Luxdorphs samling af trykkefrihedens skrifter 1770-1773: Række 2 bind 9

Von Copenhagen,

den 17ten Januar

1772.

Nach dem Dänischen Original.

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Es gießt wenig Monarchien, wo nicht bisweilen Verschwörungen entstanden wären. Man findet unter allen Regirungsarten Menschen, welche, mit ihrem gegenwärtigen Schicksale unzufrieden, aller möglichen Ausschweifungen fähig sind, um sich entweder von einer Last, die sie drückt, zu be- freyen, oder sich in bessere Glücksumstände zu setzen, oder auch sich zu einem Stande empor zu heben, auf welchem sie sich, ihrer niedrigen Geburt wegen, keine Rechnung machen durften. Dies sind insgemein die Bewegungsgründe, welche einen bösen Bürger verleiten, die Waffen wider sein Vaterland und gegen seinen gütigen Monarchen zu ergreifen; und von dieser Art Menschen war Johan Friederich Struensee und seine Consorten, welche durch ihre bösen Rathschläge die Geschichte Dännemarks mit einer merkwürdigen Nacht bezeichnen wollten; aber der Gott,

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der in der Höhe wohnet, ließ sie in die Fallstricke fallen, welche sie einen der liebenswürdigsten Könige geleget hatten.

Das Haupt dieser schändlichen Rotte war Jo- han Friederich Struensee, ein Sohn von Adam Struensee, Königl. Dänischer Gene- ralsuperintendent. Sein Vater hat aufseine Erziehung und Studien alles Mögliche gewandt; aber er ließ sichs nicht undeutlich mercken, daß er zu allen Lastern und wollüstigem Leben sehr geschickt war. Er har in seiner Jugend die Medicin als Doctor studirt, wovon er aber wenig Begriffe erhalten. Dennoch hatte er das Glück, von den besten König, Christian den VII. auf seiner Reise als Reise: Leib-Medicus vorgeschlagen zu werden, in welcher Qualität er auch Sr. Majestät begleitete, und hernach das Glück hatte, (obgleich nicht durch seine Geschicklichkeit,) nicht allein beständiger Leibmedicus zu seyn, sondern auch von einer Ehrenstufe bis zur andern empor gehoben wurde, bis der König ihn durch eine gewisse Fürsprecherin 1771. den 23sten Januar, in den Grafenstand erhob, und ihn zum geheimen Cabinets: und Staats- Minister machte. Aufgeschwollen von schändlichem Hochmuth bewegte er eben angeführte hohe Fürsprecherin, durch eine Acta, das Herzogthum Plön von Sr. Königl. Majestät sich versichern zu lassen, welches aber Nicht zum Vorschein kam; da ihm gleich ein Besseres einfiel, sich mit dieser Person das ganze Königreich zuzueignen, mit derselben sich zu vermäh

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5 len, und neben derselben als Protector zu regiren; vorhero aber einen von Gott höchstbestätigten theuren Landesvarer und König, Christian den VII. den theuren und hoffnungsvollen Kronprinzen Friederich, eine der besten Königinnen Jue liana Maria, den liebenswürdigsten Erbprinzen Friederich, und Prinzeßin Charlotta Amalia, aus der Welt zu schaffen, und so nach mit Feuer und Schwerdt, (fals sich jemand von denen Hohen und Niedern ihm sich widersetzen würden,) den Weg zum Königl. Thron, Kron und Scepter, zu bahnen.

Verschiedene fürchterliche Anstalten, die einige Wochen vorhero vom dem abscheulichen Grafen angeordnet wurden, sekten alle Bewohner in und ausserhalb Copenhagen in Erstaunen, und der Eine fürchtete sich vor den Andern, und ein jeder ging nicht ohne die größte Furchtauf der Strasse, noch des Nachts zu Ferte. Er ließ die größten Kanonen aus dem Zeughause auf die Wälle, vor die Wachthäuser und Thore der Stadt aufführen, und scharf. mit Cartätschen laden. Die Kanonen auf den Wällen wurden alle Abende, nach geschlagenem Zapfenstrich, gegen der Stadt, längst den Gassen, gerichtet. Die beyden Königl. GardeRegimenter wurden abgedanke. Verschiedene verdienstvolle Ministres ihrer Dienste entlassen. Alle Wachen verdoppelt; und noch mehrere Extra- Wachen ausgestellet. Die Soldaten erhielten ein jeder 36 scharfe Patronen, und das Patroulli-ren war ausserordentlich. Selbst auf dem Schlosse sahe man die Wachen verdoppeln, und scharf ge-

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ladene Kanonen Hinpflanzen; sogar ein jeder, ohne Ansehen der Person, der aufs Schloß etwas zu thun hatte, und wem er sprechen wollte, wurde durch 2 Mann Soldaten auf und vom Schloß ge- führet. Dem Könige befremdete dieses, und frug Graf Struensee, (denn sonst hatte er niemand bey sich,) wozu diese fürchterlichen Anstalten die- nen sollten? Er gab dem Könige zur Antwort: Al- les dieses geschähe zur Beschükung des Königs theurer Person: denn alle Unterthanen wären ge- gen Sr. Majestät aufgebracht; dahero fürchtete man, daß es Sr. Majestät eben so ergehen würde, wie es dem unglücklichen Peter dem III. in Rußland. Der König erschrak heftig, wie er dieses hörete, seine Hände zusammenschlug, und ausrief: Mein Gott! was habe ich denn Böses ge- than, daß mich meine lieben und getreuen Unterthanen sd hassen: i Dieser Nichtswürdige antwortete dem guten Könige, und wandte Verschiedenes von dem Volke ein, welches ihnen an der Königl. Regirung mißfiele; besonders wegen der ausserordentlichen Steuer, und welches doch vor der Hand nicht konte abgeholfen werden, daher den König im Herzen betrübte.

Inzwischen setzte diese Rotte ihre Anschläge immer weiter fort, und verhinderten unter allerley Vorwendungen jeden treugesinten Patrioten den Zutritt zum Könige, und wußten einem jeden redlichen Unterthanen niederträchtige, wiewohl erdichtete Handlungen, anzuhängen, damit der König auch keine Luft bekam, selbige zu spre-

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7 chen. Wann denn jemand vor dem Könige mußte, so war derselbe auch gezwungen, seine Sache kurz zu fassen, und nach erhaltener Antwort sich sogleich zu entfernen; zuleßt mußte ein jeder sein Anbringen schriftlich eingeben, und erhielte auch schriftliche Antwort. Alles mußte an Graf Struensee abgegeben werden, und was ihm gut deuchtete, sagte er den König ; sogar erhielte der König alle Briefe entsiegelt. Graf Struensee und Brand waren stets gegenwärtig. Ersterer war schon beym König, ehe er ausgeschlafen, und ging auch nicht eher von ihm, als bis er zur Ruhe war: indessen Graf Brand sich stets im Vorgemache auf hielte; und wenn ja Einer oder der Andere Geschäfte Halber den Rücken wenden mußte, so wurde in des Königs Namen der Wache und den Bedienten befohlen, daß bey höchster Ungnade des Königs sich keiner dem Zimmer näherte, denn Se. Königl. Majestät wären unvaß, und hätten sich zur Ruhe begeben. Sobald hatten sie ihre Sachen verrichtet, um wieder zeitig beym Könige zu seyn, so hatte der König auch ausgeruhet. Wollte der König ausfahren, oder reiten, und es war Graf Struensee und Brand nicht gelegen, so wußten sie den König durch ihre listigen Hand-griffe unter allerley Vorwand schädliche Medicamente beyzubringen, darauf er sich nothwendig übel befinden mußte, und gerne zu Hause blieb, und das Bette hütete. Und dieses Mediciniren hat auch würklich des Königs Gesundheit um Vieles ruiniret. Fuhr oder ritte der König

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8 aus, so war Graf Struensee und Brand jedesmal bey ihm, und eine starke Escorte hatte den König umringet, damit keiner hinzu konte. Solches, und noch verschiedene andere Dinge, trieben sie so lange, bis sie endlich nach zwo zu ihrem Vorhaben fehlgeschlagenen Nächte, die Nacht vom 16ten auf den 17ten Januar zu ihrer schwarzen That erkohren, und wovon einige Herren schon zu ihrer Unterstützung informiret waren, bis auf dem Herrn Generalmajor von Eichstedt, und dem Herrn Obersten von Röller. Ersterer wurde den 14 Januar, des Mittags, zur Königs Tafel geladen, und fand sich auch würklich ein. Nach aufgehobener Tafel wurde er vom Grafen Stru-ensee in ein Zrmmer gerufen, der ihn, in Bey- seyn einer hohen Person, den ganzen Plan vorlegte, ihm solchen verständigte, und ihn und sein Regiment zum Beystand aufforderte; wie auch, daß er dem Herrn Obersten Röller im Namen der hohen Person, und im Namen seiner, denselben Befehl und Plan ertheilen sollte, damit er sich auch mit seinem Regiment zu bestimter Zeit parat halten könte, um, wenn an den König die letzte Hand geleget wäre, und daß alle Einwohner von und ausserhalb Copenhagen der itzigen regirenden Königin Carolina Mathilda, und ihm, den Grafen Struensee, nicht sogleich huldigen wollten, oder eine Empörung erregen, ihnen mit gewafneter Hand beystehen sollten, und wozu vorhin beregte Anstalten schon abzweckten, und worüber die andern Officiers nähere Verhal-

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9 tungs: Befehle erhalten würden. Dabey wurde ihm, dem Herrn General-Major von Eich-stedt, anbefohlen, nicht eher vom Schlosse zu gehen, als bis er die Ordre dazu erhielte. Dieser brave Officier mußte versprechen, diese Befehle ganz genau zu beobachten, und that es auch unter dem Schein der größten Treue. Der Graf Struensee war darüber schon zum voraus vergnügt, und glaubte, sich schon auf des Königes Thron zu sehen.

Am 16ten Januar, des Abends, war Bal masque en Domino in dem französischen Comd- dienhause, in währender Zeit der General-Major von Eichstedt die Befehle erhielte, nach seinem Quartier zu fahren, um die nöthigen Ordres zu ertheilen, so bald war er in sein Quartier ange- langet, und in sein Zimmer getreten, schickte er alle seine Bediente von sich, wechselte in aller Stille seine Kleidung, und schlich sich heimlich aus seinem Hause nach den verdienstvoltensten Hn Reichsgrafen von Ranzau zu Uschberg, und erzählte ihm, mit der grösten Bestürzung, den ganzen Anschlag, dieser in der grösten Gefahr standhafter Herr, eilte sogleich mit dem General- Majoe von Eichstedt, zu der verwittweten Königin Juliana Maria, und des Erbprinzen Friederichs Königl. Hoheit, zugleich wurde auch zu den Obersten Röller geschickt, dessen Regiment denselben Tag die Wache auf dem Schlosse hatte, wie auch nach dem geheimen Rath, Graf von der Osten, und entdeckte

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diesen hohen Personen dies abscheuliche Vorhaben, worüber Höchstdieselben in der größten Bestürzung geriethen, und in Thränen ausbra- chen. Da dann obberegter Herr Graf zu Ranzau diesen Personen Muth einsprach, Papier, Dinte und Federn foderte, und schrieb dei bendthigten Ordres, die sich auf die bevorstehende Veränderung bezogen. Sobald selbige fertig ermahnte er sie, mit nach dem König zu gehen, der so eben vom Ball gekommen war, und sich schon im Bette befand. Als die verwittwete Königinn Juliana Maria, der Erbprinz Friederich, der Herr Geheimerath, Graf von Ranzau, der Herr Geheyme Rath Graf von der Often, der Hert General-Major von Eichsstädt, und der Oberster Röller, unangemeldet ins Königl. Zimmer traten; damit schlug der König den Vorhang von seinem Bette weg, und sagte: Mein Gott! was wollen sie? Darauf antwortete die Königinn Juliana Maria, mit weinender Stimme, dem König: Ihro Majestät, Mein Sohn, fürchten Sie sich nicht, wir kommen nicht als Feinde, sondern als Freunde, Ihnen, Uns, und dem ganzen Lande zu erretten, und mit göttlicher Hülfe und Beystand die angedrohete Gefahr abzuwenden. Hierauf schwam sie in Thränen. Und der Erbprinz Friederich Königl. Hoheit, und der Herr Graf zu Ranzau, faßen das Wort, und erzähleten den ganzen Plan. Letzterer griff in die Tasche und zog dis ausgefertigten Ordres Hervor

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und legte selbige dem König zur Unterschrift dar. Worauf der König ausrief und sagte: Mein Gort! dies wird ganze Ströme von Blut kosten. Der Herr Graf zu Ranzau erwieder- te dem Könige, und sagte: Ihro Majestät seyn nur getrostes Muthes, ich nehme un- ter dem Beystand des Höchsten alle Gefahr auf mich, und werde so viel möglich alle Gefahr Vorbeugen &c. Worauf alle Hohe Anwesende den König ermahnten, ohne Zeitverlust die Ordres zu unterschreiben, welche der Erbprinz Friederich Königl. Hoheit, mit unterzeichnet.

Alle die benöthigten Ordres waren nun fertig, und wurden ausgerheilet, und zur Bewürkung Verschiedene Officier vom Eichstädtschen und Röllerschen Regiment befehliget; so war nun noch eine Ordre nöthig, um eine hohe Person in Sicherheit zu bringen, welche man seiner Majestät dem Könige, überließ, selbst eigenhändig auszufertigen, welche der Monarch mit der innigsten Betrübniß von sich stellete, und die Ausfüh- rung desselben dem Hn. Reichsgrafen zu Ranzau auftrug. In währender Zeit der General-Major von Gude, bisheriger Commandant von Co- penhagen abgesekt wurde, an deßen Selle der General-Major Eichstädt, Chef des hier garnisonirenden Seeländischen-Dragoner Regiments, zum Commandanten ernant, und ihm anbefohlen, alle dermalen nöthige Anstalten zu treffen, welches dann auch dieser Herr unverzüglich an die

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Spike eines Detaschements seiner Dragoner allen wachthabenden Officiers kund that, und zugleich alle Wachen auf dem Schloß verstärken ließ, wie auch alle Hauptthüren und Zugänge mir Wachen versehen, besonders für des Königs Zimmer. Gleich darauf wurden der Graf Struensee und sein Bruder, der Justißrath, der Graf Brandt, der General Gude mir seiner Gemahlin , der General Gähler mit seiner Gemahlin, arretirt, und jeder besonders nach und auf der Citadelle. gebracht. Die Generalin von Zählern, wurde von jeden, der diese rechtschaffene Dame kennet, bedauret; selbige ist, da sie unschuldig befunden, wieder auf freyen Fuß gestellet, In- gleichen der bisherige Leibmedicus, Professor Ber- (der keinesweges mit dem Leibmedicus, den redlichen Statsrath von Berger, verwechselt werden muß, welcher aus selbst eigener Bewe-gung schon vor langer Zeit vom Könige seine Di- mißion genommen hatte,) der Oberste Falken-schiold, und Oberstlieutenant von Hasselberg wurden auf der Hauptwache gesetzt, wo ihnen nach Verlauf von etlichen Tagen einsiel, zu deser- tiren, darauf sie alle beyde nach dem Schiffsholm gebracht wurden, da sie in bessere Verwahrung sitzen; und den 20 Januar ist der. Legationsrath und Postdirector Sturtz ebenfalls auf die Wache gesetzt worden. Der Stallmeister, Baron von Bülow, Contre-Admiral Hansen, Etatsrath Willebrand, Lieutenant Aboe, und drey Secretair im Cabiner, bekamen Arrest im Hause, und

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sogleich wurden alle Papiere der Gefangenen versiegelt.

Der Herr Reichsgraf zu Ranzau, und der Geheimderath, Graf von der Osten, und eine Wache gingen mit der Ordre unangemeldet zu dem Zimmer dieser hohen Person, welche bereits auch schon im Bette lag; der Herr Graf zu Ranzau, trat herein, sie schlug den Vorhang ihres Bettes zurück, und frug, wer ist da? Ha! Monsieur Ranzau, sind sie da? wie ists, lebt der K — noch? Wo ist Graf Struensee und Brand? Der Graf that, als hörte er es nicht, sondern übergab im Namen Sr. Königl. Majestät die bey sich habende Ordre, und kündigte ihr den Arrest an. Sie fuhr auf, und sagte: mich zu arretiren, das soll ihm seinen Kopf kosten. Wo ist von der Osten? Der Graf antwor- tete: im Vorgemach. Worauf sie antwortete: der Verräther. Sie frug nochmalen nach Graf Struensee und Brand; so sagte der Graf: sie sitzen schon in sicherer Verwahrung auf der Citadelle, und wiederhohlte seinen ersten Antrag im Namen des Königs. Darauf wurde sie er- boßt; sprang aus dem Bette, und lief im Zimmer auf und nieder, indessen der Graf den Hut vor die Augen hielte, und ihr zum Ankleiden ermahnete, oder er wäre gezwungen, sie ankleiden zu lassen. Darauf grif sie ihm ins Tuppee; da rufte er ein paar Dames herein, wovon die eine ihr einen Rock anlegte; sie grif selbsten nach einer Saluppe, und eilte zu einer verborgenen

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Treppe, um zu entfliehen. Auch diese war schon mit Wache besetzt, und mußte wieder zurück; da fiel sie, als ganz entkräftet, aufs Canapee. Der Graf ließ ihr Zeit gewinnen, um sich zu erholen; indesseu der Graf ihr von Zeit zu Zeit ermahnete, mitzugehen; so bath sie denn, daß man ihr die Pr — mit geben möchte. Selbige wurde auch sogleich angekleidet. Darauf sagte der Graf: nun Madame, gehen sie, eilen sie, geschwind, geschwind, und faßte ihr bey der Hand, seinen Huth unterm Arm, und in der andern Hand den entblößten Degen, und führte sie bis an den Wa- gen, wo sie noch zu ihm sagte: dies würde ihm seinen Kopf kosten. Darauf rief der Graf aus: Ich liebe Gott, und bin meinem Könige getreu! Adjeu, Madame. Die Freulein Moesting saß im Wagen neben ihr mit der kleinen Pr—, und der Major Carstenschiold mit entblößtem Degen, und so wurde sie unter einer Escorte von 30 Dragonern nach Cronenburg begleit,t. In denen ersten Tagen hat sie ausser ein Paar Schaalen Choccolate nichts gegessen und getrunken, bis sie in Thränen ausgebrochen, und eins ums andere ausrief: Ach! du unglückseliges Kind, ach! ich unglückselige Mutter, und in solchem Zustande lebt sie in der untersten Etage des Schlosses, deren Fenstern mit starken eisernen Stangen versehen sind.

Bey der Arretirung des Grafen Struensee ist Folgendes zu merken: daß, wie ihm der Oberste Roller den Arrest ankündigke, und ihm die

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Königl. Ordre vorzeigte, Zeit zu gewinnen suchte, und nicht glauben wollte, daß der König sie selbsten untergeschrieben habe, der Oberste zu ihm sagte, daß es würklich wäre, allenfals haftete er mit seinem Leben dafür; kurzum, er wollte sich nicht geben. Da setzte der Oberste ihm den Degen auf die Brust, und sagte ihm, er habe Befehl, ihn entwe- der todt, oder lebendig zu bringen; darauf fällt er aufs Canapee in Ohnmacht nieder, sie bringen ihn wieder zurecht da bittet er denn, er wollte noch gerne eine Schaate Schoccalate trinken, es wird ihm abgeschlagen, er bittet um seine Etui, auch diese wird ihm vorenthalten. Der Oberste ermahnet ihn zu eilen, und fortzumachen, ehe es Tag würde, sonst wäre es unmöglich, ihm vor der Wuth des Pöbels zu beschützen; die Hände, so bald er aus seinem Zimmer kam, band man ihm, im Weggehen fluchte er auf seinem Cammerdiener, daß er ihm nicht einen Pelz mitgegeben, er wurde also in einer Miethkutsche unter einer Bedeckung von Dragonern nach der Citadelle gebracht; wie er aus der Kutsche stieg, so sorgte er noch vor den Kutscher, und bath, man möchte ihm bezahlen, oder ihm ein Trinkgeld geben. Der Oberste Röller gab ihm einen Thaler, den er zwar nahm, aber auf sein gut Dänisch sagte: Ich hätte es auch wohl umsonst gethan. Hierauf wurde er zum Commandanten der Citadelle gebracht, um gemeldet zu werden. Wie der Graf bey ihm ankam, fluchte er heftig, der Com-

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mandant gebot ihm stille zu seyn. Sobald Graf Struensee auf der Citadelle, in das ihm be- stimmte Logis gebracht wurde, und welches eben das ist, was der bekannte Norcros so lange bewohnet, frug er — wo sind meine Bediente? Der wachthabende Officier antwortete: Ich habe es nicht gesehen, daß Ihnen welche gefolgt sind.— Mein Secretair? Der ist auch nicht hier. Mein Pelz! Es ist hier kalt, beym Teufel, ich will nicht frieren, ich will ein anderes Zimmer haben. Er fand daselbst einen schlechten hölzernen Stuhl, und sagte, was soll dieser Stuhl? gebt mir meinen Sopha! — Alles dieses beantwortete der wachthabende Officier hiemit: - Mein Herr! hier ist nichts zu ihren Diensten, als mit Permission, ein Kammergeschirr. - Durch diese Antwort ward er in der äussersten Wuth gesetzt, so, daß er sich bey beyde Arme zusammen faßte, und mit dem Kopf gegen die Wand und das Gegit- ter lief, in der Absicht, seine Hirnschale zu zerschmettern, und fluchte erstaunlich, aber die Wache lief eilends herzu, und verhinderte solches durch einige Ribbenstösse; sein Betragen wurde gleich gemeldet, worauf er sogleich mitten in der Stube mit Händen und Füssen an den Fußboden sitzed angeschlossen wurde, und so daß er sich nicht schaden kann. Zugleich wurden die Fenster des Gefängnisses quer mit Latten benagelt, da sagte er, man tractire ihn ja als eine Canaille. In diesem Zustand regte sich sein bö-

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17 ses Gewissen, und stellete sich, als wenn er heftiges Zahnweh hätte, und bath, man möchte doch nach sein ehmaliges Cabinet jemand hinsenden, sie würden alda vor dem Fenster in ein Papier liegend ein Zahnpulver vorfinden, solches möchten sie ihm doch holen laßen, um die Schmerzen zu stillen. Es wurde auch hingeschickt, und man fand es; der Etatsrath und Leibmedicus von Berger mußte es so gleich untersuchen, und befande, das es ein starkes Gift war, daher ihm dieses so wenig, als ein ander Zahnpulfer, gegeben wurde; darnach legte er es aufs Hungern, und wollte weder Speise noch Tranck geniessen. Ein Paarmal ließen sie ihm seinen Willen, darnach kam Befehl, er sollte eßen und trinken, falls er nicht mit Gutem wolle, so sollten sie ihm so lange prügeln, bis das er Appetit kriegte. Ihm wird weder Löffel, noch Messer und Gabel in die Hand gegeben, die wachthabenden Soldaten schneiden ihm das Essen zurecht, und bringens ihm in Mund. In diesem Zustande hat er einige Tage geseßen, da er denn anlobte, sich beßer aufzuführen, man möchte doch vor ihm um Gnade bitten; so ist auch solches erhöret worden, und darauf an Händen und Füße creuxweufe geschlossen, und eine an der Wand befestigte drey Ellen lange Kette an das Bein gelegt, und ihm ein Stück Bette gegeben, worauf er liegen kann Ueberhaupt genommen, so ist er im Gefängniß, wo die ärgsten Mißethä- ter in aufbewahret werden, und trägt auch Klei

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dung wie ein Mißethäter, er trägt eins blaue friesene Jacke ohne Knöpfe, und alle andere Knöpfe, so er noch in seiner übrigen Kleidung getragen, sind ihm ausgeschnitten, weil er ein Paar davon abgedrehet und verschluckt hat. Schue- und Bein-Schnallen sind ihm abgenommen worden, auch trägt er ißt eine eiserne Haube, damit er seinen Kopf nicht zerstossen kan. Nachgehends ist die Etui, warum er so sehr gebeten, daß man ihn solche geben möchte, visitiret worden; man hat in selbiger drey kleine Kügelchen gefunden, der Herr Etatsrath und Leibmedi- cus von Berget hat selbige untersucht, und befunden, daß ihre Beschaffenheit ein langsam wirkendes Gift sey, womit dieser Bösewicht schou an einer hohen Person Gebrauch gemacht hat. Noch eine Anecdote von dem Grafen Struensee: Wie er ohngefähr vor einem Jahre in Copenhagen auf der Strasse geht, begegnet ihm ein Sclave in Ketten, der Sclave bittet ihn um einen Almosen, und zugleich um des Königs Gnade für ihm zu erflehen, daß er aus diesen Zustande erlöset würde. Der Graf gab ihm einen Almosen! und sagte dabey: du tragest wol um deiner Tugend willen diese Ketten nicht. Nachdem erlangte der Sclave seine Freyheit, und wurde Schliesser auf der Citadelle. Da es sich nun fügte, daß eben dieser den Grafen die Ketten anlegte, so sagte er: Ihro Excellenzum ihrer Tugend willen lege ich sie die Kette nicht an.

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Wegen den Grafen Brand ist folgendes zu merken: wie der Officier mit der Wache kam, ihm zu arretiren, so verschloß er sich in seinem Zimmer. Der Officier sagte, er sollte aufmachen, er sollte sich betragen als ein vernünftiger Mann, denn es würde ihm zu nichts helfen, widrigenfals er die Thür erbrechen müßte. Da machte er die Thüre endlich auf, und in der Hand hatte er seinen Degen, um sich zu vertheydigen, worauf sie ihn sogleich anfielen; er warf den Degen von sich, und suchte sich von ihnen los zu machen, und sagte: Meine Herren, Sie gehen unrecht, ich bin ein Staatsminister, ich weiß nicht, daß ich was verbrochen habe, worüber man mich arretiren kan. Der Officier zeigte ihm auf der Ordre seinen Vornamen, und sagte: er gienge gar recht, er sollte nur mit gehen, das übrige würde sich schon finden, und damit brachten sie ihm nach der Citadelle.

Der Graf Brand, nachdem er auf der Citadelle in des Herrn Commandanten, des General von Hoven Behausung, abgetreten war, complementirte der Graf den Commandanten, folgends: Mein Herr, Sie nehmen es nicht ühel, daß ich sie so frühe incommodire. Der Commandant antwortete: gar nicht, mein Herr, man hat Ihnen hier schon längstens erwartet. Darauf ging er das Zimmer auf und nieder, sahe sich allenthalben um, und sang eine italiänische Arie, und sagte darauf: hier sind, bey meiner

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20 Seele! hübsche Zimmer im Castel. Der Commandant antwortete: ja, mein Herr, Sie werden sie aber noch besser bekommen; ihm ward darauf sein Logis angewiesen, welches aber ziemlich dunkel war, dieses macht ihn aber doch nicht verzagt, sondern er sagte noch — bey meiner Treu, der Commandant hat wahr gesagt. Er ist immer lustig, und spielt die Flöte, er spart von seine vier und zwanzig Schilling, so er täglich erhält, sechse, welche, wie er sagt, daß solche sein künftiger Hänkersknecht zum Trinckgeld haben soll. Auch bedienet er sich öfters diesen Ausdruck: Einen kleinen Geist kömt es zu, sich durch Kleinigkeiten demüthigen zu lassen, aber ein grosser hebet sein Haupt weit über sein Schicksal empor.

Der Graf Brand ist wenige Tage vor der Re- volution von einen Freund durch einen Brief ge- warnet, und das Schicksal, welches ihm treffen würde, wenn er die verderblichen Anschläge befolgte, vorher gesagt, und vor Augen gestellet worden.

Diese Arretirung der vorhin benanten Personen geschahe in oberwähnter Nacht, und zwar des Morgens zwischen 3 und 6 Uhr, da alle Personen eben vom Ball gekommen waren, und sich zu Bette gelegt hatten. Die Stadtthore waren geschlossen, da sie seit vorigem Frühjahre nur gesperrt gewesen. Durch das häufige Fahren und Reiten, war alles Volck rege und aufmerksam gemacht, doch getrauete sich keiner vor Tage aus dem Hause

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zu gehen, endlich wimmelten die Straffen von Menschen und ein wildes Schrecken hatte sich auf aller Gesichter verbreitet; in der ängstlichen Meynung, als wenn dem König etwas zugestossen wäre, eilte alles nach dem Schloßplatz hin, welcher auch in Kurzem ganz von Menschen angefüllet war. Darauf ließ sich der König, die Königin Juliana Maria, und der Erbprinz Friederich, Königliche Hoheit, auf dem Balcon des Schlosses sehen, worauf alles Volk mit der größten Freude Vivat! lange lebe König Christian der VII und die Königin Juliana Maria, und der Königliche Erbprinz Friederich, ausriefen, und von diesem frohen Jubel ertönete die ganze Stadt, und alles Mißvergnügen, Angst und Traurigkeit verschwand auf einmal, und einer wünschte dem andern in den freudigsten Ausbrücken Glück, da sie ihren huldreichesten Monarchen erblickt hatten. Das Frohlocken der Einwohner bey der Thronbesteigung, Vermäh- lung und Krönung des Königs kam mit demieni- gen, was bey diesem Vorfall, beständig fortdaurte, nicht in Vergleichung, denn ein jeder war nun- mehro überzeugt, daß Gott die so grosse und augenscheinliche Gefahr gnädiglich abgewendet hatte.@Um 12 Uhr des Mittags fuhr der König und der Erbprinz Friederich Königliche Hoheit in einen mit 6 weissen Pferden bespanneten offenen Wagen und hinter her in einen andern der Königliche Kronprinz. Die Strassen, wodurch Höchstdieselben fuhren, waren so voll von Menschen, daß die

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22 Pferde nicht ziehen durften, die Menge Volkes hob und trug den Wagen gleichsam fort, wobey das freudigste Jubelgeschrey ohn Ende war. Darnach war Cour bey Hofe, und des Mittags war öffentlich gespeiset. Die beyden Garde-Regimenter sind wieder hergestellet. Die Leute, so unter der Fußgarde gedienet hatten, und welche caßiret worden waren, fanden sich eiligst wieder ein, mit und ohne Montirung, so wie sie es noch hatten, und wie sie gingen und stunden, welche auch desselbigen Tages, auf Verlangen, noch die Wache wieder bezogen, und die Köllerischeu Dragoner, so 48 Stunden auf der Wache gewesen waren, ablöseteil

Des Abends war die ganze Stadt aufs prächtigste erleuchtet, und die Königlichen Personen fuhren nach der französischen Comödie, wo beym Eintritt Allerhöchstdieselben mit ein frohes Händeklatschen und Vivatrufen empfangen wurden. Die Nacht darauf spolirte das Volk auf die 60 berüchtigte Häuser, worunter das ehemalige gräfliche Echulinische Haus mit begriffen ist, welches Ga- bel auf Anrathen des Grafen Struensee gekauft, und zu einem öffentlichen Hurhause einrichten mußte, und wozu der Graf Struensee ihm das Geld vor- geschossen hatte.

Des andern Tages wolte das Volk wieder an- fangen; allein, Se. Majestät, der König, lies- sen durch Trommel- und Trompetenschall bekannt machen, daß, wie sehr sie auch übrigens mit dem Betragen ihrer geliebten Unterthanen zufrieden wären, sie dennoch mit dem äussersten

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23 Mißvergnügen bis in der verwichnen Nacht begangenen Unordnungen vernommen hatten, und dahero alle Ausschweifungen, bey Lebensstrafe verböten. Kaum war es möglich, der freudigen Wuth des Pöbels Schranken zu setzen. Das Volk wollte es nicht glauben, daß es Königlicher Befehl wäre, das Volk verlangte ihn schriftlich zu sehen, er wurde ihnen gezeigt, es küßte denselben, und ward sogleich ruhig. Das Volk hätte auch gerne den prächtigen Staatwagen, den Graf Struensee sich hat machen lassen, und der über 6000 Rthlr. gekostet, in ihre Gewalt gehabt, derselbe stand aber unter des Königs Schlosse.

Die Avancements bey diesem Vorfall sind folgende: Die Generalin Humsen ist Oberhofmeisterin beym Kronprinzen, der Generallieutenant Graf zu Ranzau von Aschberg, erhielte das blaue Band, oder Ritter vom Elephanten, wie auch General von der Infanterie. Der Generalmajor von Eichstedt, ward zum Ritter vom Dannebroge, General von der Cavallerie, und Commendant von Copenhagen, und Mitglied im Gen. und Commißar. Collegio. Der Oberste Böller zum Ritter von Dannebroge, Ge- nerallieutenant und des Königs ObergeneralAdjudanten, und die Officier seines Regiments, welche alle bey diese Revolution gebraucht worden, sind um einen Pas höher avanciret, und da der nunmehrige Generallieutenant Böller den Wunsch änsserte, unter den Dänischen Adel aufgnommen zu werden, ob er gleich aus einer sehr

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24 guten Pommerschen Familie ist, so hat er das Naturalisations Patent unter den Namen Köl-

ler-Banner erhalten, und Mitglied im Gen. und Commißiar. Collegio. Der General KriegsCommißiar erhielte den Kammerherrn Schlüssel, ist aber nach ein Paar Tagen nach seinem Gute Wordingborg verwiesen worden.

Der General-Lieutenant Huth ist zum Gene- ral von der Infanterie avanciret. Der Major Carstenschiold ist Oberst, Lieutenant geworden. Hingegen ist dem Kammerherrn und Jägermeister von Lersner anbefohlen, innerhalb 3 mal 24 Stunden Stadt und Land zu räumen, und sich niemahlen wieder darein betreten zu lassen. Der Lieutenant Struensee hat ebenfals mit 200 Rthlr. einen Reise-Abschied erhalten, mit dem Be- fehl die Dänischen Lande zu räumen und zu meiden. Ein gleiches Schicksal hatte auch der Ca- pitain Duval vom Nordischen Leibregiment, er bewies aber seine Unschuld; da ward er wieder als Capitain beym Dormhokmischen Regiment placiret. Der Etatsrath Reverdil hat 1000 Rthlr. Reisegeld erhalten, am nach der Schweiz, seiner Heymath, zu reisen.

Der König ließ am dritten Sonntage nach Epiphanias in allen Kirchen ein Dankiest halten, um den König aller Könige für die wunderbare Errettung und Erhaltung des Königlichen Houses, und Dero Reiche und Lande, ein schuldiges Dankopfer zu bringen.

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Von

Copenhagen, den 17ten Januar

1772.

Nach dem Dänischen Original.

Zwote, vermehrte und verbeßerte Auflage.

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Es gießt wenig Monarchien, wo nicht bisweilen Verschwörun- gen entstanden wären. Man findet unter allen Regierungs- Arten Menschen, welche, mit ihrem gegenwärtigen Schicksale unzufrieden, al- ler möglichen Ausschweifungen fähig sind, um sich entweder von einer Last, die sie drückt, zu befreyen, oder sich in beßere Glücksumstände zu setzen, oder auch sich zu einem Stande empor zu heben, auf welchem sie sich, ihrer niedrigen Ge- burt wegen, keine Rechnung machen dursten. Die@sind insgemein die Bewegungsgründe, welche ei- nen bösen Bürger verleiten, die Waffen wider sein Vaterland und gegen seinen gütigen Monar- chen zu ergreifen; und von dieser Art Menschen war Johann Friederich Struensee und seine Consorten, welche durch ihre bösen Rathschläge die Geschichte Dännemarks mit einer merkwür- digen Nacht bezeichnen wollten; aber der Gott,

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4 der in der Höhe wohnet, ließ sis in die Fallstricke fallen, welche sie einen der liebenswürdigsten Könige geleget hatten.

Das Haupt dieser schändlichen Rotte war Jo- hann Friederich Struensee, ein Sohn von Adam Struensee, Königl. Dänischer GeneralSuperintendent. Sein Vater hat auf seine Erziehung und Studien alles Mögliche gewandt; aber er ließ sichs nicht undeutlich merken, daß er zu allen Lastern und wollüstigem Leben sehr geschickt war. Er hat in seiner Jugend die Medicin als Doctor studirt, wovon er aber wenig Begriffe erhalten. Den- noch hatte er das Glück, den huldreichsten König, Christian den VII. auf seiner Reise nach Frank-

reich und Engeland als Reise-Leib-Medicus vorge-

schlagen zu werden, in welcher Qualität er auch Sr. Majestät begleitete, und hernach das Glück hatte, (obgleich nicht durch seine Geschicklichkeit,) nicht allein beständiger Leib-Medicus zu seyn, sondern auch von einer Ehrenstufe bis zur andern empor gehoben wurde, bis der König ihn durch eine ge- wiße Fürsprecherinn 1771 den 23sten Januar, in den Grafenstand erlob, und ihn zum geheimen Cabinets- und Staats-Minister machte. Aufge- schwollen von schändlichem Hochmuth bewegte er eben angefürthe hohe Fürsprecherinn, durch eine Acta, das Herzogthum Plön von Sr. Königl. Ma- jestät sich versichern zulaßen, welches aber nicht zum Vorschein kam; da ihm gleich ein Beßeres ein- fiel, sich mit dieser Person das ganze Königreich zuzueignen, mit derselben sich zu vermählen, und

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5 neben derselben als Protector zu regieren; vor- hero aber einen von Gott höchstbestätigten theuren Landesvater und König, Christian den VII. den theuren und hoffnungsvollen Kronprinzen Friederich, eine der beßten Königinnen, Juliana Maria, den liebenswürdigsten Erbprinzen Friederich, und Prinzeßinn Charlotta Amalia, aus der Welt zu schaffen, und so nach mit Feuer und Schwerdt, (falls sich jemand von denen Hohen und Niedern ihm sich widersetzen würden,) den Weg zum Königl. Thron, Kron und Scepter, zu bahnen.

Verschiedene fürchterliche Anstalten, die einige Wochen vorhero von dem abscheulichen Grafen angeordnet wurden, setzten alle Bewohner in- und außerhalb Copenhagen in Erstaunen, und der Eine fürchtete sich vor den Andern, und ein jeder gieng nicht ohne die größte Furcht auf der Straße, noch des Nachts zu Bette. Er ließ die größten Kanonen aus dem Zeughause auf die Wälle, vor die Wachthäuser und Thore der Stadt ausführen, und scharf mit Cartätschen laden. Die Kanonen auf den Wällen wurden alle Abende, nach geschla- genem Zapfenstrich, gegen der Stadt, längst den Gaßen, gerichtet. Die beyden Königl. GardeRegimenter wurden abgedankt. Verschiedene verdienstvolle Ministres ihrer Dienste entlaßen. Alle Wachen verdoppelt; und noch mehrere ExtraWachen ausgestellet. Die Soldaten erhielten ein jeder 36 scharfe Patronen, und das Patroulli- ren war außerordentlich. Selbst auf dem Schloße fahe man die Wachen verdoppeln, und scharf go-

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ladene Kanonen hinpflanzen; sogar ein jeder, ohne Ansehen der Person, der aufs Schloß etwas zu thun hatte, und wem er sprechen wollte, wurde durch 2 Mann Soldaten auf und vom Schloß geführet. Dem Könige befremdete dieses, und frug Graf Struensee, (denn sonst hatte er niemand bey sich,) wozu diese fürchterlichen Anstalten dienen sollten? Er gab dem Könige zur Antwort; Alles dieses geschähe zur Beschützung des Königs theurer Person: denn alle Unterthanen wären gegen Se. Majestät aufgebracht; dahero fürchtete man, daß es Sr. Majestät eben so ergehen würde, wie es dem unglücklichen Peter dem III. in Rußland. Der König erschrak heftig, wie er dieses hörete, seine Hände zufammenschlug, und ausrief: Mein Gott! was habe ich denn Böses gethan, daß mich meine lieben und getreuen Unter- thanen so haßen; Dieser Nichtswürdige ant- wortete dem guten Könige, und wandte Verschiedenes von dem Volke ein, welches ihnen an der Königl. Regierung misfiele; besonders wegen der außerordentlichen Steuer, und welches doch vor der Hand nicht konnte abgeholfen werden, daher den König im Herzen betrübte.

Inzwischen setzte diese Rotte ihre Anschläge immer weiter fort, und verhinderten unter allerley Vorwendungen jeden treugesinnten Patrioten den Zutritt zum Könige, und wußten einem jeden redlichen Unterthanen niederträchtige, wiewohl erdichtete Handlungen, anzuhängen, damit der König auch keine Lust bekam, selbige zu spre-

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chen. Wann denn jemand vor dem Könige mußte, so war derselbe auch gezwungen, seine Sache kurz zu faßen, und nach erhaltener Antwort sich sogleich zu entfernen; zuletzt mußte ein jeder sein Anbringen schriftlich eingeben, und erhielte auch schriftliche Antwort. Alles mußte an Graf Struensee abgegeben werden, und was ihm gut deuchtete, sagte er den König; sogar erhielte der König alle Briefe entsiegelt. Graf Struensee und Brand waren stets gegenwärtig. Ersterer war schon beym König, ehe er ausgeschlafen, und gieng auch nicht eher von ihm, als bis er zur Ruhe war: indeßen Graf Brand sich stets im Borge- mach aufhielte; und wenn ja Einer oder der Andere Geschäffte halber den Rücken wenden mußte, so wurde in des Königs Namen der Wache und den Bedienten befohlen, daß bey höchster Ungnade des Königs sich keiner dem Zimmer näherte, denn Se. Königl. Majestät wären unpaß, und hätten sich zur Ruhe begeben. Sobald hatten sie ihre Sachen verrichtet, um wieder beym Könige zu seyn, so hatte der König auch ausgerubet. Wollte der König ausfahren, oder reiten, und es war Graf Struensee und Brand nicht gelegen, so wußten sie den König durch ihre listigen Handgriffe unter allerley Vorwand schädliche Medicamente beyzubringen, darauf er sich nothwendig übel befinden mußte, und gerne zu Hause blieb, und das Bette hütete. Und dieses Mediciniren hat auch würklich des Königs Gesundheit um Vieles ruiniret. Fuhr oder ritte der König

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aus, so war Graf Struensee und Brand jedes- mal bey ihm, und eine starke Escorte hatte den König umringet, damit keiner hinzu konnte. Solches, und noch verschiedene andere Dinge, trie- ben sie so lange, bis sie endlich nach zwo zu ihrem Vorhaben fehlgeschlagenen Nächte, die Nacht vom 16ten auf den 17ten Januar zu ihrer schwar- zen That erkohren, und wovon einige Herren schon zu ihrer Unterstüßung informiret waren, bis auf dem Herrn General-Major von Eichstedt, und dem Herrn Obersten von Köller. Ersterer wurde den 14ten Januar, des Mittags, zur Königs Tafel geladen, und fand sich auch würklich ein. Nach aufgehobener Tafel wurde er vom Grafen Struensee in ein Zimmer gerufen, der ihn, in Bey- seyn einer hohen Person, den ganzen Plan vor- legte, ihm solchen verständigte, und ihn und sein Regiment zum Beystand aufforderte; wie auch, daß er dem Herrn Obersten Köller im Namen der hohen Person, und im Namen seiner, denselben Befehl und Plan ertheilen sollte, damit er sich auch mit seinem Regiment zu bestimmter Zeit parat halten könnte, um, wenn an den König die leßte Hand geleget wäre, und daß alle Einwoh- ner von und außerhalb Copenhagen der ißigen regierenden Königinn Carolina Mathilda, und ihm, den Grafen Struensee, nicht sogleich, huldigen wollten, oder eine Empörung erregen, ihnen mit gewaffneter Hand beystehen sollten, und wozu vorhin beregte Anstalten schon abzweckten, und worüber die andern Officiers nähere Verhal-

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tungs-Befehle erhalten würden. Dabey wurde ihm, dem Herrn General-Major von Eich- stedt, anbefohlen, nicht eher vom Schloße zu gehen, als bis er die Ordre dazu erhielte. Dieser brave Officier mußte versprechen, jene Befehle ganz genau zu beobachten, und that es auch unter dem Schein der größten Treue. Der Graf Struensee war darüber schon zum voraus vergnügt, und glaubte, sich schon auf des Königes Thron zu sehen.

Am 16ten Januar, des Abends, war Bal masque en Domino in dem französischen Comödienhause, in währender Zeit der General-Major von Eichstedt die Befehle erhielte, nach seinem Quartier zu fahren, um die nöthigen Ordres zu ertheilen, so bald war er in sein Quartier angelanget, und in sein Zimmer getreten, schichte er alle seine Bediente von sich, wechselte in aller Stille seine Kleidung, und schlich sich heimlich aus seinem Hause nach den verdienstvollensten Herrn Reichsgrafen von Ranzau zu Aschberg,@und erzählte ihm, mit der größten Bestürzung, den ganzen Anschlag, dieser in der größten Gefahr standhafter Herr, eilte sogleich mit dem GeneralMajor von Eichstedt, zu der vermittweten Königinn Juliana Maria, und Friederichs Königl, des Erbprinzen auch zu dem Königl. Hoheit, zugleich wurde Obersten Köller geschickt, deßen Regiment denselben Tag die Wache auf dem Schlosse hatte, wie auch nach dem geheimen Rath, Graf von der Osten, und entdeckte

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diesen hohen Personen dies abscheuliche Vorhaben, worüber Höchstdieselben in der größten Bestürzung geriethen, und in Thränen ausbra- chen. Da dann obberegter Herr Graf zu Ranzau diesen Personen Muth einsprach, Papier, Dinte und Federn foderte, und schrieb die benöthigten Ordres, die sich auf die bevorstehende Veränderung bezogen. Sobald selbige fertig, ermahnte er sie, mit nach dem Könige zu gehen, der so eben vom Ball gekommen war, und sich schon im Bette befand. Als die vermittwete Könignn Juliana Maria, der Erbprinz Friederich, der Herr geheime Rath, Graf von Ranzau, der Herr geheime Rath, Graf von der Osten, der Herr General-Major von Eichstedt, und der Herr Oberster Köller, unangemeldet ins Königl. Zimmer traten; damit schlug der König den Vorhang von seinem Bette weg, und sagte: Mein Gott! was wollen sie; Darauf antwortete die Königinn Juliana Maria, mit weinender Stimme, dem König: Ihro Majestät, Mein Sohn, fürchten Sie sich nicht, wir kommen nicht als Feinde, sondern als Freunde, Ihnen, Uns, und dem ganzen Lande zu erretten, und mit göttlicher Hülfe und Beystand die angedrohete Gefahr abzuwenden. Hierauf schwamm sie in Thränen. Der Erbprinz Friederich Königl. Hoheit, und der Herr Graf zu Ranzau, faßten das Wort, und erzähleten den ganzen Plan. Leßterer griff in die Tasche, und zog die ausgefertigten Ordres hervor,

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und legte selbige dem König zur Unterschrift dar. Worauf der König ausrief und sagte: Mein Gott! dies wird ganze Ströme von Blut kosten. Der Herr Graf zu Ranzau erwie- derte dem Könige, und sagte: Ihro Majestät seyn nur getrostes Muthes, ich nehme unter dem Beystand des Höchsten alle Gefahr auf mich, und werde so viel als möglich alle Gefahr Vorbeugen & c. Worauf alle Hohe Anwesende den König ermahnten, ohne Zeitverlust die Ordres zu unterschreiben, welche der Erbprinz Friederich Königl. Hoheit, mit unterzeichnete.

Alle die benöthigten Ordres waren nun fertig, und wurden ausgetheilet, und zur Bewürknng verschiedene Officier vom Eichstedtschen und Nöllerschen Regimente befehliget; so war nun noch eine Ordre nöthig, um eine hohe Person in Sicherheit zu bringen, welche man Seiner Ma- jestät, dem Könige, überließ, selbst eigenhändig aus- zufertigen, welche der Monarch mit der innigsten Betrübniß von sich stellete, und die Ausführung deßelben dem Herrn Reichsgrafen zu Ranzau auftrug. In währender Zeit der General-Major von Gude, bisheriger Commandant von Copen- hagen abgesetzt wurde, an deßen Stelle der Ge- neral-Major Eichstedt, Chef des hier garniso- nirenden Seeländischen-Dragoner Regiments,zum Commandanten ernannt, und ihm anbefohlen, alle dermalen nöthige Anstalten zu tressen, wel- ches dann auch dieser Hert unverzüglich an die

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12 Spitze eines Detaschements seiner Dragoner allen wachthabenden Officiers kund that, und zugleich alle Wachen auf dem Schloß verstärken ließ, wie auch alle Haupthüren und Zugänge mit Wachen versehen, besonders für des Königs Zimmer. Gleich darauf wurden der Graf Struensee und sein Bruder, der Justitzrath, der Graf Brandt, der General Gude mit seiner Gemahlinn, der General Gähler mir seiner Gemahlinn, arretirt, und jeder besonders nach und auf der Citadelle gebracht. Die Generalinn von Gählern, wurde von jeden, der diese rechtschaffene Dame kennet, bedauret; selbige ist, da sie unschuldig befunden, wieder auf freyen Fuß gestellet. Ingleichen der bisherige Leibmedicus, Profeßor Berger, (der keinesweges mit dem Leibmedicus, den redlichen Etatsrath von Berger, verwechselt werden muß, welcher aus selbst eigener Bewegung schon vor langer Zeit vom Könige seine Dimißion genommen hatte,) der Oberste Falkenschiold, und Oberst-Lieutenant von Hasselberg wurden auf der Hauptwache gesetzt, wo ihnen nach Verlauf von etlichen Tagen einfiel, zu desertiren, darauf sie alle beyde nach dem Schiffsholm gebracht wurden, da sie in beßere Verwahrung sitzen; und den 20 Januar ist der Legationsrath und Postdirector Sturtz ebenfalls auf die Wache gesetzt worden. Der Stallmeister, Baron von Bülow, Contre-Admiral Hansen, Etatsrath Willebrand, Lieutenant Aboe, und drey Secretair im Cabinet, bekamen Arrest im Hause, und

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sogleich wurden alle Papiere der Gefangenen ver- siegelt.

Der Herr Reichsgraf zu Ranzau und der geheimde Rath, Graf von der Osten, und eine Wache giengen mit der Ordre unangemeldet zu dem Zimmer dieser hohen Person, welche bereits auch schon im Bette lag; der Hert Graf zu Ranzau trat herein, sie schlug den Vorhang ihres Bettes zurück, und frug: wer ist da? Ha! Monsieur Ranzau, sind Sie da? wie ists, lebt der N— noch; Wo ist Graf Struensee und Brand: Der Graf that, als hörte er es nicht, sondern übergab im Namen Sr. Königl. Maje- stät die bey sich habende Ordre, und kündigte ihr den Arrest an. Sie fuhr auf, und sagte: Mich zu arretiren, das soll ihm seinen Kopfkosten. Wo ist von der Osten. Der Graf antwortete: Im Vorgemach. Worauf sie antwortete: Der V—-r. Sie frug nochmalen nach Graf Struensee und Brand; so sagte der Graf: Sie sitzen schon in sicherer Verwahrung auf der Citadelle, und wiederhohlte seinen ersten Antrag im Namen des Königs. Darauf wurde sie erboßt; sprang aus dem Bette, und lief im Zimmer auf und nieder, indeßen der Graf den Hut vor die Augen hielte, und ihr zum Ankleiden ermahnete, oder er wäre gezwungen, sie ankleideu zu laßen. Sie griff ihn darauf ins Tuppee; da rufte er ein Paar Dames herein, wovon die eine ihr einen Rock anlegte; sie grif selbsten nach einer Saluppe, und eilte zu einer verborgenen

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Treppe, um zu entfliehen. Auch diese war schon mit Wache besetzt, und mußte wieder zurück; da fiel sie, als ganz entkräftet, aufs Canapee. Der Graf ließ ihr Zeit gewinnen, um sich zu erholen; indeßen der Graf ihr von Zeit zu Zeit ermahnete, mitzugehen; so bath: sie denn, daß man ihr die Pr---- mit geben möchte. Selbige wurde auch sogleich angekleidet. Darauf sagte der Graf: Nun Madame, gehen Sie, eilen Sie, geschwind, ge-schwind, und faßte ihr bey der Hand, seinen Huth unterm Arm, und in der andern Hand den entblößten Degen, und führte sie bis an den Wagen, wo sie noch zu ihm sagte: dies würde ihm seinen Kopf kosten. Darauf tief der Grafaus: Ich liebe Gott, und bin meinem Könige getreu! Adjeu, Madame. Die Fräulein Moesting faß im Wagen neben ihr mit der kleinen Pr-—-, und der Major Carstenschiold mit entblößtem Degen, und so wurde sie unter einer Escorte von 30 Dragonern nach Cronenburg begleitet. In denen ersten Tagen hat sie, außer ein Paar Schaa- len Choccolate, nichts gegeßen und getrunken, bis sie in Thränen ausgebrochen, und eins ums andere ausrief: Ach! du unglückseliges Kind, ach! ich unglückselige Mutter! und in solchem Zustande lebt sie in der untersten Etage des Schloßes, deren Fenstern mit starken eisernen Stangen ver- sehen sind.

Bey der Arretirung des Grafen Struense, ist Folgendes zu merken: daß, wie ihm der Oberste Köller den Arrest ankündigte, nutz ihm die

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Königl. Ordre vorzeigte, Zeit zu gewinnen suchte, und nicht glauben wollte, daß der König sie selbsten untergeschrieben habe, der Oberste zu ihm sagte, daß es würklich wäre, allenfalls haftete er mit seinem Leben dafür; kurzum, er wollte sich nicht geben. Da setzte der Oberste ihm den Degen auf die Brust, und sagte ihm, er habe Befehl, ihn entweder todt, oder lebendig zu bringen; darauf fällt er aufs Canapee in Ohnmacht nieder, sie bringen ihn wieder zurecht, da bittet er denn, er wollte noch gerne eine Schale Schoccolate trinken, es wird ihm abgeschlagen, er bittet um seine Etui, auch diese wird ihm vorenthalten. Der Oberste ermahnet ihn zu eilen, und fortzumachen, ehe es Tag würde, sonst wäre es unmöglich, ihm vor der Wuth des Pöbels zu beschützen; sobald er aus seinem Zimmer kam, band man ihm die Hände; im Weggehen fluchte er auf seinem Cammerdiener, daß er ihm nicht einen Pelz mitgegeben, er wurde also in einer Miethkutsche unter einer Bedeckung von Dragonern nach der Citadelle gebracht; wie er aus der Kutsche stieg, so sorgte er noch vor den Kutscher, und bath, man möchte ihm bezahlen, oder ihm ein Trinkgeld geben. Der Oberste Köller gab ihn einen Thaler, den r zwar nahm, aber auf sein gut Dänisch sagte: Ja, hätte es auch wohl umsonst gethan. Hierauf wurde er zum Commandanten der Citadelle gebracht, um gemeldet zu werden. Wie der Graf bey ihm ankam, fluchte er heftig, der Com-

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16 mandant gebot ihm stille zu seyn. Sobald Graf Struensee auf der Citadelle, in das ihm be- stimmte Logis gebracht wurde, und welches eben das ist, was der bekannte Norcros so lange bewohnet, frug frug er — wo sind meine Bediente? Der wachthabende Officier antwortete: Ich habe es nicht gesehen, daß Ihnen welche gefolgt sind. — Mein Secretair? Der ist auch nicht hier. Mein pelz! Es ist hier kalt, beym Teufel, ich will Nicht frieren, ich will ein anberes Fimmer haben. Er fand daselbst einen schlechten hölzernen Stuhl, und sagte: Was fall dieser Stuhl? gebt mir meinen Sopha! — Alles dieses beantwortete der wachthabende Officier hiemit: — Mein Herr! hie ist nichts zu Ihren Diensten, als mit Per- mißion, ein Kammergeschirr. — Durch diese Antwort ward er in der äußersten Wuth gesetzt, so, daß er sich bey beyde Arme zusammen faßte, und mit dem Kopf gegen die Wand und das Gegitter lief, in der Absicht, seine Hirnschale zu zerschmettern, und fluchte erstaunlich, aber die Wache lief eilends herzu, und verhinderte solches durch einige Ribbenstöße; sein Betragen wurde gleich gemeldet, worauf er sogleich mitten in der Stube mit Händen und Füßen an dem Fußboden sitzend angeschloßen wurde, und so, daß er sich nicht schaden kann. Zugleich wurden die Fenster des Gefängnißes quer mit Latten bena- gelt, da sagte er, man tractiere ihn ja als eine Canaille: In diesem Zustand regte sich sein bö-

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ses Gewißen, und stellete sich, als wenn er hesti- ges Zahnweh hätte, und bath, man möchte doch nach sein ehemaliges Cabinet jemand hinsenden, sie würden allda vor dem Fenster in ein Papier liegend ein Zahnpulver vorfinden, solches möch- ten sie ihm doch holen laßen, um die Schmerzen zu stillen. Es wurde auch hingeschickt, und man fand es; der Etatsrath und Leibmedicus von Berger mußte es sogleich untersuchen, und befande, daß es ein starkes Gift war, daher ihm dieses so wenig, als ein ander Zahnpulver, gegeben wurde; darnach legte er es aufs Hungern, und wollte weder Speise noch Trank genießen. Ein Paar Tage ließen sie ihm seinen Willen, darnach kam Befehl, er sollte eßen und trinken, falls er nicht mit Gutem wollte, so sollten sie ihm so lange prü- geln, bis daß er Appetit kriegte. Ihm wird we- der Löffel, noch Meßer und Gabel in die Hand gegeben, die wachthabenden Soldaten schneiden ihm das Eßen zurecht, und bringens ihm in Mund. In diesem Zustande hat er einige Tage geseßen, da er denn anlobte, sich beßer aufzuführen, man möch- te doch vor ihm um Gnade bitten; so ist auch solches erhöret worden, und darauf an Händen und Füße creuxweise geschloßen, und eine an der Wand befestigte drey Ellen lange Kette an das Bein gelegt, und ihm ein Stück Bette gegeben, worauf er liegen kann. Ueberhaupt genommen, so ist er im Gefängniß, wo die ärgsten Mißethä- ter in auf bewahret werden, und trägt auch Kleidung wie ein Mißethäter, er trägt eine blaue

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friesene Jacke ohne Knöpfe, und alle andere Knöpfe, so er noch in seiner übrigen Kleidung getragen, sind ihm ausgeschnitten, weil er ein Paar davon abgedrehet und verschluckt hat. Schue- und Bein- Schnallen sind ihm abgenommen worden, auch trägt er itzt eine eiserne Haube, damit er seinen Kopf nicht zerstoßen kann. Nachgehends ist die Etui, warum er so sehr gebethen, daß man ihm solche geben möchte, visitiret worden; man hat in selbiger drey kleine Kügelchen gefunden, der Herr Etatsrath und Leibmedi- ens von Berger hat selbige untersucht, und befunden, daß ihre Beschaffenheit ein langsam wirkendes Gift sey, womit dieser Bösewicht schon an einer hohen Person Gebrauch gemacht hat. Noch eine Anecdote von dem Grafen Struensee: Wie er ohngefehr vor einem Jahre in Copenhagen auf der Straße geht, begegnet ihm ein Sclave in Ketten, der Sclave bittet ihn um einen Allmosen, und zugleich um des Königs Gnade für ihm zu erflehen, daß er aus diesem Zustande erlöset würde. Der Graf gab ihn ei- nen Allmosen, und sagte dabey: Du trägest wohl um deiner Tugend willen diese Retten nicht. Nachdem erlangte der Sclave seine Freyheit, und wurde Schließer auf der Citadelle. Da es sich nun fügte, daß eben dieser den Grafen die Ketten anlegte, so sagte er: Ihre Excellenz, um Ihrer Tugend willen lege ich Sie die Rette nicht an.

Wegen den Grafen Brand ist Folgendes zu merken: Wie der Officier mit der Wache kam, ihm

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zu arretiren, so verschloß er sich in seinem Zim- mer. Der Officier sagte, er sollte aufmachen, er sollte sich betragen als ein vernünftiger Mann, denn es würde ihm zu nichts helfen, widrigenfalls er die Thür erbrechen müßte. Da machte er die Thüre endlich auf, und in der Hand hatte er seinen Degen, um sich zu vertheydigen, worauf sie ihn sogleich anfielen; er warf den Degen von sich, und suchte sich von ihnen los zu machen, und sagte: Meine Herren, Sie gehen unrecht, ich bin ein Staatsminister, ich weiß nicht, daß ich was verbrochen habe, worüber man mich arretiren kann. Der Officier zeigte ihm auf der Ordre seinen Vornamen, und sagte: er gienge gar recht, er sollte nur mitgehen, das Uebrige würde sich schon finden, und damit brachten sie ihn nach der Citadelle.

Der Graf Brand, nachdem er auf der Citadelle in des Herrn Commandanten, des General von Howen Behausung, abgetreten war, com- plimentirte der Graf den Commandanten fol- gends: Mein Herr, Sie nehmen es nicht übel, daß ich Sie so frühe incommodire. Der Commandant antwortete: Gar nicht, mein Herr, man hat Ihnen hier schon längstens erwarter. Darauf gieng er das Zimmer auf und nieder, sahe sich allenthalben um, und sang eine italienische Arie, und sagte darauf: Hier sind, bey meiner Seele! hübsche Zimmer im Casteel. Der Com- mandant antwortete: Ja, mein Herr, Sie werden sie aber noch besser bekommen. Ihm ward

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darauf sein Logis angewiesen, welches aber ziemlich dunkel war; dieses machte ihn aber doch nicht ver- zagt, sondern er sagte noch: bey meiner Treu, der Commandant har wahr gesagt. Er ist immer lustig, und spielt die Flöte. Er spart von seine vier und zwanzig Schilling, so er täglich erhält, sechse, welche, wie er sagt, daß solche sein künftiger Hänkersknecht zum Trinkgeld haben soll. Auch bedienet er sich öfters diesen Ausdruck: Einen Kleinen Geist kömmt es zu, sich durch Kleinigkeiten demüthigen zu lasten, aber ein Grosser hebet sein Haupt weit über sein Schiksal empor.

Der Graf Brand ist wenige Tage vor der Re- volution von einen Freund durch einen Brief gewarnet, und das Schicksal, welches ihm tressen würde, wenn er die verderblichen Anschläge befolg- te, vorher gesagt, und vor Augen gestellet worden.

Diese Arretirung der vorhin benannten Perso- nen geschahe in oberwehnter Nacht, und zwar des Morgens zwischen 3 und 6 Uhr, da alle Personen eben vom Ball gekommen waren, und sich zu Bette gelegt hatten. Die Stadtthore waren geschlos- sen, da sie seit vorigem Frühjahre nur gesperrt gewesen. Durch das häufige Fahren und Reiten war alles Volk rege und aufmerksam gemacht; doch getrauete sich keiner vor Tage aus dem Hause zu gehen. Endlich wimmelten die Straßen von Menschen, und ein wildes Schrecken hatte sich auf aller Gesichter verbreitet; in der ängstlichen Meynung, als wenn dem König etwas zuge-

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gestoßen wäre, eilte alles nach dem Schloßplatz hin, welcher auch in Kurzem ganz von Menschen angefüllet war. Darauf ließ sich der König, die Königinn Juliana Maria, und der Erbprinz Friederich, Königliche Hoheit, auf dem Balcon des Schloßes sehen, worauf alles Volk mit der größten Freude Vivat! lange lebe König Christian der VII. und die Königinn Juliana Maria, und der Königliche Erbprinz Friederich, ausriesen, und von diesem frohen Jubel ertd- nete die ganze Stadt, und alles Misvergnügen, Angst und Traurigkeit verschwand auf einmal, und einer wünschte dem andern in den freudigsten Ausdrücken Glück, da sie ihren huldreichesten Monarchen erblickt hatten. Das Frohlocken der Einwohner bey Der Thronbesteigung, Vermählung und Krönung des Königs kam mit demjenigen, was bey diesem Vorfall beständig fortdaurte, nicht in Vergleichung, denn ein jeder war nunmehro überzeugt, daß Gott die so große und augenschein- liche Gefahr gnädiglich abgewendet hatte. Um 12 Uhr des Mittags fuhr der König und der Erb- prinz Friederich Königliche Hoheit in einen mit sechs weißen Pferden bespanneten offenen Wagen und hinter her in einen andern der Königliche Kronprinz. Die Straßen, wodurch Höchstdieselben fuhren, waren so voll von Menschen, daß die Pferde nicht ziehen durften, die Menge Volkes hob und trug den Wagen gleichsam fort, wobei das freudigste Jubelgeschrey ohn Ende war. Dar- nach war Cour bey Hofe, und des Mittags wurde

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öffentlich gespeiset. Die beyden Garde-Regi sind wieder hergestellet. Die Leute, so unter der Fußgarde gedienet hatten, und welche raßiret worden waren, fanden sich eiligst wieder ein, mit und ohne Montirung, so wie sie es noch hatten, und wie sie giengen und stunden, welche auch desselbigen Tages, auf Verlangen, noch die Wache wieder bezogen, u. die Köllerischen Dragoner, so 48 Stunden auf der Wache gewesen waren, ablöseten.

Des Abends war die ganze Stadt aufs prächtigste erleuchtet, und die Königlichen Personen fuhren nach der Französischen Comödie, wo beym Eintritt Allerhöchst dieselben mit ein frohes Händeklatschen und Vivatrufen empfangen wurden. Die Nacht darauf spolirte das Volk auf die 60 be- rüchtigte Häufer, worunter das ehemalige gräfliche Schulinische Haus mit begriffen ist, welches Gabel auf Anrathen des Grafen Struensee gekauft, und zu einem öffentlichen Hurhaufe einrichten mußte, und wozu der Graf Struensee ihm das Geld vorgeschoßen hatte.

Des andern Tages wollte das Volk wieder anfangen; allein, Se. Majestät, der König, lies- sen durch Trommel- und Trompeten-Schall bekannt machen, daß, wie sehr sie auch übrigens mit dem Betragen ihrer geliebten Unterthanen zufrieden wären, sie dennoch mit dem äußersten Mißvergnügen die in der verwichnen Nacht begangenen Unordnungen vernommen hatten, und dahero alle Ausschweifungen, bey Lebensstrafe verböten. Kaum war es möglich, der freudigen

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Wuth des Pöbels Schranken zu setzen. Das Volk wollte es nicht glauben, daß es Königlicher Befehl wäre, das Volk verlangte ihn schriftlich zu sehen, er wurde ihnen gezeigt, es küßte denselben, und ward sogleich ruhig. Das Volk hätte auch gerne den prächtigen Staatwagen, den Graf Struensee sich hat machen laßen, und der über 6000 Rthlr. gekostet, in ihre Gewalt gehabt, derselbe stand aber unter des Königs Schloße.

Die Avancements den diesem Vorfall sind folgende: Die Generalinn Numsen ist Oberhofmeisterinn beym Kronprinzen, der General-Lieutenant, Graf zu Ranzau von Aschberg, erhielte das blaue Band, oder Ritter vom Elephanten, wie auch General von der Infanterie. Der General-Major von Eichstedt, ward zum Ritter vom Dannebroge, General von der Cavallerie, und Commendant von Copenhagen, und Mitglied im Gen. und Commißar. Collegio. Der Oberste Roller zum Ritter von Dannebroge, General-Lieutenant, und des Königs Ober-GeneralAdjudanten, und die Officiers seines Regiments, welche alle bey diese Revolution gebraucht worden, sind um einen Pas höher avanciret, und da der nunmehrige General-Lieutenant Köller den Wunsch äußerte, unter den Dänischen Adel ausgenommen zu werden, ob er gleich aus einer sehr guten Pommerschen Familie ist, so hat er das Naturalisations-Patent unter dem Namen Köller-Banner erhalten, und Mitglied in Gen. und Commißar. Collegio. Der General Kriegs-Com-

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mißair erhielte den Kammerherrn Schlüßel, ist aber nach ein Paar Tagen nach seinem Gute Wor- dingborg verwiesen worden.

Der General-Lieutenant huth ist zum Gene- ral von der Infanterie avanciret. Der Major Carstenschiold ist Oberst-Lieutenant geworden; imgleichen ein ehemaliger Kammerdiener des Königs, Friederichs des V. Namens Jeßen, ist seine am 17ten Januar bewiesene Treue mit 2000 Rthlr. belohnet worden. Hingegen ist dem Kammerherrn und Jägermeister von Lersner anbefohlen, innerhalb 3 mal 24 Stunden Stadt und Land zu räumen, und sich niemalen wieder darein betreten zu laßen. Der Lieutenant Struensee hat ebenfalls mit 200 Rthlr. seinen Reise-Abschied erhalten, mit dem Befehl die Dänischen Lande zu räumen und zu meiden. Ein gleiches Schicksal hatte auch der Capitain Duval vom Nordischen Leibregiment, er bewies aber seine Unschuld; da ward er wieder als Capitain beym Bormholmischen Regiment plaeiret. Der Etatsrath Reverdil hat 1000 Rthlr. Reisegeld erhalten, um nach der Schweiz, seiner Heymath, zu reisen.

Der König ließ am dritten Sonntage nach Epiphanias in allen Kirchen ein Dankfest halten, um dem König aller Könige für die wunderbare Errettung und Erhaltung des Königlichen Hauses, und Dero Reiche und Lande, ein schuldiges Dankopfer zu bringen.

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2tes Schreiben

Von

Copenhagen, wegen der

am 17ten Januar 1772.

arretirten Staatsgefangenen

Graf Struensee.

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Graf Brand,

in seiner Gefangenschaft.

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Mein Herr! Seit mein letztes abgesandtes Schreiben haben Sie mir fast alle Posttage um den fernern Verfolg, wegen der am 17 Januar hieselbst vorgefallenen grossen Staatsveränderung, gemahnet; ich schliesse hieraus, daß Ihnen mein langgerathener Brief muß gefallen und die desfals verursachten Kosten nicht gereuet haben. Ich habe Ihnen damals die Arretirung der angesehensten grossen Personen, und was dabey vorgefallen ist, gemeldet. Fahre also weiter fort:

Bey der Arretirung der Obersten Falken- schiold ist noch diese Anecdote zu merken, daß derselbe sich gar nicht anfänglich hat wollen gefangen geben, sondern man hat ihn mit Gewalt bey Haaren und Händen nach der Wache schleppen müssen, er wird auch ehester Tagen auf das Castel in Verwahrsam gebracht werden. Des Obersten Diener ist auch arretiret, weil er seinen

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Herrn des andern Tages hat einen Brief in die Stiefeln zupracticiren wollen, welcher von einem andern seiner Bedienten geschrieben war, und woraus auch etwas entdecket ist.

Ueberhaupt werden hier täglich ansehnliche Personen in Arrest gebracht, und wenn sie unschuldig befunden, und es bewiesen, wieder in Kreyheit gesetzet.

Folgende Herren sind von Sr. Königl. Majestät den 18 Januar zur Inquisitions- Commißion bestellet worden, nämlich: Sr. Excellenz, der Hr. Geheimerath, Baron Juel Wind; die Hn. Conferenzräthe Braem, Stampe, Lüxdorf und Carstens, wie auch die Hn. Etatsräthe Kofoed Ancher, Guldberg und Sevel. Und, um die Papiere, Briefe Und Documente der Gefangenen durch- auch um die Gelder nachzusehen, sind ernant: Se. Excellenz, der Hr. Generallieutenant von Köller, die Hn. Conferenzräthe Schumacher und Suhm, und der Hr. Etatsrath Guldberg. Diesen ist noch nachher auf allerhöchsten Befehl der Hr. General-Kriegscommissair, Hr. Schmidt, als Mitglied zugeordnet wor- den. Der Kanzelleyrath Schaw führet hie- bey das Protocoll.

Am 18 Januar wurden von der Inquisi- tions-Commißion alle Sachen des Grafen

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29 Struensee auf Hirschholm, und an andern Orten, durchgesehen, und versiegelt, und seine Chatoulle ist von Hirschholm versiegelt nach Co- penhagen gebracht worden. Auf gleiche Art ist sie auch mit den Sachen und Papieren des Gra- fen Brand umgegangen, und unter beyderseits Schriften hat man bereits überzeugende Beweise von ihren Walversationen gefunden. Unter des Grafen Struensee Schriften ist unter an- dern eine Rechnung gefunden, die er selbst ge- schrieben, welche sehr verdächtig ist, und daraus zu schliessen, daß er eine ansehnliche Summe von mehr als 100000 Rthlr. sowol zu seinem eigenen, als anderer Vortheil, der Königl. Casse allein zu nahe gethan habe. So viel weiß man mit Gewißheit, daß unter den Schriften der Staatsgefangenen solche Dinge gefunden worden, die ihr Verbrechen ausser Zweifel setzen, und daß sie es blos einer grossen Gelindigkeit der Regirung zuzuschreiben haben, daß ihnen nicht härter begegnet wird.

Es wird jetzo alles genau untersucht, und man hat unter andern an der Königl. Tafelservice einige goldene und silberne Stücke vermisset, welches noch nicht bekant ist wo solches geblieben, die Zeit muß es erst entdecken.

Die Inquisitions-Commißionisi unauf hör- lich mit Untersuchung der Papieren beschäftiget.

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Täglich werden viele von den in Artest sitzenden Personen von Ihnen abgehöret.

Am 3 Februar ist die Baroneßin Bülow in Verhör gewesen; Diese edle Dame ist den 4 Februar darauf mit ihrem würdigen Herrn Gemahl und Familie nach Holstein abgereiset.

Es hat die Inquisitions-Commißion auch die Geschenke, welche den Grafen Struensee und Brand, Namens Sr. Königl. Majestät, der König und der Königin, ertheilet sind, zurück gefordert, und nach der Untersuchung, da sie für gültig erkant, wieder gegeben worden.

Auch sind zwey Secretairs im Cabinette, ein paar Kammerfrauen der Königin, und die Wartefrau des Kronprinzen, nebst 2 Mohrenkinder, die in den Zimmern des Schlosses Zutritt gehabt haben, und andern Personen abge- höret worden. Der Secretair des Grafen Struensee, Panning, ist auch schon dreymal auf dem Schlosse in Verhör gewesen. Er wird in seiner Wohnung von 3 Unterofficiers bewacht.

Viele Personen, die bey dieser am 17 Jan. vorgegangenen Veränderung treue Dienste geleistet haben, sind theils im Range erhöhet, theils ansehnlich beschenket worden, indem der Hr. Etatsrath Guldberg ein Geschenk von 4000 Rthl. und ein ehemaliger Kammerdiener

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31 Les Königs Friedrichs des Fünften eine Belohnung von 2000 Rthl. empfangen.

Am 20 Februar wurde das Verhör in der Citadelle Friedrichshaven mit den am 17 Januar arretirten Personen der Anfang gemacht. Der ehemahis gewesene Cabinetsminister Graf Struensee war in diesem Verhör der erste. Es ward derselbe in einer Kutsche, doch an Händen und Füssen geschlossen, nach dem Hause des Commendanten, Generallieutenants von Hoben, wo die Commißion saß, gebracht. Der die Wache bey ihm habende Lieutenant Holm saß in der Kutsche bey ihm. Vorauf giengen auch ein paar Officiers, und neben der Kutsche marschirten 4 Grenadiers mit aufgepflanzten Bajonetten Vorher ehe der Staatsgefangene vor die Commißion kam, wurde ihm im Vorzimmer die Fesseln abgenommen, wobey man ihm erlaubte, sich in Verfassung zu setzen, da er dann in diesem Vorzimmer etnigemale auf und abging. Er hatte ein blaues Kleid an, einen Pelz darüber, graue seidene Strümpfe, und die Haare gestochten niederhangend auf den Rücken. Das Verhör währete unausgesetzt, ausgenommen des Mittags, da die Commißion bey dem Commandanten speisete, von des Morgens frühe bis des Abends spät fort Während des Verhörs wurde. dem Grafen einen Stuhl gesetzt, und derselbe; den hiesigen Gesetzen ge-

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mäß, zum letztenmal mit dem Grafen Titel angeredet.

An diesem Tage ist die Barriere der Cita- delle den ganzen Tag gesperret gewesen, und, niemanden, als selchen, die ins Casteel gehören, die Passage erlaubt gewesen.

Was eigentlich in diesem Verhör mir dem Grafen Struensee vorgenommen ist, und was. seine Aussagungen sind bleibet ein Geheimniß, und es wird von allen denen Personen, die Kent- niß von dieser Sache haben, das tiefste Still- schweigen beobachtet. Man redet zwar alhier von vielerley Sachen, aber nichts mit Gewisheit. Dieses aber ist gewis, daß der Graf Struensee sich in diesem Verhör sehr gesetzt bewiesen, unh beständig behauptet hat, daß er nach seinen Gewissen gehandelt hätte. Dieses ist es also alles, was man an diesem Tage von dem Verhör mit Gewisheit vernommen hat.

Das Geheimniß und die Verschwiegenheit ist so gros in dieser Sache, daß Yen Soldaten des Kronprinzlichen Regiments, welches in der Citadelle lieget, ist anbefohlen worden, ihre Neubegierde, den Arrestanten zu sehen, zu mäßigen, und nicht den geringsten Auflauf zu machen.

Am 21 Februar soll der Graf Struensee nicht mehr so gesetzt gewesen seyn, und der Muth

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ist ihm ziemlich entfallen, indem er gestanden, daß er schuldig sey,

Dieses Berhör ist fast alle Tage bis den 28 Januar, da dasselbe geschlossen, ununterbrochen mit ihm fortgesetzet worden. Zuletzt, da er durch seine Schriften, und Aussagung anderer über- wiesen worden, und ihm bereits auf 630 Fra- gen zur Beantwortung von der Inquisitions- Commißion waren vorgeleget worden, ist er in diese Worte ausgebrochen:

Ich bin beydes überwiesen, und ge- stehe es, daß ich verschiedene Mislethaten begangen,, welche das Crimen læsæ Majestatis in hohem Grad involpiren, und daß ich, ausser Sr Majestät Vorwissen und Approbation, verschiedene Cabinets-Ordres ausgefertiget, wodurch ich einige schädliche, ja gefährliche Anstalten ver-

füget.

Es hat der Graf Struensee auch ein schriftliches Geständniß seines Versprechens in Gegenwart der Inquisitions-Commißion aufgesetzet, und unterschrieben von sich gestellet, und der Commißion übergeben.

Wie mau höret, so sollen den Grafen Struensee noch wol aus 200 Fragen Vorgeleget werden.

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Merkwürdig ist es, daß die Inquisitions- Commißion in allen diesen Verhören, sich so viel wie möglich gewesen, den Namen Inquisit vermieden; ausserhalb dem Verhör ist derselbe noch allemahl mit den Titel eines Grafen bele- get worden.

Am 24 Februar ist kein Verhör gewesen, sondern die Inqusitions-Commißion hat die schönen und kostbaren Pferde, die der Graf Struensee und Brand aus England zu ihrer Bedienung haben kommen lassen, im Königl. Reithause verkaufen lassen.

Der Graf Brand, der noch immer ziemlich vergnügt ist, ist den 2 3 uns 4 März im Verhör vor der Inquisitions-Commißion auf der Citadelle Friedrichshaven gebracht worden. Er hatte ein grünes mit Gold besetztes Kleid an, und schlecht geputzte Stiefeln an seinen Füssen. Er hat die ihm auf 300 vorgelegte Fragen gleich Anfänglich richtig und gutwillig beantwortet, und alles, was ihm zur Last geleget worden, und unter sehr lauten Vorwürfen und Weinen, die gegen ihn angebrachte Klage, wegen beleidigter Majestät des Königs, eingestanden, und sich schuldig erkläret.

Vorher hat er sich den Bart mit der Lichtschere abgeschnitten, jetzo aber wird er mit aller Vorsicht, indem ihm von 2 wachthabenden

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35 Unterofficiers die Hände gehalten werden, or- dentlich mit einem Scheermesser der Bart ab- genommen. Die Nägel an den Fingern schleift er sich, zum Zeitvertreib, wenn er keine Arie singet, an den Wänden ab. Er bleibet noch immer bey seinem luftigen Wesen.

Am 7 März ward der Graf Brand, weil er besonders darum gelegentlich anqesuchet, aber- mals vor die Jnquisitions-Commißion gebracht. Sein Anbringen bestund darin, daß er um Erleichterung seines Gefängnisses bat, und ihm seine Flöte mögte wieder gegeben werden. Und bekante nochmals mit weinenden Augen, (wie bereits im vorigen Verhör geschehen) unter sehr vielen Vorwürfen, der gegen ihn angebrachten Klage wegen beleidigter Majestät des Königs.

Der Hr. Prof. Berger ist auch am 22 März im Verhör gewesen. Was vor Fragen ihm vorgeleget, und wie er sich verantwortet, ist nicht bekant. So viel ist gewiß, daß denselben der Gebrauch des Tobacks nebst Wesser und Gabel und seiner Bücher zugelassen. Er kan sich auh den Bart nach Belieben abnehmen lassen, und in seinem eigenen Bette schlafen.

Den 7 März ist der Justitzrath Struensee im Verhör gewesen; er war mit einem mit Pelz- werk gefütterten Schlafrocke bekleidet. Seine Antworten auf die ihm vorgelegte Fragen, ist

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gleichfals ein Geheimniß. So viel kan ich mit Gewißheit melden, daß er sich auf seine erhaltene Ordre berufen, und daß er von andern Sachen keine Wissenschaft gehabt hätte. Er bezeigt sich aber in seinem Gefängniß sehr ungeduldig. Man hat auch einen Brief von seinem redlichen Vater an ihn väterlich ermahner, Gott nicht aus den er ihn väterlich ermahnet, Gott nicht aus den Augen zu setzen, seine Dienste redlich zu verrichten, und seinom allergnädigsten König getreu zu seyn. Die Zeit wirds lehren, wie er diese Vermahnung nachgelebet.

Den 12 März, war er wieder im Verhör, und nach diesem Verhör ist ihm auch erlaubet, worden Toback und Wein zu trinken.

Den 13 März war der Professor Berger gleichfals wieder im Verhör, und diesem ist auch nachher mehr Commoditæt, seine Bücher und Bette zugelassen,

Dieses wiederhohlte Verhör ist eine Folge von dem, von dem Grafen Brand verlangten ausserordentlichen Verhör gewesen.

Bey allen diesen Verhören ist vor die Ruhe dieser Stadt auf alle mögliche und beste Art gesorget worden, indem die Soldatesque und Cavallerie in steter Bereitschaft gewesen, und den Bürgern ist insgesamt angedeutet worden.

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sich auf alle Fälle mit gutem Gewehr und schar- fen Patronen in Bereitschaft zu halten, um auf die erste Ordre an ihren bestimten Plätzen mar- schiren zu können. Solte es etwa in der Nacht nöthig seyn, so sollen die Gassen mir Vorsetzung der Lichter vor die Fenster erleuchtet werden. Den Bürger-Capitains hat der allergnädigste König erlaubet ein Portopee, gleich die Mili- tair, am Degen zu tragen.

Einige Commißions-Herrn sind auch nach Kronenburg gewesen, und den 13 März wer- den sie wieder dahin abgehen. Die Jungfer Ahrensbach ist abgesetzet, und die zwo übrigen Kammerjungfern, Bruhn und Gabel, sind auf Pension gesetzt, es sind aber zwo andere Dafür angenommen.

Der Hr. D. Münter hat den Grosen Struensee vom Anfang her in seinen Gefäng- niß besuchet, und seine Unterredung mit ihm betrift einzig den Glauben und die Grundsätze der göttlichen und natürlichen Religion. Im Anfange der Besuche hatte der Hr D. Münter an den Vater des Grafen geschrieben, und sich erboten, mit Zulassung der InquisitionsCommißion, dem Grafen einen Brief seines Vaters einzuhändigen, falls dieser ihn durch seine Ermahnungen und väterliche Liebe, eine Erleichterung seines jetzigen Zustandes, und insonderheit seiner Gemüthsverfassung, geben

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könte. Der Generalsuperintendent Struensee hat hierauf den Hn. D. Münter geantwortet; aber nicht an seinen Sohn geschrieben. Indes- sen hat Hr. D. Münter die erhaltene Antwort dem Grafen gegeben, welcher dadurch so sehr bewegt wurde, daß er im Lesen durch Weinen ist unterbrochen worden, welches den Hn D. Münter sehr gerühret hat. Sonst ist der Graf sehr geruhig, sehr reinlich, und gemeiniglich mit weissen Nachtkleidern angezogen; spricht wenig, und ruhet fast den ganzen Tag auf einer Ruhebank. Er lieset viele geistliche Bücher, und insonderheit des Abts Jerusalem Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion, und Reimarus von der natürlichen Religion, die der Hr. D. Münter ihm zustellet. Unterdessen wollen diejenigen, die mit dem Character des Grafen bekant sind, aus allen seinen Handlungen noch immer desselben eigennützige und auf sich selbst eingeschränkte Gesinnungen bemerken, nach welchen nie ein edler Gedanke der Freundschaft in dem Menschen entstehen kan, sondern dis ihn einzig und allein, in allem, was er thut, den sinnlichen Genuß seines Lebens und seiner epicurischen Wollust suchen lassen. Es ist ausgemacht, daß der Graf auch noch jetzt, in seinem Gefängnisse, auf weiter nichts, als die Erleichterung seines Zustandes, und, wo möglich, auf die Vermeidung der Todesstrafe denket.

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Der Graf Brand wird von den Probst See in gleicher Absicht täglich besucht, und wenn derselbe sich mit ihm bespricht, bezeugt er mit Weinen und Demuth seinen Beyfall, ist er aber allein, so setzt er sein Singen nur itali- enischen und französischen Arien fort, und erinnert sich dabey mit Vergnügen seines vorhin geführten Lebens.

Von gedachter Commißion ist den 27 Febr. bekant gemacht: Daß alle und jede, die entweder baare Gelder und Papiere oder andere Sachen, was für Namen diesel- ben haben mögen, von den am 17 Jan. auf Königl. Befehl arretirten Personen in Händen haben, selbige längstens in 8 Tagen a Dato bey dieser auf Christiansburg angeordneren Commißion, welche täglich von 9 bis 4 Uhr Nachmittags gehalten wird, einliefern sollen.

Auf Ansuchen des Finanz Collegii sind die unter des Justitzrath Struensee Briefschaften gefundene Papiere, welche die Münzangelegen- heiten (als welche allein zu seinem Departement gehörten) betrafen, von der Inquisitions-Com- mißion ausgeliefert, und hierauf den Commit- tirten in der deutschen und nordischen Kammer, Justitzrath Prätorius und Kölle, zur Unter- suchung übergeben worden. Man soll hierbey Nichts gefunden haben, was in diesem Stücke sein Verhalten strafbar machen könte.

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40 Die Couriers gehen hier seit dieser Zeit viel- fältig ab und zu, besonders zwischen unsern und dem englischen Hofe, einer derselben brachte neulich ein Brief an der Königin mit, welcher auch sogleich an derselben übergeben ward. Ein anderer ist von unserm Hofe den 7 März abge- fertiget, wohin, daß weis man nicht, denn er muß von hier auf Hamburg geben, in dieser berühmten Stadt soll er seine empfangene ver- siegelte Ordre erst erbrechen, um die fernere Bestimmung alsdann zu erfahren

Ich breche hiemit ab, weil das Blasen des Postillion mich erinnert meinen Brief zu schlies- sen. Ich werde künftig aufmerksamer seyn und mit nächster Post, wenn etwas neues vor- gehet, die Ehre haben, Ihnen, Mein Herr, solches zu melden.

Ich verharre & c.

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3tcs Schreiben.

Von Copenhagen,

den 24 März

wegen der Staatsgefangenen.

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Mein Herr!

In mein 2tes Schreiben, so ich an Ihnen abgehen lassen, habe am Schlusse des Briefes versprochen auf die hiesigen Affairen aufmerksamer zu seyn. Ich bin damals bis an 7 März gekommen, fahre also von diesem Dato an weiter fort:

Seit einigen Tagen ist die Königin etwas unpäslich gewesen, und am 9 März wurde sie zweymal zur Ader gelassen, und seitdem wird sie täglich von dem Hofmedico Thode besucht, der von ihrem Gesundheitkzustande an dem Etats- rath und Leibmedicum Berger Nachricht er- theilen muß.

Am 11 März war der Professor Berger, (und dieses wird auch wol das letztemahl seyn)

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wieder bey der Inquisiitionscommißion im Ver- hör. Von seiner abermaligen Aussage ist auch nicht das geringste bekannt geworden; er wird aber anitzo sehr ungeduldig in seinem Gefängnisse, ob er gleich alle Freiheit geniesset.

Den 12 März war die Inquisitionscommißion auf dem Schlosse versammlet, und es wurde daselbst eine in voriger Woche von Cron- burg allhie angekommene Cammerjungser der Königin, Namens Arensbach, daselbst abgehöret. Den 22. und 23 März war sie wieder daselbst versammelt, wo am letztern Tage der Secretair beym Cabinet, Paning, von ihnen abgehöret wurde.

Den 16 März wurde auf dem Versammlungs-Saal der vormaligen königlichen Rentekammer ein königliches angeordnetes Gericht gehalten, das von 4 bis 9 Uhr währete, in diesem Gerichte waren als Beysitzers gegenwärtig: 1) aus dem königlichen geheimen Staatsrathe die geheimen Staatsminister, Graf Thott, Schack-Rathlow, der Admiral Römeling und der Minister des auswärtigen Departements, der Graf von der Osten; 2) aus dem Militair-Etat, der Vice-Admiral Raas, der Contre-Admiral Fischer, der GeneralMajor Hoben, und der Oberste von Penz; 3) von der Geistlichkeit: der hiesige Bischof Harboe, die Professores der Theologie, Holm und Studsgaard, der Stifts-Probst Hege- lund, and der Garnisons-Probst Hee; 4)

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44 aus dem höchsten Gerichte und andern königli- chen Departements: der Stiftsamtman, Graf Knuth, der Geheimerath Scheel, der Stifts- Amtman Scheel, der Baron Juel Wind; die Conferenzräthe Stampe, Braem, Lüx- orph, Hielmstierne und Carstens; der Cam- merjunker Levetzau; die Etatsräthe Hoppe, Koefoed, Anker, Sevel, Reiche und Guldberg; die Justitzräthe Obelitz, Ancher- sen, Brink Seidelin, Bork, (als Secretair) Korn und Kortsen; der Generalkrieqscommissair Schmidt, die Assessors im höchsten Gerichte, Debes und Treschow, der Cam- meradvocat Bang, und der höchste Gerichts- Procurator Uhldahl. Aus diesen 39 Perso- bestand dag verordnete königliche Gericht, von welchen die beyden lehren Personen die Ad- vocaten der gegenseitigen Partheyen waren, und sie sind, so lange der Proceß dauret, von ihrem Unterthanen-Eid entlassen worden.

Den 28 März wird dieses angeordnete Gericht sich wieder versammeln, um den obengenannten Advocaton zum erstenmahle Gehör zu geben. Man läßt also auch in diesem Falle die gewöhnlichen 14 Tage, von der ergangenen Citation an gerechnet, verstreichen.

Man redet hier mit Gewisheit, als ob der allergnädigste König verlangen bezeugt habe, daß sämmtliche Sachen, weswegen die Inquisitionscommißion gesetzt ist, den 2 April, wenn es möglich, geendiget seyn sollen.

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Am 17. 18. und 19 März war der Oberste Falkenskiold vor der königlichen Inquisitions- Commißion in der Citadelle Friedrichhaven im Verhör. Es wurde derselbe von neuen Holm über den sogenanten Baum, wodurch die Schiffe gehen, wenn sie in und aus dem Haven gelas- sen werden, in einer ordinairen Sänfte bis an die Zollbude getragen, woselbst eine Gutsche fertig stand, die ihn in Begleitung zweyer See- Officiers, die bey ihm in den Wagen lassen, ins Castel gebracht. Der Oberste war in seinem Schlafrocke mit einem Pelze darüber gekleidet. Bevor man ihn ans seinem Arreste führte, solte er erst rasiret werden; er weigerte sich aber es zuzulassen, während des Nasirens sich von zweyen Unterofficiers die Hände halten zu lassen, wie es bey den übrigen Arestanten geschiehet, also hat man seinen Bart blos mit einer Scheere etwas kürzer abgeschnitten. In dem Verhör ist ziemlich laut geredet worden; man hat aber doch nichs davon erfahren können. Nach dem letzten Verhör ist dem Obersten erlaubet worden, sich dee Messer und Gabel zu bedienen, und ohne daß man ihm die Hände hält, sich rasiren zu lassen. Dem Oberstlieutenant Hesselberg ist diese Erlaubniß ebenfals ertheilet worden. Auch soll er keine Offi- ciers mehr auf dem Zimmer bey sich zur Wache haben.

Den 19 März war der Graf Struensee abermals wieder bey 5 Stunden lang, und den

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46 21 über 6 Stunden bey der Inquisitionscom- mißion im Verhör. Dieses ist eine Folge von der Aussage des Obersten Falkenskiold.

Sonsten lebt der Graf Struensee in seinem Gefängnisse anitzo sehr geruhig, und seine Be- kehrung, die der Doctor Münter in einer Zeit von 3 Wochen, da er den Grafen zur Erkent- niß seiner Irrthümer, und einer völligen Ue- berzeugung von den Wahrheiten der christlichen Religion gebracht, macht ihm viel Ehre.

Er entdeckte einsmal dem Doctor Münter, wie er sich vorher den Menschen als eine Ma- schine vorgestellet, die nur da wäre, um zu leben, und das Leben so gut, als möglich, sich zu Rutze zu machen. Der Doctor Müntee zog, wie der Graf dieses sagt, seine Uhr aus der Ta- sche, und sprach: Herr Graf! diese Uhr ist eine Maschine, die den lebendigen Geschöpfen am nächsten kömt, weil sie sich, wenn sie aufgezogen ist, durch den Trieb ihrer Räder von selbst bewegt. Kan aber diese Maschine, diese Uhr, ihres Gleichen hervorbringen? Als der Graf dieses mit Nein beantwortete, hat der Doctor Münter gesagt: Sie sehen also hieraus, daß lebendige Geschöpfe keine Maschinen sind; und wie viel edler muß nun der Mensch seyn, der ein lebendiges und vernünftiges Geschöpfe zu. gleich ist? Hierauf har der Doctor Münter mit noch weit wichtigern Gründen den Grafen von der irrigen Meynung, die er von dem Da- seyn und der Bestimmung des Menschen gehabt überzeugt.

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Der Graf Struensee setzet sein Gemüth täglich mehr in einer geruhigen Verfassung. Er spricht wenig mit denen bey ihm die Wache habenden Officers; er bietet ihnen aber französische und deutsche Bücher zum Lesen an, um sich die Zeit zu verkürzen, worunter insonderheit Gellerts morische Vorlesungen die ersten sind. Bey dieser stillen Lebensart wird der Graf doch ganz mager, welches er den Officiers durch entblössung seiner Beine zu erkennen gegeben hat. Des Morgens um 9 Uhr trink er Caffee, und speiset einen Zwiebdck; des Mittags läßt er sich zwey Gerichte Essen holen, die er selten ansißt; des Abends um 7 Uhr trinkt er Thee, worin er einen Zwieback eintunkt, und dann genießt er weiter nichts mehr. Des Abends um 9 Uhr legt er sich zu Bette, schläft aber selten vor Mitternacht ein. Man hut ihm gesagt, daß er mager würde, käme daher, weil er so wenig speise; worauf er geantwortet: ich habe hier keine Bewegung, folglich kan ich die Speisrn auch nicht recht verdauen. Zudem soll ich nur hier mein Leben aufhalten und dazu ist das Wenige, was ich zu mir nehme, hinlänglich.

Als er dieser Tagen den Officier, der die Wache bey ihm hatte, in einem Buche lesen sahe, fragte er ihn, was er für einen Schriftsteller läse? den Grandison, gab der Officier zur Antwort. Den Grandison; versetzte der Graf, nun der geht noch an; allein, lesen Sie doch ja sonst keine Romanen, ich kan Sie aus

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meiner Erfahrung versichern, daß bie Lesung derselben mir das Herz verdorben hat. Sagen Sie dieses auch Ihren Freunden, und empfehlen Sie ihnen Jerusalems Betrachtungen über die Religion ausfs beste.

Neulich erhielt der Graf Struentsee einen Brief von seinem Vater, den er anfänglich für Wehmuth und Rührung nicht hat zu Ende le- sen können, jetzt aber, nachdem er sich gefasset, hat er ihn mit vieler Empfindung gelesen, und ließt ihn noch oft, besonders wenn er in der Nacht erwacht.

Der Graf Brand bleibt bey seiner alten Laune, in Gegenwart des Probsten See, und bey Lesung theologischer Bücher, ist er ernsthaft; zu einer andern Zeit aber noch lustig. Er hat Erlaubniß erhalten an seine Mutter zu schreiben, desgleichen auch der Jusiitzrath Stru- ensee an seine Eltern und an seine Frau; beyde aber in Gegenwart des Generallieutenvnts Honen, der auch die Briefe mit sich genommen.

Ich schliesse, werde aber bald sehr wichtige Neuigkeiten berichten können.

Copenhagen, den 24 März 1772.

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4tes Schreiben. von Copenhagen, nebst der Rede welche der höchste Gerichtsprocurator

Uldahl

in dem

hohen Königlichen Gerichte

am 16 März gehalten hat. 1772.

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Mein Herr.

In mein erstes Schreiben, vom 17 Jan. habe ich Ihnen von der diesigen grossen Staatsveränderung, und was bey deren Arretirung vorgefal- len, Nachricht ertheilet.

Mein 2tes Schreiben hat Ihnen gemeldes, was dieserwegen für Herren zur Inquisiitionscommißion ernannt sind, und wie die Staatsgefangenen von Zeit zu Zeit sind abgehöret worden.

Und im 3ten Schreiben berichtete ich den Verfolg, und daß der König ein besonderes hohes Gericht be- stellet, und was für Personen dazu ernannt sind, auch wie dem Gerichts Procurator Uldahl und dem Cammer-Advocaten Bang die Vertheidigung die- ser Personen allerhöchst übertragen worden.

Mit diesem 4ten Schreiben sende ich die Copie von derjenigen Rede, so der Gerichts-Procuraloe Uldahl am 16 März in der ersten Versamlung des Königl, angeordneten Gerichts gehalten hat.

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Copie derjenigen Rede,

Welche der Gerichts-Procurator Hr. Uldahl in der Versamlung des Königl, angeordneten Gerichts am 16 März gehalten hat.

P. P.

Der Auftrag, der Ihnen sowol; als mir, von des Königs Majestät gemacht worden, unpar- theyische Beurtheiler einer Handlung zu seyn, welche ganz Dännemark zum Gegenstände hat, berechtiget uns insgesamt, ja es nöthiget uns dieser Befehl so gar, uns jetzt einen Augenblick selbst zu verleugnen, und der Verbindung zu entsagen, mit welcher uns Geburt, Stand und Pflicht der Hand unserer Majestät unterthänig und verbunden gemacht hat. Weder Partheylichkeit noch Furchtsamkeit müssen jetzt die Führerin unserer Urtheile und Empfindungen seyn; sondern allein die Gerechtigkeit und Billigkeit sind die Wagschalen, auf welchen wir auch jetzt alle unsere Handlungen abwägen müssen, und die auch allein unsre Herzen und unsere Zunge regiren sollen. Der Befehl und dir Freyheit, welche mir von des Königs Majestät, in dieser wichtigen und ganz ausserordentlichen Sache zu sprechen, allergnädigst ertheilet worden, machen mich kühn, ohne Zurückhaltung zu reden und zu bandeln. Ich werde mich nie erfrechen, dem Laster die Schminke der Tugend, und der Ungerechtigkeit die Maske der Gerechtigkeit zu geben: ich werde aber doch nach allen Regeln der Billigkeit, und nach den wahren Empfindungen meines Herzeu auf das getreuste untersuchen: Ob man nicht einen Schritt über die Gränzen gewagt habe, wenn man eine Person, deren Geburt und hoher Stand sich weit über den Staub eines Unterthanen erhebt, ob man diese Person und ihre Handlungen,

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sage ich, eben mit dem Maßstabe messen kan, nach welchem man die Verbindlichkeit und dir Handlungen eincs Unterthanen oder Bedienten des Staats beurtheilet; und ich glaube der Gerechtigkeit und Billigkeit nicht zu nahe zu treten, wenn ich dem Gegentheile das Wort rede. Sie, meine Herren, sind insgesamt sattsam von demjenigen unterrichet, was die Anschuldigungen gegen die - - - betrift, und es kommt nur darauf an daß sie der Stimme der Partheylichkeit kein Gehör geben, und allein der Gerechtigkeit und Billigkeit das Wort führen lassen. Das Vertrauen, welches ich in Dero Recht- schaffenheit setze, spricht sie schon zum voraus von dem erstern frey. und ich hoffe daß ihre Liebe zu eben dieser Geeechtigkeit meinen Gründen ohne Bedenken auch beytreten werde. Der König selbst stellet sich jetzund Dero Beurtheilungen frey, und Höchstdero gnädigste Herablassung erlaubt Ihnen, in einigen Stücken nicht den Monarch zu betrachten; und Sie dürfen ohne Einschränkung alle Handlungen untersuchen, um sie entweder zu billigen odre zu radeln, und eben diese Herablassung erlaubt auch mit, alle meine Gedanken frey zu eröfnen und die Bertheidigung der Beklagten zu unternehmen.

Ich mag nun diese Sache auf einer Seite be- rachten, auf welcher ich will, so finde ich so viele Bedenklichkeiten in dem Verfahren gegen die Person der - - - daß ich nicht umhin kan, sie nicht in einem jeden Stücke zu billigen. Billig haben wir jetzt die Person des K • • und dessen G • • aus einem zwiefachen Gesichtspuncte, und zwar in demjenigen Augenblicke, da der Befehl und die Vollziehung der Gefagennehmung geschah, zu betrachten: entweder auf der Seite der Majestät, oder als Gemahl, und ich glaube, daß die erstere der Hauptgegenstand sey, auf welchen man jetzt sein Augenmerk zu richten habe. Eine der wichtigsten Fragen, welche sogleich

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aus den Namen der Majestät gefolgert werden muß, ist: in wie weit man der Majestät einer K - - ein Staatsverbrechen imputren könne, wofern man sie nicht zu der Classe der Unterthanen des Reichs und des Königs berabsetzen und sie ihnen gleich be- handeln will. Und wie ist es möglich dieser Her- absetzung Raum zu geben; die Verbindung, in welcher dieselbe als Gemahlinn stehet, kan zu diesem Schrit nicht im geringsten berechtigen. Ich will nur einen der geringsten Gründe erwehnen. Da es die Gesetze erlauben, nach dem Ableben eines Königs während der Minderjährigkeit des Kronprinzen das Ruder des Staate der Majestät einer verwitweten Königinn in die Hände zu geben, so spricht eben dieses Recht sogleich einer Königin alle Unabängigkeit schon bey Lebzeiten ihres Gemahls stillschweigend auf einmal zu; obgleich eine Königin nichts weniger als das Ruder des Staats bey dem Leben ihres Gemahl zu führen berechtiget ist. Und spricht sie nicht der hobe Stand iihrer Geburt und als eine Prinzeßin eines fremden Staats von eben dieser Un- terthänigkeit vollkommen und ohne Umschweif frey? Mich dünkt Ja. Kan man also wol mir Recht gegen eine Person so verfahren, als man es gegen einen Unterthan des Staats zu thun befugt ist? Ich will jetzt nicht einmal anführen daß der Person einer Königin der ganze Staat die Erhaltung des königlichen Stammes zu verdanken hat. Giebt sie uns nicht des Throns würdige Prinzen? Nein! unmöglich kan man gegen dieselbe eben so, wie gegen denjenigen verfahren, der ein Eingebohrner des Staats, oder acquirirter Unterthan der Krone ist, und dessen Abhängigkeit allein von der Majestät des Monarchen dependitet.

Aber noch nicht genug, meine Herren, daß wir hier die Seite der Majestät betrachtet haben; wir wollen uns nach einein andern Gesichtspuncte wen-

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den, wir wollen sie blos als Gemahlin ansehen, wir wollen alle diejenigen Rechte beyseite setzen, de- ren ein Monarch, dessen Macht unumschränk- ist, sich bedienen kan, mit seinen Unterthanen nach der Strenge zu verfahren, und über sie ein Urtheil zu sprechen, welches seinen weisen Einsichten gemäs ist: so glaube ich auch bier nichts weniger als dieses zu finden, daß ein Ehemann eine unumschränkte Gewalt über die Person seiner Gattin besitze; da die Ehe nichts anders als ein pactum ist, dessen finis in mutuo auxilio & propagatione stirpis besteht. Sind die geistlichen Gerichte blos darum kür die Wohl- farth) eines Staats geordnet, damit sie diese Ge- rechtsame beschützen, die Ordnung derselben erhal- ten, und demjenigen Theile, dessen Beschwerden den andern bey diesen Gerichten angebracht werden Ge- rechtigkeit wiederfahren lassen? Und kan man wol eine Entscheidung beschlissen, bevor nicht das billige Audiatur & altera pars Statt gefunden hat? Ue- beriegen sie wohl, meine Herren, ob sich nicht in hoc statu bereits das Gegentheil geäussert hat. Die Gewalt, mit welcher man die K - - - C - - - be- handelt hat, zeiget offenbar die Herabsetzung ihrer Hoheit, ihrer Geburt, und ihrer Gerechtsame als Gemahlin, ja überhaupt des Bandes, das sie mit der Monarchie verknüpfet; und nur die Wiederher- stellung ihrer Freyheit kan den Glanz ihrer Hoheit und Gerechtsame wieder in etwas erheben. — Und in wie weit sich die ehelichen Verbindungen aufbe- den lassen, kan aus den geistlichan Rechten unsers Staats am sichersten beurtheilet werden.

Ihre hoben und weisen Einsichten, meine Her- ren. Ihre Gerechtigkeits-Liebe und ihre Unpartbey- Iichkeit lassen mich boffen, daß Sie meine Gründe, welche ich Ihnen jetzt und ferner vorlege, in tiefe und und unpartheyische Ueberlegung ziehen werden. Es würde unnöthig seyn, Ihnen alles dasjenige zu

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wiederholen, was diese hobe Person selbst zu eigener Vertheidigung angewendet hat. Alle diese Pap- piere sind in Ihien Händen, kesen Sie, urkheilen Sie, nnd dann werden Ihre Gesinnungen nicht an- ders als meinen Gedanken und meinen Gründen beytreten können, deren Aufsatz ich Ihnen ebenfals schriftlich und weitläuftiger, und, wie ich mir schmeichele, weit gründlicher darlegen werde, als es mit diese wenigen Augenblicke erlauben, welche ich, vor Ihnen zu reden, die Erlaubniß habe. Der König hat Sie zu Richtern gesetzt, und allein von Ihren Urtheilen wird es abhangen, die Rechte der Maje- stät zu beschützen, die monarchische Gewalt zu er- halten, und die Freyheit des Reichs zu unterstützen. Blos nach Ihrem Ausspruche wird man die Belei- digungen in einem höhern oder niedrigern Grade be- trachten, und blos in ihre Hände ist es gegeben, einer Person den Vorzug und hoheit ihrer Geburt, und die Rechte der Majestät zu erniedrigen, ja ich will sagen gänzlich abzusprechen. Sie allein haben es jetzund in Ihrer Gewalt, entscheidende Richter zwischen einem Gemahl und einer Gemahin zu seyn, deren Rechte und Verbindlichkeit, aus diesem Ge- sichtspuncte betrachtet, einander von je her gleich gewesen sind. — Wir können nichts anders als uns vertheidigen, und diese Verbeidigung kan aus keinem andern Grunde fliessen, als welche uns die Gerech- tigkeit und Billigkeit an die Hand giebt.

Der Befehl meines Könige hat mich zu dieser Vertheidigung beschimmt. Leben sie aber versichert, daß ich nichts ohne die genaueste Prüfung unterfangen werde; wedet die Partheylichkeit noch der Affect, sondern allein die Rechte und mein Gewissen sollen in allen meinen Unternehmungen für diejenigen Personen, die meiner Vertheidigung anbefohlen sind, die Feder führen.

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56 Von den Staatsgefangenen ist nichts Neues zu berichten. Der Graf Struensee beschäftiget sich itzo in seinem Gefängnisse mit Schreiben, weil er dazu in Gegenwat des Hn. D. Münters die Er- laubniß zu schreiben erhalten hat, er beschäftiget sich damit viele Stunden, und alles was er schreibt wird in seiner Gegenwart versiegelt, und also zu dem Baron Juel Wind zur Aufbewahrung gesandt. Diese Erlaubniß hat der Graf Brand gleichfals in Gegenwart des Probsten Hee erhalten.

Am 7 April die waren beiden Brüder, der Graf und der Justitzrats Struensee wie auch der Oberste Fal- kenschiol, wieder im Verhör.

Und am 10 April wurden die Sachen der Grafen Struensee und Brand von den verordneten Advocaten vor der Inquisitions-Commitzion vorgetragen, wobey der General-Fiscal Vivet Kläger war; es ist also mit dem ehesten das Endurtheil zu hoffen. Der Justitzrath Struensee hat seine Bertheidi- gung schriftlich aufzusetzen die Erlaubniß erhalten, und damit er im Schreiben nicht, gehindert wird, so ist er itzo an der linken Hand und rechten Fuß ge- schlossen. Seine Bertheidigungsschrift von 6 Bogen hat er der Commißion schon übergeben.

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5tes Schreiben.

Von

Copenhagen, vom 25 April,

worin

von dem Verhör

und

Urtheil

der Gräfen

Struensee und Brand Nachricht ertheilet wird.

1772.

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Mein Herr!

Da Sie bey mir so dringend anhalten, von der hiesigen am 17 Jan. entstandenen grossen Staatsveränderung, auch keine Kleinigkeiten, die damit eine Verbindung haben, zu verschweigen, so habe nachgesehen, was ich etwa übergangen hätte, und finde noch folgendes, so ich nicht der Mühe werth geachtet, und welches bey müßigen Stunden gesamlet, um bey erster wichtigen Gelegenheit mit zu übersenden; es bestehet in folgenden:

Zu Ausgange des Märzen hat der Graf Struensee einen Brief von seinen Vater nnd Mutter erhalten. Des Vaters Brief ist in dem Styl eines aufrichtigen und rechtschaffenen Theologen geschrieben, und

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60 der Graf, da er durch diesen Brief sehr gerührt worden, hat gesagt: daß er darin seinen Vater erkenne. Der Brief von seiner Mutter ist hingegen mit den liebreichsten Antheil eines fühlenden Herzens ge- schrieben. Denn statt den Grafen mit Vorwürfen zu überhäufen, geht sie auf seine Erziehungsjahre zurück, und bittet ihn um Verzeihung, wenn sie etwa in der Erziehung des Grafen solte gesehlet, und schon damals unwissend und wider ihren Willen den G und zu seinem jetzigen Unglück gelegt habe. Es hat auch der Graf die Erlaubniß erhalten bende Briese zu be- antworten, doch muß die Antwort vorher, ehe die Absendung geschickt, gelesen werden. Des Grafen Struensee erspartes Tagegeld hat sich am 31 März auf 3 Rthl. befunden; hieraus ist zu ersehen, wie mäßig er in sei- nem Gefängnisse gelebet hat. Und seine größte Beschäftigung ist auch anitzo sich in wahren christlichen Glauben zu gründen und festzusetzen, worin ihn auch der Hr. D. Münter mit dem grössesten Fleisse unermüdet unterstützet.

Den 1 April wurde der Legationsrath Sturtz, ob er gleich sehr krank wor, von dreyen Mitgliedern der Inquisitions-Com-

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mißion auf der Hauptwache abgehöret. An diesem Tage sind auch der Etatsrath Willebrandt, und der vormalige Cabinekssecretair Panin in ihren Häusern abgehöret worden.

Den 2 April war die angesetzte Königl, grosse Commißion, welche aus 39 Personen aus allen Collegiis und Departementern bestehet (und im 3ten Schreiben benennet sind) auf dem Versamlungs-Saal der vormaligen Königl. Rentekammer, von 4 Uhr Nachmittags, bis 11 Uhr Abends versammelt. An diesen Tage ist das Protocoll geschlossen, und am 6ten ist sie wieder zusammen gewesen.

Am 2ten April wurden die Grafen Struensee und Brand, den 9ten vor der Inquisitions-Commißion zu erscheinen, citiret. Der Hr. General-Fiscal Vivet hat hierauf denselben solche Citation den 3ten April übergeben, und den 5ten April sind ihre Advocaten, der Uldahl bey dem Grafen Struensee, und der Hr. Bang bey dem Grafen Brand gewesen, um sich mit dieselben wegen ihrer Verantwortug zu besprechen. Diese Verantwortung ist sodann seit dem 10ten April vor der Com-

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mißion auf dem Schlösse von ihnen vorgetragen worden.

Den 7 April waren auf dem Castel der Graf Struensee und der Justitzrath Struensee, ersterer vielleicht zum letztenmahl, vor der Inquisitions-Commißion im Verhör.

Es war auch an diesem Tage die Com- mißion auf dem Schlosse versammelt, wo vor derselben die Verhandlung der Sachen, des Grafen Struensee und Brand von Seiten der verordneten Advocaten ihren Anfang nahm. Der General- Fiscal, Hr. Vivet, ist Kläger, und die Defendenten der Angeklagten sind der Gerichts-Procurator, Hr. Uldahl, und der Kammer-Advocat, Hr. Bang.

Und den 8ten April wurde der Obersie Falkenschiold gleichfals zum Verhör bey erwehnter Commißion vorgebracht.

Sonsten geniesset itzo das ganze Königliche Haus eine vollkommene Gesundheit, und unser allergnädigster König machen sich mit dem Erbprinzen täglich veränderliches Vergnügen, und lassen sich zur Freude Dero Unterthanen öffentlich sehen.

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Am 9 und 19 April reisete der Englische Minister Hr. Keith, nach Kronenburg, um sich mit Ihro Majestät, der Königin zu unterreden, und kam des folgenden Abends wieder zurücke.

Der Hofstaat der Königin Carolina Mathilda, wird anitzo ansehnlich vermehret, und bestehet aus folgenden Personen: Ein Ober-Hofmeister, 2 Hof-Cavaliers, 3 Hof-Damen, 1 Schloß- und ProviantVerwalter, 1 Caßirer und Hofschreiber, 1 Kammerfrau, 1 Kammerjungfer, 1 Kammer-Laquay, 4 Laquayen und 1 Mundkoch; der ganze Hof-Etat aber 60 Personen ausmachen. Der Oberste Penz künftiger Ober-Hofmeister der Königin, ist gestern mit dem Caßirer Martini, von hier nach Jütland abgereiset.

Am 23. 24. und 25. April ist die Inquisitionscommißion wieder versamlet gewesen, und heute ist von derselben bey offenen Thüren das Urtheil des Grafen Struensee und Brand dahin publiciret worden, daß sie ihrer Ehre und Güter für verlustig erklärt, ihnen die rechte Hand und der Kopf abgehauen, der Leib geviertheilt und auf das Rad geflochten, die

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Hand aber, nebst dem Haupte, auf Pfähle gesteckt werden.

Es muß aber dies Urtheil noch erst von des Königs Majestät unterschrieben werden, und es steht daher zu erwarten, ob Se. Majestät es in allen Stücken bestätigen, oder es mildern, und Gnade vor Recht ergehen lassen werden.

Solte die Confirmirung des Urtheils von Sr. Königl. Majestät erfolgen, so werde nicht ermangeln, Ihnen solches mit allen dabey besonders vorfallenden Umständen zu berichten.

Ich bin & c.

1

Die Bücher

der

Chronika

des

Grafen Struensee,

woinnen geschrieben ist

was sich zugetragen hat mit ihm, und wie er verderben wollte das Volk der Dänen und den König;

imgleichen

was sich ferner zugetragen hat bis auf diesen Tag, ausgezeichnet von

Ismael Nerias.

Vorsänger in der Synagoge.

1772.

2

Das 1. Capitel.

Und es begab sich zu der Zeit, daß der König Friedrich herrschete über sein Volk in Däne- mark, und die Kinder der Dänen hatten Friede vor ihren Feinden rings umher, und ein jeder saß unter seinem Feigenbaum in Ruhe.

2. Denn Friedrich regierete sein Volk weislich, und schaffte ihm Recht vor allen Feinden.

3. Der König aber starb und ward begraben zu seinen Vätern, und jedermann trug Leide über ihn.

4. Und sein Sohn Christian ward König an seiner statt. Siebzehn Jahr alt war Christian, da er König ward.

5. Und trug Leide um seinen Vater Friedrich, und zerriß seine Kleider, und streuete Asche auf sein Haupt, und gürtete einen Sack um seine Lenden, und trug Leide, einen Tag und sieben Tage.

6, Und da der König Friedrich todt war, berief Christian alle Räthe und Amtleute und die Obersten seines Volks zu sich auf seine Burg, und ließ sich schwören den Eid der Treue.

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3

7. Und alle Räthe und Aeltesten und Amtleute kamen, und neigeten ihr Antlitz zur Erden und beteten an und sprachen: Gott verleihe dir langes Leben Herr König! Was will unser Herr, der König, daß seine Knechte thun sollen?

8. Der König aber sprach: Ihr sollt mir schwö- ren den Eid der Treue, wie ihr meinem Vater Friedrich geschworen habt.

9. Sie aber sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte, wir und unsere Kinder, mache mit uns, wie es dir wohl gefällt. Und sie schwuren alle, und riefen: Glück zu dem Könige und seinem Saamen nach ihm! Und alles Volk mußte sagen: Amen!

Das 2. Capitel.

Es ward aber funden eine Königs-Tochter in England, eine schöne Jungfrau. Und es ward dem Könige Christian angesagt: Siehe, wir haben gefunden eine Königs-Tochter in England, die ist fast schön.

2. Und der König hatte Lust zu ihr, und wollte sie nehmen zu seinem Weibe.

3. Und er schickte Boten an den König der Engländer, und ließ ihm sagen: Willst du mir deine Schwester zum Weibe geben. Denn der Jungfrau Vater war versammlet zu seinen Vätern, und sie war unter der Hand ihres Bruders.

4

4. Da ließ der König seine Schwester Carolina rufen, und sprach zu ihr: Willt du mit diesen Männern ziehen? und sie sprach: Ja! Da gab der König der Engländer seine Schwester dem Könige Christian in Dänemark zum Weibe.

5. Der König aber machte ein groß Mahl allen seinen Knechten und seiner ganzen Freundschaft, und ein jeder konnte thun, was ihm gut deuchte, an dem Tage, da der König die Jungfrau zum Weibe genommen hatte.

6. Und sie gebahr ihm einen Sohn, welcher genennet ward Friedrich, und er sollte sitzen auf dem seines Vaters nach ihm.

7. Als dieses alles vollendet war, rief der König abermal seine Räthe und Amtleute und die Aeltesten im Volk zu sich und sprach: Ich habe mir vorge-

nommen zu thun eine Reise in ferne Lande, und ihr sollt Acht haben auf mein Volk, daß alles ordentlich zugehe, und einem jeden Recht wiederfahre.

8. Und der König besahe viele Länder und Königreiche und Städte, und zog wieder heim in sein Land und zu seiner Freundschaft.

9. Und jedermann freute sich, daß der König wieder heim kommen war, und jauchzete, und stellete Freudenfeste an, und alles Volk pfif mit Pfeifen.

Das 3. Capitel.

Es war aber ein Mann im Lande, weise und verständig zu heilen allerley Krankheiten, der hieß Struensee.

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5

2. Und es wurde dem Könige angesagt, siehe, da ist ein Mann, der weise ist für dich, dein Leibarzt zu seyn.

3. Und der König ließ ihn rufen, daß er ihn ehrete, und er gewann ihn lieb, und er zog mit dem Könige seinen Weg in ferne Lande, bis er wieder heim kam.

4. Der Mann aber war ein listiger Fuchs, und stahl dem Könige sein Herz.

5. Und der König machte ihn zu seinem Rathe, und that nichts ohne ihn. Da befahl der König den Aeltesten und Obersten und Amtleuten, dem Feldhauptmann und allen Hauptleuten und Kriegsknechten und dem ganzen Volk, daß man den Mann ehren sollte.

6. Und der König machte ihn zum Grafen, und ließ ihn sitzen an seiner Seite; darzu gab er ihm Geld und Guths genug, wie auch Feyerkleider, und that einen Fingerreif an seine Hand, worauf des Königs Bild gemahlet war künstlich, auch machte er ihn zum Ritter vom Elephanten, nach der Sitte des Landes.

7. Und Struensee that, was ihm wohl gefiel; denn er hatte dem Könige sein Herz gestohlen, und trachtete darnach, wie er alles in seine Hände bekäm.

8. Denn er wurde stolz, und sein Herz erhob sich in seiner Glückseligkeit; denn sein Herz war voller Bosheit und Neid und öittrer Galle.

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9. Der Graf Struensee aber machte viele neue Satzungen und gab sie dem Volke, welche verderbeten die guten Sitten, und nicht taugten, und befahl, daß man sie halten mußte bey des Königes Ungnade.

10. Die Aeltesten aber im Volk und die alten weisen Räthe sichen wohl, daß dieses nicht taugte, und daß man ausrotten wollte, den wahren Gottesdienst, daß man falschen Götzen opferte.

11. Aber sie zähmeten ihre Zunge. Denn der Graf Struensee wußte dem Könige alles unter einem falschen Scheine vorzustellen, als ob er des Volkes und des Reiches Beste suchte.

12. Und er hatte sich einen Anhang gemacht unter etlichen der Obersten und Amtleute, die eben so voller Schalkheit waren, wie er, und die K * * sahe ihn gnädig an, und sie neigete ihr Herz ab vom K * *, daß es nicht mehr war wie gestern und ehegestern..

13. Und sie verbanden sich heimlich, daß sie ver- derben wollten den König und sein ganzes Haus, damit sie herrschen möchten über das ganze Königreich allein, und Struensee wollte sich nennen lassen einen Protector.

Das 4. Capitel.

Die Aeltesten aber und die Hohenpriester und das ganze Volk sahe wohl, daß man ein Joch über ihre Hälse bringen wollte; sie durften es aber

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nicht wagen zum Könige: denn jedermann furchte sich. Denn Struensee und Brandt lauerten täglich vor des Königs Kammer, damit niemand hingienge und redete mit dem Könige allein,

2. Und nicht offenbar würde, was Struensee thät, um sich groß zu machen.

3. Da gieng alles Volk in seine Kammer, und weinete heimlich, und streueten Asche auf ihre Häupter, fasteteu und riefen zum Herrn, daß er sie errettete von der Hand ihres Widersachers.

4. Der König aber wußte nichts von alle dem was vorgieng, und machte Struensee noch grösser, und setzte seinen Stuhl über alle, die bey ihm waren.

5. Und alle Knechte des Königs, die im Thor des Königs waren, beugeten die Knie und beteten Struensee an.

6. Von der Zeit an trachtete Struensee, wie er zum obersten Fürsten würde im Königreiche, und sich zueignen möchte das Herzogthum Plön mit List.

7. Sein Herz aber erhob sich noch mehr, und machte einen Anschlag, wie er sich setzen möchte auf den Stuhl des Königs Christian.

8. Und Struensee hielt einen Rath mit seinem Anhange, wie er ausführen möchte die Anschläge, die er gegen seinen Herrn, den König, gefaßt hatte.

9. Und wie er umbringen möchte den König, und des Königs Mutter, Juliana Maria, und ihren Sohn Friedrich, und seine Schwester Maria Amalia.

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10. Und daß jedermann fallen sollte vor ihm, durch die Schärfe des Schwerdts, beyde klein und groß, wenn man sich auflehnen wollte wider ihn, und nicht schwören den Eid der Treue, wie man ihn zu schwören pflegt den Königen, und die K * * C * * sollte sitzen neben ihm.

Das 5. Capitel.

Da ließ Struensee ausrüsten alle Kriegsknechte des Königs, und die Reußigen und Crethi und Plethi täglich, als ob sie ziehen sollten in Streit, den Bürgern aber sollten ihre Rüstungen genommen werden.

2. Und er ließ Canonen fahren auf die Mauern und Bollwerke der Stadt, und ließ sie richten gegen die Gassen, damit er zwingen könnte alle, die sich wider ihn setzen würden. Er aber überredete den König, als ob sein Volk murrete wider ihren Herrn.

3. Und es war ein groß Klagen und Heulen unter dem Volk, und viele fasteten, weineten, trugen Leide und hülleten sich in Säcke und saßen in der Asche Tag und Nacht.

4. Und niemand durfte zu des Königs Thor eingehen, außer wenn ihn die Kriegsknechte führeten hin und her.

5. Struensee aber hatte beschlossen, daß er ausführen wollte sein Vorhaben mit seiner ganzen Rotte auf den 17. Tag des Monats Tebeth, in der Nacht, wenn alles sicher wäre im Schlaf.

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6. Und Struensee sprach: Gott thue mir diß und das, wenn einer davon kommen soll mit seinem Leben, der sich widersetzet meinem Willen, auch nicht einer der an die Wand pisset.

7. Der König aber hatte einen Feldhauptmann, der hieß Eichstedt, ein weiblicher Mann, und es wurde ihm angesagt, siehe, der König hat Lust zu dir, und du sollt heute kommen zu des Königs Mahl, mit ihm das Brodt zu essen.

8. Und nach dem Mahl wurde er gerufen in eine Kammer auf der Burg, und er wußte noch nicht, daß man etwas Vorhalte wider den König und sein Haus.

9. Und Struensee sprach zu ihm: Du bist ein weidlicher Mann, der kein feiges Herz hat, und du sollt groß werden vor allem Volk, wenn du willigest in den Rath, und deine Hand mit uns ist wider den König und sein Haus.

10. Da wurde der Feldhauptmann Eichstedt traurig, daß er sollte brechen den Eid, den er seinem Herrn, dem Könige, geschworen hatte, und sprach: Das sey ferne, daß ich meine Hand aufheben sollte gegen den Gesalbten des Herrn.

11. Struensee aber zeigete ihm an alles, was man vorhatte und wie man es hinausführen wollte, und sprach: Du wirst nicht von dannen herab kommen in dein Haus, bis du gewilliget hast in den Rath, den wir beschlossen haben, und du sollst ver-

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sammlen alle Kriegsknechte, die unter deiner Hand sind, daß sie uns beschützen in unserm Vornehmen.

12. Auch sollst du trachten zu gewinnen den obersten Hauptmann Köller, daß er uns beystehe mit allen seinen Knechten und Reußigen.

13. Aber die Kriegsknechte des Obersten Köller hüteten des Tages auf der Burg.

14. Der Feldhauptmann Eichstedt aber stellete sich, als ob ihm wohlgefiel alles, es ihm Struensee vorsagte, und versprach, daß er ihm beystehen wollte und ihn setzen auf des Königs Stuhl.

Das 7. Capitel.

Am Abende aber desselbigen Tages war ein groß Fest angestellet, und man tanzte am Reigen, und der König tanzte und war fröhlich.

2. Denn er dachte nicht, daß man ihm nachstel- lete. Das war aber alles so geordnet, damit man ausführen möchte was man vorhatte.

3. Struensee aber, als es ihm Zeit dünkte, war nicht mit beym Reigen, und er befahl dem Feldhauptmann Eichstedt, daß er eilen sollte und ausführen, was er versprochen hatte.

4. Und der Feldhauptmann eilete'in sein Haus und zog seine Kleider aus, und legte andere Kleider an, und verstellete sich, daß man ihn nicht kannte vor allen seinen Dienern, und schlich sich heimlich aus zur Thür, daß er es kund machte einigen von

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den Aeltesten und Rathen des Königs, was man wider Christian beschlossen hatte.

5. Und er gieng hin zu dem Reichsgrafen von Ranzau-Aschberg, und weinete und erzählete ihm alles was vorgieng.

6. Da zerriß Ranzau seine Kleider, raufte sich den Bart aus und stellete sich scheuslich. Und er lief eilend mit dem Feldhauptmann Eichstedt zu des Königs Mutter Juliana Maria, daß er ihr ansagte: siehe man trachtet nach deinem Leben und will umbringen den König und sein ganzes Haus. So mache dich nun auf zum Könige, zu erretten dich und deine ganze Freundschaft.

7. Da erschrack Juliana sehr und weinete und raufte sich die Haare aus.

8. Und es wurden Boten gesandt heimlich zu des Königs Bruder Friedrich, und zu dem Obersten Köller, und des Königs geheimen Rath Osten, und ließen ihnen sagen: Machet euch eilend auf zu kommen zu der Königin Juliana, und sie kamen eilend dahin ängstlich.

9. Der König aber war gutes Muths in derselben Nacht, und war vom Reigen kommen, und er lag auf seinem Bette.

10. Da machte sich eilend auf die Königin Ju- liana und alle die bey ihr waren, und giengen hinein zum Könige in seine Kammer, ohne daß sie es ansageten vorher.

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12 11. Da erschrack der König heftig und entsatzte sich und sprach: Was willst du, Königin, mein Gott! was willst du?

12. Die Königin aber weinete laut und sprach: Nicht doch, mein Sohn, denke nicht Arges in deinem Herzen, daß wir etwas Vorhaben wider den König. Sey getrost und unverzagt. Wir sind kommen, zu erretten dich und dein ganzes Haus, sammt alle dein Volk von der Hand deiner Feinde.

13. Und Juliana redete weiter und sprach: Habe ich Gnade funden vor dir, so gieb mir mein Leben: denn wir sind verkauft, ich und du, daß wir erwürget und umbracht würden.

14. Da ergrimmete der König sehr und sprach: Wer ist der, oder wo ist der, der solches in seinen Sinn nehmen dürfte, also zu thun?

15. Und die Königin sprach: Es ist Struensee und sein Anhang, der nach unserm Leben trachtet, und dürstet nach deinem Blut, und herrschen nach

und sitzen auf deinem Stuhl mit der K** C*. 16. Die Königin aber konnte nicht weiter reden vor Weinen und Traurigkeit. Da sagte des Königs Bruder alles was er wußte, und sie lagen dem Könige alle an, daß er eilen sollte, sie zu retten, ehe denn sie gegeben würden in ihrer Feinde Hände.

Das 8. Capitel.

Der Graf von Ranzau aber, des Königs Rath, hatte geschrieben geheime Befehle in Eil an

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alle Obersten und Hauptleute über hundert und über fünfzig im Namen des Königs, was sie thun sollten, zu beschützen den König, damit nicht ein Aufruhr werde im Volk, auch nicht einer entrinnen möchte von denen, die wider den König waren.

2. Und er zog sie hervor aus seinem Sack, und zeigete sie dem Könige und sprach: Habe ich Gnade funden vor dir, mein Herr König, so unterschreibe sie, und besiegle sie mit deinem Ringe, damit dein und unser Leben erhalten werde, und deine Feinde fallen in ihre Stricke.

3. Denn der Schrift, die in des Königs Namen geschrieben ist, und mit seinem Ringe besiegelt, muß jedermann gehorchen.

5. Als der König dieses sahe, ward er sehr traurig und sprach: Mein Gott! dieses wird ganze Ströme Bluts kosten. Ranzau aber antwortete: Sey getrost, mein Hert König, alles Unglück soll auf meinen Kopf kommen, wenn es übel gehet, eile nur und verzeuch nicht. Und sie baten ihn alle.

5. Da unterschrieb der König und sein Bruder Friedrich, und versiegelten sie mit ihrem Ringe.

6. Und es wurden Boten gesandt, und die Boten eileten und kamen zu einigen Hauptleuten von den Kriegsknechten des Feldhauptmanns Eichstedt und des Obersten Köllers, und gaben ihnen des Königs Befehl, daß sie wußten, was sie thun sollten, und sie richteten alles aus.

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7. Und der König that alles unter die Hand des Feldhauptmanns Eichstedt, und satzte ihn über die Stadt Copenhagen, dieweil er treu gewesen war dem Könige und nicht gewilliget hatte in den Rath seiner Feinde.

8. Und der Feldhauptmann Eichstedt nahm zu sich eine Schaar seiner Reußigen, welche man nennet Dragoner, und besetzte des Königs Burg, und die Kammer, da der König innen war, damit niemand den König antasten möchte.

9. Und es wurden gefangen genommen der Graf Struensee und sein Bruder, welchen man nennet einen Justitzrath, und der Graf Brand, und der Feldhauptmann Gude mit seinem Weibe, und sie wurden auf die Citadelle gebracht, ein jeder an einen besondern Ort.

10. Und noch viele andere wurden gefangen genommen, die verdächtig waren, wie der König befohlen hatte, also daß nicht einer entrann von allen denen, die schuldig waren.

11. Der König aber war sehr betrübt, daß auch die K * * C * * wider ihn war, und befahl seinem geheimen Rathe Ranzau, daß er hinginge und zeigte an der K * *, wie sie übels gethan habe vor ihm.

12. Und der König war sehr ergrimmt über sie, und befahl dem Grafen Ranzau, seinem Rathe, daß er zu sich nahm noch einige Kriegsknechte, und

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hinging zur K * *, daß er sie gefangen weg- führete.

13. Und Ranzau thät, wie ihm der König befohlen hatte, und nahm zu sich einige Kriegsknechte, und ging mit dem Grafen von Osten, des Königs geheimen Rath, und kam vor die Kammer, da die K - - C - - innen lag, und trat vor ihr Bette.

14. Da Hub die K * * ihre Augen auf, und fragte: Wer ist da? und da sie den Grafen Ranzau sahe, sprach sie: Bist du es? Bist du ein guter Bote? Lebt der K * * noch? Wo sind meine Knechte, Struensee und Brand?

15. Ranzau aber that, als ob er es nicht achtete, und richtete aus, was ihm der König befohlen hatte, und daß er käme sie gefangen weg zu führen, nach dem Worte des Königes.

16. Da ergrimmete die K * * heftig, und sprang von ihrem Lager und sprach: Das soll dein Leben kosten! Wo ist mein Knecht Osten?

17. Ranzau aber antwortete, daß er harrete vor der Thüre der Kammer der K * *; und sie rief voller Grimm: Ist der auch ein Verräther!

18. Da fragte sie abermal: Wo sind meine Knechte, Struensee und Brand?

19. Und Ranzau antwortete und sprach: Sie sind gefallen vor des Königs Zorn und gefangen weggeführet nach die Citadelle.

20. Da ergrimmete der K - - noch heftiger, und

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16 sprang auf von ihrem Bette, und ergriff den Grafen beym Zopf, und stellete sich ungebärdig.

21. Da rufte Ranzau zween von der K - - Dirnen, welche draussen stunden, daß sie der K - - die Kleider anlegten, denn sie war fast bloß.

22. Sie aber ergriff ihren Mantel, und hüllete sich in denselben, und suchte zu entfliehen durch einen verborgenen Gang. Die Thüre desselben aber war schon bewahret mit Hütern, daß niemand aus ihren Händen entrinnen konnte.

23. Deß erschrack sie heftig, fiel nieder auf einen Stuhl, und ihre Kraft wich von ihr. Man suchte sie aber zu stärken mit kräftigen Wassern; da wurden ihre Augen wacker und stärkete sich.

24. Da nahm sie Ranzau bey der Hand, und eilete mit ihr nach dem Thor, damit er thät nach dem Worte des Königes. Er hatte aber sein bloß Schwerd in seiner Hand, und er brachte sie bis an den Wagen, und satzte sie in denselben. Es saß aber neben ihr eine ihrer Dirnen, die hieß Mösting, welche ihrer Tochter pflegete, und trug sie mit sich auf ihren Armen, und saß noch bey ihr ein OberHauptmann, mit Namen Carstenschiold, mit bloßem Schwerdte.

25. Und sie war umgeben mit 30 Kriegsknechten zu Roß, die sie nach dem Schloß Cronenburg brachten, wo sie verwahret wird mit Hütern bis auf den heutigen Tag.

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26. Sie aber aß nicht und trank nicht, sondern weinete und heulete, rauste sich die Haare aus und schrie: Ach du unglückliches Kind! ach ich unglückliche Mutter! Ihre Kammer aber ist verwahret mit starken eisernen Gittern, daß niemand entrinnen kann aus der Stätte.

27. Alles dieses aber geschah in der Nacht zwischen der dritten und vierten Nachtwache.

Das 9. Capitel.

Und da der Tag anbrach, siehe, da wurde ein Gemurmel unter dem Volke; denn ihre Herzen waren feige worden und zageten. Und sie wußten nicht, was vorgieng und sorgeten für des Königs Leben, daß ihm etwas zugestoßen wäre.

2. Und alles Volk eilete nach des Königs Burg. Da wurde dem Könige angesagt: siehe, dein Volk ist versammlet draußen vor dem Thor des Hauses, und träget Sorge um dich. Darum gehe hinaus, und zeige dich dem Volke; denn du bist wie ein Augapfel in ihren Augen.

3. Da stieg der König hinauf aufs Dach, und mit ihm seine Mutter, die Königin Juliana, und sein Bruder Friedrich, und zeigeten sich dem Volke, daß es ihnen wohlgienge.

4. Da wurde das Herz des Volkes fröhlich, und alles Volk rief mit lauter Stimme: Glück zu dem Könige! Lange lebe der König und seine Freundschaft mit ihm!

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5. Und die Einwohner der Stadt Copenhagen jauchzeten, und waren fröhlich, und liefen hin und her. Denn es war ihnen Freude und Wonne gekommen.

6. Und in allen Landen und Städten, wohin die Botschaft gelangete, da war Freude und Wonne unter dem Volke, Wohlleben und gute Tage; denn das Gerücht erscholl in alle Länder durch die reutenden Boten, welche gesandt wurden hin und her von Stund an.

7. Auch alle Obersten im Lande, und Fürsten und Landpfleger und Amtleute freueten sich baß, daß der Herr sie errettet hatte aus der Hand ihrer Wi- dersacher. Denn Struensee hatte das Volk murrend gemacht.

8. Und der König fuhr desselben Tages in seinem Wagen, und mit ihm sein Bruder, durch alle Gassen der Stadt, und das Volk drang sich an den Wagen, daß er kaum durchkommen konnte vor der Menge des Volks.

9. Und die ganze Stadt ertönete von Jubelgeschrey, und alles Mißvergnügen und Angst und Traurigkeit verschwand vor ihren Augen.

10. Und die Priester und Leviten giengen in den Tempel, und brachten Dankopfer und sungen Psalmen, daß der Herr errettet den König und sein Volk.

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11. Am Abende aber desselben Tages war das Jauchzen noch größer, und man machte Freudenfeuer, und zündete Lichter an, und Lampen und satzte sie an die Fenster von unten bis oben aus.

12. Und der König fuhr abermal in seinem Wagen durch die Stadt, und sein Herz freute sich, daß ihn sein Volk liebete.

Das 10, Capitel.

Es waren aber etliche unter dem Volke, die trieben Muchwillen an demselben Abende und in der Nacht, und legten ihre Hände an einige Häuser, die berüchtiget waren.

2. Das gefiel dem Könige übel, und er ließ die Posaune blasen, und es gieng ein Befehl aus vom Könige, daß alles stille seyn sollte, und ein jeder in seine Hütten gienge mit Frieden.

3. Da ward alles Volk stille und ein jeder gieng unter sein Dach: denn sie ehreten den König und sein Gebot.

4. Der König aber theilete Geschenke aus, und belohnete die Treuen unter seinen Rächen und Obersten und Hauptleuten und allen Knechten in seinem Thor. Auch machte er das Weib des Feldhauptmanns Numsen zur Oberhofmeisterin seines Sohnes, der nach ihm sitzen soll auf seinem Stuhl, und den Feldhauptmann Ranzau machte er zum Obersten Feldhauptmann über das Fußvolk, und zum Ritter vom Elephanten. Der Feldhauptmann

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Eichstedt ward Ritter vom Dannebroge und Oberster Feldhauptmann über die zu Roß. Der Oberste Köller aber ward Feldhauptmann.

5. Und der König befahl, daß man diese Geschichte in ein Buch schriebe und verwahrets; und es ist geschrieben in der Chronika der Könige zu Dänemark und wird verwahret in der Kanzeley des Königs, daß es lesen die Nachkommen auf Kindes und Kindes Kind.

Das 11. Capitel.

Struensee aber war hart gebunden mit Ketten, und in ein Gefängniß gesetzet, wo man die Missethäter zu verwahren pfleget.

2. Und man zog ihm die Feyerkleider aus, und zog ihm einen Sack an; und er stellete sich, als wollte er rasen, und lief mit dem Kopf wider das Gitter, damit er sich selbst umbrächte.

3. Die Kriegsknechte aber ergriffen ihn, daß ers nicht ausführen konnte. Da wurde er noch härter gebunden und mit Ketten gefesselt an den Fußboden des Gefängnisses.

4. Es war aber ein Knabe, welcher ihm die Ketten anlegte, der spottete sein.

5. Denn als Struensee noch lebete in seiner Herrlichkeit, war der Knabe angethan mit Fesseln um einer Uebelthat willen, und war ein Sclave.

6. Struensee aber wandelte auf der Gassen, da bath ihn der Knabe um ein Allmosen, und er

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gabs ihm. Da sprach Struensee zum Knaben, als er ihn bat, den König für ihn zu bitten: Um dei- ner Tugend willen trägst du deine Ketten wohl nicht, und er gieng davon.

7. Es begab sich aber nach der Zeit, daß der König Barmherzigkeit thät an dem Knaben, und ihm wurde die Bande abgenommen, und gebracht auf die Citadelle, daß er daselbst dienete und schließen mußte die Missethäter.

8. Als er aber dem Grafen Struensee die Ketten anlegete, spottete er sein und sprach: Mein Herr, um deiner Tugend willen lege ich dir die Ketten wohl nicht an. Struensee aber schwieg stille.

9. Und Struensee ist zum Liedlein worden auf allen Gassen, daß sein Stolz gefallen ist, und es ist auf seinen Kopf kommen alles das Unglück, welches er andern bereitet hatte, und alle seine Anhänger sind mit ihm gefallen.

10. Die Schreiber aber, und die erfahren sind in Schriften, dichteten Liedlein und man sang sie auf der Gassen; denn Struensee war jedermann ein Gräuel worden.

11. Der König aber befahl, daß man ein Dankfest anstellete in seinen Königreichen und in allen seinen Landen und Städten und Dörfern und in den Flecken.

12. Und es geschah also. Das Fest aber wurde gehalten auf den 26. Tag des Monats Januar,

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22 nach der Christen Rechnung, im siebenten Jahre der Negierung Christian des Siebenten.

12. Und man bließ mit Trommeten und spielete mit Cymbeln und Harfen und Geigen in den Tem- peln, und sang Lobgesänge.

13. Die Priester aber lagen auf ihren Knien, und danketen Gott, und ermahneten das Volk, und war ein groß Frohlocken durch das ganze Land in allen Königreichen.

14. Der König ließ auch herbeybringen alle Befehle und Verordnungen, welche ausgegangen waren seit zwey Jahren und drunter.

15. Und ließ sie untersuchen durch seine Räthe, damit hinweggethan würde, was schädlich wäre: denn es hatten sich viele falsche Befehle eingescli- chen ohne Wissen des Königs, seit der Zeit, daß Struensee erhoben war.

16. Was aber mehr zu sagen ist von Struensee, und wie es mit ihm ergangen ist, siehe, das ist geschrieben in diesem zweyten Buche.

Ende des ersten Buchs.

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23 Das zweyte Buch.

Das 1. Capitel.

Struensee aber war nicht aus den Kindern des Landes, sondern ein Fremdling, eines Hohenpriesters Sohn, welchen der König gerufen hatte aus einem fremden Lande, und hatte ihn gesetzt über die Priester und Leviten, die da dieneten in den Tempeln.

2, Und der Graf Struensee war ein arger Mann, und von Hochmuth aufgeblasen, und drückete Witwen und Waisen; und wo er etwas Gutes schaffte, that er es, um sich einen Anhang zu machen.

3. Und die da recht thaten vor dem Könige und in der Gemeine, wurden von ihm verfolgt, und sie mußten weg von der Seite des Königs, daß auch viele Redliche aus dem Lande zogen,

4. Und auf den Tag, da Struensee gefangen weggeführet wurde, gieng es also zu.

5. Da dem Könige offenbar wurde die Bosheit, welche Struensee in seinem Herzen hatte, war der König sehr zornig über ihn, und ergrimmte fast.

6. Und der König befahl dem Obersten Köller, daß er hinginge mit einigen Kriegsknechten in das Haus des Grafen Struensee, das geschah aber in der Nacht.

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7. Und da Köller ankam bey Struensee, und ihm ansagte des Königs Wort und seinen Zorn über ihn, wollte ers nicht glauben, und setzte sich heftig wider ihn, und stellete sich ungebärdig.

8. Da zog Köller sein Schwerdt aus, welches er um seine Lenden gegürtet hatte, und setzte es dem Grafen an seine Brust, und redete heftig, daß er ihn bringen müßte lebendig oder todt.

9. Da Struensee das Wort hörete, fiel er nieder zur Erden, als wäre er todt, und seine Kraft entgieng ihm. Man brachte aber herbey köstliche Wasser, zugerichtet durch die Kunst der Apotheker, und sal- bete ihn damit, da kam sein Geist wieder zu ihm.

10. Und man hatte Acht, daß er nichts tödliches zu sich nähme; denn man sahe wohl, daß er Böses im Sinn hatte, dieweil er forderte ein Zahnpulver, für die Schmerzen, welche er erlitte, es läge aber in seiner Kammer. Und da man es darbrachte, siehe, da ward es funden, daß es Gift war.

11. Und der Oberste trieb ihn, daß er eilete, ehe der Tag anbräche, damit er entrinne der Wuth des Volks, wenn es offenbar würde.

8. Und man band ihm die Hände, und satzte ihn in einen Wagen, und brachte ihn in ein Ge- fängniß auf der Citadelle. Er aber fluchte heftig, und es giengen böse Worte aus seinem Munde, 13. Und er aß nicht und trank nicht, damit er versuchte, ob er sterben möchte, auf daß er entgienge

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der Schmach, die auf ihn wartete; aber man zwang ihn, daß er essen mußte, und die Kriegsknechte brachten ihm die Speise in den Mund.

Das 2. Capitel.

Es war aber noch einer am Hofe des Königes, der hieß der Graf Brandt, ein loser Mann, welcher eins war mit Struensee wider den König, und der König befahl, daß man auch ihn gefangen nehmen sollte.

2. Da aber die Kriegsknechte ankamen, verschloß er sich in seine Kammer und weigerte sich sehr, auf- zuthun. Die Kriegsknechte aber droheten ihm heftig, wenn er sich setzen wollte wider sie.

3. Da thät er die Thür auf, er hatte aber sein bloß Schwerdt in seiner Hand. Aber die Kriegsknechte ergriffen ihn stracks, und bunden ihn, und legten ihn in das Gefängniß.

4. Brandt aber war lustig und sein Herz war guter Dinge in seinem Kerker, und sang, und pfif sich ein Liedlein auf seiner Pfeife, und scherzte.

5. Es ward aber auch ins Gefängniß gebracht ein Arzt des Königs, der sich mit versündiget hatte an dem Könige.

6. Nach dieser Geschichte aber ordnete der König Richter und Räthe, daß sie richten sollten über die Uebelthäter, und es waren weise und verständige Leute, erfahren im Gesetz, und die nicht Geschenke nahmen, noch Ansehen der Person.

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7. Und es wurde Gericht gehalten über Struensee und seinen Anhang, am Ein und zwanzigsten Tage des Monats Februar, welches ist der Monat Tebeth, und es geschah also:

8. An demselben Tage, um die zehnte Stunde, wurde herbeygeführet Struensee aus seinem Gefängnisse in einem Wagen, und es saßen bey ihm zween Hauptleute des Kriegsvolks, und sein Wagen war umgeben mit sechs Kriegsknechten, welche kleine Spieße auf ihren Waffen hatten.

9. Struensee aber war gekleidet in ein Gewand von blauen Tuch, und hatte sich verhüllet in einen Mantel von Fellen, und sein Haupthaar war geflochten künstlich: es war aber kein Scheermesser über seinen Bart gefahren bey fünf Wochen.

10. Und er ward gebracht in das Haus des Obersten Feldhauptmanns Hoben, und da ihm die Banden aufgelöset wurden vor der Thüre der Kammer, zitterten seine Schenkel, welches auch geschah zur Zeit, da man sie wieder anlegete.

11. Das Gerücht aber ward gehalten bis um die zweyte Stunde, ehe er zurückgebracht wurde in sein Gefängniß.

12. Struensee aber zagete heftig und konnte keine Ruhe finden in seiner Seele; aber fein Herz war wie ein Fels, und läugnete alle Bosheit, die er be- gangen hatte gegen seinen Herrn den König, und an allem Volke.

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13. Und man drohete ihm hart, und zeigete ihm an, daß bereit wäre der Peiniger, wenn er nicht bekennete alle Missethat von je her bis auf den heutigen Tag.

14. Er aber verstockte sein Herz und sprach: Ihr werdet mit nichten etwas ausrichten durch den Peiniger: denn mein Gewissen beißt mich nicht, und nach demselben habe ich gehandelt in allem meinen Thun die Zeit her.

15. Da ward einer unter den Richtern sehr zornig und ließ ihn hart an. Struensee aber antwortete und sprach: Da ich bey kaltem Blute bleibe, könntest du, dächte ich, dein kaltes Blut auch wohl behalten.

16. Und man führte Struensee wieder ins Gefängniß.

Das 3. Capitel.

Um die 4te Stunde aber ward Struensee abermals geführet vors Gericht.

2. An demselben Abend ward sein Herz erweichet und er schlug in sich, und fieng an bitterlich zu weinen und bekannte alle Missethat.

3. Und es gefiel wohl allen denen, die im Gericht saßen. Es wurde aber das Gericht auf ihre Art eine Inquisitions-Commißion.

4. Man nennete aber Struensee einen Grafen, wenn er aber vor Gericht stehet, nennet man ihn nicht also.

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5. Das Gericht aber dauerte abermal bis um die siebente Stunde, ehe Struensee zurückgeführet ward in sein Gefängniß.

6. Er ist aber vor die Richter gebracht worden bey fechs Tage lang, und seine Verantwortung währete allemal fünf bis sechs Stunden.

7. Als er aber stund vor seinen Richtern, forderte er ein Schreibzeug, und man gab es ihm.

8. Da fatzte sich Struensee, ( denn es war ihm erlaubet zu sitzen vor den Richtern, wenn er wollte,) und schrieb auf alles, was er verbrochen hatte, und wie er beleidiget habe die Majestät, und gab sich schuldig alles dessen, warum man ihn gefraget hatte, und er schrieb seinen Namen darunter, und gab die Schrift den Näthen und Richtern, die vor ihm waren.

9. Es waren aber der Fragen bey sechs hundert, die er beschuldiget ward.

Und es wurde ihm erlaubt, daß er durfte kommen lassen einen Bartscheerer zweymal je jede Woche; es wurden ihm aber gehalten die Hände, damit er nicht Muthwillen triebe.

10. Und er reinigte sich und salbete sich, und le- gete ein rein weiß Gewand an täglich.

11. Der König aber befahl, daß man zu ihm sandte einen Priester, und die Reihe kam an den Doctor Münter.

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12. Münter aber redete viel mit ihm aus der Schrift und aus dem Gesetz, und von dem zukünftigen Leben, und versuchts, ob er sein Herz lenken möchte zum Herrn, daß er gedachte an seine Sünde.

13. Struensee aber wollte sein Herz nicht lenken lassen, sondern widersprach ihm.

14. Denn er hatte schädliche Irrthümer, welche nicht geduldet werden in dem Glauben der Christen, und glaubte kein zukünftiges Leben.

15. Und er sprach zu dem Priester, der zu ihm gesandt war: Du kannst wohl meinen Verstand überzeugen, aber mein Herz wird dir immer widersprechen.

16. Münter aber hat nicht abgelassen seit der Zeit, ob er ihn vielleicht bekehren möchte von seines Herzens Härtigkeit, und hat ihm gegeben viele Bücher, darinnen erkläret ist das Gesetz Moyses und die Propheten.

17. Sint der Zeit hat Struensee gelesen mit Fleiß alle diese Bücher, und sein Herz ist weich worden, und wünschet sich länger zu leben, wenn es auch noch härter wäre als jetzt.

18. Es hatte aber Münter geschrieben einen Brief an des Grafen Vater, den Hohenpriester Struensee, darinnen er bat, daß er einen Brief schreiben möchte an seinen Sohn im Gefängniß, daß er ihn tröstete und ermahnete väterlich.

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19. Der Hohepriester aber weigerte sich, solches zu thun, und schrieb einen Brief an Münter, darinnen stunden Worte, die durchs Herz giengen.

20. Münter aber nahm den Brief, und zeigete ihm dem Grafen im Gefängniß, und als er ihn las, konnte er nicht weiter vor Weinen, und sein Herz war voller Jammer.

Das 4. Capitel.

Es ist aber laut worden unter allem Volke, was Struensee gethan hat, und alle seine Tücke, und daß er bekannt habe öffentlich, daß er der Mann des Todes sey, und beleidiget habe die Majestät, und wie er entwendet habe aus dem Schatze des Königes mehr denn eine Tonne Goldes, und sie angewendet zu seinem und anderer Vortheil.

2. Und er erwartet sein Urtheil in seinem Ge- fängniß, darum, daß er getrachtet hat nach dem Leben des Königes und nach seinem Stuhl, und hat nicht gehalten den Eid, den er ihm geschworen hat.

3. Auch habe er Befehle ausgegeben im Namen des Königs, und mit des Königs Ringe besiegelt, ohne daß es der König wußte, heimlich, welche gefährlich und schädlich waren dem Reiche und dem ganzen Volk.

4. Und Struensee wird nicht mehr geführet werden vor das Gericht, bis auf den Tag, da er empfangen wird das Urtheil, welches der König über ihn beschließen wird.

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5. Was aber mehr zu sagen ist von Struensee und von seinen Thaten, und was er für ein Ende genommen hat, siehe, das werde ich schreiben in ein Buch, sobald es kund worden ist, damit es lesen mögen die Nachkommen, und aufbewahret werde zur Warnung aller, die aus dem. Staube erhoben werden.

Das 5. Capitel.

Und da die Tage des Gerichts vollendet waren über Struensee, da ward auch herbeygeführet der Graf Brandt, welcher sich auch versündiget hatte am Könige mit Struensee.

2. Er aber war gekleidet in ein grün Gewand, auf welches Gold gesticket war, und er ward geführet von einer Zahl Kriegsknechte.

3. Und die Schwere seiner Ketten wog achtzehn Pfund, nach dem Gewichte des Landes.

4. Brandt aber war getrost und gutes Muths, und sprach: daß er verbergen wollte von alle dem, was er wüßte: es ist aber verborgen geblieben alles das, was er geredet hat bis auf den heutigen Tag. Doch sagt man, daß er sich schuldig geachtet habe der beleidigten Majestät.

5. Und einer aus den Priester des Königes ist oft bey ihm, und redet mit ihm aus der Schrift und von heiligen Dingen.

6. Endlich ist auch herbeygeführet worden des Königs Arzt Berger, aber man weiß nicht, was er

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32 geredet und offenbaret hat den Richtern, und was man ihm schuld giebt.

7. Er ist aber nicht gebunden mit Ketten, wie die andern, sondern darf frey wandeln unter seinen Hütern.

8. Und noch viele andere sind vor das Gericht gebracht, und gefraget worden diß und das, und wer unschuldig befunden worden, hat man los gelassen, daß er frey wandeln konnte seines Weges.

9. Nach diesem allen sind auch gefahren auf ihren Wagen die Richter auf das Schloß Cronen- burg, und hatten da ihres Wesens, und richteten aus ihr Geschäfte, wie ihnen der König befohlen hatte; und es wird heimlich gehalten vor den Ohren des ganzen Volks.

10. Und dieses ist die Geschichte von Struensee und seinem Anhange, so viel kund worden ist davon in unsern Tagen, und wie sie gefallen sind in ihre eigene Stricke.

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Das dritte Buch

der Chronika.

Das 1. Capitel.

Der König der Dänen aber, Christian, den man den Siebenten nennt, hatte befohlen allen denen, die er gesetzt hatte zu Räthen und Richtern, zu untersuchen die Uebelthaten des Grafen Struensee und Brandt, und ihres ganzen Anhangs, daß sie nicht ansehen sollten die Person.

2. Und die Richter und Räthe und Aeltesten forscheten genau nach allem, was die Missethäter begangen hatten, und die Schreiber schrieben alles in ein Buch.

3. Und diese Untersuchung währete bey drey Monate; denn die Richter waren schier täglich versammlet, und wurde Gericht gehalten, bald auf der Burg des Konigs bald auf dem Schlosse Cronenburg, wo die Königin Mathilde gefangen saß, am meisten aber an dem Orte, welchen man nennt die Citadelle.

4. Und der König befahl, daß man bestellete zween Vertheidiger, die da erfahren waren in den Gesetzen des Landes, und sie sollten Acht haben,

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daß man ein gerechtes Urtheil spräche, damit man den Missethätern nicht härtere Strafe anthät, als sie verdienet hätten.

5. Und es wurde dem Grafen Struensee zugegeben zum Vertheidiger der höchste Gerichts-Procurator Uldahl, dem Grafen Brandt aber gesetzt einer der hieß Bang.

6. Und Uldahl redete oft mit Struensee und mit der K. Mathilde diß und das, damit er unterrichtet würde von alle dem, was sie in ihrem Sinne gehabt, und was sie gethan hatten.

7. Und der König sprach Uldahl und Bang los von dem Eide, welchen sie ihm geschworen hatten, damit sie handeln und thun konnten, ohne Furcht, in allem, was sie recht deuchte nach dem Gesetzbuch des Landes.

Das 2. Capitel.

Da aber die Richter und Räthe, und die da be- stellt waren zu Vertheidigern, alles untersucht hatten nach den Gesehen, so wurde ein Urtheil ge- fållet über Struensee und Brandt.

2. Und es ward funden im Gesetzbuch, daß sie des Todes schuldig waren: denn ihre Missethat war zu groß, und ihre Seele mußte ausgerottet werden aus dem Lande der Lebendigen.

3. Man durfte aber noch nicht vollziehen an ihnen das Urtheil des Todes, bis daß der König das

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Urtheil unterschrieben hatte, und besiegelt mit seinem Ringe.

4. Und man brachte es zum Könige, und der König las, und es deuchte ihm recht alles, was die Richter und Räthe beschlossen hatten, und er unterschrieb und besiegelte die Schrift.

5. Am fünf und zwanzigsten Tage aber des Monats April wurde Struensee und Brandt abermals geführet vor das Gericht, welches man nennet die Inquisitions-Commission.

6. Und man las ihnen vor alle Uebelthaten, die sie gethan und bekannt hatten, und das Urtheil des Todes, nach den Worten, wie es geschrieben steht im Gesetzbuch.

7. Und als das Urtheil sollte verlesen werden, rufte man herbey einige aus dem Volk, das draußen stund und sich versammlet hatte auf der Casse, damit sie zuhöreten, daß man ein gerechtes Urtheil fällete, und worinnen sich versündiget hätte Brandt und Struensee an dem Könige und an seinem ganzen Hause.

8. Und es fand sich, daß Struensee entwendet hatte aus dem Schatze des Königs mehr den sechs Tonnen Goldes, und daß er Befehle ergehen lassen im Namen des Königs, ohne des Königs Wissen und Willen. 9. Auch hatte er gepflogen einen verbotenen und schändlichen Umgang, und hatte viele Briefe

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36 zurückbehalten und erbrochen, welche an den König geschrieben waren.

10. Es geht aber auch ein Gerücht, daß er entwendet habe aus der Königl. Krone einen Diamant von unschätzbarem Werthe, und hat begangen noch viele Uebelthaten, die man nicht alle erzählen kann diesem Buche.

11. Und von Brandt ward gefunden, daß er gewußt habe alles das, was Struensee verübet hatte, und wie er verbotene Liebe gepflogen, und es nicht angezeiget.

12. Auch habe er geleget seine Hand an die ge- ligte Person des Königs, und ihn mißgehandelt

schändlich. 13. Und die Thüren waren aufgethan, und des Todes laut vor den Ohren

des Volks: 14. Daß Struensee und Brandt verbrochen hätte nach dem Gesetze Ehre, Leben und Gut.

15. Und sie sollten verlustig seyn ihrer Gräflichen und aller andern ihnen ertheilten Würde, und ihr Wapen sollte von dem Peiniger auf dem Richtplatze zerbrochen werden.

16. Auch sollte ihnen abgehauen werden die rechte Hand, weil sie noch ledeten, und alsdenn

der Kopf; ihre Leiber aber sollten geviertheilet und auf Räder geleget werden.

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17. Und man sollte stecken den Kopf auf einen Pfahl, und die Hand daran heften mit einem Nagel, zum ewigen Gedächtniß und zum Abscheu allen, die vorüber giengen.

18. Also soll man thun denen, die ihre Hand aufhoben wider den König.

19. Und Struensee und Brandt horeten zu mit starkem Muthe, sahen einander an, und verwunderten sich baß, daß man ihnen nicht eine härtere Pein anthun würde; denn sie hätten geglaubt, daß man ihre Leiber lebendig zerbrechen würde mit einem Rade von unten auf.

Das 3. Capitel.

Und es kam die Zeit, daß man vollziehen sollte das Urtheil an Struensee und Brandt nach dem Gesetze, wie der König befohlen hatte, am acht und zwanzigsten Tage des Monats April. Denn man eilete, daß ihre Seele vertilget würde.

2. Es war aber vor dem Oster-Thore ein Acker, welchen man nennet das Stadtfeld.

3. Und man richtete zu ein Gerüste von Holz auf demselben, je neun Ellen hoch, und acht Ellen lang, und acht Ellen breit ins Gevierte.

4. Und es wurde bekannt gemacht an demselben Tage allem Volk, daß man würde vollziehen das Urtheil an Struensee und Brandt auf den folgen

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5. Und da der Tag anbrach, siehe, da versammlete sich eine Menge Volks, wie Sand am Meere, daß nicht zu zählen war alles Volk, das zum Thore ausgieng, zu sehen das Blutgerichte an den Misselthätern.

6. An demselben Morgen um vier Uhr fieng sich an, die Menge des Volks zu versammlen aus allen Enden beyde groß und klein, und währete bis um die neunte Stunde, daß das Volk aus- und eingieng nach der Stätte.

7. Denn jedermann wollte sehen was vorgieng mit den Missethätern.

8. Und man hatte versammlet eine Zahl Kriegsknechte bey achthundert, welche umgaben das Blutgerüste.

9. Und der Feldhauptmann Eichstedt ordnete alles selbst, wie es ihm gut dünkte, auf dem Richtplatze.

11. Auch wurden versammlet eine Menge von Lenen, welche dienen auf den Schiffen des Königs, und genennet werden Matrosen, bey drey tausend, und wurden gestellet bey dem Blutgerüste.

12. Es waren aber die Missethäter an demselben Morgen in ihrem Gefängnisse bereitet worden zum Tode von den Priestern des HErrn, und hat- ten das Abendmahl empfangen, nach der Weise und Gottesdienst der Christen.

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Das 4. Capitel.

Als aber dieses geschehen war, kam des Königs Vogt Orved, und es war um die achte Stunde, daß er abforderte die Missethäter aus ihren Gefängnissen, auf daß sie geführet würden an den Ort, wo sie sollten hingerichtet werden.

2. Und Orved war umgürtet mit einem großen Schwerdte, das hing an seiner Hüften, nach der Weise und Herkommen bey dem Volke der Dänen, wenn man die Missethäter pflegt zu führen an die Schädelstätte.

3. Und man satzte die Missethäter in einen Wagen, der entlehnt war, je jeden in einen besondern, und es saß bey ihnen ein Unter-Hauptmann über Fünfzig, und zwey, die gesetzt sind über Zehen.

4. Und es umgaben die Wagen zweyhundert Reußige auf Rossen, die hatten ihre Schwerdter ausgezogen, nebst vielen Kriegsknechten zu Fuß, welche kleine Spieße auf ihren Waffen hatten, und es folgte ihnen viel Volks nach.

5. Es war aber um die neunte Stunde, da man die Missethäter hinführete an den Ort, wo sie sollten enthauptet werden.

6. Und es erwarteten ihrer daselbst die Priester Hee und Münter, und der Königliche Vogt Orved, und einige der Diener, welche genennet werden Justitz-Bediente,

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7. und da die Missethäter ankamen auf dem Richtplatze wurde der Graf Brandt zuerst hinauf geführet auf das Gerüste, und neben ihm gieng der Priester Hee, und Hee hielt an mit Ermahnung und Trost heftig.

8. Der Graf Brandt aber war starken Muths, und sein Angesicht war ernsthaft und unerschrocken,

aber nicht frech: und er hörte alles getrost an.

9. Denn er freute sich im Geist, daß er schauen sollte das Antlitz des HErrn seines GOttes nach einem nur kleinen Leiden. Denn er trug Leide

über feine Sünde, daß er beleidiget hatte GOtt und den König.

10. Und er hatte sein Haupt bedeckt mit einem Hute, welcher mit Golde geneht war um und um.

11. Alsbald aber wurde ihm vorgelesen das Ur- theil seines Todes, und was er verbrochen hatte wider den König.

12. Da entblößte er sein Haupt, und hörete an, und sah auf gen Himmel, und zuckte seine

Schultern eins und zwier.

13. Und man merkte an ihm, daß er Buße gethan hatte vor dem HErrn über seine Sünde.

14. Da aber die Worte des Urtheils verlesen wurden, entblößte jedermann sein Haupt, der auf dem Gerüste war.

15. Und da die Worte vollendet waren, bedeckte auch Brandt sein Haupt gleichwie die übrigen.

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16. Und der Priester Hee hob wieder an zu reden, sehr heftig und mit lauter Stimme, daß es alles Volk hören konnte, und einigemal redete Brandt selbst mit unerschrockenem Muthe vor dem Tode, und wendete sein Angesicht nicht von dem Priester weder zur Rechten noch zur Linken.

17. Und der Priester legete die Hand auf ihn, und segnete ihn, und überantwortete ihn dem Peiniger, daß er thät, wie ihm befohlen war.

Das 5. Capitel.

Da nahm der Peiniger das gräfliche Wapen des Brandts, welches gemahlet war auf eine Tafel von Holz, und zeigete es allem Volk rings umher, und zerbrach es vor den Augen Brandts und warf es nieder zur Erden.

2. Und alsbald warf Brandt seinen Mantel von sich, welcher gemacht war von Fellen der wilden Thiere.

3. Und siehe, da stund Brandt da in einem grünen Kleide mit Golde angethan.

4. Und er griff eilend umher in alle seine Taschen, nach der Gewohnheit wie er pflegte zu thun, als er noch erhoben war in seinen Würden.

5. Und er zog selber aus seinen Rock, und entblößte seinen rechten Arm, und zog aus sein leinen Gewand, womit er bekleidet war auf der bloßen Haut.

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82 Alsbald knieete Brand nieder zur Erde und betete, und legte sein Haupt auf einen Klotz, und seine rechte Hand auf einen andern, der neben ihm

stund 7. Der Priester Hee aber wich nicht von ihm mit Trost und Ermahnung, sondern redete kräftig, daß er getrost sey und unverzagt vor des Todes Bitterkeit.

8. Und in einem Augenblick hieb der Peiniger die Hand ab, und trennete den Kopf von seinem

mit einem Beil, das darzu bereitet war;

Hand abgehauen war, rührte Brandt sich nicht mehr.

9. Und er starb nicht als ein Heuchler, und auch nicht als ein Frecher, sondern er verbiß die Bitterkeit des Todes.

10. Da aber Brandt tod war, traten hinzu die Knechte des Peinigers und zogen die Kleider von dem Körper und schnitten ihm die Schaam ab, und warfen sie in ein Gefäß.

11. Und alsdann schnitten sie ihm den Leib auf, nahmen das Eingeweide heraus und warfen es in das Gefäß.

12. Den Körper aber theilten sie mit einem Beil in vier Theile, und man ließ die Stücken hinab an

einen Seil auf einen Wagen, der dazu bereitet war, je jedes Stück besonders.

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13. Und man hob den Kopf in die Höhe und auch die Hand, und zeigete sie dem Volk rings umher, und man warf es hinab auf den Wagen.

14. Und man bedeckte das Blut mit Sande, damit nichts mehr gesehen wurde.

15. Da kam allem Volk Grauen und Entsetzen an, denn es war ein Scheusal vor allen Augen.

Das 6. Capitel.

Und da alles dieses vollendet war, ward auch herbey geführet Graf Struensee, und mit ihm ging der Priester Münter auf das Blutgerüste.

2. Struensee aber war ernsthaft und betete eifrig zu seinem Gott, und man konnte an ihm sehen bittre Reue in seinem Antlitz über seine Sünde; Münter aber redete sehr stille mit ihm.

3. Da hob Struensee seine Augen auf gen Himmel und seufzete.

4. Und da er auf das Gerüste trat, nahm er ab seinen Huth und entblößte sein Haupt, und bedeckte sich nicht weiter.

5. Alsbald aber wurde ihm vorgelesen das Urtheil des Todes, und was er verbrochen hatte, und daß er des Todes schuldig sey.

6. Und der Priester redete weiter mit ihm, und tröstete ihn gegen die Schrecken des Todes.

7. Da wurde Struensee wacker, und sein Herz ward ruhig und getrost, und jedermann verwunderte sich baß.

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44 8. Da wurde auch zerbrochen das gräfliche Wapen des Struensee, und geschah also, wie man gethan hatte bey dem Grafen Brandt.

9. Und Münter übergab ihn dem Peiniger, daß er thät nach dem Befehl des Königes, und der Aeltesten und der Richter.

10. Da warf Struensee seinen Pelz von sich und seinen Huth, der nicht mit Golde umnehet

war, wie des Grafen Brandt.

11. Und siehe, da stund Struensee da in einem Kleide von blauen köstlichen Sammet, und er zog es selber aus.

12. Und er hatte ein zwiefach leinen Gewand an auf der bloßen Haut, und er zog es aus.

13. Und er betete und knieete nieder, und legte sein Haupt auf den Klotz, wie auch die rechte Hand. 14. Da aber der Peiniger die Hand abgehauen hatte, hob Struensee sein Haupt, ein wenig in die Höhe, und sogleich trennete man den Kopf von seinem Rumpf.

15. Münter aber hatte nicht aufhören zu reden mit süßen Trost, der in seine Seele floß, wie Balsam, bis daß Struensee tod war.

16. Da zogen die Knechte des Peinigers den Leichnam aus, schnitten ihm die Schaam ab, und das Eingeweide aus seinem Leibe, und warfen es

in ein anderes Gefäß, und nicht zu dem Einge- weide des Brandts.

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17. Und theilten den Leib in vier Theile, und warfen alles auf einen andern Wagen, der dazu bereitet war.

Das 7. Capitel.

Nachdem alles dieses vollendet war, brachte man die zerstümmelten Körper nach der Schädelstätte vor dem Wester-Thore, welche man nennet den Galgenberg.

2. Und die vier Stücken eines jeden Körpers wurden auf ein Rad gelegt, je jedes Stück auf ein Rad besonders.

z. Den Kopf aber steckte man auf einen Pfahl, und nagelte die Hand daran.

4. Die Gefäße aber mit dem Eingeweide vergrub man in die Erde, daß nichts mehr zu sehen war von alle dem, was man aus dem Leibe genommen hatte.

5. Und die zerstückten Leichname liegen zur Schau und zum Abscheu allem Volk bis auf den heutigen Tag.

6. Und die vorher prangeten in ihrer Herrlichkeit, und in Purpur und köstlichem Gewand, sind nun geachtet wie ein Aas, und die Vögel unter dem Himmel fressen ihr Fleisch.

7. Denn sie hatten sich versündiget schwerlich an dem Herrn ihrem Gott und dem Könige, darum mußte ihre Seele ausgerottet werden aus dem Lande

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46 der Lebendigen, und aus der Gemeine des Herrn immerdar.

8. Alles Volk aber, das stund und zusah, war stille, bis das vollendet war alles; und es war sehr bewegt in seinem Herzen, und jedermann schlug an seine Brust, und kehrete um, ein jeder in seine Hütten.

9. Also ist Struensee und Brandt vertilget worden von der Erde: und man streuete Salz auf den Ort, wo sie hingerichtet waren, zum Zeichen, daß ihr Gedächtniß sollte vertilget werden.

10. Der König aber blieb nicht auf seiner Burg an demselben Tage, sondern fuhr auf seinem Wagen einen Sabbather Wegs weit von der Stadt.

Das 8 Capitel. Es war aber auch ein Oberster des Kriegsvolks, der hieß Falkenschiold, und noch ein anderer, der hieß Hasselberg. Und sie waren auch von dem Anhange des Struensee, und waren gefangen genommen auf den Tag, da man Struensee gefangen hatte.

2. Und da Struensee und Brandt genommen waren aus ihren Kerkern, da wurden Falkenschiold und Hasselberg gebracht in dieselben Gefängnisse, daß sie daselbst verwahret würden bis auf den Tag, da sie ihr Urtheil empfangen sollen.

3. Und es gehet eine Rede unter dem Volke, daß auch Falkenschiold empfangen werde ein schwe-

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res Urtheil, weil er auch große Missethaten begangen hat mit jenen.

4. Was aber geschehen wird mit Struensee, der ein Bruder ist des Grafen Struensee, und den man nennet des Königs Justiz-Rath, und mit dem Arzt Berger, und mit allen andern, welche Theil haben an den Anschlägen des Grafen Struensee, siehe, das ist verborgen, bis auf den heutigen Tag, denn man hält alles heimlich.

5. Sobald aber Struensee todt war, wurden seinem Bruder die Ketten abgenommen, daß er frey wandeln konnte in seinem Gefangniß; denn er hatte auch Fesseln getragen, wie die andern.

6. Der Grnf Struensee aber hatte gelegen in seinem Kerker geschlossen mit einer Kette an der Wand, und gefesselt an einen Arm und Bein.

7. Da aber der Tag herannahete, an welchem er sollte hingerichtet werden, so wurde er erlöset von der Ketten an der Wand: er blieb aber gebunden an dem Arm und Fuße, bis daß er gebracht war an das Blutgerüste, und es geschah auch also mit dem Grafen Brandt.

8. Und nach dem Tage, als die Missethäter enthauptet sind, wurden herbey gebracht einige Sclaven, die um ihrer Sünde willen gefangen sind, und sie mußten zerbrechen das Gerüste, auf welchen die Uebelthäter ihr Urtheil empfangen hatten, bis auf den Grund.

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48 9. Und ist nichts mehr zu sehen. Es gehet aber täglich eine Menge Volks an den Ott, wo die Körper der Missethäter liegen zum Abscheu, zu schauen die zerstückten Leichname und die Häupter.

10. Und der Ort wird nicht leer täglich, bis auf diese Stunde.

11. Also hat Gott offenbaret die Anschläge des Grafen Struensee und seines Anhanges, und hat sie zu nichte gemacht. Und Struensee ist gefallen wie Haman; darum, daß er gestanden hat wider den Gesalbten des HErrn und sein Volk.

12. Wenn es euch aber gefällt, ihr Brüder von dem Geschlechte Israel, so will ich auch beschreiben, was geschehen ist mit denen, die noch gefangen sind, wenn es kund worden ist.

13. Und ihr sollt es verwahren, daß es lesen die Nachkommen, und weise werden, und nicht sündigen wider ihren König.

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Ausführliche

Nachricht

von

der geheimen

Verschwörung,

welche

in Koppenhagen,

in der Nacht vom 16ten auf den 17ten

Januar dieses 1772sten Jahres, glücklich entdeckt,

und vermittelst göttlichen Beystandes@durch

Gefangennehmung der Verschwornen,

von der Königl. Residenzstadt Koppenhagen und

allen Königl. Reichen und Landen

ein grosses Unglück angewandt worden.

Nach dem dänischen Originale.

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Es giebt wenig Monarchien, wo nicht bisweilen Verschwörungen entstanden wären. Man findet unter allen Regienmasarten Menschen, welche, mit ihrem gegenwärtigen Schicksale unzufrieden, aller möglichen Aus-schweifungen fähig sind, um sich entweder von einer Last, die sie drückt, zu befreyen, oder sich in bessere Glücksumstände zu setzen, oder auch sich zu einem Stande empor zu Heben, auf welchen sie sich, ihrer niedrigen Geburt wegen, keine Rechnung machen durften. Dies sind insgemein die Be- wegungsgründe, welche einen bösen Bürger verleiten, die Waffen wider sein Vaterland und gegen seinen gütigen Mo- narchen zu ergreifen. Und von dieser Art Menschen war Johann Friedrich Struensee und seine Consorten, welche durch ihre bösen Anschläge die Geschichte Dännemarks mit einer merkwürdigen Nacht bezeichnen wollten; aber der GOTT, der in der Höhe und im Heiligthum wohnet ließ sie in die Fallstricke fallen, welche sie einem der liebenswürdigsten Könige gelegt hatten.

Das Haupt dieser schändlichen Rotte war Johann Friedrich Struensee, ein Sohn des Königl. Dänischen General-Superintendenten, Herrn Adam Struensee. Dieser sein rechtschaffener fromme Vater hat auf seine Erziehung und Studien alles Mögliche gewandt; aber erließ von seiner Jugend an nicht undeutlich von sich merken, daß er zu allen Lastern und zu einer wollüstigen Lebensart, sehr geneigt wäre. Diese böse Neigungen durch gute Erziehung und Ermahnungen in ihm zu unterdrücken, war sein rechtschaffener Herr Vater äusserst bemüht; allein mit geringem Erfolge, und als er der väterlichen Zucht entkam, wuchs dieser sein böser Grund desto schneller empor. Er hat die Medicin studirt, auch darin den Doktorgradum erlangt, obgleich er davon wenig Gründliches erlernet. Dennoch hatte er das Gück, dem besten König, Christian den Siebenden, auf seiner Reise als Reise-Leibmedieus vorge- schlagen werden; in welcher Qualitat er auch von Sr.

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Majestät angenommen, auch ihm erlaubt wurde, Allerhöchst dieselben auf Ihrer Reise zu begleiten. In der Folge war sein Glücksstern ihm so günstig, daß er (obgleich nicht durch seine Geschicklichkeit) nicht nurbegnadiget wurde ,beständiger Leibmediens zu seyn, sondern auch eine Ehrenstuffe nach der andern erstieg, sogar, daß der König, auf Veranlassung einer gwissen hohen Fürsprecherin, ihn im Jahre 1771, den 23sten Januar, in den Grafenstand erhob, und zum geheimen Cabinets-und Statsminister ernannte. Aufgeschwollen von schändlichen Hochmuth, bewegte er gedachte hohe Fürsprecherin, durch eine Akte das Herzogthum Plocn von Sr. Königl. Majestät sich versichern zu lassen: welche aber nicht zum Vorschein kam. Hiernächst verfiet er gar darauf, sich mit dieser hohen Person das ganze Reich zuzueignen, mit derselben sich zu vermählen, und neben derselben als Protektor zu regieren; vorher aber einen von GOtt höchstbestätigten theuresten Landsvater und König, Christian den Siebenden, den theuren und hofnungsvollen Kronprinzen Friederich, eine der besten Königinnen, Juliana Maria, den liebenswürdigsten Erbprinzen Friederich, und die Prinzeßin Charlotta Amalia, aus der Welk zu schaffen, und als dann mit Feuer und Schwerdt, (Falls sich Jemand von den hohen und Niedern wiedersezen würde) sich den Weg zum Königl. Throne, Krone und Scepter, zu bahnen.

Verschiedene fürchterliche Anstalten, die einige Wochen vorher von dem abscheulichen Grafen angeordnet wurden, setzten alle Bewohner in und ausserhalb Kopenhagen in Erstaunen, und der Eine fürchtete sich für den Andern: daher Niemand ohne die größte Furcht aus der Straße ging, oder des Abens sich zu Bette legte. Er ließ die größten Kanonen aus dem Zeughause aus die Wälle, vor die Wachthäuser und vor die Stadthore bringen, scharf mit Car- tätschen laden. Die Kanonen auf den Wällen wurden alle Abend, nach geschlagenen Zapfenstreich, gegen die Stadt, längs die Gassen, gerichet. Die beyden Königl. Garderegimenter wurden abgedanckt, verschiedene verdinstvolle Ministers ihrer Dienste entlassen, alle Wachten verdoppelt,

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4 und noch merere Extra-Wachten ans gesielliet. Die Soldaten erhielten ein Jeder 36 scharfe Patronen, und das Patron liren war ausserordentlich. Selbst auf dem Schlosse sahe man die Wachten verdoppelt, und scharf geladene Kanonen hinpflantzen; sogar wurde ein Jeder, ohne Ansehen der Person, der auf dem Schlosse etwas zu verrichten hatte, oder Jemand sprechen wollte, durch zwey Mann Soldaten auf das Schloß, und so wieder zurück geführt. Der König, dem dieses befremdete, fragte den Grafen Struensee, (denn sonst hatte Er niemand bey sich) wozu diese fürchterliche Anstalten dienen sollten? Worauf er dem König antworte: Alles dieses geschehe zur Beschützung der theuresten Person des Königs: Denn alle Unterthanen wären gegen S. Majestät aufgebracht; daher befürchtete man daß es Sr. Majestät eben so, wie dem unglücklichen peter dem Dritten in Rußland, ergehen möchte. Der König erschrack heftig, als er dieses hörte, schlug seine Hände zusammen, und rief aus: Mein Gott! was habe ich denn Böses gethan, daß mich meine lieben und getreuen Unterthanen so hassen? Dieser Nichtswürdige antwortete dem Könige, und brachte Verschiedenes vor, welches dem Volke an der Königl. Regierung mißfiele, worunter denn von ihm besonders die bisherige ausserordentliche Steuer gerechnet wurde. Dis betrübte dem Könige hertzlich; konnte aber doch vor der Hand auf keine Weise möglich machen, diese ausserordentliche Steuer abzuschaffen. Inzwischen setzte diese Rotte ihre Anschläge immer weiter fort, und verhinderte, unter allerley Vorwendungcn, jedem treugesinnten Patrioten den Zutritt zum Könige, wußte auch einem jeden redlichen Unterthanen solche niederträchtige böse Handlungen anzudichten, daß der König keine Neigung haben konnte, selbige zu sprechen. Wenn denn jemand vor dem König mußte; so ward derselbe gezwungen, seine Sache kurz zu fassen, und nach erhaltener Antwort, sich sogleich zu entfernen. Zuletzt mußte ein Jeder sein Anbringen schriftlich eingeben, und erhielt auch schriftliche Antwort. Alles mußte an den Grafen Struensee abgegeben werden, und was ihm gut deuchte, das sagte er den König;

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sogar erhielt der König alle Briefe entsiegelt. Die Grafen Struensee und Brandt waren stets gegenwärtig. Ersterer war schon beym Könige, ehe Er ausgeschlafen, und ging auch nicht eher von ihm, bis Er zur Ruhe war, inzwischen der Graf Brandt sich stets im Vorgemach aufhielt. Wenn nun ja der Eine oder der Andere Geschäfte halber sich entfernen mußte; so wurde im Namen des Königs der Wache und den Bedienten befohlen, daß bey höchster Ungnade des Königs, sich Niemand dem Königl Zimmer nähern dürfe, weil Se. Königl. Majestät unpäßlich wären, und Sie sich zur Ruhe gelegt hätten. Sobald sie von ihren Verrichtungen zurück kamen, womit sie denn auf möglichste Wei- se eilten; so hatte auch der König ausgeruhet. Wollte der König ausfahren, oder reiten, und es war denen Grafen Struensee und Brandt nicht gelegen; so wußten sie den König durch ihre listigen Kunstgriffe, unter allerley Vorwand, schädliche Medicamente beyzubringcn, darauf Er sich nothwendig übel befinden mußte, und gern zu Hause blieb, und daß Bette hütete. Und dis Mediciniren hat auch wircklich des Königs Gesundheit in etwas geschwächt. Fuhr oder ritte der König aus; so waren die Grafen Struesee und Brandt jedesmahls bey Ihm, und eine starke Eskorte hatte den König umringet, damit Niemand hinzu konnte. Solches, und noch verschiedene andere Dinge, trieben sie so lange, bis sie endlich, nach zwo zu ihrem Vorhaben fehlgeschlagenen Nächten, die Nacht vom 16ten auf den 17ten Jannuar zu ihrer schwarzen That crkohrcn hatten. Die- ses ihr Vorhaben zu unterstützen, waren schon einige Herren von ihren Absichten informiret, nur nicht der Herr Generalmajor von Eichstedt und der Herr Oberste von Köller. . Ersterer ward den 14ten Januar zur Königl. Tafel geladen, und fand sich auch wircklich ein. Nach aufgehobener Tafel ward er vom Grafen Struensee in ein Zimmer gerufen, wo ihm in Beyseyn einer hohen Person, der ganze Plan vor- gelegt und verständiget, auch sein Regiment zum Beystand aufgefodert wurde; wie man denn auch von ihm verlangte daß er dem Herrn Obersten Köller, im Namen der Hohen Person, und im Namen seiner, denselben Befehl und

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6 Plan ertheilen sollte, damit er sich auch zur bestimten Zeit mit seinem Regimente in Bereitschaft halten könnte, um, wenn an dem König die letzte Hand gelegt wäre, und alle Einwohner in und ausserhalb Kopenhagen der regierenden Königinn Carolina Marhilda, und ihm, dem Grafen Struensee, nicht sogleich huldigen, oder eine Empörung erregen wollten, sie mit gewafneter Hand dazu zu zwingen, wozu die vorhin erwähnten Anstalten bereits eingeleitet waren, von denen die andern Officirs nähere Verhaltungs-Befehle erhalten würden. Dabey wurde ihm, dem Hrn. GeneralMajor von Eichstedt anbefohlen, nicht eher vom Schlosse zu gehen, bis er die Ordre dazu erhalten. Dieser brave Officier mußte versprechen, die Befehle ganz genau zu beobachten, und that es auch, unter dem Schein der größten Treue. Der Graf Struensee ward darüber schon im Voraus vergnügt, und glaubte sich schon auf des Königs Thron zu sehen.

Am 16ten Januar, Abends, tar maskirter Ball in dem französischen Comödien-Hause, während der Zeit der General- major von Eichstedt die Befehle erhielt, nach seinem Quartier zu fahren, um die nöthigcn Ordres zu ertheilen. So bald er in sein Quartitr angelangt, und in sein Zimmer getreten war, entfernte er seine Bediente von sich, verwechselte iu aller Stille seine Kleidung, schlich sich heimlich aus seinem Hause, und begab sich zu dem verdienstvollesten Hrn. Reichsgrafen von Ranzau zu Aschherg, und erzehlte ihm mit größter Bestürtzung den ganzen gefährlichen Anschlag, Dieser, in der größten Gefahr standhafte Herr eilte sogleich mit dem Generalmajor von Eichstedt zu der verwittweten Königin Juliana Maria Majestät, und des Erbprintzen Friderich Königl. Hoheit; zugleich wurde auch zu dem Hrn. Obersten Köller geschickt, dessen Regiment denselben Tag die Wache auf dem Schlosse hatte, wie auch nach dem Geheimenrath, dem Grafen von der Osten. Man entdeckte diesen hohen Personen das abscheuliche Vorhaben der Verschwornen, und Sie konnten, voll der grösten Bestürzung, sich der Thränen nicht enthalten; Obgedachter Herr Graf von Ranzau sprach sprach aber den hohen Personen Muth

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ein, forderte Papier, Dinte und Federn, und schrieb die benöthigten Ordres, die auf die genommene Maßregeln eine Beziehung hatten. Sobald selbige abgefaßt waren, ermahnete er diese hohe Personen, mit nach dem König zu gehen der kurz zuvor vom Ball gekommen war, und sich bereits im Bette befand. Als der verwittweten Königin Juliana Maria Majestät, des Erbprinzen Friderich Königl. Hoheit, der Herr Geheimerath, Graf von Ranzau, der Herr Geheimerath, Graf von der Osten, der Herr Generalmajor von Eichstedt und der Herr Oberste Köller, au- angemeldet in des Königs Zimmer traten; so schlug der König den Vorhang von seinem Bette weg, und sagte: Mein GOtt! was wollen sie: Darauf antwortete die verwittwete Königin Juliana Maria, dem Könige mit weinender Stimme: Ihro Majestät, mein Sohn, fürchten Sich nicht: wir kommen nicht als Feinde, sondern als Freunde, Ihnen, uns und das ganze Land zu retten, und mit göttlicher Hülfe und Bey- stand die angedrohete Gefahr abzuwenden. Nachdem Sie dieses gesprochen hatten, geriethen Dieselben in die äusserste Wehmuth, und die häufigen Thräncn gestatteten kein ferneres Reden; daher des Erbprinzen Friderich Königl. Hoheit, und der Herr Graf von Ranzau das Wort nahmen, und den ganzen Plan erzehlten. Letz- terer grif in die Tasche, zog die ausgefertigten Ordres herfür, und legte selbige dem Könige zur Unterschrift dar. Worauf der König ausrief und sagte: Mein GOtt das wird ganze Ströme von Blut kosten. Der Herr Graf von Ranzau antwortete dem Könige, und sagte: Ihro Majestät seyn nur gestrosten Muths; ich nehme, unter dem Beystande des Höchsten, alle Gefahr auf mich; ich werde, so viel möglich, aller Gefahr vorbeugen & c. Worauf alle höchst und hohe Anwesende den König ermahneten, ohne Zeitverlust die Ordres zu unterschreiben, welche des Erbprinzen Friderich Königl. Hoheit mit Unterzeichneten.

Nach Ausfertigung dieser Königl. Ordres, wurden selbige an verschiedene Officirs vom Eichstedtschen und

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8 Köllerschen Regimente, zur genauesten Befolgung, aus- getheilt. Es war noch nicht eine Ordre nöthig, um eine hohe Person in Sicherheit zu bringen, deren höchsteigenhändige Ausfertigung man Sr. Majestät, dem Könige, allein überließ. Der Monarch fertigte diese Ordre mit innigster Betrübniß aus, und übergab sie dem Hrn. Reichs- grafen von Ranzau, um solche zur Ausführung zu bringen. Während dieser gemachten Anordnungen, wurde der Generalmajor von Gude, bisheriger Commendant von Kopenhagen, abgesetzt, und an dessen Stelle der Generalmajor von Eichstedt, Chef des hier garnisonirenden see- låndischen Dragoner-Regiments, zum Commendanten ernannt, und ihm anbefohlen, alle nöthige Anstalten zu treffen. Dieser Herr begab sich unverzüglich an die Spitze eines Detaschements seiner Dragoner-Regiments, ertheilte allen wachthabenden Officirs die nöthigcn Ordres, ließ alle Wachten auf dem Schlosse verstärken, auch alle Hauptthüren und Zugänge, besonders aber des Königs Zimmer, mit Wachten versehen.

Gleich darauf wurden der Graf Struensee, sein Bruder, der Justitzrath Struensee, der Graf Brandt, der

der General Gude mit seiner Gemahlin und der General Gähler mit seiner Gemahlin arretirt, und jeder besonders, nach und auf die Citadelle gebracht. Die Generalin von Gählern wurde von Jedem, der diese rechtschaffene Dame kennet, bedauret; selbige ist auch, da sie unschuldig befunden worden, ihres Arrestes entlassen. Der bisherige Leibmedicus, Professor Berger, (der keinesweges mit dem Leibmedicus, dem redlichen Etatsrath von Berger, verwechselt werden muß, weil dieser schon vor langer Zeit vom Könige seine Erlassung gesucht und erhalten;) der Oberste Falkenschiold, und der Obristlieutenant von Hesselberg wurden auf die Hauptwache gesetzet, wo ihnen, nach Verlaus von einigen Tagen, einfiel, zu desertiren; sie wurden aber dar- über betroffen, und darauf nach dem Schiffsholn in bessere Verwahrung gebracht. Den 20 Januar ist dem LegationsRath und Postdirektor Sturtz gleichfalls sein Arrest in der Hauptwache angewiesen, von da er nach der Citadclle ge

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9 bracht ist. Der Stallmeister, Baron von Bülow, der Contreadmiral Hansen, der Etatsrath Willebrand, der Lieutenant Ahoc und drey Secretairs im Kabinett, bekamen Arrest im Hause: und sogleich wurden die Papiere der Gefangenen versiegelt.

Der Dr. Reichsgraf von Ranzau und der Geheimerath, Graf von der Osten, von einer Wache begleitet, gingen, mit der Königl. Ordre, unangemeldet zu dem Zim- . mer der gedachten hohen Person, welche auch bereits im Bette lag. Der Hr. Graf von Ranzau trat hinein. Sie schlug den Vorhang ihres Bettes zurück, und fragte: wer ist da? Ha! Monsieur Ranzau, sind sie da? We ist: Lebt der R---- noch? Wo ist Graf Struensee und Brandt? Der Hr. Graf that, als hörte ers nicht, und übergab im Namen Sr Königl Majestät Ihr die bey sich habende Ordre, mit Ankündigung des Arrestes. Sie fuhr auf, und sagte: Mich zu arretiren; das soll ihm seinen Kopf kosten wo ist von der Osten? Der. Hr. Graf antwortete: Im Vorgemach. Worauf Sie zur Antwort gab: Der Verräther! Sie fragte ferner nach die Grafen Struensee und Brandt; worauf der Gras antworte: Sie sitzen schon in sichere Verwahrung auf der Citadelle. Der Graf wiederhohlte hirauf seinen ersten Antrag im Namen des Königs. Darauf wurde Sie erboßt, sprang aus dein Bette, und lief im Zimmer auf und nieder, inzwischen der Graf den Hut vor die Augen hielt, und Ihr zum Ankleiden ermahnete, widrigenfalls er gezwungen wäre, Sie ankleiden zu lassen. Darauf grif@Sie ihm ins Touppe. Er rief ein paar Dames herein, davon die eine Ihr einen Rock anlegte. Sie grif selbst nach einer Saluppe, und eilte zu einer verborgenen Treppe, um zu entfliehen. Auch diese war schon mit Wache besetzt; Sie kehrte daher voller Bestürzung wieder zurück, und legte sich ganz ohnmächtig aufs Canape. Der Graf ließ Ihr Zeit, um sich zu erholen; ermahnte Sie aber von Zeit zu Zeit, mitzugehen. Sie bat, daß man ihr die. P--- mitgeben möchte. Dis ward ihr gewäret und selbige sogleich an- gekleidet. Darauf sagte der Hr. Graf: Nun, Madame,

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10 gehen Sie; eilen Sie; geschwind, geschwind! Er faßte Sie bey der Hand, seinen Hut unterm Arm und den erblößten Degen in der andern Hand haltend, und führte Sie bis an den Wagen, wo Sie noch zu ihm sagte: Dies würde ihm seinen Kopf kosten. Der Hr. Graf sagte hier: Ich liebe GOtt und bin meinem Könige getreu; Adjeu, Madame! Die Fräulein Moesting setzte sich mit der

kleinen Pr ---- in den Wagen neben Ihr, nebst den Major

Carstenschiold mit entblößten Degen; und so wurde Sie, unter einen Eskorte von 30 Dragonern, nach Kronenburg begleitet. In denen ersten Tagen hat Sie, ausser ein paar Schalen Schocolade, nichts gegessen und getrunken, bis Sie in Thränen ausgebrochen, und wieder holend ausrief: Ach! du unglückseliges Kind! Ach! ich unglückselige Mutter! In solchem Zustande lebt Sie in der untersten Etage des Schlosses.

Bey der Arretirung des Grafen Struensee ist Fol- gendes zu merken: Das, als ihm der Oberste Köller den Arrest ankündigte, und ihm du Königl. Ordre vorzeigte, er Zeit zu gewinnen suchte, und nicht glauben wollte, daß der König diese Ordre Selbst unterschrieben habe. Der Oberste, um ihm diesen Zweifel zu benehmen, sagte: Er wolle mit seinen; Leben dafür haften daß dies würcklich Königl. Ordre wäre. Kurz, er wollte sich nicht geben. Der Oberste ward daher bewogen, ihm den Degen auf die Brust zu setzen, indem er sagte: Er habe Befehl, ihn entweder todt oder lebendig zu bringen. Hierauf fiel er aufs Canapce in Ohnmacht nieder. Man brachte ihn wieder zurecht. Er bat, daß er noch zuvor eine Schale Schacolade trinken mög- te; welches ihm aber abgeschlagen wurde. Er bat um sein am Fenster liegendes Etuit; und auch dis wurde ihm nicht gestattet mitzunehmen. Der Oberste ermahnte ihn, zu eilen und fortzumachen, ehe es Tag würde, sonst wäre es unmöglich, ihn für der Wuth des Pöbels zu schützen. Sobald er aus seinem Zimmer kam, band man ihm die Hände. Im Weggehen fluchte er auf seinen Kammerdiener, daß er ihm nicht einen Pelz mitgegeben. Er wurde also in einer Miethkutsche, unter einer Bedeckung von Dragonern, nach der Ci-

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tabelle gebracht. Wie er aus der Kutsche stig, war er noch für den Kutscher besorgt, und bat, man möchte ihm bezahlen, oder ihm ein Trinkgeld geben. Der Oberste Köller gab ihm einen Thaler, den er zwar annahm, dabey aber auf sein gut Danisch sagte: Ich hätte es auch wol umsonst gethan. Hierauf wurde er zum Commendanten der Citadelle gebracht. Als der Graf bey ihm ankam, fluchte er hefftig; der Commendant gebot ihm stille zu seyn. Sobald der Graf Struensee in das für ihm bestimmte Logis gebracht wurde, welches eben das ist, was der bekannte Norcros so lange bewohnt hat, fragte er: Wo sind meine Bediente? Der wachthabende Offlcier antwortete: Ich habe nicht gesehen, daß ihnen welche gefolgt sind. --- Mein Sekretair? Der ist auch nicht hier. Mein Pelz! Es ist hier kalt! beym Teufel! ich will nicht frieren; ich will ein ander Zimmer haben. Er fand daselbst einen hölzernen schlechten Stuhl und sagte: Was soll dieser Stuhl? Gebt mir meinen Sopha! ---- Alles dieses beantwortete der wacht habende Officier damit, daß er sagte: Mein Herr, hier

ist nichts zu ihren Diensten, als ein Kammergeschirr. -----

Durch diese Antwort ward er in die äusserste Wuth gesetzt, so, daß er beyde Armen zusammen faßte, und mit dem Kopfe gegen die Wand und das eiserne Gitter lief, in der Absicht, seine Hirnschale zu zerschmettern, wobey er erstaulich fluchte: aber die Wache lief eilends hinzu, und verhinderte solches durch einige Rippenstöße. Sein Betragen wurde gemeldet; worauf er sogleich mitten in der Stube, mit Händen und Füssen am Fußoden sitzend anaeschlossen wurde, so daß er sich ferner keinen Schaden thun konnte. Zugleich@wurden die Fenster des Gefängnisses die Qneer mit Latten benagelt. Als er dieses sache, sagte er: Er würde hier als eine Canaille tractirt. In diesem Zustande regte sich sein böses Gewissen, und stellete sich, als wenn er heftiges Zahnweh hätte, und bath, man möchte doch nach sein ehemaliges Cabinet jemand hinsenden, sie würden auda vor dem Fenster in ein Papier liegend ein Zahnpulver vorfinden, solches möchten sie ihm doch holen lassen, um die Schmerzen zu stillen. Es wurde auch hingeschickt, und man fand es. Der Hr. Etats-Rath und Leib-Medicus von Berger, mußte solches sogleich untersuchen, und befand, daß es ein starkes Gift war; daher ihm die-

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ses so wenig, als ein ander Zahnpulver gegeben wurde. Darnach legte eres auf den Hungern, und wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen. Einigemal wurde ihm hierin sein Wille gelassen; hernach aber kam Befehl, er sollte essen und trinken, Falls er aber nicht mit Gutem wollte; so sollte er so lange geprugelt werden, bis er Appetit bekäme. Hieraus bequemte er sich zu essen, ohne dazu sich prügeln zu lassen. Ihm wird aber weder Löffel, Messer noch Gabel in die Hand gegeden; die wachthabenden Soldaten schneiden ihm bas Essen zurecht, und bringens ihm in den Mund. Als er in diesem Zu-stande einige Tage gesessen hatte, gelobte er an, sich besser auf- zuführen, man möchte doch für ihn um Gnade bitten; so ist solches auch erhöret worden und er darauf nur an Händen und Füssen kreutzweise geschlossen, und eine an der Wand befestigte drey Euen lange Kette an das Bein gelegt, und ihm ein Stück Bette gegeben, woraf er liegen kan. Ueberhaupt genommen, so befindet er sich im Gesängniß, wo die ärgsten Missethäter pflegen aufbewahret zu werden, und trägt auch Kleidung, wie ein Missethäter, die bestehet in einer blauen Friese- nen Jacke ohne Knöpfe, und alle andere Knöpfe, so er noch in seiner übrigen Kleidung hatte, sind ihm ausgeschnitten,

und zwar deswegen, weil er einige abgedrehet und verschlueket haben soll. Schuh- und Beinschnallen sind ihm gleichfalls abgenammen. Anitzo trägt er eine eiserne Haube, damit er seinen Kopf nicht zerstoßen könne. Nachgehends ist das Etui, warum er so sehr gebeten, daß man ihm solches geben mögte, Visitiret worden; man hat in selbiges drey kleine Kügelchen gefunden. Der Herr Etatsrath und Leibmedicus von Berger hat selbige untersucht, und befunden, daß ihre Beschaffenheit ein langsam Würkendes Gift sey, womit dieser Böse- wicht schon an einer hohen Person Gebrauch gemacht haben soll. Noch eine Anecdote von dem Grafen Struensee; Wie er ohngefehr vor einem Jahr in Kopenhagen aus der Strasse gehet, begegnet ihm ein Sklave in Ketten, der Sklave bittet ihm um ein Allmosen, und zugleich, um des Königs

Gnade für ihm zu erflehen, daß er aus diesem elenden Zustan- de erlöset würde. Der Graf gab ihm ein Allmosen, und sagte dabey: Du trägest um deiner Tugend willen wol deine Retten nicht. Nachdem erlangt der Sklave seine

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Freyheit und wurde Schliesser auf der Citadelle. Da es sich nun fügte, daß eben dieser dem Grafen die Ketten anlegte, so sagte er: Ihro Excellenz! um ihrer Tugend willen lege ich sie die Kette nicht an.

Wegen des Grafen Brandt ist folgendes zu mercken: Wie der Officier mit der Wache kam, ihn zu arretiren, so verschloß er sich in seinem Zimmer. Der Officier sagte: er sollte aufmachen; er sollte sich betragen wie ein vernünftiger Männ: denn es würde ihm zu nichts Helfen, widrigenfalls er die Thüre erbrechen müßte. Da machte er die Thüre aus, in der Hand seinen Degen haltend, um sich zu vertheidi- gen, woraus sie sich seiner sogleich bemächtigten. Da warf er den Degen von sich, und suchte sich loß zu machen, und sagte: Meine Herren! Sie gehen unrecht: ich bin ein Staatsminister; ich weiß nicht, daß ich was verbrochen habe, worüber man mich arretiren könnte. Der Officier zeigte ihm die Ordre vor, und sagte: Er ginge gar recht; er sollte nur mitgehen, das uebrige würde sich schon finden; und hierauf brachten sie ihn nach der Citadelle.

Der Graf Brandt, nachdem er ans der Citadelle, in des Herrn Commendanten, des General von howen, Behausung abgetreten war, complimentirte den Commendanten folgends: Mein Herr! Sie nehmen es nicht übel, daß ich Sie so früh incommodire. Der Commendant antwortete: Gar nicht, mein Herr! man hat ihnen hier schon längstens erwartet. Darauf ging der Graf Brandt das Zimmer auf und nieder, sahe sich al- lenthalben umher, sang eine italienische Arie und sprach: Hier sind, bey meiner Seele! hübsche Zimmer im Kasteel. Der Commendant antwortete: Ja, wem Herr! sie werden noch ein besseres bekommen. Ihm ward darauf sein Behältniß angewiesen, welches aber ziemlich dunkel war; dieses machte ihn dennoch nicht verjagt, sondern er sagte vielmehr noch ---- Bey meiner Treue, der Commendant hat wahr gesagt. Er ist immer lustig, und spielt die Flöte. Von seinen vier und zwanzig LübSchillingen, so er täglich zu verzehren erhält, ersparet er sich sechse, welche wie er sagt, sein künftiger Henkersknecht zum Trinkgeld haben soll. Er bedienet sich auch öfters

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diesen Ausdruck: Einem kleinen Geist kömmt es zu, sich durch Kleinigkeiten demüthigen zu lassen; aber ein grosser Geist hebet sein Haupt weit über sein Schicksal empor.

Der Graf Brandt ist wenige Tage vor der Revolution von einem Freund durch einen Brief gewarnet, und das Schicksal, welches ihm treffen würde, wenn er die Verderblichcn Anschläge befolgte, vorhergesagt, und vor Augen ge- stellet worden.

Die Arretirung der vorhin benannten Personen, geschähe in oberwehnter Nacht, und zwar des Morgens zwischen 3 und 6 Uhr, da alle Personen vom Ball zu Hause gekommen waren und sich zu Bette gelegt hatten, Alle StadtThore waren zu der Zeit geschlossen, da solche seit dem verwichenen Frühjahre nur allezeit gesperret gewesen sind. Durch das häufige Fahren und Reiten, wurde zwar alles rege und aufmerksamgemacht; dem ungeachtet abergetrauete sich keiner, vorTage ans dem Hause zu gehen. Sobald es aber Tag wurde, kam ein jeder zum Vorschein, und die Grassen wimmelten von Menschen. Auf allen Angesichtern hatte sich ein Schrecken verbreitet, in der ängstlichen Meinung, als wenn unserm allergnädigsten und allerhuidreichsten Könige etwas Widriges zugestossen wäre. Dieser Ursache wegen eilte alles nach dem Schloßplatze hin, um zu vernehmen, ob ihre Furcht gegründet wäre? und in kurzer Zeit war dieser Platz ganz mit Menschen angefüllet Als es hierauf Ihro Majestät dem Könige, der Königin Juliana Maria und den, Erbprinzen Friederich, Königl. Hoheit, gefiel, sich auf dem Balcon des Schlosses sehen zu lassen; Freuete sich alles Volk so sehr darüber, daß cs mit der größten Freude ausrief: Vivat! lange lobe unser theurester König Christian der Siebende die Königin Ju- liana Maria, und der Königl. Erbprinz Friederich! Von diesem frohen Jubelton wurde die ganze Stadt erfüllet, und alles Mißvergnügen, Angst und Traurigkeit verschwand. Einer wünschte nunmehrodem andern inden freudigsten Ausdrücken Glück, weil sie ihren allerliebenswürdigsten Monarchen bey vollkoramener Gesundheit erblickt hatten. Das Frolocken der Einwohner bev ber Thronbesteignng,

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15 Vermählung und Krönung des Königs, kam mit demjenigen, was bey diesem Vorfall beständig fortdaurcte, in keine Vergleichung: denn einjeder war nunmehro überzeugt, daß Gott die so grosse und augenscheinliche Gefahr gnädiglich abgewendrt hätte. Um 12 Uhr des Mittags fuhren der König und der Erbprinz; Friderich, Königl Hoheit, in einem mit sechs weissen Pferden bespannten offenen Wagen, und hinter her, in einem anderen offenen Wagen, der Königl. Kronprinz. Die Strassen, wodurch Höchstdieselben fuhren, waren so voller Menschen, daß die Pferde nicht ziehen durften: denn die Menge des Volks hob und trug den Wagen gleichsam fort, wobey ein freudiges In- belgeschrey ohne Ende war. Darnach war Cour bey Hose, und darauf wurde öffentlich gespeiset. Die beyden Garde-Regimenter sind wieder hergestellet. Die Leute, so unter der Fuß-Garde gedienet hatten, und welche caßiret waren, fanden sich auch eiligst, mit und ohne Montirung, wiederum, und zwar so, als sie gingen und stunden, ein, welche auch noch desselben Tages, auf Verlangen, die Wache bezogen, und dir Köllerischen Dragoner, die 48 Stunden die Wache gehabt hatten, ablöseten.

Des Abends war die ganze Stadt aufs prächtigste erleuchtet, und die Königliche Personen fuhren nach der Französischen Comödie, wo bey dem Eintritt Allerhöchstdieselben mit ein frohes Händeklatschen und Vivatrufen empfangen wurden. Die Nacht darauf spolirte das Volk auf die sechzig berüchtigte Häuser, worunter das ehemalige Gräflich Schulinsche Haus mir begriffen ist, welches Gabel auf Anrathen des Grafen Struensee gekauft, und zu einem öffentlichen H--- hause einrichtcn müsse, wozu ihm der Graf Struensee das Geld vergeschossen hatte.

Des andern Tages wollte das Volk wieder anfangen zu spoliren; allein, Se. Majestät, der König, liessen durch Trommel- und Trompetenschall bekant machen: daß, wie sehr Sie auch übrigens mit dem Betragen Ihrer geliebten unterthanen zufrieden wären, Sie dennoch mit dem äusersten Mißvergnügen, die in der verwichenen Nacht begangenen Unordnungen vernommen hatten, und dahero alle Ausschweifungen, bey Lebensstrafe, verböten. Kaum war es möglich der

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freudigen Wuth des Pöbels Schranken zu setzen. Das Volk wollte anfänglich Nicht glauben, daß es Königlicher Befehl wäre, und verlangte ihn schriftlich zu sehen; er wurde ihnen gezeigt; es küßte darauf denselben, und hierauf wurde sogleich alles ruhig. Das Volk hätte auch gerne den prächtigen Staatswagen, den Graf Struenses sich machen lassen, welcher über 6000 Reichsthaler gekostet, in seiner Gewalt gehabt; dieselbe stand aber unter des Königs Schloß.

Die Avancements hey diesem Vorfalle sind nachfolgende: Die Generalin Numsen ist Oberhofmeisterin bey dem Kronprinzen geworden. Der Herr General Lieutenant Graf zu RanzauvonAschberg, wurde zum General von der Infanterie ernannt und mit dem Elephanten-Orden begnadiget; Der Herr General-Major von Eichstedt wurde än die Stelle des Commendanten und Generalmajors Gude, zum Commendanten dieser Residenzstadt ernannt, und zum General von der Cavallerie, wie auch zum Ritter vom Dannebroge erhoben, und zugleich zum Mitqlied im General- und Commissariats-Collegio. Der Herr Oberste Köller ist auch mit dem Orden vom Dannebroge begnadiget und zum General Lieutenant von der Infanterie, und des Königs Ober- General-Adjudanten avanciret. Alle Officirs seines Regiments, welche bey dieser Revolution gebraucht worden, sind um einen Grad höhet gestiegen. Und da der nunmehrige Herr General-Lieutenant Köller den Wunsch äusserste, unter dem Dänischen Adel ausgenommen zu werden, ob er gleich aus einer sehr guten Pommerschen Familic ist; so hat er das Naturalisations-Patent, unter dem Namen: Köller-Banner erhalten; er ist auch zum Mitgliede im General- und Commissariats-Collegio ernennet. Der Hr General KriegsCommissair Berringskiold erhielt den Kammerherrn- Schlüssel, er würde aber ein paar Tagen darauf nach seinem Guthe Wordingborg gewiesen. Der Stadtshauptmann Hr. Treeld hat, mit; 300 Rthlr. jählicher Zulage, den Rang eines Obersten erhalten.

Ihro Majestät, der König, liessen am dritten Sonntage nach Ephiphanias, in allen Kirchen ein Dankfest halten, und dem König aller Könige für die wunderbahre Errettung und Erhaltung des ganzen Königl. Hauses, und Dero Reiche und Lande, ein schuldiges Lob- und Dankopfer bringen.

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Merkwürdigkeiten

bey der

den 17ten Januar 1772

in Copenhagen vorgefallenen

Staatsveränderung.

J.A.C.

O d e

über

Dännemarks Errettung.

Herrn Dr. Münters

erste

geistliche Unterredung

mit dem

inhaftirten Staatsverbrecher,

dem unglücklichen Grafen Struensee.

Verschiedene

Briefe und Ermahnungen

von

Dr. Adam Struensee

an

seinen Sohn,

nebst Dessen Antwort darauf.

Thränen, der Wehmuth

der bekümmerten Mutter an diesen mißrathenen, unglücklichen Sohn.

Itzehoe, im Verlage bey I.C.Brüning.

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J.A.C.

Ode

über

Dännemarks-Errettung.

Ich freue mich nicht deines Falls,

Der du nun liegst; auch nicht des

Wiederhalls

Vom Hohnfrohlocken der Erlösten. Er fleucht vor mir vorbey! Ich freue mich Nur, daß Religion und Tugend sich Erquicken und einander trösten!

Gott sieht das Frevlen wohl, und rächets doch! O komm und siehs! Zerbrochen ist das Joch, Zerbrochen feine Sclavenketten!

Vergebens, eitel soll es seyn,

Dem Dienste Gottes Herz und That zu weyhn; Ihm trotzen sey auch kein Verbrechen.

Der Pöbel, sprach er, glaubts. Ein hoher Geist Wird, wenn ihm, was er wagt, nur glückt und gleißt,

Bewundert, und Gott wirds nicht rächen!

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4 Nun geht zu seinem Kerker hin, und seht Ob seine Götzen ihn, sein Arouet,

Sein la Metrie ihn trösten können!

Er betete die Götzen an;

Die schufen auch aus ihm den großen Mann, Und hoben ihn zu ihren Höhen.

Glückselig ist, wer wandelt ihren Pfad!

Sie haben Weisheit und Verstand und Rath, Die Felsen, die sie gründen, stehen!

Leicht ist der Frevel, leichter ist der Spott! Er thats, und ward wie sie ein neuer Gott, Hatt' auch schon Tempel und Altäre!

Da strömet in den Tempel hin Wer frevelschwanger ist in seinem Sinn, Des Rechtes Spötter auch und Hasser.

Auch gafft viel hoher Pöbel auf, und wird Vom Glanze blind, und taumlend und verwirrt Strömt er hin zum Coloß wie Wasser.

Wie von dem Himmel ists herab geredt Was er gebeut, und was sein Arouet,

Der nun geringre Götze, lästert.

Und ein Gebot gieng aus: Wer nicht Das Knie beugt vor dem Gott, nicht flicht Um seine Stirn der Wollust Kränze;

Nicht Weyhrauch glühen läßt, nicht willig zollt Zur Götterkrone Silber oder Gold,

Nicht tanzet seine Comustänze,

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5 Nicht frohlockt: der — verlohren soll er seyn, Und wie die Tugend seufzen, daß allein Der neue Gott gefürchtet werde!

Im Dunkeln seufzt: Wo ist nun Gott, Ders rächen kann? der Fromme. Soll der Spott Der Tugend nicht gerochen werden?

Wo ist er nun? Und achtets sein Gericht Nicht, daß er so verschmäht wird? Ist er nicht. Ist Gott nicht Richter mehr auf Erden?

Und solls umsonst seyn, daß der Tugend Pfad Der Fromme wandelt? Oder hat Gott keinen Blitz mehr, keine Donner?

Ja, Donner har er! Aber er Hüllt sie in Wetterdunkel um sich her.

Da er nun aufwacht und verdammet.

Der G¨tz ist eingeschlummert. Wecket, weckt

ihn auf!

Es scheint, ein Wetter ziehe sich herauf!

Er schlummert. Eine Flamme flammet. Fleucht aus von dem durch Nacht vorhüllten Sitz Mit Flügeln, wie kein Blitz sie hatt, ist Blitz, Vertilgt, verlischt, und Jubel folgt ihm!

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6 Herrn Dr. Münters erste

geistliche Unterredung

mit dem

inhaftirten Staatsverbrecher,

dem unglücklichen Grafen Struensee.

M. Ihre Miene, Herr Gr., läßt mich vermuthen, daß wein Besuch Ihnen nicht so angenehm ist, wie ich wünsche; Sie werden —

Gr. Meine Miene, Herr Pastor, kann bey meiner Verfassung nicht sonderlich freundlich seyn. Inzwischen versichere ich Ihnen, daß ihre Gegenwart mir nicht zuwider ist; und wenn sie es auch wäre, so würde ich doch Ihnen von der Entschuldigung frey sprechen, weil ich vermuthe, Sie sind auf Obere Zunöthigung hier,

M. Wie sehr wünschte ich, Herr Gr., Sie liessen sich meinen Besuch eben so wohl gefallen, wenn lediglich Amt und Pflicht die Ursache davon wäre.

Gr. Auch hier, Herr Pastor, könnte ich Ihren frommen Eifer wenigstens mit Billigkeit nicht tadeln.

M. Ich hoffe also auch, Sie werden so billig seyn, Herr Gr., und glauben, daß ich nicht hieher gekommen bin, mit den Vorsatz, um Ihnen zu beleidigen. In diesem Zutrauen

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7 unterstehe ich mich, weiter zu sagen, wie ich vest glaube, daß Ihre bisherige Handlungen, Hr. Gr., nicht immer die Billigkeit zum Augenmerk gehabt.

Gr. Sie zeigen bey Ihren Vorwurf eine Verlegenheit, welche scheinet, als vermutheten Sie in mir einen am Hof durch Schmeicheley verdorbenen Menschen. Ich will mich nicht frey davon sprechen; ich habe mich in dieser angenehmen Trunkenheit befunden: der Dunst ist aber jetzt verflogen, und ich sehe mich nunmehr an, wie eine betrogene Schönheit. Dies führet mich wieder zu dem vorerwähnten Fall von der Billigkeit. Deucht Ihnen nicht, Herr Pastor, die Bedeutung dieses Worts sowohl, wie aller andern sogenannten Tugenden, leiden nach Ihren Umständen, Einschränkung und Ausdehnung?

M. Glauben Sie denn wohl, daß man die Gränzen der Billigkeit, und aller würklichen Tugenden durch die Vernunft geleitet, daß man, sage ich, die zu weit ausdehnen kann?

Gr. Ein jeder sucht seine Erhaltung, seinen Nutzen, sein Vergnügen und seine Ehre: dies kann nicht wohl ohne auf Kosten anderer geschehen. Die Gottheit hat es so geordnet, und es kann ohne Zweifel nicht anders seyn, sonst würde es anders seyn.

M. Ich habe bis hiezu noch Bedenken getragen, diesen erstaunenden, diesen tröstenden Namen zu nennen; Sie führen mich selbst da-

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8 hin. Sie glauben also eine Gottheit, einen Urheber der Dinge, einen Gott?

Gr. Freylich, bin ich genöthiget, sie nur zu glauben, weil ich sie weder sehen, noch begreifen kann.

M. Sie glauben also auch, daß diese Gottheit, dieser Gott ein vernünftiges Wesen ist?

Gr. Ohne Zweifel vernünftig wegen der Ordnung, welche man in der Natur findet. Unterstehen Sie sich aber, Herr Pastor, mit Der eingeschränkten kleinen menschlichen Vernunft jene urheberische Vernunft auszumessen?

M. Nicht auszumessen, sondern nur zu muthmassen und zu glauben. Sie gestehen selbst, daß die Ordnung von einer Vernunft des Stifters dieser Ordnung zeuget, so finden Sie auch, daß die Einsicht, und der Begriff von dieser Ordnung, wenigstens von einem Theil dieser Vernunft zeuget; obgleich eingeschränkt. Da nun diese eingeschränkte Vernunft gleichwol das Vermögen hat, Ordnung und Unordnung wahrzunehmen; ja, eigentlicher zu reden, da es ihr Wesen selbst, und das Gesetz ist, wornach sie ist; kann man sich denn noch wohl selbst verläugnen, und trennen diese Begriffe von einander? — Ordnung. Gut. Tugend, und entgegen gesetzt, nicht gut. Laster. Hat also ein mit Vernunft —

Gr. Herr Pastor, Sie mischen die Begriffe in einander. Was ist ein Irrlicht gegen die

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9 Sonne? Was ist eine Spanne weit Helle in einen unendlichen Nebel? Wie, wenn unsere ganze Vernunft blos das Theil einer künstlichen Organisation wäre? Ich habe in diesen Tagen meines Arrests Musse genug zum Nachdenken gehabt, je mehr ich die Menschen und ihre Bestimmung ohne Vorurtheile betrachte, je mehr werde ich überzeugt, daß alles, was lebet, in der Natur nichts wie Futter eins für das andere ist.

M. Ich spüre, Hr. Gr., Ihre Gemüthsunruhe macht Ihnen für heute zu nachdenkenden höhern Begriffen ungeschickt, ich will mich also bis zu einer günstigern Zeit empfehlen, und Ihnen die Obhut und Gnade wünschen, desjenigen Urhebers der Dinge, der Gottheit, die Sie selbst erkennen, nur diese Frage habe ich noch: Wenn jemand sich in ihr Haus eingeschlichen, Ihnen beraubt, Ihnen zudem noch etwas entwandt hätte, worauf Sie den Werth ihres Vergnügens gesetzt hätten, wenn er überdem noch Ihnen Ihr Gesinde abwendig und zu Verräther ge- macht hätte, nach ihrem System würden Sie diesen Mann nicht tadeln können?

Gr. Warum wollen Sie schon gehen, Hr. Pastor, bleiben Sie noch, ich bin nicht aufgebracht, Sie sagen selbst, und ich spüre es auch. daß ich heute zu geistlichen Begriffen nicht auf- gelegt bin, die Maschine ist voll politischer Ideen, wenn die ausgeleeret sind, vielleicht giebt es als- denn Platz, ich versichere Ihnen dabey, daß ich den Werth Ihrer sowohl ursprünglichen, als po-

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litischen und bürgerlichen Tugenden, ungekränkt lassen will; ich frage Ihnen also, nur glauben Sie wohl, Hr. Pastor, daß ein Mensch mit den Vorsatz, und bloß um es zu seyn, ein Böse- wicht wird?

M. Nach Ihren Principiis, ja. Gott und der Vernunft zur Ehre aber glaube ich frey- lich nein. Aber was vor eine Verbindlichkeit giebt Ihn der Beruf dazu, um ein Bösewicht

zu werden?

Gr. Man wird es, ohne es zu wollen, man ist es schon, ohne daß man es weiß. Ich versichere Ihnen Confucius und Solon haben keine unsträflichere Ambition haben können, wie ich in der ersten Zeit, da ich die Möglichkeit sahe, daß meine Rathschläge auf die Verfassung dieses Staats geltend werden konnten, vielleicht hatte ich nicht Ihre Fähigkeit, vielleicht auch war Ihre Zeit füglicher, hier in diesen Winkel, zu spät habe ich von dieser Materie folgende Gedanken gehabt. Der Zerstörer des grossen Roms wandte die Vorsicht an, dem Witz, als den Zerstörer des noch grössern freyen Roms auszurotten; er hat sich über 1000 Jahre hie und da in den Winkeln erhalten, bis Ludewig der 14te und seine Zeit ihn allgemein in Europa wieder haben geltend zu machen gewußt, mit den Character-Geschmack. Nach diesem Geschmack wissen wir, daß Cortouche und Conde gleich grosse Leute sind, daß das Zeichen eines grossen Geistes, die nichts von einer guten Haushaltung wissen,

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11 was Ehrlichkeit, Einfalt, Rechtschaffenheit, Ei- gensinn bedeutet. In diesen Geschmack geben wir Unterricht, mit diesem Geschmack treten wir im ersten männlichen Feuer die Aemter an, worinn wir den König und den Staat nutzbar werden sollen, ja wir ziehen diejenigen auf einmal zu wichtigen Posten hervor, nach dem Maaß, wie ihre Eitelkeit und Unverschämtheit uns einen Begriff von dem Gefühl ihrer eigenen Grösse giebt.

M. Ein Mann aber, wie Sie Hr. Gr., der die Historie und gegenwärtigen Menschen kennet, sollte sich von dem Geschmack, eines verwöhnten Zeitalters nicht hinreißen lassen.

Gr. Das weiß ich aus Erfahrung, Hr. Pastor, dazu gehöret ein Eigensinn, der wohl einen König groß machen und verewigen kann; ein Minister aber findet seinen gewissen Fall dabey, und dazu mit Verachtung und Spott. Ich will nur ein Exempel anführen: nehmen Sie einen Staat, welcher nach den Bedürfnissen die Geschmacks, anderthalb ausländische Producte nöthig har, und dagegen nur an Ausländer von seinen eigenen Producten die Proportion von Ein wieder creditiren kann, ist der Banquerot nicht unvermeidlich? was wäre wohl dabey zu thun, Hr. Pastor, es ist nur eine kluge Antwort dar- auf, und die erwarte ich von Ihnen?

M. Dies wäre dabey zu thun, daß man den Geschmack herunter, und die einfachen Sitten

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wieder aufzuhelfen suchte, und dies nicht etwa durch Verordnungen, sondern durch Exempel, daß man die wahre Tugenden wieder hervor suchte, und Beförderungen darauf setzte, wer in Klei- dung- und Nahrungsmitteln, sich mit denen von einländischen Producten genügen liesse.

Gr. Es ist Ihr Glück, Hr. Pastor, daß Sie diese erschreckliche Neuerung nicht durch Verordnung wollen geltend machen, um Ihnen sonst sogleich davon abzuschrecken, würde ich Ih- nen nur das Corps Grenadier in langen Rö- cken entgegen stellen, womit wollen Sie aber die Lorbeerbereiter, ohne welche der Minister die elendigste Creatur seyn würde, bey Laune erhal- ten, vermuthlich würden Sie doch mit Ihnen patriotisch Poenitenz halten müssen, würden Sie aber auch die Verachtung ausstehen können, welche Ihnen auf jeden Schritt begleiten würde, bis Sie endlich als ein Pedant davon schleichen müssen?

M. Ich würde gutwillig, wie der Apostel, schon gehen, und den Staub von die Füsse schütteln.

Gr. Vielleicht auch es machen, wie jener Hund in der Fabel, dem das Fleisch anver- trauet war?

M. Sie halten nicht Ihr Wort, Hr. Gr., welches Sie mir gegeben haben, indem Sie mich zum Bleiben nöthigten.

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Gr. Ich glaube ja, ich habe versprochen, nicht über die Tugend zu spotten, und dieser Spott trifft mich selbst, meine Ministerschaft und der Geschmack unserer Zeit, welcher mich bis hieher gebracht; glauben Sie wohl, Hr. Pastor, wenn die Gottheit einen Mißfallen an den Geschmack unserer Zeit hätte, und die Menschen durch mittelbare Wege zerstören wollte, so würde sie sich wie ehemals in Rom und Athen der grossen Geister dazu bedienen, und ich hätte alsdenn wenigstens den Trost, daß ich so viel mir möglich gewesen, zu den Absichten Gottes das Meinige beygetragen hätte; dies bleibt einmal gewiß, Herr Pastor, der Staat in Europa, welcher am ersten in sich zerfallen wird, wird dadurch zugleich den Preis erhalten, daß er unter allen der Aufgeklärteste gewesen; ich sehe, Sie wollen fort. Dies wollte ich noch in der Eil anbringen.

M. Ich habe Ihnen mit Verwunderung zugehört, ich werde darüber zu Hause meine Gedanken entwickeln, und Sie Ihnen morgen, will es Gott! mittheilen, ehe ich aber gehe, habe ich noch die Frage, wie viel braucht denn ein grosser Geist wohl zu seinem täglichen Unterhalt?

Gr. Hert Pastor, Ihr Habit. —

M. Soll ich etwa bey den Traurigen lachen, und bey den Scherzenden weinen, im Ernst. Er ist immer wirksam, bald zum Bauen, bald zum Niederreissen, ohne einigen vernünftigen Endzweck, ohne Absicht auf eine Zukunft, es

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14 müßte denn diese seyn, seine eigene Vernichtigung zu beschleunigen. Aber vielleicht die Ehre, was ist die Ehre von etliche Loth Staub? mir fällt da- bey ein Anschlag ein für alle grosse Geister, wo- durch Sie könnten befriediget werden, und zu- gleich die Welt in Ruhe bleiben. Ein jeder, wel- cher Anspruch auf den grossen Geist machte, sollte sich melden, und öffentlich die Erlaubniß haben, sich einen Helden des Alterthums zu wählen. Zum Exempel, Sie Hr. Gr., liessen sich in griechischer Tracht mahlen, und schrieben darunter: Solon; wahrlich die grossen Geister kommen mich als poßierliche Leute vor.

Gr. Kommen Sie morgen wieder?

M. Wills Gott! ja.

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15 Verschiedene

Briefe und Ermahnungen

von

Dr. Adam Struensee an

seinen Sohn,

nebst Dessen Antwort darauf.

Dividor haud aliter, quam si mea membra relinquam, Et pars abrumpi corpore visa suo est.

Ovid. Tristium.

Ich elender Vater! —- der ich durch das grausame Vorhaben meines verruchten und höchst unwürdigen Sohnes, welcher eben so wenig Gleichheit mit einem Menschen hat, als der kleinste unter den Fixsternen mit der güldnen Sonne, wenn sie im vollen Glanze strahlet. — Ich elender Vater! stehe, hierdurch hart getroffen, an der Schwelle der Verzweifelung. Doch. — mich schämend, Vater zu einer solchen Mißgeburth zu seyn, — schätze mich beglückt, indem ich mich verbergen darf, entfernt von dem großen Haufen der in Harnisch gejagten Menschen, die ein so gottloser Sohn mit Ungerechtigkeit und Bosheit bis auf das Aeusserste verfolget hat. — Ich, — der ich leider! meine Weissagungen, die diesen gottlosen, und mehr als strafwürdigen Sohn betreffen, pünktlich erfülle, sehe. Diese meine Weissagungen, die ich schon bey seinem Eintritt in die Welt gethan habe, will ich um so

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16 vielmehr an den Tag legen, damit ein jeder hier- aus abnehmen könne, daß ich an Liesen seinen scheußlichen Unternehmungen auch nicht die min- deste Schuld habe. —

Diese Weissagungen, die ich hierdurch vor Augen lege, will ich in zweyen Theilen zerlegen. Es sind

Einmal Weissagungen von der Wiege an bis zu der Zeit, darinn er vermögend war, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden.

Ferner solche, die zu der Zeit ihren Anfang nahmen, da er mein Haus verließ, und anfieng, auf seinem eigenen Wollust-Pfade zu wandeln.

Was das Erste betrifft, so will ihn, ob gleich er; (mein nichtswürdiger Sohn,) es selbst weiß, selbige aus der oben erwähnten Ursache anführen.

Bin ich gleich in dem Innern meines Herzens davon überzeugt, daß ich von Deiner Wiege an bis zu Deinen männlichen Jahren, so wie ich es vor den Augen des Allmächtigen zu verantworten gedenke, alle meine väterliche Pflichten gegen Dich beobachtet habe; so habe ich doch täglich gesehen, daß Du eben so sehr an Gottlosigkeit und Bosheit, wie an Alter und Größe, wuchsest,

Mit wie vieler Sorgfalt habe ich Dich nicht erzogen? Wie vielen Fleiß und Achtsamkeit habe ich nicht angewandt, Dich in denen Sachen zu unterrichten, die zur Ehre Gottes, — zur Beförderung Deines zeitlichen Wohls, — und

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17 zur Erlangung der Seligkeit, jenseit dem Rande des Grabes, hätten dienen können? — Wie sehr, ja, wie sehr ließ ich mich angelegen seyn. Dich dahin zu bringen, daß Du an Deinem Gerichtstage möchtest Frieden haben? Nicht anders, als wenn ich, (doch, Gott weiß, daß ich daran unschuldig,) den schändlichen Vorsatz und gottlosen Anschlag Deiner schwarzen Seele hätte vorher sehen können. Und — wie hätte es mir schwer fallen können, dieses bey einem Menschen wahrzunehmen, der mit Vernunft begabet ist. Von der ersten Zeit an, da ich nur Proben Deines Verstandes erblickte, fand ich Deine Gedanken ganz unerwartet; — Dein Herz glich jenem reißigen, grimmigen und schlauen Thiere, — nicht eines Menschen. Und wie sehr kränkte dies Deinen besorgten Vater, der seine Kinder eben so zärtlich, wie Jacob seine Söhne, liebte? Deine Ränke waren allezeit schändlich; — Deine Gedanken stolz, und weit über die Gränzen erhaben, worinn Dich die Natur in der Geburth gesetzet hatte; — Deine Absichten, — giengen allezeit dahin, wohin Du nie gezielet hattest, wenn die Vernunft wäre Wegweiserinn Deines Gesichts gewesen. — Solche Dinge waren immer der Gegenstand Deiner Beschäfftigungen, die nur das Gegentheil von Gottesfurcht zu erkennen gaben. — Deutlich legtest Du die größte Verachtung gegen die allerheiligste Religion, gegen Ehrbarkeit und gute Sitten an den Tag. —

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18 Noch gedachte ich, — Ach! meine Seele zer- bricht bey diesen Gedanken, welche der süssen Hoffnung so sehr schmeichelten, — Du solltest im Alter mein Trost seyn. — Aber ach! ich unglückseliger Vater! — Du stürztest nicht Dich allein ins Verderben, sondern auch Deine Brüder; — ja, — mißrathener Sohn!— Du machest gar Deiner bejahrten Eltern Namen im ganzen Dänischen Reiche abscheulich und verhaßt. — Ach! — Elender! die Menschen sind zwar böse und verderbt, — Du aber noch weit ärger. — Du bist höchst abscheulich! — Du bist also nicht bloß Dein Verderber, sondern auch der Verderber Deines ganzen Geschlechtes. — Die deutlichsten Zeichen sahe ich noch in Deiner Jugend, die mir sagten. Du würdest in den männlichen Jahren zum Bösen aufwachsen. — Und hiedurch um so viel mehr bewogen, ja, getrieben, wandte ich alle nur erdenkliche Mühe an. Dich noch als einen jungen Baum zu beugen, damit Du zum Wohlgefallen Gottes, als welcher allein das Gedeyen giebt, wachsen möchtest. Aber leider! — alles, alles war an dir vergebens.

Du wandeltest auf bösen Wegen, — und aus diesen Wegen der Ungerechtigkeit und Bosheit übtest Du nur solche Werke aus, woraus ich

deutlich abnehmen konnte:

2) Was Dir alsdenn begegnen würde, wann Du, meiner Aufsicht entlassen, Dich selbst auf Deinen eigenen Wegen führen solltest. — Weit

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19 gefehlt, daß Deine Erhöhung mir hätte ange- nehm seyn sollen. Nein! — sie machte mich be- kümmert und betrübt! — Bey einer jeden Stufe Deiner Erhöhung fielen mir die Worte bey:

Tollunter in altu,

Ut lapsu graviori ruant. —

O! wie genau wurde nicht diefes erfüllet.

Du klettertest die Ehren-Leiter hinauf, — damit Du desto tiefer in den Abgrund des Verderbens stürzen möchtest, wo Dir, statt der Ehre und Hoheit, Schande und Verderben begegnet. — Und was sollte ich von Dir erwarten, da Du Dich auch nicht scheuetest, die Majestät Gottes zu spotten, — die Menschen zu verachten, — und Deine nach Wollust und Ungerechtigkeit dürstende Seele zu erquicken. —

Sahe ich Dich gleich als einen Baum an, der nicht gute Früchte tragen würde — so gab ich Dir dennoch, von mir ausgehend, meinen Segen mit.

Das Glück schmeichelte Dich, — und Du warest unvorsichtig genug, ihre falschen Schmeicheleyen und Liebkosungen zu trauen. Du vertrauerest Dich, gleich dem verwegenen Seemanne, ihren falschen Wellen. —

Ach! wie glücklich wärest Du gewesen, wenn Du nach der künftigen Glückseligkeit, und nicht Nach irrdischer und vergänglicher Ehre getrach- tet hättest.

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20 Hättest Du Dich des Beyspiels eines keuschen Josephs erinnert; so hättest Du auch mit ihm der Wollust Trotz bieten, — mit ihm die schmeichelhaften Lockungen der Verführer verlachen können. — Aber ach! Du verkanntest Gott, — Du verkanntest die ewige Glückseligkeit, die er denen zubereitet hat, die in Aufrichtigkeit des Herzens vor seinen Augen gewandelt haben. —Du suchtest nur der Wollust ihre Begierden zu stillen, und Deine eigene Seele in Unreinigkeit zu sättigen. Aber ach! — Nun, — ja, — nun, allein, zu spät weißt Du Dich der Worte eines tugendhaften Heiden zu erinnern, die Du über auch vorhin schon gewußt hast:

— Hic murus ahæneus esto,

Nil conscire sibi, nulla pallescere culpa, @Horatius.

Er, den das Licht der Offenbarung, Gott in seiner Macht zu erkennen, fehlte, — er beschämet Dich um so mehr. — Denn, ob er gleich, nach seiner Erziehung, nichts von der Erkenntniß Gottes wußte, und hierinn keinen Unterricht gehabt hatte: so erkannte er doch aus dem Lichte der Natur, daß ein allgewaltiger Oberherr seyn müßte, welcher die Tugend belohnen, die Laster aber bestrafen würde. — Deine Frechheit hingegen, in Ausübung der Laster, ließ es nicht einmal zu, Dich solcher Lehren zu erinnern; denn wenn Du dieses gethan hättest, so würdest Du gewiß meine väterliche Warnung und den letzten Abschied mit Ueberlegung nachgedacht haben.

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21 So gewiß nun alle diese Deine lasterhaften und unreinen Handlungen Dir von Deinem unglücklichen Vater sind vorher gesagt worden, — so gewiß wird Dir zum voraus gesaget, und nur gar zu gewiß erfüllet werden, was für Strafe Du mit Deinem verruchten und gottlosen Leben verdienet hast. — Ja, — mein Sohn! — @zittern müßte ich vor dem Zorn des Allmächtigen, als welcher keine Lust an den Werken der Ungerechtigkeit hat, wenn ich, so es auch möglich wäre, mich bestreben wollte, die gerecht auf Dich fallende Strafe abzuwenden. O! nein. — Dies sey von mir weit entfernt! Dahin soll aber mein Bemühen gehen, dahin soll es gerichtet seyn, daß ich Dir zu Deiner Bekehrung von Gott die mächtige, starke und Herzenslenkende Kraft erflehe. — Ach! — alsdenn würde Dein hart getroffener Vater selbst in Deiner Strafe einen Trost zur Linderung seines schmerzenden Unglücks finden.

O! könnten Felsen, könnten Steine Worte hervorbringen; o! könnten alle Quellen meine äng- stig-lechzende Seele laben, sie würden in Worten ausbrechen, und mir zurufen: Komm! — komme her, Untröstbarer! laß Dich Deine matte Seele erquicken! — Eher wird Bley auf den Gewässern schwimmen, und Wachs zu Grunde gehen, — eher werden die reissenden Wölfe sanftmüthig bey den Lämmern liegen, — eher wird der Geyer, wie eine Taube, girren; als ich die mir durch Dich gemachte Schande werde verschmerzen können. —

Lebe, und bekehre Dich wohl.

FE TTT TA SN Ormene teen rets PT

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Dr. Adam Struensees

Schreiben

an seinen unglücklichen Sohn,

dem

Grafen Joh. Fried. Struensee.

Mein geliebter, aber unglücklicher Sohn!

Mein Sohn! mein Sohn! wie oft habe ich Deinenthalben Gott angerufen, daß er Dich mir seinem heiligen Geist erleuchten möchte!

Kaum glaubst Du es, wie sehr der Schmerz, den ich durch Deinen Fall empfinde, mein Herze naget, und meine Seele bis in den Tod betrübet. O! mein Sohn, Dein Fall ist die betrübte Folge deiner Gottesvergessenheit. Wenn die Religion gegen die Zärtlichkeit, welche ich für Dich als Vater habe, mein Herz hart machen könnte, so müßte ich damit zufrieden seyn, welches Du mit Deinem Exempel beweisest, wie ein Gottloser mit Schande bestehet, wenn wahre Gottesfurcht für den Gerechten in allen Lebensgefahren ein Fels wird. Ich hoffe, daß es Dir wohl bewußt seyn wird; Dein eigen Gewissen wird Dich daran erinnern, wenn Du es solltest vergessen haben, daß ich ofte, so wohl in deiner zartend Jugend, als in Deinem zunehmenden Alter, auf meinen Knien Dich den Gnadenhänden Jesu anbefoh

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len habe, daß sie Deine Seele zu einer beständigen Wohnung für Deinen gecreuzigten Erlöser machen, daß ich auch möchte seyn, in der Zahl der glückseligen Väter, welche an jenem Tage mit freudigen Angesichtern zu dem Oberrichter sagen könnten: Herr! hier bin ich, und die Kinder, die Du mir gegeben hast.

Ich habe allezeit für Deine ungöttliche Handlungen einen Ekel bewiesen. Ich habe sie bestrafet, nicht mit übereilter Herrschsüchtigkeit, sondern mit vieler Zärtlichkeit und Langmüthigkeit, nach der Gnade, so mir mein Erlöser dazu gegeben hat. Niemals habe ich aus Eigensinn oder Unbesonnenheit Dir Lebens-Regeln gegeben, sondern Dich zu Deinem Beßten ermahnet, den Weg zu wandeln, der zum Leben und beständi- ger Glückseligkeit führet. Du hast Dich oft geweigert, meine väterlichen Vermahnungen zu hören, welche ich Dir oft mit Thränen fürgehalten, noch vielweniger hast Du den heiligen Geist in Deinem Herzen Raum gegeben. Ich habe es Dir oft gesagt, daß kein Verlust mit dem Verluste der Seele zu vergleichen ist; Denn was hülfe es uns, wenn wir auch gleich die ganze Welt gewinnen könnten, und nehmen doch Schaden an unserer Seele? Die Glückseligkeit, welche darinn ist, in der Gemeinschaft Jesu zu stehen, hast Du verschmähet; stets, und von Jugend auf, hast Du eine höchst schädliche Freude in der Welt gesuchet. Dein beständiger Widerwille gegen Gott und sein Wort hat meine Hoffnung zu Deiner Verbesserung zu Boden gedrückt.

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Dein Muthwille gegen meine Vermahnungen hat mir manche Seufzer Deinenthalben abgepres- set. Deine Gottlosigkeit hat mich vor der Zeit zu einem grauhärigten Mann gemacht. Dein Spottgeist hat mir manchesmal so mein Herz durchgegraben, daß ich oft gewünschet, mich nie- mals erinnern zu können, einen solchen Sohn ge- habt zu haben, und gänzlich aus meinem Ge- dächtniß ausgelöschet seyn möchte.

Das, was in dieser Welt das Ziel aller Dei- ner Handlungen war, das erreichtest Du, und da dachtest Du, Du wärest nun so hoch gestiegen, daß keine Rache Deiner Mitmenschen Dich im mindesten erreichen könnte; Ehre uud Wohl- lust war das Kleinod, wornach Du allezeit gerungen, und daher Preiß aufs Geld fetzetest, welches Du zum Mittel erkohren, Deine eitlen Wünsche zu vollführen. Aber die Rache verzehrte Deine Wünsche; Deine Hoffnung blieb Verzweifelung; Deine Ehre Schande; Deine Wollust Bitterkeit der Höllen. Zu was bist Du nun geworden, weil Du ohne Gott in dieser Welt gewandert hast? und was für Elend foltert Dich itzt in Deinem wohlverdienten Gefängniß; Aber Du bist in Sünden abgehärtet, und her Herr Deiner Sünden hat Deine Augen zugebunden, Deine Ohren verstopfet. Deine Ver- nunft verwirret und Dein Herz verstocket.

Du allein bemühetest Dich mit einem Schwarm eigennütziger Heuchler am Hofe einzuschläfern, so, daß du nicht hörtest das Ach- und Wehkla

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gen, welches die Unterthanen über Deine Nie- derträchtigkeiten ausschütteten. Nun bist Du in Deinem Gefängniß, und wo Du wiederum nicht das geringste von den Verbannungen, womit Dich das Volck aus Rache verfolget, hörest, weil Du suchtest die Glückseligkeit der Unterthanen zu stürzen, die Religion, das Heiligste, was die Menschen haben, gelähmet; indem Du bosheitsvolle Verordnungen zu sündigen ausgegeben, und Fleiß angewendet, die Guten aus dem Lande auszurotten. Ach! verabscheuungswürdige und erschreckliche Dinge! — Mein graues Haar hebt sich empor, Deine Bosheit zu nennen. Kein Wunder, daß man so auf Dich erbittert ist; Aber was denkest Du in Deinem Gefängniß? Ich fürchte es Dir zu sagen, besonders, wegen den schlechten Zustand Deiner armen Seele.

Wenn Du mit einer zerknirschten Wehmüthigkeit Dir selbst Dein gräuliches Verbrechen unter Augen stellest; wenn Du solltest und könntest Blut weinen über Deine Bosheit; wenn Du solltest recht von Herzen ernstlichen Abscheu haben an Dir selbst und Deinen Gottesvergesse- nen Thaten; wenn Du solltest im demüthigen Gebeth Dich Deinem gnädigen Versöhner zu Füssen werfen, Gnade und Vergebung zu erflehen; wenn Du solltest Dich mit Eifer bereiten, in die Ewigkeit einzugehen, welche Dich an der Thür Deines Gefängnißes erwartet; wenn Du jetzt noch suchen solltest, hier in der Gnadenzeit den Rest Deines Lebens in der so

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süssen Gemeinschaft Deines göttlichen Erbarmers zu geniessen; wenn Du einst den heftigen Widerwillen gegen das Eitele und Schimmernde der Welt, darinn Du so lange geschwebet, has- sen sollst, und mit einem wahren brünstigen Verlangen, die ewige Seligkeit des Himmels davon zu tragen wünschest; so (sage ich) glaube ich, daß Du Deine vorigen Handlungen nicht, ohne mit einer kalten Gleichgültigkeit, und wahren Abscheu ansiehest; und hingegen alle die Gedanken, welche vermittelst des heiligen Geistes Würkung, Dich zu einer solchen Selbsterkänntniß bringen, und die, welche eine Begierde nach der Gnade Gottes wirket, in Deiner Seele Raum giebst.

Aber es verdriesset Dich wohl vielmehr, daß Du Deine Rollen nicht besser gespielet hast, und daß Du selbst in Fallstricke gefallen, die DU andern geleget hattest, darinn bestehet wohl Deine, Selbsterkänntniß, und erkennest, aber mit Schande zu spät, daß mit einem ganzen Reiche picht gut Ball zu spielen sey, Aber, daß die Verachtung Gottes einen Menschen eben sowohl die zeitliche als ewige Verhöhnung über den Hals ziehet, dazu giebst Du Dir wohl niemals Zeit, daran zu gedenken, Vielleicht glaubst Du sogar noch, Du seyst unschuldig, Gefährlicher Gedanke! Vielleicht glaubst Du, daß Du bey Deinen hohen Vorzügen und Auftritten Mißgunst erweckt hast, Dich zu stürzen; Doch ich kann es nicht glauben, daß Du so verblendet bist. Du denkst vielleicht vielmehr, daß Du in Dännemark eine höchst unentbehrliche Person ge

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27 wesen; man müßte also des Nutzens wegen, wel- che Deine Eigenliebe Dir eingebildet, gestiftet zu haben, Deine kleinen Fehler übersehen; Denn der größte Sünder schmücket seine unmenschlichen Thaten so sehr, daß der böse Geist ihm gerne unschuldig erkennet, und dieses Urtheil nimmt der Sünder mit Freuden an. Hast Du die mindeste Erleichterung in dem erschrecklichen Zustande, in welchem Du Dich befindest, so besteht sie wohl darinn, daß Du Dich über die Macht und List, womit Du Deine Brüder in der Welt gekränket, und Deinen und meinen Gott erzürnet, erfreuest.

O! wie hast Du getrachtet Deinen Namen in Dännemark unsterblich zu machen; Aber, wie hast Du ihn unsterblich gemacht? mir schaudert! — Entsetzen fährt mir durch alle meine Glieder! — Zu Deiner Schande währet er von Geschlecht zu Geschlecht, ja, bis in die Zeiten der grauesten Ewigkeiten» Lieber wollte ich unbekannt meine Lebensjahre, in dem grössesten Elende, in den entferntesten Winkel der Welt, als ein niedriges Geschöpf hindurch gelebet, und mich mit Gott geweyheten Gedanken beschäftiget haben, oder mich mit den Wilden, die auch eine ehrfurchtsvolle Achtung für Gott hegen, unterhalten haben, Kein Menschenfreund wird einmal, ohne mit dem größten Ekel, für die Nachwelt Deinen Namen nennen können, und noch weniger wird ein GotteSfürchtiger es leiden, daß man deinem Gedächtniß Aufmerksamkeit gönne.

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28 Was gewannest Du denn bey Deiner Got- tesvergessenheit, bey Deiner Gottssverspottung, bey Deiner Vermessenheit und niederträchtigen Lebensart? Nichts als den Hohn der Welt, Gottes Zorn, der Welt Strafe, Gottes Rache, der Welt Abscheu, und ein ewig Verstossen von Gottes Angesicht, wenn Du nicht Dich in Zeiten bekehrest.

Der Mensch, wie elend er auch ist, in wie vielen Sorgen er auch schwebet, wie viel nagende und stechende Vorwürfe er auch fühlet, so empfindet er doch die Süßigkeit des Lebens, und wann ihm auch gleich der Tod vor Augen schwebet, und seine Ankunft in den Gliedern des Menschen verkündiget, so glaubt er es doch nicht, daß es der Tod sey, Also geht es auch wohl dir.

Du siehest Dich nun selbst in einem Gefängniss, wo die Einsamkeit Dir Gelegenheit genug giebt, zurücke zu denken an Deine so grossen und unzähligen Sünden, und die an Zahl dem Sand am Meere gleichen. Dein Gewissen klopfet an, und rufet Dich zu, Du hast den ewigen Tod verdienet, und die Landes-Gesetze verkündigen es Dir, daß der Zorn des Staats Deines Verbrechens halber durch Deinen Tod muß befriediget werden.

Laß nun die Ketten, welche Du von aussen an Dir trägst, als ein Merkmaal Deines erschrecklichen Herzens, welches inwändig in Dir wohnet, Dir eine Erinnerung seyn an die Ketten, womit

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29 die Sünde und der Satan Dich bisher gefangen mit sich herum geführet hat. Ich glaube gewiß, daß du eifrig wünschest, aus Deinem Gefängniß, und von deinen Banden erlöset zu werden; aber dieses Gefängniß und diese Bande haben nichts zu sagen gegen die Sclaverey der Sünden, wor- inn Du beständig geplaget worden. Wünsche lieber aus den schneidenden Ketten des Satans befreyet zu seyn; dieses solltest Du für einen viel grössern Gewinn ansehen, grösser, als wenn Dein Uebermuth und Deine Vergreiffuug nie- mals wären geschwächt, grösser, als wenn Deine gottlosen Begierden nach der höchsten Würde er- füllet wären.

Höre denn nun diese letzte Bitte von deinem betrübten Vater! höre sie nicht mit einem fre- chen und störrichten Herzen; nicht mit einer Seele, welche Ausflüchte sucht, und sich unter eigene Feigenblätter versteckt, nicht mit einem Verstande, welcher auf gefährliche Gründe ausleitet, die den Schein der Wahrheit haben, Deine ungöttlichen Handlungen zu rechtfertigen, nicht mit einer hochmüthigen Einbildung von Deiner eigenen und fehlbaren Sinnesverfassung; sondern höre meine Vermahnung, als ein Sohn, welcher nach so vielen Liebesproben seinen Vater liebt; als ein Sohn, welcher seinem Vater alle vorigen Seufzer und Sorgen, die er seines Ungehorsams wegen fühlte, will vergeßlich machen, als ein Sohn, welcher feinem Vater alle Beküm- merung mit dem letzten, dem einzigen Gehorsam bezahlen will.

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30 Meine Bitte an Dir ist, daß Du die Wett, und alle ihr funkelndes Wesen, so sie Dir gab, aus deinen Gedanken fahren lässest, und Deine Ge- danken auf Dein eigen Herz zur Verbesserung desselben hinwendest, und in demselben so tief grabest, bis Du mit Schmerzen erkennest und bekennest, daß Du Dich von Deinem rechten Hirten Jesu verirret hast; daß Du bist, einer von den verlohrnen Schaafen vom Hause Israel; ja, daß Du dem verlohrnen Sohn gleichest, welcher, Trotz aller himmlischen und väterlichen Erinnerungen, unter Fremden zugesetzt das Erbe; das zu seiner wahren Glückseligkeit bestimmet war, und dieses auf die schlechteste Weise, in die häßlichsten Gesellschaften, und in die ekelhaftesten Wollüste.

Bekenne alle deine Sünden vordeinem himm- lischen Vater, und obgleich Du einige Zeit für deine grobe Sünden eine unleidliche Pein fühlen mußt, so ist diese doch nicht zu vergleichen Mit der ewigen Quaal. Dein Erlöser, welcher ein Erbarmer ist auch über die gröbesten und gottlosesten Sün- der; er will dich umschaffen zu einem viel ange- nehmern Menschen, so wohl in seinen als der Engel Augen, als Du in aller Deiner Pracht Und Eitelkeit vorher nicht gewesen bist, er will Dein verhärtetes und fühlloses Herz wegnehmen, und Dir einen neuen und gewißen Geist geben. Er will das wankelmüthige und böse Herz, welches Du jetzt noch hast, von Dir nehmen, und an dessen Stelle ein reines, lauteres und ihm ge- weyhetes schaffen, voll von Gnade, voll von

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Freude, voll von allen denen Eigenschaften, wo- durch ein Mensch denen Engeln gleicht, und in den Augen eines heiligen Gottes gefällig und angenehm wird.

Jesu Unschuld will und muß dann auslöschen alle Deine Sündenschuld; und mußt Du gleich, Deiner schrecklichen Vergehungen halber, ein Abscheu vor der Welt werden, so wird doch Jesu Gerechtigkeit, wenn Du dieselbe im Glauben annimmst, Dich rein und unsträflich machen, vor Gott gestellt zu werden.

Du wagest vielleicht noch, Dir mit der Gnade Deines Königs zu schmeicheln, welche Du so schändlich gemißbrauchet, und unter die Füsse getreten hast. Wahr, und höchst wahr ist es. Dein König hat sich gegen Dir allzu gnädig und liebreich erwiesen. Hätte er nicht mit befreyetent Gewissen Dich sogleich fällen können, da Du im Begriff stundest, Deine schändlichen Gottlo- sigkeiten auszuüben? Hätte er Dich nicht mit Recht aus der Zahl der Lebendigen austilgen können, wenn Dein teufelischer Sinn sich gegen seine unumschränkte Majestät und Hoheit vergriff? Aber nein! Gnade genug, und nächstens noch zu viel Gnade gegen Dir, daß er nicht darauf gedenken konnte, Dich zu strafen, ausser nach den Gesetzen.

Nun giebt er Dir noch Zeit und Raum zu ernstlicher Busse und Bekehrung; hieran hast Du Ursache, allermeist seine Gnade zu preisen, im Fall, da Du nicht so verhärtest bist, und diese

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Gnade so geringe achtest, die Sorge für Deine Seligkeit bis auf der letzten Todesstunde zu er sparen. Ergreife diese Gelegenheit, versäume keinen Augenblick, um das ewige Leben zu er- werben, welches Dein Erlöser auch für Dich erworben und aufbewahret hat. Denke nicht anders, als mit Ekel, an die Eitelkeit, welche Du hier genossen.

Ich sollte doch nicht gedenken, daß Du die un- angenehmen Grillen (wie man sie nennet) von Deinem qegenwätrigen Zustand, durch das Andenken Deiner vorigen Lustbarkeiten und der schändlichsten Wollüste, worinnen Du geschwemmet hast, vertreibst? Wünschest Du auch wohl noch einmal in den Stand zu kommen, Dich an denen zu rächen, die Du als Deine Feinde ansiehest, und welche die Werkzeuge in Gottes Hand gewesen, Deiner verruchten Gottlosigkeit Ziel und Gränzen zu setzen?

Du glaubest wohl noch, daß Du in Deinem Glücke Dich Freunde erworben und nachgelassen, durch deren Hülfe Du noch aus Deinen wohlverdienten Banden entfesselt werden kannst; aber denke niemals darauf! Ich rathe es Dir als ein Vater, der in der Sorge, welche Deine Unglücksfälle über fein Haupt gebracht haben, den größten Antheil nimmt. Wer wird den erretten können, über welchen ein ganzes Volk mit Recht Rache fodert? Und es steht nicht zu glauben, daß ein einziger von Deinen vorigen Schmeichlern wircklich wünschte, dich zu retten,

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33 wenn er es auch vermöchte; glaube, baß er dieser- wegen seinen Wunsch nicht äussern dürfte, denn er würde als ein Mitschuldiger Deines Verbrechens angesehen, und wenn er auch noch so unschuldig wäre. Darum sey kein Thor, Dich mit der Hoffnung zu trösten, das Leben davon zu bringen, bis der Büttel (und vielleicht zu spät) Dich von der Wahrheit überführet, daß du ein Mann des Todes seyst. Du sollst sterben, und mußt sterben! alles Volk rufet: weg mit den Gottesvergessenen Verräther! weg mit dem Gottesverspotter! weg mit das schwarze Ungeheuer. Die Erde fordert Dein Blut. Der Himmel will, Du sollst sterben, um denen zum Exempel zu dienen, ihnen in Zukunft zu lehren, wie ein Mensch durch die gewaltige Herrschaft der Sünde könne verleitet werden, ihre Fußstapfen zu folgen. Ja, erschrecklicher Gedanke für mich, Du sollst sterben! Du, der da Blut von meinem Blut, Fleisch von meinem Fleisch, und Bein von meinem Bein! Du sollst sterben von der grausamen Hand des Scharfrichters; Aber ach! was Wunder? Ein Kind, welches Eltern hat, die da redlich vor dem Ange- sicht Gottes wandeln, welche mit Worten und Exempeln es den Weg der Seligkeit wiesen; wenn dieses Kind dann von dem Pfade der wahren Gottesfurcht abweichet, mit denen Spöttern wandelt, und in dem Rathe der Gottlosen gehet; wenn es gleichsam alle Erinnerungen und Ermahnungen zum Guten von sich schüttelt; wenn es sich den Führungen der Sünde und des Satans übergiebt, so, daß dir Eltern jeden Tag mehr und mehr sich

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34 müssen; muß denn nicht der Fluch Gottes auf einem solchem Kinde ruhen? Solcher Eltern wohlgemeynte Vermahnungen sind allein nach Gottes Befehlen eingerichtet, das Kind also, wel- ches gegen ihren Willen streitet, streitet ja auch gegen Gottes, Willen, und der, welcher sich gegen Gott empöret, kann der wohl erwarten, daß es ihm wohl gehen soll? Hierinn lieget der Fluch des vierten Gebots. Nun magst du selbst Richter in Deiner eigenen Sache seyn. Es ist unnöthig, und vielleicht schädlich, alle Deine Sünden, welche mir bewußt, hier auszurechnen. Ich will allein Dich anhalten, daß Du den heiligen Geist um Gnade bittest, einen Blick, einen ernstlichen und durch die Gnade Gottes einen klarsehenden Blick mit Dein eigen Herz zu thun; da wirst Du aufs Beßte alle Deine Gottlosigkeiten gewahr werden, als ich im Stande bin, sie Dir zu sagen; da wirst Du merken, daß du durch die Sünde abscheulich zugerichtet bist, als je ein Mensch im Stande ist. Dich abzumalen.

O! wie mußt Du nicht von der Angst geklem- met werden, wenn Du erwegest alles das Böse, welches Du betrieben. Wie man mir sagt, so sollst Du Ursache darann seyn, daß vater- und mutterlose Kinder so gut als hausflüchtig gemacht worden; Die Unterhaltung, welche ein gottes- fürchtiger König ihnen zugedacht, die Frucht davon zu geniessen, so lange Dännemarks Reich währete, beraubet worden sind. Diese Seufzer der Unmündigen sind vor des Herrn Ohren kommen, und fordern Rache über Dich als ihren Ver-

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stöhrer ihrer Glückseligkeit. Das, was Ihr gethan habt einem unter diesen geringsten Kleinen, das habt ihr mir gethan; so spricht der Mund der ewigen Wahrheit; und an einem andern Orte: Weichet von mir, ihr Verfluch-ten; denn ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet; ich war hungrich, und ihr habt mich nicht gespeiset. Siehe, ein solch verzehrendes Feuer wartet auf die, welche sich an die Unmündigen vergriffen haben, durch welche der Erlöser seine Kirche fortpflanzen will; durch welche er sich einen Lobgesäng auf Erden bereitet; durch welche er uns läßet sehen seine Engel in Menschengestalt, eine solche Strafe fodert der Himmel über Dich; weil du auf alle mögliche Weise gesucht den guten Samen zu ersticken, sowohl in Dir als in andern.

Wieviele Menschen hast Du nicht verführt, und deine gottlosen Begierden zu sättigen, diese rufen Ach und Wehe über Dich! Sie sehen Dich an als einen Verführer, welche ihnen ihre Ehre, das Kleinod, welches ihnen in der Weit glücklich und beliebt macht, beraubet hast. Sie sehen Dich an, als den, der die Ruhe aus ihrer Seelen gerissen, die sie fühlten, ehe sie ihre Keuschheit befleckten. Sie sehen Dich an, als den, der da Ursache ist in alle den Umständen, welche jene Welt für ihnen einschenken will, im Fall sie ihre Mißethaten nicht ernstlich bereuen, und sich umwen- den, Gnade zu suchen, in Jesu und seinem Verdienste. Siehe! solche nagende Vorwürfe stürmen ein: auf deine Seele; kannst Du dennoch Dich so sehr verhärten, das Du nichts fühlest von allem diesem?

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Mir deucht, es müßte für einem Menschen unmöglich seyn, die Marter so vieler abscheulichen Handlungen in seiner Seele zu fühlen, ohne dadurch von seiner Fühllosigkeit erweckt zu werden; ohne für sich selbst zu erschrecken, und getrieben zu werden, in des Erlösers Verdienst die Ruhe zu suchen, welche alle beissende Unruhe vertreibt, womit der Nachschmack der Sünden uns quälet. Du hast das Band gebrochen, welches von Gott selbst geheiligt war, und von ihm selbst geknüpfet, zur Beförderung der Glückseligkeit für vielen Tausenden. Nicht sobald hattest du diese Vereinigung aufge- löset, ehe sich Millionen Unglücke einfanden, als, Misvergnügen, Verhöhnung, der Wollustschlangen, Eigendünkel, Eigennutz, Unterfündigkeit, Schalkheit, Falschheit und manche andere Unthie- re, welche anzuführen zu weitläuftig ist. Wenn Du dich einmal Zeit gäbest, zu erwägen und nachzudenken, alle die Schäden, welche diese Unthiere verursachet, so müßtest Du wohl zugleich alle die Ströme von Quaal kommen sehen, welche auf Dir ein- fahren, dieweil Du der Anführer zu allen diesen Unglücken gewesen bist.

Niemals kann ein gottloser Raubvogel die Absichten Gottes mit den Menschen zu ihrer Glückselichkeit mehr schaden, als dadurch, das er angreife und zerreisse das Liebesband, welches die meiste Ruhe, die größeste Freude, welche die Welt zu geben hat, über zwey vereinigte Gemüther ziehet. Diese Unverschämtheit muß denn wohl das Kennzeichen einer niedrigen Seele seyn; denn je größere Unglücke eine Handlung verursacht, desto größere

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Gottlosigkeit muß eine Seele beherrschen, welche im Stande ist, solche Umthat ins Werk zu setzen.

Du hast denn (so zu sagen) einen Riß gethan in der Gottheit eigen Werk. Ach! erschreckliches @Urtheil! Du hast deine Hand ausgestreckt gegen Gott selbst; Aber glaube, es wird Dir schwer werden gegen den Stachel zu löcken; wider den Stachel, welchen deine bösen Thaten dir Nachlaßen werden, deine Seele zu martern in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Beuge Dich derowegen unter die gewaltige Hand Gottes, demüthtige Dich unter seinem Scepter, küsse den Sohn, daß er nicht allezeit so zornig bleibt über Dir, als er gegenwärtig ist. Bitte Jesum, daß er Dich doch in deiner kurzen Lebenszeit hier züchtigen wolle, und dort schonen; oder willst Du bleiben, was Du allezeit gewesen: ein frecher Sünder, ein verwegener Gottesverläugner bis an deine letzte To- destunde?

Ueberweiset Dich nicht Dein elendes Gefängniß, daß doch ein Gott sey, der das Böse, was Du begangen, bestrafen will? Hat nicht dein Gewißen in deinem Leben Dich vielleicht erinnert, an deinen Oberrichter, wie viele Künste Du auch gebraucht hast, daßelbe einzuschläfern? Man sagt mir, das Du Zweifelmüthig seyst; Aber überführet Dich nicht selbst diese Verzweifelung, daß ein Gott sey? Wenn Du aber den Gräuel deiner Sünden erkennest, da nimm deine Zuflucht zu den Gnadenstuhl, welcher Dir durch den Glauben an das Verföhnungsblut Jesu ist vorgestellet. Ach! könnte ich noch für alle Betrübniß, welche Du

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38 mir verursachet hast, die Freude genießen, baß ich diese selige Sinnesveränderung an Dir spüren möchte; Dies würde mich vielmehr erfreuen, als Dein unglückliches Schicksal mich betrübet hat; so wollte ich meinem Gott und unsern Herrn Jesum danken und preisen, daß seine Wege mit Dir und mir eitel Güte und Gnade wären; so wollte ich seinen heiligen Namen loben, welcher alle Dinge mit uns zu einem herrlichen Ende ge- bracht; so wollte ich mit innerlicher Freude dar- nach verlangen, meinen verlohrnen Sohn zu umfangen in der Ewigkeit, wo wir sollen schauen unsern gecreuzigten Erlöser, entweder als einen strengen Richter, oder als einen Milden Versöh- ner. Gott gebe das Letzte! Ich bin & c.

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39 Antwortschreiben

des Grafen

Johann Friederich Struensee

an

seinen Vater.

Hochgeehrter Vater!

Richtig genug ist mir in meiner Gefangenschaft Dero letztes Schreiben ein ehändiget worden, welches ich überaus viel liebe und ehre; und dieses nicht allein, vermöge der natürlichen Liebe und Ehrfurcht, die ich als ein Sohn gegen meinen Vater hege, sondern vornämlich deshalb, weil es die reinesten und sichersten Beweise davon enthält, daß Sie, innerlich meinethalben bekümmert, noch für meine ewige Glückseligkeit die größte Sorge tragen; indem mein zeitliches Wohl nicht mehr der Gegenstand Ihrer Wünsche, oder Menschlicher Erwartung seyn kann. Wenn Sie also, hochgeehrter Vater! behaupten, daß ich einer der gottlosesten Menschen, ja, die Gottlosigkeit selbst gewesen bin; so behaupten Sie eine Wahrheit, die ich nicht widerlegen kann. Schon in der frühen Jugend fieng ich an, die Religion zu verspotten, und ließ mich, noch eher ich mann- bar ward, unter die sogenannten starken Geister einschreiben. Den Anfang machte ich mit Verachtung und Verspottung des Erlösers; und kein Jude konnte mit mehrerer Bitterkeit von Jesu reden, als wie ich es that. O! möchte doch die

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Welt aus meinem und noch vielen andern Bey: spielen diesen Unterricht fassen, daß die Verachtung des Jehovens, des Gott und Menschen, die bittere Quelle sey, woraus alles zeitliche und ewige Verderben entspringet, und daß eben dieses der erste Schritt zu allem menschlichen Elende sey.

Da ich erst die süssen Fesseln, welche Jesu Lehren und Gesetze uns anlegen, mit verruchter Frechheit verworfen hatte, die uns doch zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit dienen: so blieb ich nicht mehr lange bey der sogenannten natürlichen Religion stehen. Nun brachte mich ein Deiste auf den Wahn, daß ich gegründet die Unsterblichkeit der Seele und die göttliche Vorsehung läugnen könnte; er stellte mich Gott als ein solches Wesen vor, welches, ohne eine Absicht zu haben, würkte, und auch auf meine Handlungen nicht die geringste Achtung hätte; ja, er versicherte mir, daß ich frey von dem höchsten Wesen sagen dürfte: Gott bekümmert sich im geringsten nicht, wie ich auch lebe; seine Augen sehen mich nicht; seine Ohren hören mich nicht. Ich kann ohne Furcht nach meinem Gefallen leben, da ich weiß, dass auch nach dem Tode keine Auferstehung zu hoffen ist.

Ich war so unglücklich, noch mehrere dergleichen Lehrer zu finden, die theils besser, theils schlimmer waren. La Metrie lehrte mich, daß die Menschen auch nicht einmal einen freyen Willen hätten; sondern daß auch ihre Handlungen eben so nothwendig wären, wie der bestimmte

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Lauf einer Uhre; daß entweder kein Gott sey, oder auch, wenn einer wäre, derselbe uns doch weder bestrafen noch belohnen könnte, indem wir bloße Maschinen wären, die eben so gezwungen handelten, als wie die Sonne, in Ansehung des ihr bestimmten Laufes. Endlich begegneten mich Spinoza und Epicurus, die mir bestimmt ver- sicherten: Es wäre kein Gott. Ich wünschte, daß es wahr wäre, und zwang mich also unvermerkt, nach und nach dieses zu glauben. Da stand ich nun entkleidet von aller Religion, und dieses war eine nothwendige Folge der Verach- tung, die ich mit unverschämten Herzen meinem Erlöser bewiesen habe. Was Wunder? daß ich als ein solcher, der sich nicht gescheuet, selbst meinen himmlischen Vater zu verachten; auch Sie, meinen irdischen Vater, habe verachten,und Trotz bieten dürfen? Was Wunder? daß ich als ein solcher, der es gewagt, meinen himmlischen König zu verleugnen und abzuschwören, auch meinen irdischen Monarchen, Christian dem Sie- benden, habe abschwören, und nach der Krone stehen dürfen, der mir doch, meiner verdammten, und in allen Zeiten und Reichen der Welt unerhörten Verrärhererey ohnerachtet, seine allerhöchste Gnade in einer so reichen Maasse erthei- let, als ich es mir nie, als möglich, hätte denken können, indem seine hohe königliche Huld und Gnade mir auch in meiner Gefangenschaft, die in Rücksicht ans die Größe meines Verbrechens gelinde ist, erlaubet, daß ich mich eines Bettes der Wärme, und noch anderer Bequemlichkeiten bedienen darf.

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Da ich nun ohne alle Religion lebte; hatte ich nur die Befriedigung meiner Hauptleiden schaften, nämlich des Ehrgeizes und der unreinen Wollust, zu meinem Ziele, so daß ich in den mehresten Stücken mir jenen Alten, dem Julius Cäsar, eine grosse Aehnlichkeit zu haben schiene Mein Ehrgeiz verkannte, wie die seinige, alle ihr gesetzte Gränzen, und keiner unter uns wollte einen Oberherrn leiden. Die Begierde, meine fleischlichen Lüste zu stillen, ist eben so eifrig, wie die seinige gewesen, so daß man mir Recht von mir hat sagen können, was man zu der Zeit in Rom vom Julius Cäsar gesagt hat;

Er hat allen Männern zur Frau gedient,

Und allen Frauen zum Manne.

Ich bin theils aus natürlichem Triebe, theils aus Politik, jederzeit der Mäßigkeit im Essen und Trinken ergeben gewesen; gleichwie jener Römer, von welchem Cicero sagte: er wäre der Einzigste gewesen, der in seiner Nüchternheit gesucht hatte, die mächtige Stadt Rom übern Haufen zu werfen; und dieses läßt sich gleichfalls auf mich an-denien, indem man mit Recht von mir sagen kann daß ich ein nüchterer Landesverräther gewesen bin. Cäsar liebte die Pracht; ich nicht weniger. Er selbst gestand, daß er, um die Herrschaft zu erlangen, alle nur erdenkliche Ungerechtigkeiten ausübte; ich nicht weniger. Am Cäsar rühmt und bewundert man die Grösse und das Erhabene der Natur-Gaben; und, die Wahrheit zu sagen, glaube ich von mir selbsten solche erhabene und

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hohe Talente zu haben, daß eben ihr Misbrauch mich nur zu einem solchen auserwählten, und besonders erwünschten Rüstzeug des Satans machen konnte. Cäsar war ein großer General, und wer weiß, was ich noch hätte werden können, wenn ich nur die Freyheit gehabt hätte, meine Rolle zu endigen.

Mancher großer General wird gleichsam in ei- nem Augenblick groß. Konnte der engländische Verräther, der Cromwel, aus einem lächerlichen Pfaffen und betrügerischem Wirthe sobald einer der größten Generals werden, die je gelebt haben; so hätte vielleicht ein dänischer Verräther eben diese Rolle mit eben dem Erfolge spielen können. Julius läugnete Strafe und Belohnung, so wie auch ich; und, verspottete jede Religion, so wie auch ich gethan habe. Dieser Römer that doch auch zuweilen etwas Gutes; so habe ich auch desgleichen ge- than, und, ob ich schon ein abscheulicher Bösewicht gewesen, so daß man mich billig für den Erstgebohrnen des Teufels hat halten können; so habe ich mich doch zuweilen von dem Teufel gleichsam die Erlaubniß ausgebeten, etwas zum Besten des Landes zu verrichten. Wenn man auch glauben will, daß zu den letzten Zeiten dies und jenes nach meinem Gutachten geschehen, wer wird denn nicht rühmen, 1) daß dem Ehrgeize der Bedienten ein Ziel gesetzet worden; 2) daß die Orden und Charaktere nicht mehr bloß denen Gros- sen gegeben werden, um rechtmäßige Schulden damit zu erlegen. Cäsar glückte es, Rom zu zerstören, und unter das Joch zu bringen; allein,

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mein gottesvergessener und teufelischer Anschlag wurde entdecket, bevor er bewerkstelliget wurde, und eben dies ist die Quelle aller der Freude, die ich ißt habe. Ich hätte doch niemals meinen Vorsatz können völlig zu Stande bringen, welches ein jeder mit einem halben Auge hat sehen können, der nur die mindeste Kenntniß von der Ehrliebe, Tapferkeit, Muth, edlen Stolz und hellflammenden Liebe hat, welche beyde mit einander verbundene Reiche gegen das königliche Haus hegen. Daß ich dieses aber nicht zu der Zeit habe sehen können, kam daher, daß meine Seele, vom Ehrgeize geblendet, gänzlich in den Stricken des Teufels verwickelt war, und nach seinem Willen geleitet wurde Sie wissen, hochgeehrter Vater, daß der Mensch in diesem kläglichen Zustande gänzlich aller Sinne der Vernunft und des Verstandes beraubet ist.

Der Teufel, mit mir genau verbunden, hätte schon das größte Schrecken über das königliche Haus verbreiten, und beyde Reiche mit Blut und Feuer füllen können, wenn Gott dieses hätte zugeben wollen; allein, ich hätte doch zum Beschluß Last tragen müssen. Denn die wuthigen Dänen und Normänner hätten sich durch die Ränke des Teufels nimmer so verblenden lassen, daß sie einen so gemeinen, niederträchtigen und lüderlichen Kerl, wie ich bin, ja, was noch mehr ist, einen K—m—r für ihren unumschränkten Oberherrn erkannt hätten. Gesegnet sey deshalb, ja, ewig über alle Geschlechter der Erden, gesegnet sey die allerpreißwürdigste unter den Königinnen,

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die Königinn Juliana Maria, welche, von einem von Gott gesandten Cherub gestärket, mich und meine verruchte Bande entdeckte, und ruchbar machte, wodurch das königliche Haus und beyde Reiche gesichert Und erfreuet; wodurch tausend meiner Vergehungen und Missethaten ihrer Wür- kung beraubet wurden.

Nur zu wohl weiß ich, hochgeehrter Vater! daß der Wille in den Augen Gottes eben so abscheulich sey, als die That. Doch, in Ansehung meiner, als eines Menschen, würde die Verzweifelung alsdenn ohnweit größer seyn, wenn meine An- schläge, statt entdeckt zu werden, ihre völlige Wür- kung erhalten hätten. Run freuet es mich doch selbst, im den Sorgen, womit ich umgeben bin, daß mein teufelisches Project mir mißlungen ist, und, indem ich Gott für die Erhaltung des Monarchen und der Reiche danke, fühle ich nach und nach die Liebe zu Gott, der Vorsehung und der Religion, in meiner Seele zunehmen und wachsen. Vereinigen Sie nun, hochgeehrter Vater! Ihr Gebet mit dem meinigen! Ja, bittet alle zugleich für und mit mir, die ihr von meinem Unglücke etwas wisset, daß der Jesus, den ich bisher beständig verachtet und verläugnet habe, @mir den Geist der Gnaden schenke, damit er zu meiner Seligkeit eine wahre Sinnesänderung in

mir bewürke. Meine Strafe hier auf der Welt kann zwar nie scheußlich, nie grausam, nie groß

genug werden, indem ich das martervolleste Ende verdienet habe. Aber ach! daß der erbarmungäs wolle Heiland, Jesus, durch den seligmachenden

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Glauben mich doch zu Gnaden annehmen, und mich vor dev ewigen Strafe und Höllen-Pein be- freyen möchte! Dem Monarchen, das ganze königliche Haus, Sie, mein Vater, bende ver- einigte Reiche, ja, alle Menschen, die auf Erden leben, flehe ich an, mir meine Sünden zu vergeben, die so groß sind, daß sie von Anbeginn der Welt bis auf diesen Tag nicht größer hat können begangen werden, ja, daß sie in allen Jahrhunderren nicht ihres Gleichen haben. — Hochgeehrter Vater ! — Leben Sie wohl. — Ich bin nicht vermögend, mehreres zu schreiben. — @Thränen, häufige Thränen verhindern es. Ich bin

der unglückliche

Struensee

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47 Thränen der Wehmuth

der bekümmerten Mutter an

diesen mißrathenen, unglücklichen Sohn.

Mein elender Sohn!

Indem Dein Vater das letztemal schrieb, hatte ich auch im Sinne, Dich zu schreiben. Ich griff zu verschiedenenmalen nach der Feder; aber die starken Empfindungen, welche mich überwältigten, hielten meine Gedanken zurück, daß solche nicht ausbrechen konnten. Mein Geblüt war in die heftigste Wallung über die mütterliche Bewegung und unaussprechliche Verwirrung meiner Gedanken, welche sich Meister über meiner Seele machten. Ich wußte nicht, ob Mitleiden, Härte, Verbitterungen, oder ein heiliger Eifer für Gottes Ehre, diese Gedanken waren, welche meine Seele so entsetzlich in Zerstreuung brachten. Der eine Gedanke wollte sich vor den andern aus meiner Seele drängen; sie konnten aber nicht alle auf einmal hervorbrechen; und so press ten sie sich alle auf einander, daß nicht ein Einziger im Stande war, hervor zu kommen. Ehe ich die Ueberschrift schrieb, deuchtete es mir, ich hätte schon einen so weitläuftigen Brief geschrieben, haß selbiger kein Raum auf ein ganzes Buch Papier hätte: aber weil ich Dich auf einmal alles sagen wollte, was ich von Deinem gegenwärtigen Schicksal dachte, so hatte ich just noch nicht das Mindeste

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48 geschrieben. — Nun ist Mein Geblüt nicht mehr in einem so verwirrten Umlauf; nun ist es ein menig mehr gestillet, und meine Seele mehr in Gottes Willen hingegeben; nun bin ich nicht mehr so viel von den schmerzhaften Vorstellungen über Dich überwältiget; und auch nicht so sehr bestürmet von entsetzlichen Beängstigungen. Demnach kann ich nun mit mehrerer Sanftmüthigkeit und mit wenigere Fehler Dich mein mütterliches Herz, vielleicht zum letztenmal, abschildern. — Wenn ich niemalen Dich könnte, oder wollte, etwas anders Vorhalten, als daß Du von der Zeit an, da Du unter meinem Herzen lagest, mir ein Schmerzenssohn gewesen bist; so müßte solches Dir genug zu Deiner Bekehrung seyn; so müßte solches vermögend seyn, Dich zu einer genugsamen Erkenntniß zu bringen, um selbst einzusehen, wie verachtungswürdig Du in Gottes Augen seyest, und Dich zu vermögen, Gnade zu suchen, um eine Dir so nöthige Hülfe. — Ich erinnere es mich noch, daß Du, ehe Du noch das Licht der Welt sahest, mich tausendfältige Schmerzen verursachtest, prophezeyhete ich öfters, und sagte: Du würdest ein halsstarriges Kind, und uns noch zu einem grossen Herzeleid bringen. Du sahest

das Licht, aber zu unserer wenigen Freude. Ehe Du noch Gedanken hattest, verwirrtest Du schon mit Geschrey und Eigensinnigkeit, was wir von Dir zu vermuthen hatten, und aus Dir werden könnte. Wie innerlich habe ich nicht meinen Erlöser knieend gebeten, daß er doch die Furcht und Traurigkeit, die ich Deinethalben empfand,

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in Freude, daß er die ängstlichen Ahndungen in einer guten Hoffnung verwandeln möchte, und unsere Bangigkeit, für Deine künftigen Auftritte Deines Lebens, in Gnaden abwenden, und uns diejenige süsse Ruhe schenken, welche Eltern fühlen, denen ihre Kinder ge- rathen wollen, und aufwachsen in Tugend und Gottesfurcht. Ich tröste mich öfters mit folgenden Worten: Des Rechtschaffenen Saame soll nicht zuschanden werden. Aber ach! sollte dieses sich auch auf ungehorsame Kinder erstrecken, auf Kinder, welche den Nackenschlägen nach einer Mutter sanftmüthigen Vermahnung? Kinder, welche sich der Spitze des Stachels widersetzen, die ein mütterlicher Grimm auf die Sünde setzt? Nein! niemalen: Der Sohn soll nicht des Vaters verbrechen tragen. Warum sollte denn wohl ein unwürdiger Sohn die Früchte von rechtschaffene und gottesfürchtige Eltern einärndten? Dieses stritte ja gegen dir Gnade Gottes, so weit, daß die wahrhaftig Glaubende ihre verhoffende Seligkeit ensehen könnten, entweder als eine Aufmunterung, den Heiland zu lieben, noch als eine unverdiente Belohnung für ihrem Gott-gewidmeten Leben und Wandel in der Welt; dieses stritte ja gegen die Weisheit Gottes in Hinsicht der Strafe und Belohnung; ja, es stritte gegen seiner strengen Gerechtigkeit: da er doch zugleich, als ein heiliger Gott, das Böse hassen und verfolgen muß. Wenn ein Blumensaame in die Erde gelegt wird, keimt es, und schlägt Wurzel, wächset und entwickelt eine Blume, die der vorigen, wovon das Saamenkorn war, an Farbe, Geruch und der Bildung, völlig ähnlich ist. Eine Wurzel von einem guten Apfelbaum, erzielet niemalen einen Zweig, welcher saure Birnen trägt. So wohl ist die arbeitsame und wachsame Natur beschaffen. Ein herrliches Sinnbild, wornach der Menschen Kindern, von Kind zu Kind, arten sollten! Den Baum erkennet man an die Früchte, und wiederum an der Frucht den Baum. Wenn Kinder ihre Gedanken im Stande wären, sel-

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50 bige anzugeben, wie sie dächten, und endlich handeln würden, so würde ihre künftige Aufführung in ein bes- seres Licht gesetzt, und würden zeigen, wie ihre Eltern seyn und itzo sind. Aber ach! — Gott bessere es. Der Eltern böse Exempel vermögen viel dazu, Kinder ungehörsam zu machen, so wie die guten Exempel got- tesfürchtiger Eltern im Stande sind, Kinder zu bilden, als wahre und lebendige Glieder an Christo Jesu. — Doch, wie Eltern sind, so geben sie einstimmend zu erkennen, wie die Kinder auch werden sollen; aber oft haben die Würkungen des heiligen Geistes bessere Gegenwürkungen bey gottlosen Eltern ihrer Kindern, als bey gottesfürchtigen; aber warum? — Die Ursache ist diese, daß das gesegnete Wort Gottes, welches rechtdenkende Eltern als Ueberzeugungsgründe allezeit gebrauchen, die Gottesfurcht in ihrer Seele zu bilden. Doch erregt das Wort Gottes bey einigen Kindern anstatt der Bekehrung eine Verhärtung, und dies ist äusserst zu beklagen.

Ist es denn wohl rechtschaffenen Eltern Schuld zu geben, wenn sie ihre Kinder zur Gottesfurcht halten, und verhärten sich in Gottlosigkeit? Niemalen!— Was ist denn das für ein rechtschaffener Saame, welcher nicht zuschanden werden soll?— Dieses ist der Saame, welcher niemalen ausartet, und bey seiner eigenthüm- lichen guten Natur bleibt. Diese sind die Kinder, denen in ihren Herzen der gute Saame, welche Eltern durch Mitwürkung des heiligen Geistes einstreuen, und darinn aufwächset; diese tragen denn Früchte der Rechtschaffenheit und Ehrbarkeit zu Gottes Lob und Ehre. —

Kannst Du oder einer von deinen Brüdern mich das überführen, da ihr Kinder noch bey einander waret, daß ich euch, als eure Mutter, euch mit trotzigem Gesichte etwas vorgehalten oder vorgeworfen? — Könnt ihr sagen, daß ich euch verzärtelt habe, oder daß meine unzeitige rege gewordne Empfindungen die guten Vermahlnungen, und die wirklichen Bestrafungen, welche

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euer Vater, und wenn es am meisten nöthig war, euch gab, unterdrücket oder verhindert habe?— Wohl habe ich mich vieles selbst vorzuwerfen, daß ich nicht jederzeit, und zwar bey jeden Fehltritt ein Rettungsband gewesen sey und nach die würksamen Waffen gegriffen, welche die Wurzel von deiner Gottlosigkeit ausgerottet haben würde, ja, damals sollte ich mich beßer angespornt haben. — Aber dieses ist an und für sich selber kein Vorwurf, so wie ich glaube, daß die Zulockungen aus Liebe zu der Gottesfurcht mehr wirken sollten, als entsetzliche Züchtigungen. Ich habe anstatt dieses, geistliche Waffen gebraucht, nemlich des Geistes Schwerdt und der Sanftmüthigkeit Helm, hierüber macht mir mein Gewissen auch nicht die mindeste Unruhe, so wie ich glaube, daß ein Kind, welches sich nicht am meisten mit guten erziehen läßt, niemalen mit scharfe Strafen zu retten sey. All mein gottesfürchtiger Eifer, alle meine Mütterlichen Bestrebungen sind auf das jämmerlichste verlohren gegangen, mein redliches Augenmerk, mit allen denen Mitteln, die ich anwandte, dich heraus zu reissen, um meine grosse Hofnung blühend zu sehen, dieses alles ist mir zu Wasser geworden. Mein öfters Nachtwachen bey deiner Wiege, hast du mit einer unheilbaren Wunde an mein Herz belohnet, und welche ich in diesem Leben nicht verschmerzen werde, und diese unleidlichen Schmerzen erregen die heissesten Zähren, welche über meine Backen auf dieses Papier herab rollen, diese können die beßten Zeugen seyn. — Ach mein Gott, dein unerforschlicher Rath ist lauter Weisheit und Gnade.

Du verbirgest aus weisen Absichten die zukünftigen Unglücke für das kurzsichtige Auge des Menschen, das Vergangene können wir bemerken, um uns für das muthmaßliche Böse zu bewahren; das Gegenwärtige läßest du uns zwar sehen, aber deine Hand hält über uns, daß wir uns nicht für die künftigen Unglücke, die sich über unsere Häupter empor heben, zu Tode ängstigen sollen. Nun gehen meine Verschmähungen, meine Sorge, meine Furcht an die Bretter, welche fertig sind,

§

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mein ganzes Ich zu verzehren. Ach hätte ich Dich, da Du noch in unschuldiger Ruhe, an meine Brüste und Seite lagst, hätte ich da die erschrecklichen Unglücksfälle, die Du Dich durch deine selbst eigene Uebertretung zugezogen, voraus sehen können, und die Dich nun begegnet haben, hätte ich mich da schon alle die Bekümmerungen, und Verachtungen vorstellen können, welche mich itzt durch Deine Schuld umringen, und mich Dein Sündenregister auf den Halse heftet! — Ach! mein Gott! wie viel würde es nicht meine Tage verkürzet haben; ja! wenn ich mir was wünschen dürfte, welches aber nur nicht gegen Gottes Willen stritte, und gegen der Menschlichkeit, dann wollte ich wünschen, daß mein Erbarmer mich längstens zu der ewigen Ruhe gerufen hätte, welche er allen seinen Lieblingen zubereitet hat, lieber als daß ich nun die Zeit erleben muß, meinen eigenen Sohn, meine Leibesfrucht in solchen jämmerlichen Ketten zu sehen. Ich wollte, Du wärest gebunden geblieben, ehe Du Deinen Eingang ins Leben thatest, weil du darum in die Welt gekommen, bloß als ein giftiger Pfeil in deiner Mutter Herz zu seyn. — Ein Feind gegen Gott, ein Opfer für die Gottlosigkeit, und ein Schlachtopfer für der ganzen Welt. — Ja, ich wollte daß mein Name möchte von der ganzen Welt vergeßen werden, und auch unter der Mörderzahl ausgelöschet seyn. — Ja ich bin die unglückseligste unter allen unglückseligen Müttern. — Doch! — Doch! ich muß mich ja nicht gegen des höchsten Wesen weisesten Rathschlüßen auflehnen. — Darf ein Wurm sich wohl erkühnen seinen Schöpfer zu tadeln? Oder darf die Made fragen, warum solcher nicht zu einen Engel geworden ist?— Gott ist in allen unendlich weise, und da seine Weisheit niemalen genung von einem sterblichen Auge erkannt wird, und bleibt auch unveränderlich, ein wahrer Gott, ein unbegreifliches Wesen, in alle ewige Ewigkeiten.— Gott, welcher voraus sahe, daß ich eine so höchst bejammernswürdige Mutter werden sollte. Derselbige Gott, wog auch meine Kräffte ab, und

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schenkte mir die Gelaßenheit, eine so schwere und unaussprechliche Bürde zu tragen, womit mich mein Sohn durch seine Gottlosigkeit quälet. Hätte mich mein Gott nicht in den Stand gesetzt, das Drangsalsfcuer, welches du ungerakhner Sohn, mich gemacht hast, durchzugehen ohne daß sich mein Glaube nicht verzehrt; so hätte niemalen mein Erlöser ein so hartes Schicksal auf mein Los fallen laßen.— Beweinet mich, ihr rechtschaffenen und gottsfürchtigen Mütter! Ihr, die ihr öfters, das im Kleinen erlebt, was ich jetzt im Großen erfahre. — Ihr in Gott gewetheten Väter, bejammert mich in meinem entsetzlichen Unglück, und ich weis, wenn ihr meines ungerathenen Sohnes Namen nennet, daß ihr ihm nicht anders als mit Entsetzen nennen werdet. DO dann so vergesset aus Mittleiden den Mcinigen!

Du, mein abgewichener und elender Sohn! hast Du noch nicht einen Funken Gefühl in Deinem Herzen? Bist Du denn so sehr gehärtet gegen des heiligen Geistes göttliche Bewegungen? Fühltest Du Abgewichener nicht, daß Gott Dich zu ein Wesen übergeben hat, das nichts taugt, ein Wesen zu seyn, welches ewig die Gnade Gottes in Christo Jesu wegwirft, welcher auch auf ewig dafür weggeworfen werden muß, niemalen den Heiland in seinem heiligen Reiche zu sehen» Laßdoch alle meine vorige und itzigewehmüthige, einfältige, mütterliche, aber auch zugleich vor Gott an Dich gethane aufrichtige Vermahnungen nun endlich einmal in Deiner Seele recht lebendig werden. Laß nicht ein einziges Wort von allen denen, so ich zu Dir rede, und geredet habe, auf die Erde fallen. Laß Dich von dem werthen heiligen Geist an alle Wahrheiten durch seine besondere kräftige Art von allem dem, welches Du von ihm, durch mir, und von andere Rechtschaffene, zu Deine selige Beförderung gehöret, erinnern, und mache doch einmal Dein Herz zu rin feines gutes Herz, selbiges darinn zu bewahren.

. Diese Worte und diese Kenntniß, die Dich Dein sviger Erlöser schafft, sollen dann nicht (n Dein durch D z dir

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«ZW 54 «DK

bie Sünde, so verwirrtes Gehirn «ntblösset, stehen; bann will Dein Herze, durch des heiligen Geistes wür fenden Gnade, mit Freuden alle glückselige WahrheiLen aufnehmen. Ein fedes 01 und Ach! welches Dich ausser Deines Crdarmers zarte Freundschaft bejammert , wird in eine solche Wehmüthigkcir über Deine bösen Anschläge versetzet, baß Du vor Angst weder aus, oder ein kannst, und die bittersten Thrakien darüber vergiessest, daß Du so schändlich die Gnas denzeit versäumt hast, um den künftigen Zorn zu entwichen.

Nichts wird Dir Deine Seele heftiger nagen, als wenn der heilige Geist Dir auf die schrecklichste Art Vorhält, wie Du so abscheulich gegen das Licht des reiven Evangelii gesündiget hast; gegen das Licht, welches Dir in Deiner Erziehung' angezündet wurde, und wornach Du Dein Leben und Wandel solltest einrichten, dadurch Du alle Steine des Anstosses aus dem Wege räumen, und denen gefährlichen Lockungen entfliehen können, um als ein wahrer Ehrist zu leben und zu sterben. Derjenige, der nach dem göttlichen Schicksal in seiner Erziehung wenig, oder eine schlechte Aufklärung der Religion erhalten hat, dieser ist zu entschuldigen, und ist des Mitleidens würdig, wenn er in seinem Wandel sündiget, denn er hat kein besseres Wissen von Gott, und der Menschen Seligkeit gehabt; aber Du sollst darüber an jenem grossen Tage der Offenbarung und des Gerichts angeklaget werden, und von eiuem jedem unnützen Worte, welches Du geredet, Rechenschaft geben; Demi wer des Herrn willen weiß, und thut ihn nicht, ist doppelter Strafe werch. Gott erhält den Frommen in wahnwitzigen Zeiten. Capernaum wird eine strengere Strafe als Sodom erhalten. Gottes Barmherzigkeit vermag viel,' er sicht den Wahnwitzigen lange durch die Finger, welche seine Rechtfcrtigkeit und Heiligkeit gerade widcrsmchen, und unter die' Füsse treten; Aber glaube, Gott wird mrckiich Rechenschaft von Dir fodern, vor die

Amern

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Anwendung Deines Erkenntnisses/ die Du in Deiner Unterweisung erhieltest, und von alle die guten Erinnerungen und Vermahnungen, welche Deine Ohren wohl gehöret haben, aber mit dein gottloses Herz wieder verstoßen hast. Wie willst Du alSdenn bestehen könne»?— Hier gelten keine Entschuldigungen oder Ausflüchte, ich glaube, dann wirst Du rufen: O! ihr Berge, fallet über mich! Es wird Dich auch nicht entschuldigen, diesen oder jenen als Deinen Verführer anzugeben, auch wird es Dir nichts helfen, wennDu auch sagen könntest, Du wärest durch Dein hohes und vielgeltendes Ansehen verführet worden. Josephs Exempel hätte Dich zu einem wirksamen Leitfaden dienen können. — Er durchgieng ja Me allerheftigsten Anlockungen, seine Tugend blieb dennoch ungekränket, obschon er die gefährlichste Feuerprobe auöstehen mußte. —Du mußt allein Deine Handlungen verantworten. Keiner wird Dich vertreten , oder Dich in Fürsprache «ehmen, als allein Dein Versöhner Jesus, welchen Du noch hier in der Gnadrnzeit, mit dem rechten Glauben an ihm, bewegen kannst, ihn zu Deinem Freund zu erlangen. Greife, eile zu demjenigen, der unsere Versöhnung vollsühret hat, welches auch einem himmelschreienden Sünder zukommt, wie Du bist, und der nach der Seligkeit am meisten ringen muß. Doch — Ach — was denke ich nun ? Gräulicher Gedanke J — soll ich es gewohnt werden, meine Vermahnungen fruchtlos zu sehen? so will ich mich erleichtern, — so will ich ruhen von meiner anDich so gethanenenArbeit— ja! Millionen mal habe ich über Dich erröthen müssen, daß meine nöthigrn und behutsamen Vermahnungen und Bekümmerungcn bey Dir nichts fruchteten, ja die Sorge, so ich für Deine Besserung trug. — Darf ich glauben, daß deine betrübte Bande mir eine Hülfe wären, um dich aus dem Schlund desjenigen zu reissen, der alles Wüste macht? Kann ich noch glauben, daß Deine fehlgeschlagene und entsetzliche Hoffnung zu dec Welt, und bi« Dich in dein Elend gebracht, Dich bewegt,

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wegt, die Hoffnung zu erfüllen, die ich Deinenthalbeii so sehnlich gewünscht habe, um Deine fehlende Seele zu verbessern? ja, aber ich schaudere in meinem Glauben, über diese Aussichten. — Ich beängstige mich schon zum voraus über Deine Einwürfe und Mißtrauen in einer so wichtigen Sache. — Doch — der Jesus, welcher im Stande ist, alles dasjenige zu schaffen, was wir verstehen in wahren Glauben von ihm zu bitten, der ist auch im Stande Dein hartes Herz zu erweichen, Dein widerspenstiges zu beugen, Dein freches zu züchtigen, und Dein gottloses Herz überhaupt zu verändern. Sobald Du aber selbst nicht willst, ach! wie ist denn Dein Erlöser im Stande etwas bey Dir auszurichten. Gib Deinen Misten in seinen Willen, er wird es wohl dry Dir machen. Der Gott, der im Stande ist, durch «inen Wink ganze Welten zu erschaffen, sollte nicht vermögend seyn, Deine ruchlose Seele umzubilden? Fasse die Gegenmittel der Sünde, bereite Dich zu seiner Dic: «ntgegengcschickten Gnade. — Ach! hätte ich Engelzungen, Dich zu überreden. — Gott—gieb Kraft, daß meine Worte in das Innerste seiner Seelen dringe, 0! so könnte ich Dich, Deinen Heiland in seine Hände überliefern, so könnte ich noch allezeit nach Deinem Tode an Dich denken, wie auf eine Seele, die die ewige Freude genießet, ja! wenn Du Deinen Erlöserliebest, so kannst Du mit einem fröhlichen Auge Deinem Tode entgegen sehen; so kannst Du den Tod umarmen, wie ein lang erwarteter und liebkommendev Bruder; so kannst Du mit die Glaubens - Augen die Schaaren der heilige» Engel sehen, welche Deiner Seele entgegen eilen wollen, sobald sie diese ärgerliche Leibeshütte verläßt, die sie noch bewohnet; so kannst Du Dich in Deinem wohlverdienten Leiden mit dem trösten, den kennen lernen, und! ihn sehen, der schon bereit ist, Dir holdselig entgegen zu lächeln; so sollst Du in den ewigen und glückseligen Wohnungen Deine Mutter umarmen, um ihr genug für alle ihre Seufzer zu thun.

Ich bin re»

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Graf Struensees, Brands, Fal- kenschiolds, Gählers und Justitz- Raths Struensees

wahre Unterredung

zur

Aufmunterung,

ihren angelegten Plan

auszuführen.

Aus dem Dänischen des zu Copenhagen 1772 bey August Friederich Stein gedrucktes Exemplar übersetzt.

Wie auch

den Bericht von Beelzebubs

Anrede

an

seiner höllischen

Rathsversammlung,

und

das darauf ausgefertigte

Sendschreiben

des Teufels

an den Grafen Struensee.

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Graf Struensee zu Falkenschiold.

Jetzt haben wir uns lange genung aufgehal- ten, unsere Cassa bereichert, und die Capitalien in Sicherheit gesetzt, und uns so betragen, daß keiner unsere heimlichen Absichten entdeckt hat. Was haben wir nun weiter zu befürchten? Nichts! Unsere Hoheit stehet veste, in ganz Enropa ist mein Ruhm bekannt, und an Königs-Tafeln sprechen sie mir Lob.

Falkenschiold, (etwas schwermüthig,) zu Graf Struensee.

Vielleicht ist es wahr, was Du sagest. aber ich höre, in der Stadt ein Gerücht, welches mir

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4 gar nicht, gefallen will: schaffe Rath, daß, wenn unser Anschlag entdeckt werden sollte, wir eine gewisse Flucht nehmen können.

Graf Struensee, (trotzig.)

Nein, schweig nur, stecke die Flügel zum Entfliehen ein: schwingt euch aber, gleich wie die Adler, in die Höhe, und brecht allen denen den Hals, die sich erkühnen, uns entgegen zu seyn. Ich wette, die Sache geht gut.

Falkenschiold, (etwas hitzig,) zu Graf Brand.

Ey, der Teufel hole mich! Ihr zaudert gar zu lange, eilet, der — da — der Rumpf — der liegt, und schleppet sich auf der Bärenhaut, wie die Sau im Schlamme, und giebt genau Acht, ob ein Gewitter herauf zieht. Den ganzen Tag habe ich geloffen, und unsere zum Dienst Erkaufte zum voraus reichlich beschenket; da ich das Geld, wie Dreck, achte, so habe ihnen gewiß nicht ein Geringes geschenkt, und noch ein Vieles versprochen. Ich glaube auch sicher, sie halten ihre Zusage.

5

5 Graf Brand zu Falkenschiold.

Recht, Bruder! beym Teufel, svare kein Geld! wer gut schmiert, der gut fährt. Aber der Teufel hole den Pracher — den Mönch — den Römischen Narren. Er spielt in Wahrheit mit denen andern unter einer Decke. Von Bruder Gähler haben wir Nichts zu befürchten, wir halten mir einander, und er widersetzt sich die Be- fehle, so gut, er kann.

Graf Brand wendet sich gegen Gras Struensee.

Höre, Graf, wir sind ja fertig. Was brachte die heutige Post? — Ferner sage ich, R-z-u ist hier nichts nütze; ich fürchte, er steckt sich hinter der Sache, wie auch die K. St. M-a mit ihren tiefsinnigen S-n, wir müssen wahrhaftig nicht säumen, sonst bekommen wir den Teufel zum Lohn, — Mes Frères, lesen Sie diese Briefe, in Süden stehen unsere Sachen so gut, als es nur zu wünschen sey, — Hier — ist ein Brief von Nyborgs-Schloß, welcher der brave — ich sollte es doch wohl denken, daß er es ehrlich meynt? — Eine Tonne Goldes will ich ihm schenken, und dazu alle seine Schulden bezahlen.

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6 Falkenschiold spricht, (indem er die Ohren krauet.)

Wenn die abgedankte Garde nur nicht des Teufels ist, und uns Allarm macht; ich zweifele fast.

Graf Struensee.

Die Hunde — lärmen wohl den ganzen Tag hindurch, aber ich will schon ihrer Bosheit eine Halt wachen; — wohl ist es, daß sie weggeschafft sind, — sie sollen uns in Wahrheit keinen Verdruß mehr machen. aber der Teufel fahre auf die Schwarzen, sie predigen Len Pöbel toll Md bange.

Falkenschiold.

Ihr Predigen bedeutet nicht viel. —- Ihr seyd ja selbst von dem schwarzen Zeug ausgesprossen, die stets Gotteslämmer predigen.

Graf Struensee.

Halt! halt! Falkenschiold, mit eurem Geschwätz, hier ist ganz was anders zu thun,

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7 als nur zu Plaudern, rufe Gähler herbey, und suche die Uebrigen noch auf unsere Seite zu ziehen. Ich will indessen mein Morgentrank genießen.

(Indem tritt Gähler zur Thüre herein.)

Gähler.

Guten Morgen, mein lieber Herr Graf! was brachte die gestrige Post an Neuigkeiten mit? Ich glaube, Sie haben Briefe von S — bekommen, welche an Friederichs Mutter addreßirt waren. Was sagt der König Gutes? Und wie steht es mit der Wache.

Graf Struensee.

O! mit dem Könige wollen wir wohl rathen, die Krone und die Macht habe ich in meiner Ge- walt, und des Königs Gesinnungen kenne ich auf ein Haar.

Graf Brand zu Graf Struensee.

Wie lange schwelgt Ihr beym Schoccolade? Macht, das Ihr fertig werdet. — Da wir

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8 heute Abend Masquerade haben, so wundert es mich, daß Berger noch nicht hier gewesen. — Sage mir, wie nahe eigentlich die Sachen stehen.

Graf Struensee.

Schon alles fertig, ich führe die Sache aus.

Der Justitzrath Struensee.

Mir träumte vorige Nacht so etwas vom Könige, und es kam mir vor, als wenn unser Plan entdeckt wurde, und den Schatz, den Falken- schiold in Händen hat, fand, und selbigen wegnahm. Graf Brand Die Wharzeit zu sagen, mir träumte eben- falls, ich sähe die Königinn Juliana angeklei- det, so weiß, als Schnee, und seufzete nach ih- rer alten Gewohnheit, und die Königinn Ma- thilda, wie sie ihre Hände zusammenschlug, und ein wehe über das andere ausrief.

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9 Zum Teufel, mit alle eure Träume, wir haben ja Geld und Macht, versäumt nur keine Zeit, eure Sache geschwind und geschickt auszufühen, Diese — quälen — er sängert — du — stekkest an — sie ladet ein— er nimmt in Eid — er nimmt den Rest der Befehle, und giebt sie an — und läßt Gebrauch davon machen; — und die sich uns dann widersetzen, schlagen wir zu Boden. — Ich verspreche, daß Sie niemalen darben sollen; und die — laßt ergreifen, wovon ich neulich gesagt habe. Gold und Geld muß bey ein solches Unternehmen, wie Dreck, geachtet werden; dann sollt ihr sehen, wie sich Alles vor uns niederbeugt.

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10 Bericht

von Beelzebubs Anrede.

Sängst saß die Teufelische Majestät, Beelzebub, das Jubelfest seines Falles zu be- gehen, da versammlete er alle Teufel seines Reichs, um diesen Festtag recht glänzend zu machen. Voll stolzem lächeln saß er auf seinem flammenden Throne, und sein höllischer Divan um ihn. Zu seiner Rechten saß an der untersten Stufe sein scheußlicher Mufti. Seine Augen schossen Blitze, Raqueten gleich. Rasend erhob er seine donnernde Stimme: “Liebe, Getreue, (heulete er mit einer teuflisch - gnädigen Miene,) heute ist der Tag, an welchem wir das Andenken der Stiftung unserer größten Monarchie, die jemals gewesen ist, in voller Pracht feyern, und an welchem ich den Thron meines Reichs zum ersten- male bestieg. Ihr alle wißt, wie bemüht wir seit der Zeit gemeinschaftlich gewesen sind, die Grän- zen unsers höllischen Reichs immer mehr zu erweitern: und wie erwünscht sind uns nicht unsere Bemühungen von Statten gegangen! zumal, da wir unsere Erbfeinde, die Menschen, endlich so glücklich gestürzet, und viele derselben so weit gebracht haben,

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11 daß sie uns unsere teuftlische Versuche merklich erleichtern helfen. Mein teufelisch-giftiger Hauch stößt die stärkste Bosheit in die verruchten Seelen, und nur erst kürzlich ist es mir und meinem getreuen Mufti gelungen, einen für uns herrlichen Sieg über ein mit Bosheit und Intriguen angefülltes Herz zu erhallen. Euch allen muß der Graf Sruensee bekannt seyn, denn er hat zu viel Bosheit angerichtet, als daß es nicht jedem von euch bewußt styn sollte; und vielleicht hat auch ein jeder von euch etwas dazu beygetragcn, um Bosheit in seine schwarze Seele zu blasen. Ich glaube nicht, daß einer unter den allerboßhaftesten Menschen unserer so würdig ist, als eben er, die Stelle meines Mufti zu vertreten. — Ich habe beschlossen, diesen Tag recht festlich zu begehen. Was meynest Du, mein lieber Getreuer, indem er sich zu dem Mufti wendete, wodurch ich diesem Tage einen nenen Glanz geben kann?" Der Mufti stund in Gedanken, murmelte etwas Un- gereimtes daher, und schwieg stille. Beelzebub glühete vor Zorn gegen seinen Staatsminister, stampfte mit seinen Pfoten, und drohete ihm mit seinen Krallen. "Du bist ja ein erzdummer Teufel, sagte er, welcher dem erfinderischen Genie meines lieben Struensee im geringsten nicht gleich kommt. — Und hiemit entsetze ich Dich aller Deiner Würden und Macht, und sollst hin-

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12 führe meines geliebten Sruensees ewiglicher Be- dienter seyn, welchem ich diesen Posten anvertrauen will. — Diesen Einfall, meine Herren, habe ich gehabt, um den heutigen Festtag, durch ein besonderes Merkmal meiner Gnade, gegen diesen meinen Liebling blicken zu lassen, selbigen glänzender und verewigter zu machen. Also befehle, im Namen meiner Teufelischen Majestät, und meines ganzen satanischen Reichs, ihm, den Grafen Struensee dafür zu erkennen und gehorsamen, und unser Staatssecretair soll die Danksagungsund Gratulations-Addresse ausfertigen, die ich selber mit dem größten höllischen Vergnügen entworfen habe." Diese Schrift wurde hierauf der ganzen Versammlung vorgelesen, und ein jeder brüllete mit einer tiefen Vorbeugung dieser Teufelischen Majestät Beyfall zu. Das Schreiben aber selbst war in folgenden Ausdrücken abgefaßt:

Mein lieber Struensee!

Kaun weiß ich nicht Dir meine ausgelassene Teufelische Freude lebhaft genung zu bezeigen, daß Du Dich, bis auf die letzte Stunde Deines Falles, als ein würdiger Unterthan meiner höllischen Monarchie betragen hast. Die ganze Hölle verdankt es Dir, daß Deine Bemü-

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hungen so eifrig für meinem Ruhm gewesen sind: und wir alle trauren nur darüber, daß Deine Absichten nicht gänzlich nach unserm und Deinem Wunsche erreichet worden. Ich habe Dir meinen Beystand niemals entzogen, und ich freuete mich allemal, so oft mein Teufelischer Hauch eineu wirksamen Eindruck in Deine biegsame Seele machte. Alle Deine Thaten und Unternehmungen sind zu Deiner Erinnerung mit feurigen Buchstaben in meiner höllischen Residenz öffentlich angeschlagen, und alle Deine schwarzen Handlungen sollen von meiner Teufelischen Majestät mit brennendem Pech und Schwefel belohnet werden. Betrübe Dich nicht allzu sehr darüber, daß Deine Absichten, ein ganzes Reich, welches ohnedies ein abgesagter Feind meiner höllischen Monarchie ist, zu stürzen, mißlungen sey, Du hast demohngeachtet Deinen Namen unsterblich gemacht. Mit was für schädlichen Geburten ist Deine erfinderische Seele nicht schwanger gegangen! Mord, Empörungen, Unterdrückung der Unschuld, Ver- läumdung rechtschaffener Patrioten — und was das entsetzlichste — die Anstalten zur Vertilgung eines ganzen Königlichen Geschlechts sind Thaten, die ich, so wahr ich Beelzebub heiße, kaum selbst zu unternehmen die Verwegenheit gehabt hätte, und welche Dich zu einem würdigen

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Bundsgenossen meiner Teuftlischen Majestät ma- chen, Es ist dahero eine Ehre für Dich, daß man Dich den obersten und grausamsten Teufel nennet. Mit Betrübniß muß ich vernehmen, daß man über Deine fehlgeschlagene Absichten noch dir größten Jubelfeste anstellet. Versichere Deinem würdigen Spießgesellen, dem Grafen Brand, meiner völligen Gnade; er ist eben sowohl, als Du, das lebendige Muster eines Erzbösewichts. Halte nur vest an dem Bündnisse, welches Du durch Deine Thaten stillschweigend mit mir eingegangen bist. Mein ganzes Höllisches Reich jauchzet darüber, daß Du Dich durch Deinen unersättlichen Stolz meiner Teu- felischen Majestät so ähnlich gemacht hast. Mein Divan ist es zufrieden, daß ich Dich zum Groß- Vezier, Mufti, Feldmarschall meiner höllischen Heerschaaren ernannt, Und die obersten Bedienungen der Hölle für Dich aufbewahret habe. Aber ich bedaure es sehr, daß ich Dich Nicht länger auf der Welt zum geschickten Werkzeuge meiner Absichten brauchen kann, da Dein erfinderischer Kopf fähig genung ist, die abscheulichsten Intriguen unter einem heuchlerischen Scheine auszubrüten. Wir sehen Deiner nahen Ankunft in unserer Residenz mit einem heulenden Frohlocken entgegen, selbst das ganze Heer der Eu-

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15 meniden sollen auf dem Wege Deiner erwarten, und Dich mit ihr; giftiges und erschreckliches Hauchen anhero begleiten. Auch habe schon den gemessenen Befehl ertheilet, eine der heißesten Stellen in meiner Feuerwohnung doppelt glühend zu machen, weil Du jetzt in Deinem wohlverdienten Aufenthalte die härteste Kälte und das schwereste Ungemach auszustehen genöthiget bist. Dein höllischer Kammerdiener, welchen ich Dir zuordnen werde, ist schon beschäftiget, einen brennenden Pelz bereit zu halten, welcher Dich besser erwärmen soll, als derjenige, welchen Dein nachläßiger Kammerdiener Dir ins Gefängniß mitzugeben vergessen hat, und ein flam- mender Sopha steht für Dich schon bereit. Ich versichere Dich nochmals meiner Gnade. Gegeben in unserer höllischen Residenz am Tage un- serer großen Jubelfreude & c.

Beelzebub.

Nach Verlesung dieses Briefes erlönete die ganze Hölle von ein grausendes Huza-Geschrey nach dem andern, und welcher sogleich durch einen Expressen an den Grafen Struensee gesandt wurde. Schon, stritte man um den Vorzug,

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welcher aus der Versammlung die Ehre Haben sollte, die Seele des Grafens dereinst abzuholen. Stille, sagte Beelzebub, in einem scharfen Ton, diese Ehre werde ich mir allein Vorbehalten, und warte schon mit Verlangen auf den Zeitpunct, daß ich ihn, diesen letzten Dienst erzeigen kann.

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Graf Struensees, Brands, Falkenschi- olds, Gählers und Jusitz-Raths

Struensees

wahre Unterredung

zur

Aufmunterung,

ihren angelegten Plan

auszuführen.

Aus dem Dänischen des zu Coppenhagen 1772 bey August Friederich Stein gedrucktes Exemplar übersetzt.

Wie auch

den Bericht von Beelzebubs

Anrede

an seiner höllischen

Rathsversammlung,

und

das darauf angefertigte

Sendschreiben

des Teufels

an den Grafen Struensee.

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Graf Struensee und Falkenschiold.

jetzt haben wir uns lange genug aufgehalten, unsere Cassa bereichert, und die Capitalien in Sicherheit gesetzt, und uns so betragen, daß keiner unsere heimliche Absichten entdeckt hat. Was haben wir nun weiter zu befürchten? Nichts! Unsre Hoheit stehet veste, in ganz Europa ist mein Ruhm bekannt, und an Königs Tafeln sprechen sie Mir Lob.

Falkenschiold, (etwas schwermüthig,) zu Graf Struensee.

Vielleicht ost es wahr, was Du sagest, aber ich höre in der Stadt ein Gerücht, welches mir

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4 gar nicht gefallen will: schaffe Rath, daß, wenn

unser Anschlag entdecktwerdensollte, wir eine gewisse Flucht nehmen können.

Graf Struensee, (trotzig.)

Nein, schweig nur, stecke die Flügel zum Entfliehen ein: schwingt euch aber, gleich wie die Adler, in die Höhe, und brecht allen denen den Hals, die sich erkühnen, uns entgegen zu seyn. Ich wette, die Sache geht gut.

Falkenschiold, (etwas hitzig,) zu Graf Brand.

Ey, der Teufel hole mich! Ihr zaudert gar zu lange, eilet, der—da—der Rumpfder liegt, und schleppet sich auf der Bärenhaut, wie die Sau im Schlamme, und giebt genau Acht, ob ein Gewitter heraufzieht. Den gan- zenTag habe ich geloffen, und unsere zum Dienst Erkaufte zum voraus reichlich beschenket; da ich das Geld, wie Dreck, achte, so habe ihnen gewiß nicht ein Geringes geschenkt, und noch ein Vieles versprochen. Ich glaube auch sicher, sie halsen ihre Zusage.

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5 Graf Brand zu Falkenschiold.

Recht, Bruder! beym Teufel, spare kein Geld! wer gut schmiert, der gut fährt. Aber der Teufel hole den Pracher ---- den Mönch ---- den Römischen Narren. Er spielt in Wahrheit mit denen andern unter einer Decke. Von Bruder Gähler haben wir nichts zu befürchten, wir halten mit einander, und erwidersetzt sich die Befehle, so gut, er kann.

Graf Brand wendet sich gegen Graf Struensee.

Höre, Graf, wir sind ja ferig. Was brachte dir heutige Post? — Ferner sage ich, R-z-u ist hier nichts nütze; ich fürchte, er steckte sich hinter der Sache, wie auch die K. St. M--a mit ihren tiefsinnigen S--n, wir müssen wahrhaftig nicht säumen, sonstbekomen wir den Teufel zum Lohn. ---- Mes Frères, lesen Sie diese Briefe, in Süden stehen unsere Sachen so gut, als es nur zu wünschen sey. ----Hier ---- ist ein Brief von Nyborgs-Schloß, welcher der brave -- ich sollte es doch wohl denken, daß er es ehrlich meynt? ---- Eine Tonne Goldes will ich ihm schenken, und dazu alle seine Schulden bezahlen.

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Falkenschiold spricht, (indem er die Ohren krauet.)

Wen die abgedankte Garde nur nicht des TLeuffels ist, und uns Allarm macht; ich zweifele fast.

Graf Struensee.

Die Hunde—lärmen wohl den ganzen Tag hindurch, aber ich will schon ihrer Bosheit eine Halt machen; wohl ist es, daß sie weggefthafft sind, ---- sie sollen uns in Wahrheit keinen Verdruß mehr machen: aber der Teufel fahre auf die Schwarzen, sie predigen den Pöbel toll und bange.

Falkenschiold.

Ihr Predigen bedeutet nicht viel. --- Ihr seyd ja selbst von dem schwarze Zeug ausgesprossen, die stets Gotteslämmer predigen.

Graf Struensee.

Halt! halt! Falkenschiold, mit eurem Geschwätz, hier ist ganz was anders zu thun-

7

7

als nur zu Plaudern, rufe Gähler herbey, und suche die Ubrigen noch auf unsere Seite zu ziehen. Ich will indessen mein Morgentrank geniessen.

(Indem tritt Gähler für Thüre herein.)

Gähler.

Guten Morgen, mein lieber Herr Graf! was brachte die gestrige Post an Neuigkeite mit? Ich glaube, Sie haben Briefe von S---- bekommen, welche an Friederichs Mutter addreßirt waren. Was sagt der König Gutes? Und wie steht es mit der Wache.

Graf Struensee.

O! mit dem Könige wollen wir wohl rathen, die Krone und die Macht habe ich in meiner Gewalt, und des Königs Gesinnungen kenne ich auf ein Haar.

Graf Brand zu Graf Struensee.

Wie lange schwelgt Ihr beym Schoccolade? macht, daß ihr fertig werdet. — Da wir

8

8 heute Abend Masquerade haben, so wundert es ich, daß Berger noch nicht hier gewesen.— Sage mir, wie nahe eigentlich die Sachen stehe.

Graf Struensee.

Schon alles fertig, ich führe die Sache aus.

Der Justitzrath Struensee.

Mir träumte vorige Nacht so etwas vom Kö- nige, und es kam mir vor, als wenn unser Plan entdeckt wurde, und den Schatz, den Falken- schiold in Händen hat, fand, und selbigen wegnahm.

Graf Brand.

Die Wahrheit zu sagen, mir träumte ebenfalls, ich sähe die Königinn Juliana angekleidet, so weiß, als Schnee, und seufzete nach ihrer alten Gewohnheit, und die Königinn Mathilda, wie sie ihre Hände zusammenschlug, und ein Wehe über das andere ausrief.

9

9 Falkenschiold.

Zum Teufel mit alle eure Träume, wir haben ja Geld und Macht, versäumt nur keine Zeit. eure Sache geschwind und geschickt auszuführe, Diese — quälen — er sängert ----- du ---- stekkest an --- sie ladet ein --- er nimmt in Eid ---- @er nimmt den Rest der Befehle, und giebt sie an -- und läßt Gebrauch davon machen; -- und die sich unsdannwidersetzen, schlagen wir zu Boden. ----Ich verspreche, daß Sie niemalen darben sollen; und die---- laßt ergreifen, wovon ich neulich gesagt habe. Gold und Geld muß bey ein solches Unternehmen, wie Dreck, geachtet werden; dann sollt ihr sehen,wie sich Alles vor uns niederbeugt.

10

IQ ==

Bericht

von

Beelzebubs Anrede.

kuigst saß die Teuftlische Majestät, Beel* C* zebub, dasJubelfest seines Falles zu be£%J gehen,da versamlete er alle Teufel seines Reichs, um diesen Festtag recht glanzend zu machen. Von stolzem Lächeln saß er auf seinem flammenden Throne, und sein höllischer Divan um ihn. Zu seiner Rechten saß an der untersten Stufe sein scheußlicher Mufti. Seine Augen schossen Blitze,Raqueten gleich. Rasend erhob er seine donemdeStimme: „Liebe,Getreue(heu lete er mit einer teuflisch-gnädigeuMiene,Heute ist der Tag, an welchem wir das Andenken der Stiftung unserer gröste Monarchie,die jemahls gewesen ist, in voller Pracht feyern, und an welchen ichdenThron meinesReichszum erstenmahle bestieg. Ihr alle wißt,wie bemüht wir seit derZeit gemeinschaftlich gewesen sind,dieGranzen unsers höllischenReichs ier mehr zu erweitern: und wie erwünscht sind uns nicht unsere BemühmrgevonStatte gegange! zumal,dawir unsreErl'feinde,dieMensche, endlich so glücklich gestürzet/und vielederselbe ft weitgebracht habe

daß

11

FI

daß sie uns unsere teufelische Versuche merklich erleichtern helfe. Mein teufelifth-giftigerHauch flößt die stärkste Bosheit in die verruchten Seelen, und.nur erst kürzlich ist es mir und meinem getreuen Mufti gelungen, einen für uns herrlichen Sieg über ein mit Bosheit und Intriguen angefülltes Herz zu erhalten. Euch allen muß der Graf Struenfee bekannt seyn, denn er hat zuvielBosheit angerichtet,alsdaß es nicht jeden von euch bewußt seyn solte; «.vielleicht hat auch ein jeder von euch etwas dazu beygetragen, um Bosheit in feine fchwarzeSeele zu blasen. Ich glaubte nicht,daß einer unter den allerboßhafst? Menschen unserer so würdig ist, als eben er, die Stelle meines Mufti zu vertreten.—Ich habe beschlossen/ diesen Tag recht festlich zu begehen. Was meynest Du, mein lieber Getreuer, indem er sich zu demMufti wendete,wodurch ich diesen Tage einen neuen Glanz geben kan?” Der Mufti stand inGedanken, murmelte etwas Ungereimtes daher,und schwieg stille. Beelzebub glühete vor Zorn gegen seinen Statsminister, stampfte mit seinenPfoten,und drohete ihm mit seinenKrallen. "Du bist ja ein erzdummerTeufel, sagteer, welcher dem erfinderischen Genie meines lieben Struensee im geringsten nicht gleich kommt.—Und hiemit entsetze ich Dich allerDeinerWürden und Macht,und sollst hin-

. führo

12

12 5^5

führemeinesgeliebtöStrumfees ewiglicherBe dienter seyn, welchë ich diesenPoste anvertrauen will.—Diesen Einfall, meine Herren, habe ich gehabt, um den heutigen Festtag, durch ein besonderesMerkmalmeinerGnade,gegendiesen meineuLiebling blicke zu lassen,selbigen glänzender und verewigter zu machen. Also befehle, im Namen meiner Teufelischen Majestät,und meines ganzen jatanischenReichs, ihm,den Grafen Struensee,dafür zu erkennen undgehorsamen, und unser Staatssecretairsoll dieDanksagungs und Gratulations-Addresse ausfertigen, die ich selber mit dem größten höllischen Vergnügen entworfen habe." DieseSchrift wurde hierauf der ganzenVersammlung vorgelesen, und ein jeder brüllete mit einer tiefen Vorbeugung dieser TeufelischenMajestätBeyfall zu. Das Schreiben aber selbst war in folgendenAusdrücken ab« gefaßt:

Mein lieber Struensee!

6)aum weiß ich nicht Dir meine ausgelassene «3v Teufelische Freude lebhaft genug zu bezeigen, daß du Dich, bis auf die letzte Stunde DeinesFalles,als ein würdigerUnterthan meiner höllischen Monarchie betragen hast. Die ganzeHölle verdankt es Dir, daß Deine Bemü.

Hungen

13

Hungen so eifrig fur meinenMubm gewesen sind: und wir alle trauren nur darüber, daß Deine Absichten nicht gänzlich nach unsern ».Deinem Wunsche erreichet worden. Ich habe Dir meinen Beystand niemals entzogen, und ich freuete mich allemahl, so oft mein teufelischer Hauch einen wircksamenEindruck indeine biegsameSeele machte. Alle deineThaten undUnternehmungen sind zu deinerErinnerung mit feurigeBuchstaben in meiner höllisch? Residenz öffentlich angeschlagen, und alle Deine schwarzen Handlungen sollen von meiner teufelischenMajestat mit brennendenPech undSchwefel belohnt werden. Betrübe Dich nicht zu sehr darüber, daß Deine Absichten, ein gantzes Reich, welches ohnedies ein abgesagter Feind meiner höllischenMonarchie ist, zu stürzen, mißlungen sey, Du hast demohngeachtet deinenNameN unsterblich gemacht. Mit was für schädliche Geburten ist deine ersi'nderischeSeele nicht schwanger gegangen Mord Empörul,gen, Unterdrükung derUnschuld,Verlaumdung rechtschaffenerPatrioten—und was das entsetzlichste—die Anstalten zurVertilgung eines ganze KöniglichenGeschlechts sindTaten, die ich, so wahr ich Beelzebub heisse, kaum selbst zu unternehmen die Verwegenheit gehabt hatte, und welche Dich zu einem würdigen

Bunds-

14

mi

14

Bundesgenossen meiner teufelischen Majestät machen. Es ist dahero eine Ehre für Dich, daß man Dich den obersten und grausamsten Teufel nennt. Mit Betrübniß muß ich vernehmen, daß man über Deine fehlgeschlagene Absichten noch die gröstenIubelfeste anstellet. Versichere Deinem würdigen Spießgesellen, dem Grafen Brand, meiner völligen Gnade; er ist eben sowohl, als Du, das lebendige Muster eines Erzbösewichts. Halte nur vest an dem Bündnisse, welches du durch deine Thaten stillschwei« gend mit mir eingegangen bist. Mein ganzes höllisches Reich jauchzet darüber, daß DuDich durch Deinen unersättlichen Stolz meiner tei felischenMajestät so ähnlich gemacht hast. Mein Divan ist es zufrieden,daß ich Dich zum Groß Vester, Mufti, Feldmarschall meiner höllischen Heerschaaren ernannt, und die obersten Bedienungen der Hölle für Dich aufbewahret habe. Aber ich bedaure es sehr, daß ich Dich nicht langer auf Der Telt zum geschiktenWerkzeuge meiner Absichten brauchen kann, da Dein erfinderischer Kopf fähig genung ist, die abscheuligsten Zntriguen unter einem heulerischen Scheine auszubrüten. Wir sehenDeiner nahenAnkunft in unserer Residenz mit einem heulenden Frohlocken entgegen, selbst das ganze Heer der Eumeniden

15

15

i meniden sollen auf demWege Deiner erwarten/ ' und Dich mit ihr giftiges und erschreckliches ; Hauchen anhero begleiten. Auch habe schon den gemessenen Befehl ertheilet, eine der Heissesten - Stelle in meiner Feuerwonung doppelt glüend i zu machen, weil Du jetzt in Deinem wohlver: dienten Aufenthalte die härteste Kälte und das schwersteUngemach auszustehen genötipjtt bist, ¡Dein höllischerKammerdiener, welchen ich Dir zuordnen werde, ist schon beschäftiget, einen Brennenden Pelz bereit zu halten, welcher Dich Besser erwärmen soll, als derjenige, welchen «;Dein nachläßiger Kammerdiener Dir ins € efängniß mitzugeben vergessen hat, und ein flamWenderSopha stehet fürDich schon bereit. Ich Persichre Dich nochmals meiner Gnade. Ge: ¡geben in unserer höllischen Residenz am Tage unserer grossen Iubelfteude rc. fo

é Beelzebub.

J Nach Verlesung dieses Briefes ertönete die ganze Hölle von ein grausendes Huza-Geschrey me dem andern, und welcher sogleich durch eilen Expressen an den Graf Struenfee gesandt burde. Schon stritte man um den Vorzug

welcher

16

== TO

welcher aus der Versammlung die Ehre haben sollte, die Seele des Grafens dereinst abzuholen. Stille, sagte Beelzebub, in einem scharfen Tohn, diese Ehre werde ich mir allein Vorbehalten, und warte schon mit Verlangen aufden Zeitpunkt, daß ich ihm diesen letzten Dienst erzeigen kann.

1

Des

unglücklichen und gewesenen

Grafen Struensee

Erstes Verhör.

Aus dem Dänischen bey August Friderich Stein in Kopenhagen gedrucktes Exemplar ins deutsche überseßt, und

das darauf erfolgte

Gespräch

mit sich selbst und den Kerkermeister,

seine Reue, Gewissensangst, Bekehrung und letzter Wille.

Den 22sten Februar 1772.

Kopenhagen.

2

        

3

Frage.

egen Friderich Skruenste woher hattet ihr Recht (3$ und Macht, ohne Befehl des Königs, unschuldige und brave Männer abzusctzen und von Hofe zu jagen, und Bedienungen zu vergeben? Wodurch ihr beynahe unserm Staat in ein Chaos verwandelt habt.

Äntwort. Meine Macht war von dem König, mein Recht war des Königs Hand und Siegel. Ich trieb nur die weg, die nicht nach meinen Sinn die behörigc Politik studirt hatten. Ucberdem nahm ich die ganze RegierungsLast auf meinen Schultern, und speisete in des Königs Brod

* % im

Das Verhör

des

Grafen Struensee.

4

int Schweis meines Angesichts. — Doch darf ich wo! nicht längnen das ich der Sache zu viel that. — Aber ich muß fragen, warum ich diese Ketten und Baude trage, und das mau mich als cine Canaille trackirct, ich verlange Satisfaction und eine feycrliche Ehrenerklärung.

Fracke. Um eurer Tugend Willen sind euch dieselben zn Theil geworden. Bekennet, wo habt ihr den grossen Stein, Len prächtigen Juwecl, welcher ein Preis der Kostbarkeit in des Königs Krone war, wozu habt ihr den gebraucht? gestehet die Wahrheit, auf Befehl des Königs.

Antwort. Der grosse Stein ? — von selbigen weis ich ;

nichts, weis auch nichts von des Königs Steine und von welcher Krone die Rede scy. Ich gab nur acht auf die Perle und auf meine eigene Steine.

Frage..

. eiten abzur eiten astzus

Frage.. eiten abzur Wir ratheu euch, uns nicht mit Spitzfündigkeiten astzuspeisen, cs wird alles ausgeschrieben, und me Handlungen werden euch schlechter bekommen wie dem Hunde das Grasen. Wo ist des Königs Silberzeug und Service geblieben?

Antwort. Das Silberzeug kam auf die Münze des Königs — denn es war Geld nötig die Leute des Königs zu besolden und mich zu versorgen, denn ich war ja des Königs mit mehrere — ihr verstehet mol M... Spiel.

Frage. Vom wem bekam B. diesen Brief? für WM ist das Pulver, wovon hier die Meldung ist? und wer hat diesen Brief geschrieben?

Antwort. Ich bin kein Postbothe; fragt mir nicht darnach; B--s Briefe gehen mich nichts au, vielwenigcr selbige zu lesen. Solche Correspondence reimen sich nicht mit grast, und Staatsgeschäften. Ich kenne ebensowenig den Brief als die Person so selbigen geschrieben har. Wohl er-

nner

5

innere ich mir das einmahl von den Pulver und de» Brief die Rede war, das B. gefügt hatte, ich hatte ein Pulver erhalten, welche einen süssen Schlummer würkten, und das man nach dem Genuß desselben , in wahrenden Stehen und Sprechen einschlieske. Der Henker weis wo es sich herschreibk. Ich läugne aber auch nicht, daß ich ihm davon uitterrichtete, das cs ein probates Mittel für die Jalousie -Plage wäre--das Geblüt stillet, lange Lage verkürzet, ja der Lauf der Seele kan davon ganz matt werden.

Frage. Dunkele Wörter helfen zu nichts; bekennet eure Fehler; den Flecken den ihr leider in des Königs Haus gemacht; die bösen Rathschlage die ihr den König gäbet, und zeigt uns euren verderblichen Plan ?

Antwort. Ich habe keinen Flecken gemacht; ich war rein als ich hierher kam; ich sähe auf des Königs Dinge, um die regieren zu können, und bestrebte mich des Königs Haus und die Völker des Reichs zu vermehren; die Thaier ansfülle» und die Grüfte ledig machen.

Frage. Aber habt ihr diesen Plan, der hier ist, nicht eher gesehen, als jetzt? Wer hat dieses geschrieben? Welcher mörderischer Geist hat solchen getrieben, dessen Gehirn dieses gesponnen hat? höret — er soll gelesen werden — erinnert euch —

Antwort. Haltet mich! ich werde übel zu Mnthe. — Nein — ich weiß nicht — wo soll ich hin — helft mir —

Hier ist euer Nahm und die Ordres.

Struensee (sagte) das hatte ich nicht gedacht, daß sie alle meine Briefe gefunden hatten! (laut) Ach!— Ach! mein Leben— ich sinke—.

6

Graf Struensees Gespräch

mit sich selbst und den Kerkermeister und sein letzter Wille.

Struensee.

O! welche Aenderung muß ich anitzt Empfinden,

Wo ist das schöne Schloß, das ich vorhin besaß,

Im Kerker vest verwahrt, muß mich die Kette binden, Man schätzt mich kaum so gut, als wie ein todtcs As

Bin ich es, oder nicht? der Dännemark regieret, Großkanzler, Vormund und der erste Mitregent.

Bin ichs, den Samm't und Gold in schönen Kleidern zieret? Gefürchtet auf den Thron, den Scepter in die Hand?

Kan meine Großmuth mich nicht von den Jammer retten, Ist meine Herrlichkeit auf ewig nun vorbey?

Wo ist mein Sopha nun und die sehr weichen Betten, Mein Pelz, mein Equipag' und schöne Liberey?

Ich finde mein Servis nicht ans der Tafel sichen! Die Freyheit fehlet auch, so noch das ärgste ist. Ich muß die Wache stets um Tisch und Bette sehen, Dabey gehorsam seyn zu einer jeden Frist.

Wer ist doch schuld daran, daß es mit mir so stehet, Wem hab ich Leid gethan, der sich als Feind beweis'!? Dies Unglück ist sehr groß, so über mich ergehet,

Ich fürchte, daß es mich noch in den Abgrund reiß't.

Ich bin fast wie betäubt an Kräften und an Sinnen, Verstand, Sprach und Vernunft, die kenn ich fast nicht,

mehr,

7

Dieweil die Hoheit ist auf einmal ganz von hinnen,

Ich bin ein Schandfleck jetzt, beraubet aller Ehr.

Za, wenn ich mir anitzt noch was erinnern könnte,

Daß ich an diesen Fall Tönt selber schuldig levn,

Und daß man mich mit Recht des Unglücks Meister nennet Dies aber geht nicht an; die Unschuld saget: Nein!

Und dennoch muß ich mich zum Richter führen lassen,

Man fragt bald dies, bald das, so mir ganz unbekannt.

Wie froh bin ich, daß ich mich dabey weiß zu fassen,

Mein gut Gewissen spricht mich frey von aller Schau-.

Ich Hab als Patriot mich jederzeit bezeuget,

Der Dannemarkens Wohl recht treu beherzigt hat.

Wer meinen Willen that, dem war ich auch genriget,

Und half ihm wiederum in allem, was er bat.

Könnt es den frommen Job wol jemals schlechter gehen Sein Elend war zwar groß, doch gleicht es meinem nicht.

Nh weiß nicht, obs an dem, es soll ja irgend stehen,

Man saget, daß es sey ein biblisches Gedicht.

S

Der Kerkermeister.

chwcig Spötter, schweig! so sprach der Kerkermeister, Du glaubest keinen GOtt und sein hochheilig Wort.

Dem Teufel dientest du und seine böse Geister,

Drum wirst du auch gequält von nun an fort und fort.

Willt du dich Unschuldsvoll mit Hiob noch vergleichen,

Die fremden Federn weg, was soll der falsche Putz.

Des Mannes Unschuld fand fast nimmer seines Gleichen, Er war der frömmste Mann im ganzen Lande Uz.

Gott

8

(■

Nu

s

ttmJ'

Gott selber mußte ihm das beste Zeugnis; geben,

Da er zu,» Saran sprach: Wo ist Hiob, mein Knecht ?

Er dienet mir getreu und führt ein frommes Leben,

Ohn' daß ihm jemand gleicht, Gottsfürchtig, schlecht

und recht.

Dahcrt war er auch im Stande, das zu leiden,

Was Gottes weiser Schluß ihm bloß zur Prüfung that.

Sein Elend aber ward verkehrt in lauter Freuden,

Weil er Vertrauens voll zu GOtt um Hülfe bat.

So geht es, wenn man sich ganz eigen GOtt ergießet,

Es weichet Quaal und Angst in einem Augenblick.

Wer GOtt zum Freunde hat, und ihn aufrichtig liebet, Der findet HAf und Trost in seinem Ungelück.

Willt du dich selber noch in deiner Bosheit stärken,

Und ohne Reu und Leid dich wälzen in den Koch,

,Nicht sehn des Teufels Rank in allen seinen Werken,

So nährst du ewig dich mit Jammer, Angst und Noch.

Meine wirst du GOtt sein bald zu Fusse fallen

Mit Demuth, Reu und Schaam ohn Heuchellist und !

Schein, !

So wird darauf ein Trost in deinem Herzen schallen, Bußfertig fromme Seel, erduld' und komm herein.

Daun sieht der Himmel dir so gut wie allen offen,

Die hier in dieser Welt die größsien Sünder sind,

And nach rechtschafner Buß auf Gottes Gnade hoffen,

Der sich als Vater zeigt und nennet dich sein Kind.

Struensee.

erlaube mir, mein Freund! ein einzig Wort zu spreche^ Ich hör ersiaunungsvoll, was du mir jetzt gep gr.

Mein

9

Mein Hee; im Leib will mir fast für Angst zerbreche»} Dieweil mich eben itzt mein bös Gewissen plagt.

Du hast mich stark gerührt, ich fühle mich getroffen!

Es lebt fürwahr kein Mensch, der mich so elend macht?

Ich bin an allein schuld, was ich noch Hab zu hoffen,

Ich selber habe mich in dieses Unglück bracht-

Ich habe meinen GOtt recht freventlich verlassen,

Und sein hochheilig Wort aufs schändlichste veracht't-

Dem Teufel folgte ich beständig ohne Maaffen,

Ich schwur ihm Eid und Pflicht bey Tag sowol als Nacht-

Drauf nahm er Sitz und Stimm in inein Herz und Gemüthe, Er blies den Hoffartsgcisi tief in mein böses Herz,

Dabcy verschmähte ich des Vaters Rath und Güte,

Und mit Vermahnungen trieb ich beständig Scherz.

Wann er mit Gottes Wort mich zu bekehren suchte,

Sv lachte ich dazu, und folgte meinem Sinn.

Was Wunder, daß mich oft mein alter Vater fluchte, Woraus denn endlich ward, was ich geworden bin.

So bald nun Gottes Hand und Geist von mir geschieden, So fiel ich täglich mehr in neue Sünd und Schand.

Der Teufel half mir auch fast jeden Anschlag schmieden,

Der mir selbst schädlich war, so wie das ganze Land:

Min erstes Meisterstück, so ich als Leibarzt inachte,,

, Das war das Schändlichste, so nur ein Mensch gesehn.

Indem ich ungestört auf solche Mittel dachte,

Daß selbst die Majestät allmählig sollt' vergehn.

Es war mir nicht genug, ein weisses Band zu haben,

Das mir des Königs Hand aus lauter Gnade gab.

D! nein ich wollte mich mit etwas Bess'rcs laben,

Der blaue Orden sollt' den weissen lösen ab.

*5 v Des

10

IO

Des besten Königs Her; war mir gar sehr geneigrt,

So daß er mich crhub bis in den Grafcnstand,

Das war mir viel zu klein, wie es sich auch gezeiget,

Ich wollt' als König selbst regieren Stadt und Land-

Es mußt' auf mein Befehl fast alles zittern, beben,

Mein Wort des Königs Wort, so hieß es überall,

Drauf ließ ich offenbar den Huren Freyheit geben,

Und drohte trotziglich der Ehrbarkeit den Fall.

Ich dacht', du bist der Mann! laß deine Hoheit schauem Und führe Tempel auf, worin der Teufel thront,

So kaust du deiner Brunst ein ewig Denkmal bauen,

Ich glaubte keinen GOtt, der cs mit Rache lohnt.

Es war ein Tag bestimmt, da ich der Welt wollt zeigen Auf einmal, wer ich sey? nach meinem stolzen Sinn.

Die Anstalt war gemacht, des Volkes Wuth zu beugen. Allein ich stel vorher mit meinem Stolz dahin.

Der Kerkermeister.

Fe! wozu dienet es, daß du dies alles sagest.

^Es ist ja ohnehin so Stadt als Welt bekannt.

Bemühe dich vielmehr, daß du durch Reu erjagest,

Des grossen Gottes Güc, crgieb dich seiner Hand,

Wirf dich in Demuth hin, beweine deine Sunden,

, Ruf Gott inbrünstig an, und küsse seinen Sohn.

So wird der heilge Geist dich helfen Rettung finden,

Und bringen dein Gebet und Fleh» vor Gottes Thron.'

Cr tyttette

11

A

Struensee.

A ch! ich verfluchter Mensch , wo soll ich Rettung finde». Es ist mein Sünden-Maas nur gar abscheulich schwer, Wo lebt ein Mann für mich, der mich kan frey entbinde», Daß mich nicht schaden kan des Satans Geister-Heer.

Ich bin für GOtt verdammt, dey Menschen gar verfluchet/ Ein ganzes Königreich schreyt Rache wider michIch habe dursriglich den größten Fall gcsuchct.

So daß ein jeder gern von meiner Seite wich.

Verflucht möcht seyn der Tag, an welchen ich geboren.

Verflucht mein böses Her; und jede Lasterthat.

Verflucht sey meine Hand und meine beyden Ohren, Verflucht sey jedermann, der mich geholfen hat.

Ihr Berge, hebet euch und stürzet auf mich nieder,

Ihr Hügel, dienet mir zu einem sichern Schutz.

Ach Erde! öfne-dich, mach mich zur Erden wieder,

So werde ich befreyt von Satans List und Trutz.

Ach! daß kein Donner strahl will meinen Leib zerschmettern. So war ich gänzlich los von der Gewissensangst.

93

Der Kerkermeister.

erzweifeln hilft hier nichts, drum höre auf zu wettern, Bereue deine Sünd', auf daß du Gnad erlangst.

Das beste Mittel ist, zu GOtt in Aengstcn schreyen,

Drum wirf dich glaubensvoll in seines Sohnes Schoos. Thu nur rechtschafne Buß, und laß die Sünd dich reuen, So richtet er dich auf, und spricht dich, Sünder, los.

fruen

12

WW IS

Struensee.

Os sir bratt f o Gott! mein ganz inbrünstig FlehenF Das ich aus wahrer Reu im Glauben für dich bring.,

Ach! laß mich deine Gnad und dein Erbarmen sehen. Damit dem Satan nichts mit seine Macht geling.

Du bist ja Allmachtsvoll und Vater meiner Vater,

Erhör mein Angstgeschrey in dieser Jammerhöl.

Vergib mir meine Schuld, dein Sühn fey mein Vertreters Sieh bloß auf sein Verdienst, errette »reine Seel.

Stärk du die Majestät mit deiner Hüls von oben,

Mach alles wieder gut, was ich verstümmelt Hab.

So wird ganz Dannemark als ihren Arzt dich loben Und preisen dankbarlich für dein Geschenk und Gab. j

Gib du den Rächen ein, mein Urtheil abznfassen,

Es sey auch noch so hart, ich leide willigW.

NG! daß ist) nur einmal hier kan mein Leben lassen,

Es ist fast keine Pein und Straf genug für mich.

Ach GO! schütz Dannemark hinfort kür böse Buben,

Die ihrem Souverain so schändlich untreu sind.

Komt ein Ahitophel, so stürz ihn in der Gruben,

Daß er mit Angst und Roth, wie ich, sein Ende find«

Laß deine Allmachtshand den alten Vater stützen,

Der mit den Seinigen gar sehr durch mich betrübt.

Ach, ein verdorrter Ast, könne seinem Stamm nicht nützen, Und dennoch weiß ich, daß sein Vaterherz mich liebt.

Verbirgt doch für ihn die nahe Todes-Stunde,

Die da, werweiß wie bald, mein Leben kürzet ab.

Ich weiß, er ruft zu dir mit Herzen und dem Munde. Mm den zu Gnaden an , dem ich das Leben gab.

Offa

13

n

.... )! ich bin getrost, mein Glaube läßt mich hoffest Daß du so gnädig bist und nimst mich Sünder an.

Ich weiß , dein Waterhcr; und Ohr steht immer offen,

Für dem, der Neu und Leid für seine Sund gethan.

Mein Heiland, der für mich am Creuse ist gestorben.

Der hat mich frey gemacht von ew'ge Straf und Pein.'

Er hat um meine Seel durch seinen Todt geworben,

Nun sierb ich, wann ich soll, und schlaf mit Freuden ein.

Doch eh' die Todesangst mir wird die Sinne rauben,

So sey mein Testament vorhero noch gemacht.

Damit die Nachwelt zeug von meinen wahren Glauben * Der mich nach Reu und Leid die Seligkeit gebracht.

Ich glaube, daß ein GOtt und ein drcyeinig Wesen, ~

~ Das ewig ungetrennt in drey Personen bleibt.

Ich glaube Gottes Wort, darin ich Hab gelesen,

Daß alles Wahrheit sey, was Gottes Finger schreibt.

Ich glaube, daß Gott Sohn, mein Heiland, ist gestorben,' Für mich und aller Welt am hohen Kreuzesstamm,

Ich glaube, daß er uns die Seligkeit erworben,

Und daß für unsre Sünd erwürget sey das Lamm.

Ich glaub, der heilge Geist hat mich mit seinen Gabens Geheiligt und erkeuchl't in meiner grosse» Noch.

Ich glaube, daß ich werd die Auferstehung haben. e

Bey allen Hegen nach Marter, Angst und Todt.

Hierauf sey dir mein Gott und Vater übergeben,

Die cheur erkaufte Seel an meinem letzte» End.

Damit dieselbe sey verklärt in jenem Leben,

Von diesem Leib und Haut auf ewig ungetrennt.

Und wenn die Zeit erscheint, daß dieses wird geschehen,

So komt's, Wik Hiob sprach: daß Leib als Seel sich freut.

Ich

t Iw

14

FH und keia Fremder nicht, mein eigen Fleisch wird sehen Dich GOtt von Angesicht und deine Herrlichkeit.

D» mein geängster Leib, kehr du zur Erde wieder,

Wenn der verdiente Lohn aufs strengste dir crtheilt.

Schwerd y Feuer, Rad und Strick verwüstet meine Glieder Ich bin dies alles werth, dkum kommet unverweilt.

Verletzte Majestät, hör mein fußfällig Bitten,

Da ich zum letzten mal dich um Verzeihung fleh,

Ich bin mit Gott versöhnt, sein Sohn steht in der Mitten, Vergib! weil Gott vergibt, daß ich nicht untergeh.

Ich habe wider dich und dein Reich bös gehandelt, ~

~ Die Missethat ist groß, laß Gnad für Reche ergehn.

Jetzt ist die Reue da, weil ich so schlecht gewandelt. *

* Vergib! achHErt, verzeih, vergiß was schon gescheht«.

ehr Eltern, darf ich mich mit Bitten an euch wagen, "

" So seht, ich liege hier auf meines Herzens Knie.

Skr wißt es schon vorher, was ich euch Hab zu sagen, "

" Schaut den vrrlohrnen Sohn, der euch gehorchte nie.

Ich liege hier in Staub, in Ketten und in Banden,

Mein Herze bebet mir von wegen meiner Sind.

Verzeihet euren Sohn, das Unrecht und die Schandcn. Geschwister, Freunde, Feind, eilt und verzeiht geschwind.

Isis möglich daß ihr könnt, auf ewig den vergessen.

Den ihr, nächst Gott dem HErrn, das Leben habt geschenkt.

Dies ist auf keine Art den Eltern angemessen,

Unmöglich, daß ein Weib an ihren Sohn nicht denkt.

Nun sey mein Ordensband und Titul dem gegönnct,

Den selbst die Majestät der Hoheit würdig schätzt,

Und den fast jedermann für solchen Mann erkennet,

Dem Dannemarkens Wohl als eignes Wohl ergötzt.

Biden!

15

        

16

        

1

Gespräch

zwischen

Struensee, Brand,

Philantrope

und dem

Schliesser.

Aus dem Dänischen ins Hochdeutsche ubersetzt.

Gedruckt zu Humelhof, 1772.

2

        

3

Gespräch

zwischen

/ Brand / Philantrope und dem Schließer»

Struensee. Nein, das soll doch niemand auf mich bringen und mir beweisen können, daß —^ Wes mag man mich beschuldigen; aber eine solche schändliche That — an einem so liebenswürdigen Könige!

Schliefer. Dac ist er man eben, où dak sag o alle Lüt,

Brand. Du kamst wohl jeho eben aus dem Verhör. Was beschuldiget man dich denn mein lieber Struensee, baß du darüber so aufgebracht bist?

Struensee. Solte ich darüber nicht aufgebracht werden, wenn man mir —, ich kann es ohne Wehmuch nicht sagen.

t s Brand.

4

4 N, M cf?

Brand. Und mir nicht sagen? das muß wichtig seyn. Ich merke nun wohl, aber zu spät, daß du mir jederzeit das Wichtigste verschwiegen hast. Das folke ich vorher gewust haben, so —

Struensee. Ey / sprich doch nicht so wunderlich. Du weist, daß ich dir nichts verborgen gehalten, Und dir fast alle meine Gedanken geoffenbarec habe. Kanst du dich wohl erinnern, daß ich jemahlen Mord, Blut und dergleichen verübscheuungswürdige Gedanken geheget habe? Wie man mich beschuldigen will.

Brand. Sey doch nicht thörigt. Wie habe ich denn wissen können, ob Mord und Blut in deinen Gedanken gewesen? Es wäre sehr gut, wenn es nur Gedanken geblieben waren, und dein Temperament/ wozu fich dergleichen Gedanken sehr schlecht zu passen scheinen, hatte sie gänzlich unterdrückt.' Aber wozu verleitet nicht oft der Hochmuth

Schließer. Seht mahl, wo klok dat hei nu snacken kan!

Brand. Ihr närrischer Kerl, wißt ihr das alte Sprichwort nicht: Mut Schaden wird man klug. — Doch wir kommen zu weit ab. Du weitest mir ja erzehlen, Struensee, was man dich beschuldiget, und wie man dich im Verhör bewilikommet hat.

Struen-

5

5

ølmenfee, Mit der Bewillkommung bin ich so ziemlich zufrieden; denn der so lange Bart, der mir ziemlich unbequem war, und die Last der Ketten, die mich nicht wenig bisher gedrücket, wurden mir vorher abgenommen, und zu sien erlaubet.

Brand. Das wundert Mich sehr, daß man dir so höflich begegnet. Aber worinnen bestund denn diese dir so wehmüthige Beschuldigung?

Struensee. Gleich anfangs war es mir ärgerlich, da ich hörte, daß man mir alles auf das schlimmste auslegte, was ich in der redlichsten Absicht unternommen hatte,

Brand. Du mußt wohl viel redliche Absichten gehabt haben, wie man aus deinen Handlungen abnehmen, und aus allen gedruckten Nachrichten deutlich lesen kann.

Struensee. Wenn du dein Spotten nicht unterlaßt, so —-

Brand. Ev, ey, Struensee, bald wird dein kaltes Blut in Wallung gerathen. Ich will dir heilig versprechen, nun ernsthaft zu seyn.

Schließer. Dat mot ock syn, hei mot em Nich e mmer vexcren,

Struensee. Ich weis nicht, wie du den deinem so harten Schicksal so spöttisch und leichtsinnig seyn kaust.

A 3

Brand.

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Brand, Wenn du nur deine Sachen niche so leichtsinnig angeiangen haktest, gewiß, es stünde besser um uns. Nun kanst du immer leichtsinnig styn, und alles aus dem Sinn schlagen, so wird deine Roch leichter.

ScKkiesser. Lat em doch erst utverkellen. >

Brand. Ich bin es ja zufrieden und höchst' begierig es zu hören; um deswillen habe ich auch versprochen ernsthaft zu styn.

Struensee. So höre denn, mein lieber Brand, was man mich beschuldiget, ich softe nach dem Leben, Krön und Scepter des so theuren besten Königes, der mich nie beleidiget hat, gestrcbet haben. Habe ich von dergleichen gefährlichen Sachen wohl jemahlen mit dir gesprochen.

Brand. Das kann ich mich so deutlich zwar nicht erinnern. Aber etwas muß doch daran styn, sonst dürfte man es ja nicht schreiben, noch weniger drucken und öffentlich verkaufen.

Struenste. Du bist ein dummer Teufel, wenn du alles gerade weg glaubest was wider mich geschrieben und gedruckt wird. Ich habe alles gelesen, und wundere mich sehr, wie man solch widersprechendes , und hohe Personen beleidigendes Zeug zu drucken und öffentlich zu verkaufen, noch gestatten kann, Wider mich zu schreiben und zu nun, da ich einmal gestürzt bin, alles

erlaubt

7

7

erlaubt, es mag wahr oder erdichtet styn. Mancher armer Sünder, der mich in seinem Leben noch nie gesehen, fühlt einen Beruf in seinen Magen, wider mich das grausamste zu erdichten, und Briefe vom Teufel und dergleichen an mich zu schreiben, weil vorjetzo so viel zu erwerben ist, um damit den ausgehungerten Magen zu füllen.

Brand. Es scheinet beynahe, daß du auch sogar die gedruckten Nachrichten, welche Arme und Reiche für Wahrheit kaufen, verdächtig und für erdichtet auögeben wilst. Du kanst dich meisterlich vertheidigen: und bedenke einmahl, Struensee, wenn ich dich nun auch vertheidigen woste , was würde wohl unser Gespräch werth seyn? Nein, du mußt alles mögliche ausgeübet haben, damit man immer begieriger wird, etwas neues von dir zu lesen.

Struensee. Ich schwöre dir es zu, mein lieber Brand, daß ich nichts unternommen habe, was nicht zu des Landes Nutzen, und zum Wohl der Une terthanen des besten Königes gerichtet gewesen wäre.

Brand. Schweig damit, das glaubt dir niemand. In der That, du mußt zwey Zungen haben; denn in deinem vorigen Gespräch bestimmtest du dich ja selbst zum Tode, also mußt du dir gewiß nichts Gutes bewußt styn, und nun wilst du wieder in allen unschuldig styn. Wie. räumt sich denn das?

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Struen-

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%

c#

Struensee. So sage mir denn, was ich für Mssethaken begangen haben soll, die einer solchen Begegnung und Abscheu, in welchem ich bey jedermann bin, verdienen?

Brand. Nur mit wenigem. Worzu solle der so kostbare Wagen?

Struensee. War ich nicht Graf? Hatteich nicht die höchste Ehrenstelle durch sonderbare Gnade erhalten? Konnte also wohl dieser Wagen für Meinen Character zu kostbar seyn, wenn ich dem Hofe Ehre machen wolle ? Und das war meine Absicht.

Brand. Aber, mein lieber Struensee, die Mühen, welche deine Heyducken tragen sotten, die Zierrathen daran, der verzogene Name und dergleichen verdächtige Kennzeichen. —

Struensee. Ich will nicht hoffen, daß mir dieses als ein Verbrechen ausgelegt werden soll.

Brand. Allerdings, eben weil es allzuverdachlig ist.

Struensee. Du bist nicht klug. Es war ja nur meine eigene Erfindung, die weiter nichts bedeuten solte, als mich kenntbar zu machen, und von andern zu unterscheiden. Und ich kann dich versichern , daß ich mich auf meinen neuen Staat im voraus ungemein gefreuet habe, und —

Brand. Ich bin gewiß überzeugt, daß dieser neue Staat, worauf du dich gefreuet, ein deutlich

Zeug-

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Zeugniß von deinen bösen Absichten und von dem Mißbrauch der unverdienten Gnade ablegen wird»

Struensee. Du bist mir doch in allem zuwider, und lastest mich niemahlen ausred; n» Treten sie naher, Hert Philanrrop, da ich merke, daß sie unser Gespräch aufmerksam angehörek haben, so urtheilen sie emmahi von meinen Absichten. Ich bin es höchst überdrüßig, mit Brand ferner zu sprechen.

Brand. Das bin ich sehr wohl zufrieden.

Struensee. Urrheilen sie also frey, mein Freund, ob man aus meinen Handlungen etwas verdächtiges und so grund böse Absichten schließen kan»?

Philantrop. Es ist mir von ihrer beyderfeitigen Unterredung fast kein Wortverlohreu gegangen, und habe derselben als ein Freund der Person und als ein Feind des Lasters zugehöret. Es ist aber schwer, Ihnen, Hert Gras hierinnen vollkommen Genüge zu leisten; denn die Absichten lassen sich keinesweges aus den Handlungen erklären, weil man oft zu kurzsichtig und zu partheiifch urtheilet. Sie mögen nun Ihre Handlungen und Absichten so unschuldig und untadelhafr halten, als Sie wollen; so könnende es dennoch nicht gewesen seyn, weil sie nicht-öie Religion, die göttliche Religion, als die einzige Stühe des Staats,zum Grunde hatten.

AsSiruen:

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Struensee. Solte denn diese so mächtig seyn? Diese habe ich nie geachtet, weil die Verkündiger und gleichsam Verwalter derselben nicht selten schrecklicher wider einander wüthen, als oft die ungezähmtesten Barbaren kaum thun können. Und wie viel Blutvergiessen ist nicht oft dadurch geschehen!

Phikantrøp. Ey, mein Freund, Sie irren sich sehr, wenn sie glauben, daß die einzige wahre Religion jemahlen ein Unglück in der Welt anz gerichtet et habe. Es ist vielmehr ein untrügliches Kennzeichen, daß, wenn ein Mann unter dem Vorw ind der Religion Unruhe stiftet, er nichts weniger als diest so sanfte Religion besitzen könne; weit sie selbst zum Frieden und Eintracht anmahnet.

øtt'uenfee. Es sind aber doch wirkliche B-yspiele von solchen zanksüchtigen Männern vorhanden. Was sagen Sie darzft?

Ptzilantrøp. Dergleichen sind mir leider a ch) allzu bekannt. Und ich dachte, daß ein solcher Mann, der aus eitlen Absichten unter dem Schein der Religion Zank suchte, eine weit härtere Ahndung oder wenigstens an Ihre Seite gesetzt zu werden, verdienete.

Struensee. Das wolte ich mir höflich verbitten, wen! mir solche Leute unerträglich sind.

Doch

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SI

Doch wenn es styn müßte, fo möchte ich dir, Brand, solche Gesellschaft gönnen.

Brand. Er soire mir sehr willkommen styn. Ich wolle auch bald mit ihm fertig werden. Und ec verdiente eben fo wohl wie du hier eine Stelle, damit sein Hochmuch gezüchtiget würde.

Struensee. Luft du etivan gar mit diesem Mann, dessen böse Absichten jedermann in die Augen leuchten, mich in Vergleichung stellen? Schäme dich. Kan man denn von mir behaupten, daß ich jemand dem Volk verächtlich gemacht hatte, wenn man nur meine Absichten nach meinen Sinn erklä vn welke?

Brand. Allerdings Haft du dich selbst den allem Volk durch deinen Hochmuth und durch Geringschätzung alter verdienter Männer so verhaßt gemacht, daß auch die geringste Neuerung allen verdächtig schien, und man mit allen Kräften an deinem Falle arbeitete. Wie bald fand sich darzu Gelegenheit!

Struensee. Zielten denn meine Neuerungen auf jemandes Verderben oder zum Umsturz des Reiches ab?

Brand. Es wird doch durchgängig für gelriß behauptet, und hat sich noch niemand gefunden, als du selbst, der dich vertheidiget hätte. Es ird sich so leicht auch niemand finden, denn du

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bist in allen Nachrichten gar zu schlecht abge mahle.

Struensee. Kamst du schon wieder mit deinen verdammten Nachrichten, die von müßigen Köpfen erdacht und auSgestreuet werden.

Brand. Sie müssen doch so gar unrichtig nicht seyn, weil man sie sonst zu drucken verbieten würde. Deine geheimen Briefe, welche man zum Beweist sorgfältig aufbewahret, sind ja der Welt noch nicht einmahl bekant; daraus wird man viel? leicht mehr Licht bekommen.

Struensee. Ich wünsche herzlich, daß sie bekant gemacht werden möchten. Vielleicht würde dadurch meine Unschuld offenbar werden. Es ist nun aber emmal um mich geschehen, und weil ich gestürzt bin,so sucht man alles hervor, was wider mich ist: was aber noch für mich reden solte, wird sorgfältig unterdrücket und nichts geachtet. Meine größten Verbrechen sind also wohl hauptsächlich diese, daß ich kein gebohrner Graf, daß mich der König zu sehr geliebet, und daß ich die Gnade des besten liebenswürdigsten Monarchen gemißbrauchet habe. Was meinen Sie, Hert Philantrop?

Philantrop. Hätten Sie, mein lieber Graf, die Religion jederzeit Ihre Führerin seyn lassen, und sie in allen Ihren Handlungen zu Rache gezogen, so würden Sie nimmermehr auf Irtwege

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wege die Sie jetzt in das größte Elend stürzen, ge: rathen styn, und wenn Sie auch von noch so niedriger Geburt gewesen waren. Ich Habs ein Herzliches Mitleiden mit Ihnen, daß Sie sich so bekhören lassen. Ich wünschte, daß Sie in der That so unschuldig styn möchten, als Sie styn wollen. Gesetzt, Sie wären, wie Sie behaupten r höchst unschuldig, so haben Sie es vielleicht auf der andern Seite desto harter verdienet. Denn die Religion, als das dauerhafteste Band aller Gesellschaften, verachten und sie lächerlich zu machen suchen, und, wenn es möglich wäre, sie gänzlich auszurotten, verdienet schon die gerechteste Ahndung. Welch un: auslöfchliches Aergerniß, ach ! ich darf ohne Entsetzen nicht daran denken, haben sie durch die Erfindung mit einem unvernünftigen Thiere nicht ungerichtet. Wäre dieses allein nicht hinlänglich, daß die gerechte Rache Ihnen wie der Schatten nachfolgete. Hier haben Sie Gelegenheit, die erstaunenswürdige Langmukh des Höchsten mit Ehrfurcht zu bewundern. Es komt aber alles zu seiner Zeit.

Struensee. Ja, ich gestehe es aufrichtig, daß ich nichts weniger als die Religion geachtet, und ich habe mich hierinnen nach den berühmten Staatsmännern bilden wollen.

Philan-

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Philantrop. Darzü war Ihre Klugheit nicht hinlänglich, und Ihre Einsichten allzu kurz. Genug, bas Natürliche darzu fehiete Ihnen, Mid eine satisame Erfahrung, die dabey höchst nothwendig ist, konten Sie in so wenig Jahren ohnmöglich erworben haben. Sie hatten also Ihre Kräfte vorhero prüfen und sich nicht zu weit aus Ihrem Zirkel wagen sollen. Hätten Sie sich aber von der Religion vorzüglich und denn von alten an diesem Hofe grau gewordenen Staatsmännern unterrichten lassen; so hatte noch vielleicht ein tüchtiger Staatsmann aus Ihnen gebildet werden können»

Schließer. Hei har dat beter hebben könnt; hei har si dick freten on supen, on lustig daby syn könnt: aberst von de Staatösaaken har hei wegbliben most. Dar verstun hei «ich»

Brand» Dieser Mensch ist in Wahrheit klüger, als wir gewesen sind. Würde es jetzo nicht weit besser um uns stehen? Ich wolte, daß der erste Gedanke zu diesem uns verderblichen Unternehmen dich aufs grausamste erwürgt hatte, so würden so viele Menschen mit uns so unglücklich nicht ey. Was mich noch am meisten kranket, und dich auch gewiß nicht wenig foltern wird, ist die Beleidigung eines so gütigen und liebenswürdigen

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Philantrop. Hatten Sie beybekftiks Mich vorher um Rath gefraget, so würden Sie gewiß nie fln diesen Ort gekommen styn; und hätten sie folgende Regeln, die Ihnen bekant styn tonten, sielst sig auszuüben sich bemühet, so würden sie die aluckllchsten in der Welt gewesen styn, und hatten viel tausend Menschen zugleich glücklich machen könnenSle sind in Reimen also abgefasst

Gib deinem Schöpfer das, was ihm von dir gebühretErwäge wohl dein Werk, bevor es cmgMhrer,

Laß deinen llmgang sters mit wackem Leuren styn;

Und bild auf dein Talent dir immer etwas ein.

Nimm sters die Meinung an von andern klugen Leuten; Gib nach, so bald sie dir, was du gesagt, bestreiten.

Gib acht auf alle Wort', und höre jedermann.

Und Masse niemals dir die größte Klugheit an.

Mt Leuten rede nichts, wovon sie nichts verstehen;

Und laß ein redlichs Herz in allen Worten sehen. Verstrichst du irgend was, so nimm dein Wort in Acht; och gelobe nichts, bevor es wohl bedacht ey dimsthaft- angenehm, gefällig- wohl zu sprechen; Un laß an Höflichkeit bey niemand Nichts gebrechen.

. Gey frey; doch mache dich mit jedem nicht gemein. Entscheidest du ein Ding, so plumpe nicht hinein.

. Dey hold ohn Eigennutz; vergib, und liebe wieder.

Vor Grosse wirf dich gern, jedoch nicht stlavisch nieder» Was Freundschaft unterhalt, das suche bis ins Grab; Und gib dich.nimmermehr mit Rechts« Processen ab. Für Vorwitz hüte dich in andrer Leute Werken;

Doch laß dir auch nicht leicht, was dein Geschäfte, merken Ji Leyhen gönne nur der blinden Gunst den Lauf; Muß was vergolten seyn, so zähle reichlich aus.

EM Ansehn ist dir zwar, wie du dirs machst, zu gönnen; Lei) aber nicht zu weit, und wisse dich zu kennen.

Dein

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16 ex,

Dein Mitleid sey bereit, so oft dein Nächster weint; Ertrage seinen Fehl; sey stets ein treuer Freund. Besiege Schmerz und Gram, die leicht die Geister binden; Und laß, was dich verdrießt, nicht andre mit empfinden. Wo Zank und Zwietracht wohnt,da bringe Fried insHaus; Und übe keine Rach', als nur durch Wohlthun ans. Bestraf ohn herben Schimpf, und lobe recht von Herzen. Wenns mäßig, lache mit; laß höflich mit dir scherzen. Halt alle Menschen hoch, die ihre Kunst verstehn;

Und laß dein Urtheil nie zur Pralerey ergehn.

Wirs niemand wieder vor, was er von dir genossen; Vielmehr behalte dies in stiller Brust verschlossen.

Hilf deinen Freund in Noch, bevor fie Eisen bricht. Beweis ein edles Herz, und doch verschwende nicht.

Laß reg« Galle dich zum Jachzorn nicht bewegen;

Und rede nichts als wohl voa dem der nicht zugege». Für Undank hüte dich, und liebe Mäßigkeit. ¿Sey nur zur Lust beym Spiel, und zum Verlust bereit. Sprich wenig, rede wohl: Laß jeden unbetrvgrn;

Und wer dir etwas schenkt, dem sey mit Dank gewogen. Den Schuldner treibe nicht mit Grausamkeit zu Chor; Geh ihm so aufgeräumt, als wie dir selber vor.

Laß deines Nächsten Glück von Mißgunst unbegleitet; Und was inan dir vertraut, daß laß unausgebrcitet. Berühme dich mit nichts: Entdecke nichts zu frey:

Und dann so kehre dich an keine Plauderey.

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M ty

Philantrop. Ich erinnere mich hierbey einer kleinen merkwürdigen Schrift, welche bey dem Absterben des Hochsel. Königes, Friedrichs V» 1766, hier heraus kam, und betitelt war: Empfindungen bey dem Tode des Königes, dessen Verfasser aber sich nicht genennet. Es scheinet, daß derselbe schon vor 6 Jahren gleichsam im prophetischen Geiste vorausgesehen, was sich jetzo zutragen würde. Er erzählet einen Traum, welcher sich nicht uneben auf Sie beyde und Ihren Anhang zu passen scheinet. Es würde diese kleine Schrift, wenn Sie solche mit Ueberlegung gelesen, im Stande gewesen seyn, Sie von Ihrem strafbaren Unternehmen abzuhalten, Weil dieselbe nun ohne Zweifel Ihnen unbekannt ist, so will das Merkwürdigste daraus kürzlich erzählen:

Der Hert Verfasser schildert in dieser Schrift zuerst seine Empfindungen bey dem Tode des Königes; und nachdem er die Klagen unsers jetzt glorwürdigst regierenden Königes, als ihm die Bothschaft von der tödlichen Krankheit seines Herr» Vaters gebracht wurde, folgendermaßen angeführet: Mein Gott, wisst du meinen Vater in seinem besten Alter, und in der zarten Bl üthe meiner Jahre hinwegnehmen? Soll ich, der ich noch so jung bin, und dem die Erfahrung noch mangelt, schon die Bürde der Regierung tragen, und das Scepter ganzer Reiche übernehmen? So B fahret

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D,

er in seinen Betrachtungen fort, und erzählet einen Traum, der die Wirkung der Gedanken war, mit denen er in der Nacht einger schlafen war. Er sieht Ungewitter über seinem Vaterlande schweben, und schreckliche Finsterdiese Länder bedecken. Mitten aber in diesen gieng plötzlich ein heiterer Tag auf. Ein segnendes Licht, sagt er, erfüllte den Horizont mit leuchtenden Strömen. Seraphinen, deren jeder wie eine Sonne glänzte, umgaben den prächtigen Thron, auf den ich unfern Christiangewahr wurde, aus dessen Augen Anmuth, Majestät, Gnade und Unschuld hervorstrahlten. Chöre von Engel besungen in göttlich harmonischen Tönen das Gnadenaufsehen und das Wohldes Allmächtigen über diese nordischen Reiche. Eine Stimme erschallte: Dieser hat Gott geehret, so wird ihn auch Gott wieder ehren! Hierauf erscheinen zween Engel, die einst auch die frühen Tugenden eines Christians des Vierten, und eines Gustav , welche ebenfalls in der zarten Blühte Jahre den Thron bestiegen, geschildert hatten. Diese entwarfen zwey Gemählde. Auf dem einen wurde die Confirmation des Königes abgebildet, mit der Unterschrift: Von dem Lage an ist sein Gebet erhöret. Das andere den König kniend vor, wie er, und mit

ihm

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ihm bas ganze königliche Haus, Gott um das Leben seines Vaters flehele, welches Gebet von den eifrigen Wünschen vieler Unlerthanen begleitet ward. Unter diesem Gemahlde standen die Schriststellen: i B. d.Kön. 3, 12. iz. 14.

5 VB. Mos. 33, 29. Beyde Gemahlde werden in den Tempel der Ehre gebracht, indem keine andere Thaten, als nur die, welche aus einem tugendhaften Herzen herstammen, aufbehalten werden.

Den Thron des Königes umgiebt ein heller Strom, der von dem Lichte der göttlichen Weisheit ausfleußt, und die Stüßen desselben sind die Religion, die Treue, die Wachsamkeit und der Fleiß. Von dem Throne aus verbreitete sich eine Morgenröthe über das ganze Land. So wie die prächtigen Sonnenstrahlen Zunahmen, und das glanzende Licht auf vergoldeten Wolken einherzog, begonnte die Natur sich zu vergnügen. Alles ward wie von des Frühlings göttlichem Odem belebet. Ein fruchtbarer Regen schwängerte die Gefilde.

Am Ende des Traums folget noch ein schönes Gemahlde, welches die jehigen Umstände beynahe ganz vorbildet. Sie belieben nur selbst darüber zu urtheilen, ob sich nicht sehr vieles darunter befindet, was Sie auf sich selbst anwenden könnten. Wenn ich es nicht selbst schon vor einigen Jahren gelesen hatte, so würde ich fast zweifeln.

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^ W F*

feln, Laß dergleichen jemand schon vor 6 Jahren vorhergesehen. Es war also vorgestellet: Unter dem Throne zeigte sich ein entsetzlicher Abgrund, mit ungeheuren Larven erfüllet, die sich vergeblich bemüheten, die göttliche Veste des Thrones zu unterwühlen, und ihn von Ausflüssen der Weisheit abzuziehen; Heer von Lastern, dessen Getöse dem Zischen unzähliger Schlangen gleich war. waren in ihrer eigenen Gestalt nicht fürchterlich, aber sie wurden es, wie sie ganz verändert aus dem Abgrunde Herausstiegen. Alls Laster, und ihre Knechte und Anhänger, waren verlarvt, und traten in der gestoblnen Kleidung der Tugend einher. Sie wagten es schon , sich zu dem Throne Christians zu nahen. Hierzu seht noch der edle Hert Verfasser: Wie ist es möglich, bey der eingeschränkten Einsicht der Sterblichen, daß auch der weiseste Fürst solchen Angriffen widerstehen, das Wahre vom Falschen unterscheiden, und den Fallstricken des Lasters entgehen kann! Aber was bey Menschen unmöglich ist, sprach der Schutzengel des Landes, ist bey Gott möglich. Die Weisheit von Oben wacht über Christian! Er gebot darauf mit donnernder Stimme, den Lastern zu entfliehen ; und die Wahrheit zeigte diesen verlarvke» Pöbel in seiner ganzen Blöße.

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Gesprach

im Gefängniß

zwischen

Brand und Struensee,

worin leßterer

einen merkwürdigen Traum

erzählt.

2

thuts, mein lieber Struensee, wie gefällt dir deine neue Wohnung?

Struensee. Ich weis nicht, was man mit mir vornehmen wird; und warum man mich hier so en Canaille rractiret, da ich doch des ganzen Reichs Wohl zu befördern getrachtet habe?

Brand. Und du solltest das nicht wissen, was bets nahe die ganze Welt weis ? Das wundert mich. Eben wollte ich mich bey dir erkundigen, was denn eigentlich mein Verbrechen seyn soll, weil man noch wenig von mir spricht.

Struensee. Ich dächte, das könntest du aus der Gefangenschaft meines Bruders, der gleiches Schicksal mit dir hat, leicht errathen.

Brand. Also deswegen, weil ich dein Freund, und an deinen Angelegenheiten Theil genommen habe. Nun kann ich unser künftiges Schicksal'auch leicht prophezeihen. Und du willst noch an deinem Verbrechen zweifeln, oder es so gering ansehen ? Lies nur, was wider dich in kurzer Feit allenthalben ausgestrcuet worden, und womit mancher Buchdrucker sein Glück gemacht, und ein Ansehnliches erworben hat.

Struensee. Wie ich höre, so glaubst du auch das abgeschmackte Zeug, was wider mich, aus Eigennutz, zum Verkauf herumgetragen wird. Vortreffliche Freundschaft!

Brand.

seere BRE

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Brand. Es ist viel Wahres darunter, doch auch viel Erdichtetes. Doch, wenn du einige Augenblicke mich anhören wolltest, so will ich dich an verschiedenes erinnern; vielleicht hast du es vergessen, was in unsern geheimen Zusammenkünften abgehandelt wurde. Es könnte sich wohl etwas darunter finden, woraus wir urtheilen können, ob uns eine gerechte Handlung oder eine ungerechte in diese Fesseln gebracht.

Struensee. Wenn doch die fatalen Papiere aus der Welt verbannet gewesen wären! so— Doch schweig vor jetzo, ich bitte dich, beunruhige mich nicht noch mehr! — Daß der verdammte Kerl, mein Bedienter, den Pelz vergessen. Ich zittere am ganzen Leibe. Wenn sich doch eine treue Menschenseele finden möchte, die sich meiner mit Nachdruck annähme, und meine Sache vertheidigte!

Brand. Eine solche Unmöglichkeit beunruhiget dich? Wer sollte sich wohl dieses unterstehen, da die ganze Welt dich verdammt? Doch ich erinnere mich, eine Bertheidigung von einem gewissen Orte gelesen zu haben, die gewiß so vortheilhaft für dich ist, daß du sie nicht besser verlangen kannst. Was nützt dir aber eine solche Berkheidigung, die in weiter Entfernung geschieht, wo man vielleicht von dem ganzen Verlauf der Sachen nicht besser unterrichtet ist ? Weg also mit den Poßen! — Geschwind, bringt mir meine Flöte! ich will die Grillen verspielen. Mit Großmuth muß man sein Unglück ertragen, und nie kleinmüthig werden.

Struensee. Wenn du wüstest, was mich unruhig macht, gewiß, du würdest mitleidig mit mir weinen.

Brand. Das wäre in der That zu klein für mich, Und für dich zu schimpflich.

Struensee. Im Ernst, mein lieber Brand, ich will dir mein ganzes Herz entdecken, und dir den nacht*2 lichen

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lichen Traum, der mich unruhig macht, umständlich er ¿zchlen. Du mußt aber nicht darüber spotten.

Brand. Des Lachens kann ich mich doch kaum enthalten, daß du nun auf Träumereycn verfällst. Erst glaubtest du nichts, und nun auf einmal alles. Welche Veränderung! Doch bin ich begierig, deinen Traum zu hören.

Struensee. Ich lag eines Abends in tiefen Gedanken, überdachte mein ganzes Lebe», und schlief ohnvermerkt darüber ein. Es kam mir vor, als wenn ich im Begrisk einer Reise wäre; unterweges fand ich eine sehr angenehme Gegend, wo verschiedene anmuthige Rasenhügel sich befanden. Es überfiel mich eine so große Müdigkeit, daß ich gezwungen wurde, auf einen der angenehmsten Hügel mich niederzusetzen, um ei» wenig auszuruhen. Kaum hatte ich mich niedergelassen, so sähe ich aus einem nahe gelegenen Lust-Wäldgen ein Frauenzimmer von majestätischem Ansehen, so wie Fortuna gebildet zu werden pflegt, auf mich zukommen. Sie ergriffmich sanftdrückend bey der Hand, und fagte: Folgt mir, ich will dich zu deiner Bestimmung führen. Ich gehorsamte, und ging mit langsamen Schritten an ihrer linke» Hand. Wir gelangten in kurzer Zeit an einen großen Wald, darinnen Fruchtbäume von verschiedenen Gattungen und Alter anzutressen waren. Hier, sprach sie, alle diese Bäume sollen unter deiner Auss sicht stehen; laß keinen derselben einigen Schaden zufügen. Wirst du nun diesem Walde treulich vorstehen, und den darinnen befindlichen Bäumen nach Möglichkeit von allen Gebrechen abhelfen; so wird man dir in kurzem den Lust-Wald des Eigenthumsherrn anweisen, wozu ein Baum, daran du dein Vergnügen finden wirst, Gelegenheit geben wird. Sie wollte Hier weiter reden, bedachte sich

aber

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«ler kurz, und verschwand vor meinen Augen. Ich fing nun im Traume a» in dem Walde zu spatzieren, um die Baume zu betrachten. Ich fand deren viele von einem vortreflichen Ansehen und den herrlichsten Früchten, die ich, aus Neugierde getrieben, zuweilen vor der Feit abbrach, und aus Muthwillen der tragbarsten Zweige bes xaubete, Nach vollbrachter Arbeit war ich gewohnt, unter einer ohnlängst endeckten Birke, welche den schönsten Wuchs hatte, und noch ziemlich jung war, meiner Ruhe in etwas zu pflegen. Ich wandte alle meine Bemühung und Sorgfalt an diese Birke. Ich band sie, woes nöthig that, und zuweilen labete ich mich an ihrem mostartigen Safte. Weil mir nun dieser Baum über die Maßen wohlgefiel; so schnitt ich zum ewigen Andenken meinen Namen mit deutlichen Buchstaben in dessen zarte Rinde. In Kürzeln tragt sechs zu, daß in des Eigenthumsherrn Lust-Walde ein Baum, der zu dessen Zierde nicht wenig beygetragen, durch einen gewissen Zufall verdorben war. Nach kurzem Bedenken war man einig, aus meinem mir anvcrtrauten Walde de» besten zu suchen. Zu meinem Verdruß erwahlete man darzu meine mir so liebe Birke. Ich mußte es wider meinen Willen geschehen lassen. Von ohngcfahr kommt der Eigenthumshert an den Ort, wo dieser neue Baum versetzt war; er betrachtete demselben mit solcher Aufmerksamkeit, daß seinen Augen nichts entwischen konnte, was der Bewunderung würdig schien. Er hatte kaum meinen so zierlich eingeschnittenen Namen erblikket, als er sogleich Befehl gab, mich hieher zu berufen. Hier erschien mir das vorige Frauenzimmer mit verdrüßlichen Gebehrden, und sprach: Du hast meine Ermahnungen schlecht beobachtet. Doch will ich es noch einmal versuchen, und meine Vermahnungen wiederholen. Wirst du allem genau nales ER 3 den,

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den, und nichts widerdeine Pflichten unternehmen, so kannst du deine ganze Lebenszeit so glücklich seyn; ' als es ein Mensch zu werden möglich ist. Du wirst mit aller Freundlichkeit ausgenommen werden, und man wird deine Geschicklichkeit bewundern. Laß dich aber durchaus nicht dadurch den Hochmut!) verblenden. Siehe, hier sind Baume, woran viel gelegen ist, besonders die Lieblingsbäume des Eis genthums-Herrn welche ich deiner unermüdetm Sorgfalt bestens empfehle. Unter andern führte sie mich zu meiner liebsten Birke, und sprach: Dies ist der Baum, von dem ich dir vorher sagte, daß er dich hieher bringen würde. Dieser hat verursacht, daß der Eigenthumshert von deiner Geschicklichkeit sich so vieles verspricht. Wirst du nun deiner Bestimmung zuwider handeln, und mehr unternehmen, als ich dir anweise; so wirst du dich der größten Gefahr aussetzen. Sodann wird alles Ungemach und Elend deiner erwarten, deinvoriges Andenken schrecklich foltern, und niemand wird Mitleiden und Erbarmen mit dir haben. Pfui, welche Schande! — Hier verließ sie mich mit einem höchst zornigen Gesichte. Voll von Traurigkeit und tiefem Nachdenken übernahm ich anfänglich das mir anvertraute Amt, und verrichtete alles, was mir befohlen war, so getreulich, daß der Hert sowol als andere, so diesen Lust-Wald zuweilen besuchten, mir ihre größte Zufriedenheit darüber zu erkennen gaben, und meine Geschicklichkeit mit vielen Lobeserhebungen herausstrichen. Dieses erregte in mir einen solchen Stolz, daß ich darüber die treuen Warnungen sowol, als meine Pflichten, aus den Augen setzte. Ich trieb meinen Muthwillen mit den mir anvertrauten Bäumen, versetzte sie eigenem Gefallen, beschnitt sie, wo es nicht nöthig

war,

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war, und machte sie zum Theil ganz unförmlich. Ich ging in meiner Thorheit noch weiter, und vergrisk mich an des Eigenthumsherrn einzigen liebsten Bäumgen, verunstaltete dasselbe so beßlich, daß es niemand mehr achtete, sondern darüber spotteten. Alles dieses war noch nicht genug, der unersättliche Hochmuth verleitete mich sogar, daß ich, um nicht mehr ein bloßer Wärter der Bäume zu seyn die ganze Form dieses so viele Jahre berühmten Lustwaldes zu verändern mir vor«ahm; ich rottete Bäume aus, und setzte wieder neue an andere Orte, wo sonst nichts gestanden. Damit nun die Form desto besser könnte verändert werden, so mußte ich vorher die größten Bäume, welche um diesen Wald herum stunden, und für den wüthenden Sturmwinden beschützten, umhauen lassen, weil ich glaubte, sie verursachten zu viel Schatten, verhinderten das Wachsthum, und waren der freyen Aussicht hinderlich» Damit dieses desto besser und geschwinder von statten gehen mögte, so nahm einige zu Gehülfen an, die mir diese schwere Arbeit erleichtern sollten. Als dieses wichtige Werk beynahe vollendet, und nur noch wenige Bäume zu fällen waren, so geschähe es, daß ein Baum, welcher schon zu tief eingehauen war, plötzlich umstürzte, die zarte Rinde meines geliebten Birkenbaums so zerschellcrte, daß kein Merkmal von meinem Namen mehr zu sehen war, und mich und meine Gehülfen beynahe zerquetschet hätte. — Von diesem Schrecken betäubt, erwachte ich augenblicklich, und alle Glieder zittern mir «och. Sollte nun wohl ein solcher Traum nicht die größte Unruhe und Nachdenken verursachen?

Brand. Es ist so etwas, deucht mir, sehr nachdenkliches darinnen. Ich sehe daraus ein, daß du besser gethan hättest, du wärest mit deinen Neuerungen und andern Verordnungen, die du vielleicht, doch ich

weis

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Mis es nicht, aus guter Absicht zu -es Reiches Beßten unternommen, zu Hause geblieben. Beyspiele hätten dich klug machen können.

Struensee. Ich weis sehr wohl, das krankt mich eben, worin ich gefehlet; und was ich nun thun würde, wenn ich frey wäre.

Brand. Es gehet dir, wie allen Mensche», die zu Siel Eigenliebe besitzen, die erst dann ändern wollen, wo es nicht mehr zu ändern ist. Es ist nun alles zu spät. Du konntest za wohl, als ein vernünftiger Mensch, vorher leicht einsehen, daß es ganz ohnmöglich war, durchzukommen, du möchtest es auch anfangen, wie du wolltest.

Struensee. Warum hast du mich aber, als ei» Freund, nicht gewarnet, da du es vorher wußtest?

Brand. Was würdest du mir wol darauf geantwortet haben, wenn ich es treumeinend gethan hätte? Genug, ich verließ mich bloß auf dich, und dachte, weil du in solchem Ansehen stündest, so würde dieses auch wohl gehen. An die Folgen habe ich nie gedacht. Dein Traum aber gibt mir vielen Unterricht, und macht mich in etwas nachdenkend, was ich vorher nicht gedacht hätte.

Struensee. Ich höre NUN wol aus deinen Reden, daß dich sowol als mich der Hochmurh so verblendet, daß wir die nunmehro traurigen Folgen einzusehen, nicht im Stande gewesen sind. Also müssen wir nun billig erwarten, wozu man uns bestimmen wird. Vielleicht werden wir bald ein erbauliches Gespräch im Reich der Tobten halten können.— Jetzt gleich werde ich zum Verhör geführet werden.

1

Gespräch im Gefängniß zwischen Brand und Struensee, worinn lezterer einen merkwürdigen Traum erzählt.

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m&m

VON Brand.

thuts, mein lieber Struensee, wie gefällt dir deine neue Wohnung?

Struensee. Ich weis nicht/ was man mit mir vornehmen wird; und warum man mich hier so en Canaille tractiret, da ich doch des ganzen Reichs Wohl zu befördern getrachtet habe.

Brand. Und du soltest es nicht wissen, was beynahe die ganze Welt weiß ? Das wundert mich. Eben wollte ich mich bey dir erkundigen, was denn eigentlich mein Verbrechen seyn soll, weil man noch wenig von mir spricht.

Struensee. Ich dächte, das könntest du' aus der Gefangenschaft meines Bruders, der gleiches Schicksal mit dir hat, leicht erreichen.

Brand. Also deswegen, weil ich dein Freund, und an deinen Angelegen Heiken Theil genommen habe. Nu» kann ich unser künftiges Schicksal auch leicht prophezeihen. Und du willst noch an deinen, Verbrechen zweifeln, oder es gar gering ansehen? Ließ nur, was wider dich in kurzer Zeit a'üenthalben ausgcstrcuet worden, und womit manchem Buchdrucker sein Glück gemacht, und ein Ansehnlich->s erworben hat.

Struensee

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Struensee. Wie ich höre, so glaubest du auch bas abgeschmackte Zeug, was wider mich, aus Eigennutz, er herum getragen wird. Vortrefliche FreundHaft.

Brand. Es ist viel Wahres darunter; doch auch viel Erdichtetes. Doch, wenn du einige Augenblicke mich anhLrcn wolltest, so will ich dich an verschiedenes erinncm: vielleicht hast du cs vergessen, was in unsern geheimen Zusammenkünften abgehandelt'wurde. Es könte sich wohl etwas darunter finden, woraus wir urtheilm können, ob uns eine gerechte Handlung, oder eine ungerechte, in die Fesseln gebracht.

Struensee. Wenn doch die fatalen Papiere aus der Welt verbannet gewesen waren! so —Doch schweig vor jetzo, ich bitte dich, beunruhige mich nicht noch mehr! —- Daß der verdammte Kerl, mein Bedienter, den Pelz vergessen. Ich zittre am ganzen Leibe. Wenn sich doch eine treue Menschenseele finden möchte, die sich meiner mit Nachdruck annähme, und meine Sache vcr« theidigte !

Brand. Eine solche Unmöglichkeit beunruhiget dich t Wer sollte sich wohl dieses unterstehen, da die ganze Welt dich verdammt? Doch,ich erinnere mich,eine Vertheidigung von einem gewissen Orte gelesen zu haben, die gewiß so vorthcilhast für dich ist, daß du sie nicht besser verlangen kanst. Was nützt dir aber eine solche Vertheidigung, die in weiter Entfernung geschieht, wo man vielleicht von dem ganzen Verlauf der Sachen nicht besser unterrichtet ist ? Weg also mit de» Possen!— Geschwind, bringt mir meine Flöte ! ich will die Grillen verspielen. Mit Großmuth muß man sein Unglück ertragen, und nie klcinmüthig werden.

Strueusee. Benn du wüßtest, was mich unruhig macht, gewiß, du würdest mitleidig mit mir weinen.

* r Brand.

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Brand. Das wäre in der That zu klein für mich, und für dich zu schimpflich.

Struensee. Im Ernst, mein lieber Brand, ich will dir mein ganzes Herz entdecken, und dir den nächt¬

lichen Traum, der mich unruhig macht, umständlich er ... — -

.... .. Du must aber — - fyr Du must aber nicht darüber sp

Du must aber — - fyr Du must aber nicht darüber spotten.

Brand. Des Lachens kann ich mir doch kaum enthalte», daß du nun auf Tråumerenen verfällst. Erst glaubtest du nichts, und nun auf cinmahl alles. Welche Veränderung! Doch, ich bin begierig, deine» Traum zu hören.

Struensee. Ich lag eines Abends in tiefen Gedanken, überdachte mein ganzes Leben, und schlief ohnvcrmerkt darüber ein. Es kam mir vor, als wenn ich im Begrisk einer Reise wäre; untcrwegcs fand ich eine sehr angenehme Gegend, wo verschiedene anmuthigeRafenhügcl sich befanden. Es überfiel mich eine so ¡grösse Müdigkeit, daß ich gezwungen wurde, auf einen der angenehmsten Hügel mich niedcrzusctzen, um ein wenig auszuruhen. Kaum hatte ich mich niedergelassen, so sähe ich aus einem nahe gelegenen Lust-Waldgen ein Frauenzimmer von majestätischem Ansehen, so wie Fortuuagr bildet zu w erden pflegt, auf mich zukommen. Sic ergrisk mich sanstdrückend bey der Hand, und sagte: Folge mir, ich will dich zu deiner Bestimmung führen. Ich gchorsamtc, und ging mit langsamen Schritten an ihrer linken Hand. Wir gclagten in kurzer Zeit an einen grossen Wald, darinnen Fruchtbaume von verschiedenen Gattungen und Alter anzutrcffcn waren. Hier, sprach sie, alle diese Baume sollen unter deiner Aufsicht stehen; laß keinen derselben eitrigen Schaden Zufügen wirst du nun diesen» Walde treulich vorstehen. und den dariniren befindlichen Bäumen nach Möglichkeit von allen Gebrechen abhelfe»; so wird man dir in kurzem dem Lust-Wald des Eigen-

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genchumsherrn anweisen, wozu ein Baum, daran du dein Vergnügen finde» wirst, Gelegenheit gebenwird. Sic wollte hier weiter reden, bedachte sich aber kurz, und verschwand vor meinen Augen. Ich fing mm im Traume an, in den Wald zu spatziren, um die Baume zu betrachten. Ich fand deren viele von einem vortrcflichen Ansehen und den herrlichsten Früchten, die ich, aus Neubeqicrdc getrieben, zuweilen vor der Zeit ad« brach und aus Muthwillen der tragbarsten Zweige beraubte. Nach vollbrachter Arbeit war ich gewohnt, unter einer ohnlängst entdeckten Birke, welche den schönsten Wuchs hatte, und noch ziemlich jung war, meiner Rahe etwas zu pflegen. Ich wandte alle meine Bemühung und Sorgfalt an dieser Birke. Ich band sie, wo cs nöthig that, und zuweilen labete ich mich an ihrem mostartigcn Safte. Weil mir nun diesem Daum über die Maaßen wohlgefiel; so schnitt ich zum ewigen Andenken meinen Namen mit deutlichen Buchstaben in dessen zarte Rinde. In Kurzem trägt sichs zu, daß in des Eigcnthumshcrrn Lust - Walde ein Baum, der zu dessen Zierde nicht wenig bcygetragcn, durch einen gewissen Zufall vedrorbcn war. Nach kurzem Bedenken sar man einig, aus meinem mir anvertrauten Walde den besten zu suchen. Zu meinem Verdruß erwählete inan darzu meine mir so liebe Birke. Ich mußte es wider meinen Willen geschehen lassen. Von ohngefähr kommt der Eigcnthninshert an den Ort, wo dieser neue Baum versetzt war; er betrachtete denselben mit solcher Aufmerksamkeit, daß seinen Augen nichts entwischen konnte, was der Bewunderung würdig schien. Er hatte kaum meinen so zierlich eingeschnittenen Namen crblikket, als er sogleich Befehl gab, mich hieher zu berufen. Hier erschien mir das vorige Frauenzimmer mit verdrüßlichen Gcbchrdcn, und sprach: Du hast meine Ermahnungen schlecht beobachtet. Doch will ich es no ch einmal versuchen, und meine Vermahnungen wiederholen. wirst du allein genau nackleben,und nichts wider deinepflichten unternehmen

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so kannst du deine ganze Lebenszeit jb glücklich seyn, als ein Mensch zu werden möglich ist. Du wirst mir aller Freundlichkeit ausgenommen werden, und man wird deineGeschicklichkeitbewundern. Laß dich aber durchaus nicht dadurch den Hochmuth verblenden Siehe, hier sind Baume, woran viel gelegen ist,besonders dieLieblingsbäume des Eigenthumsherrn, welche ich deiner unermüdecen Sorgfalt bestens empfehle. Unter andern führte sie mich zu meiner liebsten Birke, und sprach: Dis ist der Baum, von dem ich dir vorher sagte, daß er dich hieher bringen würde. Dieser har verursacht, daß sich der Ligenrhumshcrt von deiner Geschicklichkeit so vieles verspricht, wirst du nun deiner Bestimmung zuwider handeln,» mehr unternehmen, als ich dir airweise; so wirst du dich der größten Gefahr aussetzeir. Sodann wird alles Unge mach undElend deiner erwarten, dein vorigesAndeirken schrecklich foltern, und niemand wird Mitleiden und Erbarmen mit dir haben, pfui, welche Schande!—Hier verließ sie mich mit einem höchst zornigen Gesichte. Voll von Traurigkeit und tiefem Nachdenken übernahm ich anfänglich das mir anvcrtrauctc Amt, und verrichtete alles, was mir befohlen war, so getreulich, daß der Hert sowohl, als andre, so diesen Lust - Wald zuweilen besuchten, mir ihre größte Zufriedenheit darüber zu erkennen gaben, und meine Geschicklichkeit mit vielen Lobeserhebungen hcrausstrichen. Dieses errcgete in mir einen solchen Stolz, daß ich darüber die treuen Warnungen sowohl, als meine Pflichten, ans den Augen setzte. Ich trieb meinen Muthwillen mit den mir anvertrautcn Bäumen, versetzte sic nach eigenen Gefallen, beschickt sie, wo cs nicht nöthig war, und machte sie zum Theil ganz unförmlich. Ich ging in meiner Thorhcit noch weiter, und vergrisk mich an des Eigcnthnmsherren einzigen liebsten Baumgen, verunstaltet dasselbe so heißlich, daß es niemand mehr achtete, sondern darüber spotteten. Alles dieses war

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noch nicht genug, der unersättliche Hochrnuth verleitete mich sogar, daß ich, um nicht mehr ein blosser Wärter der Bäume zu scyn, die ganze Form dieses so riete Jahre berühmten Lustwaldes zu verändern mir vornahm; ich rottete Baume aus, und setzt : wieder neue an andere Orte, wo sonst“ nichts gestanden. Damit nun die Form desto besser könnte verändert werden, so mußte ich vorher die größten Bäume, welche um diesen Waid herum stunden, und für den wüthc uden Sturmwinden beschützten, umhauen lassen, weiß ich glaubte, sic verursachten zu viel Schatten, verhinderten bas Wachsthum, und waren der freyen Aussi cht hinderlich. Damit dieses desto besser und geschwinder von statten gehen möchte, so nahm ich einige zu Gehülfc n an, die mir diese schwere Arbeit erleichtern sollten. Als dieses wichtige Werk beynahc vollendet, und nur noch wenige Bäume zu fällen waren, so geschähe cs, baß ein Baum, welcher schon zu tief eingchaucn war, plötzlich umstürzte, die zarte Rinde meines geliebten Birkenbaums so zcrschellerte, daß kein Mcrkmahl von meinem Namen mehr zu sehen war, und mich und meine Gehülfen bcynahe

zergnetschet hätte. Von diesem Schrecken betäubt,

erwachteich augenblicklich, und alle Glieder zittern mir noch. Sollte nun wohl ein solcher Traum nicht die größte Unruhe und Nachdenken verursachen?

Brand. Es ist so etwas, deucht mit, sehr nachdenkliches darinnen. Ich sehe daraus ein, daß du besser gethan hättest, du wärest mit deinen Neuerungen ad andern Verordnungen, die du vielleicht, doch ich weiß es nicht, aus guter Absicht zu des Reiches Besten unternommen, zu Hause geblieben. Beyspiele hatten dich klug machen können.

Struensee. Ich weiß sehr wohl, das kränkt mich eben, worinn ich gefehlet; und was ich nun thun würde, wenn ich srey wäre.

Brand.

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Brand. Es gehet dir, wie allen Menschen, die zu viel Eigenliebe besitzen, die erst dann ändern wollen, wo es nicht mehr zu ändern ist. Es ist nun alles zu spät. Du konntest ja wohl, als ein vernünftiger Mensch, vorher leicht einschen, daß cs ganz unmöglich war, durchzukommen, du möchtest es auch anfangen, wie du wolltest.

Struensee. Warum hast du mich aber, als ein Freund, nicht gewarnet, da du es vorher wußtest?

Brand. Was würdest du mir wohl darauf geantwortet haben, wenn ich es auch treumeinend gethan hatte? Genug, ich verließ mich bloß auf dich, und dachte, weil du in solchem Ansehen stündest, so würde dieses auch wohl gehen. An die Folgen habe ich nie gedacht. Dein Traum aber giebt mir vielen Unterricht, und macht mich in etwas nachdenkend, was ich vorher nicht gedacht hätte.

Struensee. Ich höre nun wohl aus deinen Reden, daß dich sowohl, als mich, der Hochmuth so verblendet, daß wir die nunmehr» traurigen Folgen einzusehe» nicht im Stande gewesen sind. Also müssen wir nun billig erwarten, wozu man uns bestimmen wird. Vielleicht werden wir bald ein erbauliches Gespräch im Reich der Todtcn halten können. — Jetzt gleich werde ich zum Verhör gesührct werden.

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Des unglücklichen

Grafen Struensee

mit sich selbst und den Kerkermeister. Seine Reue, Gewissens-Angst, Bekehrung und Testament.

1772. den 28sten Februar.

da sein Verhör geendigt war.

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Struensee.

O, welche Aenderung muß ichanitzteO

finden,

Wo ist das schöne Schloß , daß ich vorhin besaß,

Im Kerker vest verwahrt, muß mich die

Kette binden,

Man schätzt mich kaum so gut, als wie

ein todtes A 7: .

Bin ich es, oder nicht? der Dannemark regiret,

Großkanzler, Vormund und der erste

Mitregent.

Bin ichs, den Samm't und Gold in schö-

pi nen Kleidern zieret?

Gefürchtet Auf den Thron, den Scepter

in die Hand!

Kan meine GroßMuth mich nicht von den

Jammer retten,

Ist meine Herrlichkeit aufewig nun vorbey ?

Wo ist mein Sopha nun Und die sehr weichen

Betten

Mein Pelz, mein Equipag' und schöne

Lrberey l

Ich

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Ich finde mein Servis nicht auf der Tafel

stehen!

Die Freyheit fehlet auch, so noch das ärgste

ist.

Ich muß die Wache stets Um Tisch und Bette

sehen,

Dabey gehorsam seyn zu einer jeden Frist.

Wer ist doch schuld daran, daß es mit Mir so

stehet,

Wem hab ich Leid gethan, der sch als

Feind beweist?

Dies Unglück ist sehr groß, so über mich ergehet,

Ich furchte, daß es mich noch in den

Abgrund reiß't.

Ich bin fast wie betäubt an Kräften Und an

Sinnen,

Verstand, Sprach und Vernunft, die kenn ich. fast nicht mehr,