegen meine Verdienste bezeugen, daß Sie mich meine Erniedrigung wollten fühlen lassen.

Noch mehr Geringschätzung meines hohen und immer durch sich selbst wirksamen Verstandes zeigen Sie, Monsieur Beelzebub, in JhremVorgeben,daß meine großenUnternehmungen aufderErdeEingebungen vonIhnen und wol gar von noch kleinern Unterteuftln sollen gewesen seyn. Bey meinerEhre,Si- sind ausserordentlich anmaaßend, Monsieur Beelzebub 1 Ich trotze,das sage ich Ihnen, auf mein Bewußtseyn, daß jeder meiner Gedanken, der nicht etwa von andern Menschen bey mir ist veranlasset worden, unmittelbar aus meinem Gehirne entsprungen ist. Auch sch ich keine Möglichkeit, wie ein Geist, dergleichen Sie, Monsieur Beelzebub, Loch wol seyn müssen, in meinen Nerven Gedanken hervorbringen könne ; denn meine Maschine bewegt sich

immer von selbst. Solte indessen das

Gehirn schlechterer Menschen anders als das meinige gebaut seyn, daßSic,MonsieurBeelzebub, in dasselbe wirken könnten: so müßten den solche mit Ihnen einerleyJntereske haben; welches ich eben jetzt zu untersuchen nicht Lust habe, sondern es anden grossen Ort will hinge-

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stellet styn lassen, wohin man so viel Unausgemachtes stellet. Von mir aber will ich Ihnen sogleich das Gegentheil zeigen.

Sie, Monsieur Beelzebub, haben das Yus teresse oder den Zweck aller Könige, die wir auf der Erde groß nennen, JhrerHerrschaft viele Menschen zu unterwerfen: weil Sie das nun nicht eher, als nach dem Tode der Maschine, thun können, wird es mir hieraus fast wahrscheinlich, daß solche geistige Wesen alsdann übrig bleiben müssen, als wovon unsre Geistlichen vieles erzählen! obgleich ich davon mich doch nicht recht überzeugen kann. Allemal aber bleibt es mir unbegreiflich, wie ich hätte Len Zweck haben können, Ihnen mehrere Unterchanen zu unterwerfen! da ich, wie gesagt, mich nicht der geringsten Bekanntschaft mit Ihnen bewnst bin. Und hätte ich auch ehedem als Arzt zufälligerweise einige Maschinen tödten können, so glaubte ich doch, in solchen Ihnen höchst unbrauchbare Unterthanen zur gesandt zu haben.

Hören Sie aber nun, Monsieur Beelzebub, wie weit wichtiger mein Zweck war, und

wie weise ich ihn zu erreichen suchte I Ich

habe allezeit geglaubt, daß meine und andre Maschinen sich am besten befanden, wenn sie durch alle Arten der Wollüste in beständiger Lebhaftigkeit erhalten würden: dieser Glückselig-

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seligkeit wollte ich deswegen alle theilhastig machen. Nun fand ich aber in Dännemark,wo ein Zufall mich zum Nächsten nach dem Könige machte, solche Maschinen vor, die sich thör richl genug einbildeten, für ich weiß nicht welche höhere Bestimmung zu leben, als wozu ich bey mir einen Wunsch hegte. Diese widerstrebten also nicht nur meinen menschenfreundlichsten Absichten, sie höchst glückselig zu machen, indem ich sie von Den Fesseln ihres Wahnes befreyere: sondern ihre stolze Dummheit ging auch soweit, daß sie meine Weisheit und mich selbst verachteten. Die Elenden glaubten, wie überall der christliche Pöbel glaubte, auch die Vornehmsten müßten ihnen gleich denken und handeln; und es war umsonst, sie durch die witzigsten Spöttereyen des größer sten Weisen, der je gelebt hat, des erhabnen Voltaire, eines Bessern zu belehren. Ich beschloß demnach, weil ich kein leichteres Mittel zu erfinden wußte, ich beschloß, ein so unvernünftiges und widerspänstiges Menschengeschlecht, so geschwind als möglich, auözurotr ten, oder wenigstens äuserst zu unterdrücken; und wäre mein Unternehmen in Kopenhagen glücklich von Statten gegangen, so hätte ich die Freude gehabt, an dem von mir bestimmten grossen Tage, zum Opfer für die Vernunft das mchtörvürdige Blut der eifrigsten Christen

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sten durch die Gassen ins Meer stressen zu sehn. (Diese entzückende Aussicht, ach! die ist wie ein Traum verschwunden:) Doch hören Sie nur werter, Monsieur Beelzebub: damit bald ein neuröGeschlecht wieder aufwachsen mdgte, das. für die Wollust empfindlicher und für eine Weisheit gelehriger wäre; zu diesem grossen Zwecke befahl ich, alle Unterrhanen, denen die alten Gesetze verboten, ausser der Ehe dem ZeugnngSgrschäfte obzuliegen, sollten dieses ohne die geringste Strafe oder den geringsten Vorwurf thun; und ich zerbrach alle Riegel, die bisher die Keuschheit oder den

Ehestand beschützten. Weil ich endlich

fürchtete,^ jene Trübsinnigen würden noch meinen König selbst mißtrauisch gegen meine Weisheit machen: so wollte ich auch ihn lieber sterben, als mir zuwider handeln sehn, und bediente mich der geringen Kenntniß, die ich ehedem von Arzneyen erlangt hatte, ihm einen schleichenden Gift zuzubereiten, der ihn immer mehr schwächen und langsam tödren sollte; damit ich desto eher hoffen dürfte, das Zepter in der Hand eines Prinzen zu sehn, den ich selbst nach meiner Weisheit gebildet hätte.

Das waren meine Zwecke, Mons. Beelzebub; und habe ich durch mein Bestreben nach denselben Ihre Herrschaft zufälligerweise erweitern

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weitern können, so ist es mir angenehm, einem Unbekannten kleine Gefälligkeiten erwiesen zu haben: wofür ich aber nie weitern Dank von Ihnen erwarte. Indessen danke ich Ihnen, Monsieur Beelzebub, für die Veranlassung unserer Bekanntschaft; und bitte Sie, von mir zu glauben, daß ich sey,

Monsieur Beelzebub,

Ihr

guter Freund,

I. F. Graf von Struensee.

N. S. Solte mich einmalein Zufallin Ihr Reich führen, Monsieur Beelzebub, so nehme ich Ihre gütige Zusage an, daß Sie in eigner Person mir Standesmäßig die HoneurS machen werden.