? Merkwürdigkeiten von der den 17ten Januar 1772 in Copenhagen vorgefallenen Staatsveränderung. I. A. C. Ode über Dännemarks Errettung. Herrn Dr. Münters erste geistliche Unterredung mit dem inhaftirten Staatsverbrecher, dem unglücklichen Grafen Struensee. Verschiedene Briefe und Ermahnungen von Dr. Adam Struensee an seinen Sohn, nebst Dessen Antwort darauf. Thränen der Wehmuth der bekümmerten Mutter [...]

Merkwürdigkeiten

bey der

den 17ten Januar 1772

in Copenhagen vorgefallenen

Staatsveränderung.

J.A.C.

O d e

über

Dännemarks Errettung.

Herrn Dr. Münters

erste

geistliche Unterredung

mit dem

inhaftirten Staatsverbrecher,

dem unglücklichen Grafen Struensee.

Verschiedene

Briefe und Ermahnungen

von

Dr. Adam Struensee

an

seinen Sohn,

nebst Dessen Antwort darauf.

Thränen, der Wehmuth

der bekümmerten Mutter an diesen mißrathenen, unglücklichen Sohn.

Itzehoe, im Verlage bey I.C.Brüning.

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J.A.C.

Ode

über

Dännemarks-Errettung.

Ich freue mich nicht deines Falls,

Der du nun liegst; auch nicht des

Wiederhalls

Vom Hohnfrohlocken der Erlösten. Er fleucht vor mir vorbey! Ich freue mich Nur, daß Religion und Tugend sich Erquicken und einander trösten!

Gott sieht das Frevlen wohl, und rächets doch! O komm und siehs! Zerbrochen ist das Joch, Zerbrochen feine Sclavenketten!

Vergebens, eitel soll es seyn,

Dem Dienste Gottes Herz und That zu weyhn; Ihm trotzen sey auch kein Verbrechen.

Der Pöbel, sprach er, glaubts. Ein hoher Geist Wird, wenn ihm, was er wagt, nur glückt und gleißt,

Bewundert, und Gott wirds nicht rächen!

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4 Nun geht zu seinem Kerker hin, und seht Ob seine Götzen ihn, sein Arouet,

Sein la Metrie ihn trösten können!

Er betete die Götzen an;

Die schufen auch aus ihm den großen Mann, Und hoben ihn zu ihren Höhen.

Glückselig ist, wer wandelt ihren Pfad!

Sie haben Weisheit und Verstand und Rath, Die Felsen, die sie gründen, stehen!

Leicht ist der Frevel, leichter ist der Spott! Er thats, und ward wie sie ein neuer Gott, Hatt' auch schon Tempel und Altäre!

Da strömet in den Tempel hin Wer frevelschwanger ist in seinem Sinn, Des Rechtes Spötter auch und Hasser.

Auch gafft viel hoher Pöbel auf, und wird Vom Glanze blind, und taumlend und verwirrt Strömt er hin zum Coloß wie Wasser.

Wie von dem Himmel ists herab geredt Was er gebeut, und was sein Arouet,

Der nun geringre Götze, lästert.

Und ein Gebot gieng aus: Wer nicht Das Knie beugt vor dem Gott, nicht flicht Um seine Stirn der Wollust Kränze;

Nicht Weyhrauch glühen läßt, nicht willig zollt Zur Götterkrone Silber oder Gold,

Nicht tanzet seine Comustänze,

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5 Nicht frohlockt: der — verlohren soll er seyn, Und wie die Tugend seufzen, daß allein Der neue Gott gefürchtet werde!

Im Dunkeln seufzt: Wo ist nun Gott, Ders rächen kann? der Fromme. Soll der Spott Der Tugend nicht gerochen werden?

Wo ist er nun? Und achtets sein Gericht Nicht, daß er so verschmäht wird? Ist er nicht. Ist Gott nicht Richter mehr auf Erden?

Und solls umsonst seyn, daß der Tugend Pfad Der Fromme wandelt? Oder hat Gott keinen Blitz mehr, keine Donner?

Ja, Donner har er! Aber er Hüllt sie in Wetterdunkel um sich her.

Da er nun aufwacht und verdammet.

Der G¨tz ist eingeschlummert. Wecket, weckt

ihn auf!

Es scheint, ein Wetter ziehe sich herauf!

Er schlummert. Eine Flamme flammet. Fleucht aus von dem durch Nacht vorhüllten Sitz Mit Flügeln, wie kein Blitz sie hatt, ist Blitz, Vertilgt, verlischt, und Jubel folgt ihm!

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6 Herrn Dr. Münters erste

geistliche Unterredung

mit dem

inhaftirten Staatsverbrecher,

dem unglücklichen Grafen Struensee.

M. Ihre Miene, Herr Gr., läßt mich vermuthen, daß wein Besuch Ihnen nicht so angenehm ist, wie ich wünsche; Sie werden —

Gr. Meine Miene, Herr Pastor, kann bey meiner Verfassung nicht sonderlich freundlich seyn. Inzwischen versichere ich Ihnen, daß ihre Gegenwart mir nicht zuwider ist; und wenn sie es auch wäre, so würde ich doch Ihnen von der Entschuldigung frey sprechen, weil ich vermuthe, Sie sind auf Obere Zunöthigung hier,

M. Wie sehr wünschte ich, Herr Gr., Sie liessen sich meinen Besuch eben so wohl gefallen, wenn lediglich Amt und Pflicht die Ursache davon wäre.

Gr. Auch hier, Herr Pastor, könnte ich Ihren frommen Eifer wenigstens mit Billigkeit nicht tadeln.

M. Ich hoffe also auch, Sie werden so billig seyn, Herr Gr., und glauben, daß ich nicht hieher gekommen bin, mit den Vorsatz, um Ihnen zu beleidigen. In diesem Zutrauen

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7 unterstehe ich mich, weiter zu sagen, wie ich vest glaube, daß Ihre bisherige Handlungen, Hr. Gr., nicht immer die Billigkeit zum Augenmerk gehabt.

Gr. Sie zeigen bey Ihren Vorwurf eine Verlegenheit, welche scheinet, als vermutheten Sie in mir einen am Hof durch Schmeicheley verdorbenen Menschen. Ich will mich nicht frey davon sprechen; ich habe mich in dieser angenehmen Trunkenheit befunden: der Dunst ist aber jetzt verflogen, und ich sehe mich nunmehr an, wie eine betrogene Schönheit. Dies führet mich wieder zu dem vorerwähnten Fall von der Billigkeit. Deucht Ihnen nicht, Herr Pastor, die Bedeutung dieses Worts sowohl, wie aller andern sogenannten Tugenden, leiden nach Ihren Umständen, Einschränkung und Ausdehnung?

M. Glauben Sie denn wohl, daß man die Gränzen der Billigkeit, und aller würklichen Tugenden durch die Vernunft geleitet, daß man, sage ich, die zu weit ausdehnen kann?

Gr. Ein jeder sucht seine Erhaltung, seinen Nutzen, sein Vergnügen und seine Ehre: dies kann nicht wohl ohne auf Kosten anderer geschehen. Die Gottheit hat es so geordnet, und es kann ohne Zweifel nicht anders seyn, sonst würde es anders seyn.

M. Ich habe bis hiezu noch Bedenken getragen, diesen erstaunenden, diesen tröstenden Namen zu nennen; Sie führen mich selbst da-

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8 hin. Sie glauben also eine Gottheit, einen Urheber der Dinge, einen Gott?

Gr. Freylich, bin ich genöthiget, sie nur zu glauben, weil ich sie weder sehen, noch begreifen kann.

M. Sie glauben also auch, daß diese Gottheit, dieser Gott ein vernünftiges Wesen ist?

Gr. Ohne Zweifel vernünftig wegen der Ordnung, welche man in der Natur findet. Unterstehen Sie sich aber, Herr Pastor, mit Der eingeschränkten kleinen menschlichen Vernunft jene urheberische Vernunft auszumessen?

M. Nicht auszumessen, sondern nur zu muthmassen und zu glauben. Sie gestehen selbst, daß die Ordnung von einer Vernunft des Stifters dieser Ordnung zeuget, so finden Sie auch, daß die Einsicht, und der Begriff von dieser Ordnung, wenigstens von einem Theil dieser Vernunft zeuget; obgleich eingeschränkt. Da nun diese eingeschränkte Vernunft gleichwol das Vermögen hat, Ordnung und Unordnung wahrzunehmen; ja, eigentlicher zu reden, da es ihr Wesen selbst, und das Gesetz ist, wornach sie ist; kann man sich denn noch wohl selbst verläugnen, und trennen diese Begriffe von einander? — Ordnung. Gut. Tugend, und entgegen gesetzt, nicht gut. Laster. Hat also ein mit Vernunft —

Gr. Herr Pastor, Sie mischen die Begriffe in einander. Was ist ein Irrlicht gegen die

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9 Sonne? Was ist eine Spanne weit Helle in einen unendlichen Nebel? Wie, wenn unsere ganze Vernunft blos das Theil einer künstlichen Organisation wäre? Ich habe in diesen Tagen meines Arrests Musse genug zum Nachdenken gehabt, je mehr ich die Menschen und ihre Bestimmung ohne Vorurtheile betrachte, je mehr werde ich überzeugt, daß alles, was lebet, in der Natur nichts wie Futter eins für das andere ist.

M. Ich spüre, Hr. Gr., Ihre Gemüthsunruhe macht Ihnen für heute zu nachdenkenden höhern Begriffen ungeschickt, ich will mich also bis zu einer günstigern Zeit empfehlen, und Ihnen die Obhut und Gnade wünschen, desjenigen Urhebers der Dinge, der Gottheit, die Sie selbst erkennen, nur diese Frage habe ich noch: Wenn jemand sich in ihr Haus eingeschlichen, Ihnen beraubt, Ihnen zudem noch etwas entwandt hätte, worauf Sie den Werth ihres Vergnügens gesetzt hätten, wenn er überdem noch Ihnen Ihr Gesinde abwendig und zu Verräther ge- macht hätte, nach ihrem System würden Sie diesen Mann nicht tadeln können?

Gr. Warum wollen Sie schon gehen, Hr. Pastor, bleiben Sie noch, ich bin nicht aufgebracht, Sie sagen selbst, und ich spüre es auch. daß ich heute zu geistlichen Begriffen nicht auf- gelegt bin, die Maschine ist voll politischer Ideen, wenn die ausgeleeret sind, vielleicht giebt es als- denn Platz, ich versichere Ihnen dabey, daß ich den Werth Ihrer sowohl ursprünglichen, als po-

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litischen und bürgerlichen Tugenden, ungekränkt lassen will; ich frage Ihnen also, nur glauben Sie wohl, Hr. Pastor, daß ein Mensch mit den Vorsatz, und bloß um es zu seyn, ein Böse- wicht wird?

M. Nach Ihren Principiis, ja. Gott und der Vernunft zur Ehre aber glaube ich frey- lich nein. Aber was vor eine Verbindlichkeit giebt Ihn der Beruf dazu, um ein Bösewicht

zu werden?

Gr. Man wird es, ohne es zu wollen, man ist es schon, ohne daß man es weiß. Ich versichere Ihnen Confucius und Solon haben keine unsträflichere Ambition haben können, wie ich in der ersten Zeit, da ich die Möglichkeit sahe, daß meine Rathschläge auf die Verfassung dieses Staats geltend werden konnten, vielleicht hatte ich nicht Ihre Fähigkeit, vielleicht auch war Ihre Zeit füglicher, hier in diesen Winkel, zu spät habe ich von dieser Materie folgende Gedanken gehabt. Der Zerstörer des grossen Roms wandte die Vorsicht an, dem Witz, als den Zerstörer des noch grössern freyen Roms auszurotten; er hat sich über 1000 Jahre hie und da in den Winkeln erhalten, bis Ludewig der 14te und seine Zeit ihn allgemein in Europa wieder haben geltend zu machen gewußt, mit den Character-Geschmack. Nach diesem Geschmack wissen wir, daß Cortouche und Conde gleich grosse Leute sind, daß das Zeichen eines grossen Geistes, die nichts von einer guten Haushaltung wissen,

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11 was Ehrlichkeit, Einfalt, Rechtschaffenheit, Ei- gensinn bedeutet. In diesen Geschmack geben wir Unterricht, mit diesem Geschmack treten wir im ersten männlichen Feuer die Aemter an, worinn wir den König und den Staat nutzbar werden sollen, ja wir ziehen diejenigen auf einmal zu wichtigen Posten hervor, nach dem Maaß, wie ihre Eitelkeit und Unverschämtheit uns einen Begriff von dem Gefühl ihrer eigenen Grösse giebt.

M. Ein Mann aber, wie Sie Hr. Gr., der die Historie und gegenwärtigen Menschen kennet, sollte sich von dem Geschmack, eines verwöhnten Zeitalters nicht hinreißen lassen.

Gr. Das weiß ich aus Erfahrung, Hr. Pastor, dazu gehöret ein Eigensinn, der wohl einen König groß machen und verewigen kann; ein Minister aber findet seinen gewissen Fall dabey, und dazu mit Verachtung und Spott. Ich will nur ein Exempel anführen: nehmen Sie einen Staat, welcher nach den Bedürfnissen die Geschmacks, anderthalb ausländische Producte nöthig har, und dagegen nur an Ausländer von seinen eigenen Producten die Proportion von Ein wieder creditiren kann, ist der Banquerot nicht unvermeidlich? was wäre wohl dabey zu thun, Hr. Pastor, es ist nur eine kluge Antwort dar- auf, und die erwarte ich von Ihnen?

M. Dies wäre dabey zu thun, daß man den Geschmack herunter, und die einfachen Sitten

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wieder aufzuhelfen suchte, und dies nicht etwa durch Verordnungen, sondern durch Exempel, daß man die wahre Tugenden wieder hervor suchte, und Beförderungen darauf setzte, wer in Klei- dung- und Nahrungsmitteln, sich mit denen von einländischen Producten genügen liesse.

Gr. Es ist Ihr Glück, Hr. Pastor, daß Sie diese erschreckliche Neuerung nicht durch Verordnung wollen geltend machen, um Ihnen sonst sogleich davon abzuschrecken, würde ich Ih- nen nur das Corps Grenadier in langen Rö- cken entgegen stellen, womit wollen Sie aber die Lorbeerbereiter, ohne welche der Minister die elendigste Creatur seyn würde, bey Laune erhal- ten, vermuthlich würden Sie doch mit Ihnen patriotisch Poenitenz halten müssen, würden Sie aber auch die Verachtung ausstehen können, welche Ihnen auf jeden Schritt begleiten würde, bis Sie endlich als ein Pedant davon schleichen müssen?

M. Ich würde gutwillig, wie der Apostel, schon gehen, und den Staub von die Füsse schütteln.

Gr. Vielleicht auch es machen, wie jener Hund in der Fabel, dem das Fleisch anver- trauet war?

M. Sie halten nicht Ihr Wort, Hr. Gr., welches Sie mir gegeben haben, indem Sie mich zum Bleiben nöthigten.

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Gr. Ich glaube ja, ich habe versprochen, nicht über die Tugend zu spotten, und dieser Spott trifft mich selbst, meine Ministerschaft und der Geschmack unserer Zeit, welcher mich bis hieher gebracht; glauben Sie wohl, Hr. Pastor, wenn die Gottheit einen Mißfallen an den Geschmack unserer Zeit hätte, und die Menschen durch mittelbare Wege zerstören wollte, so würde sie sich wie ehemals in Rom und Athen der grossen Geister dazu bedienen, und ich hätte alsdenn wenigstens den Trost, daß ich so viel mir möglich gewesen, zu den Absichten Gottes das Meinige beygetragen hätte; dies bleibt einmal gewiß, Herr Pastor, der Staat in Europa, welcher am ersten in sich zerfallen wird, wird dadurch zugleich den Preis erhalten, daß er unter allen der Aufgeklärteste gewesen; ich sehe, Sie wollen fort. Dies wollte ich noch in der Eil anbringen.

M. Ich habe Ihnen mit Verwunderung zugehört, ich werde darüber zu Hause meine Gedanken entwickeln, und Sie Ihnen morgen, will es Gott! mittheilen, ehe ich aber gehe, habe ich noch die Frage, wie viel braucht denn ein grosser Geist wohl zu seinem täglichen Unterhalt?

Gr. Hert Pastor, Ihr Habit. —

M. Soll ich etwa bey den Traurigen lachen, und bey den Scherzenden weinen, im Ernst. Er ist immer wirksam, bald zum Bauen, bald zum Niederreissen, ohne einigen vernünftigen Endzweck, ohne Absicht auf eine Zukunft, es

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14 müßte denn diese seyn, seine eigene Vernichtigung zu beschleunigen. Aber vielleicht die Ehre, was ist die Ehre von etliche Loth Staub? mir fällt da- bey ein Anschlag ein für alle grosse Geister, wo- durch Sie könnten befriediget werden, und zu- gleich die Welt in Ruhe bleiben. Ein jeder, wel- cher Anspruch auf den grossen Geist machte, sollte sich melden, und öffentlich die Erlaubniß haben, sich einen Helden des Alterthums zu wählen. Zum Exempel, Sie Hr. Gr., liessen sich in griechischer Tracht mahlen, und schrieben darunter: Solon; wahrlich die grossen Geister kommen mich als poßierliche Leute vor.

Gr. Kommen Sie morgen wieder?

M. Wills Gott! ja.

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15 Verschiedene

Briefe und Ermahnungen

von

Dr. Adam Struensee an

seinen Sohn,

nebst Dessen Antwort darauf.

Dividor haud aliter, quam si mea membra relinquam, Et pars abrumpi corpore visa suo est.

Ovid. Tristium.

Ich elender Vater! —- der ich durch das grausame Vorhaben meines verruchten und höchst unwürdigen Sohnes, welcher eben so wenig Gleichheit mit einem Menschen hat, als der kleinste unter den Fixsternen mit der güldnen Sonne, wenn sie im vollen Glanze strahlet. — Ich elender Vater! stehe, hierdurch hart getroffen, an der Schwelle der Verzweifelung. Doch. — mich schämend, Vater zu einer solchen Mißgeburth zu seyn, — schätze mich beglückt, indem ich mich verbergen darf, entfernt von dem großen Haufen der in Harnisch gejagten Menschen, die ein so gottloser Sohn mit Ungerechtigkeit und Bosheit bis auf das Aeusserste verfolget hat. — Ich, — der ich leider! meine Weissagungen, die diesen gottlosen, und mehr als strafwürdigen Sohn betreffen, pünktlich erfülle, sehe. Diese meine Weissagungen, die ich schon bey seinem Eintritt in die Welt gethan habe, will ich um so

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16 vielmehr an den Tag legen, damit ein jeder hier- aus abnehmen könne, daß ich an Liesen seinen scheußlichen Unternehmungen auch nicht die min- deste Schuld habe. —

Diese Weissagungen, die ich hierdurch vor Augen lege, will ich in zweyen Theilen zerlegen. Es sind

Einmal Weissagungen von der Wiege an bis zu der Zeit, darinn er vermögend war, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden.

Ferner solche, die zu der Zeit ihren Anfang nahmen, da er mein Haus verließ, und anfieng, auf seinem eigenen Wollust-Pfade zu wandeln.

Was das Erste betrifft, so will ihn, ob gleich er; (mein nichtswürdiger Sohn,) es selbst weiß, selbige aus der oben erwähnten Ursache anführen.

Bin ich gleich in dem Innern meines Herzens davon überzeugt, daß ich von Deiner Wiege an bis zu Deinen männlichen Jahren, so wie ich es vor den Augen des Allmächtigen zu verantworten gedenke, alle meine väterliche Pflichten gegen Dich beobachtet habe; so habe ich doch täglich gesehen, daß Du eben so sehr an Gottlosigkeit und Bosheit, wie an Alter und Größe, wuchsest,

Mit wie vieler Sorgfalt habe ich Dich nicht erzogen? Wie vielen Fleiß und Achtsamkeit habe ich nicht angewandt, Dich in denen Sachen zu unterrichten, die zur Ehre Gottes, — zur Beförderung Deines zeitlichen Wohls, — und

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17 zur Erlangung der Seligkeit, jenseit dem Rande des Grabes, hätten dienen können? — Wie sehr, ja, wie sehr ließ ich mich angelegen seyn. Dich dahin zu bringen, daß Du an Deinem Gerichtstage möchtest Frieden haben? Nicht anders, als wenn ich, (doch, Gott weiß, daß ich daran unschuldig,) den schändlichen Vorsatz und gottlosen Anschlag Deiner schwarzen Seele hätte vorher sehen können. Und — wie hätte es mir schwer fallen können, dieses bey einem Menschen wahrzunehmen, der mit Vernunft begabet ist. Von der ersten Zeit an, da ich nur Proben Deines Verstandes erblickte, fand ich Deine Gedanken ganz unerwartet; — Dein Herz glich jenem reißigen, grimmigen und schlauen Thiere, — nicht eines Menschen. Und wie sehr kränkte dies Deinen besorgten Vater, der seine Kinder eben so zärtlich, wie Jacob seine Söhne, liebte? Deine Ränke waren allezeit schändlich; — Deine Gedanken stolz, und weit über die Gränzen erhaben, worinn Dich die Natur in der Geburth gesetzet hatte; — Deine Absichten, — giengen allezeit dahin, wohin Du nie gezielet hattest, wenn die Vernunft wäre Wegweiserinn Deines Gesichts gewesen. — Solche Dinge waren immer der Gegenstand Deiner Beschäfftigungen, die nur das Gegentheil von Gottesfurcht zu erkennen gaben. — Deutlich legtest Du die größte Verachtung gegen die allerheiligste Religion, gegen Ehrbarkeit und gute Sitten an den Tag. —

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18 Noch gedachte ich, — Ach! meine Seele zer- bricht bey diesen Gedanken, welche der süssen Hoffnung so sehr schmeichelten, — Du solltest im Alter mein Trost seyn. — Aber ach! ich unglückseliger Vater! — Du stürztest nicht Dich allein ins Verderben, sondern auch Deine Brüder; — ja, — mißrathener Sohn!— Du machest gar Deiner bejahrten Eltern Namen im ganzen Dänischen Reiche abscheulich und verhaßt. — Ach! — Elender! die Menschen sind zwar böse und verderbt, — Du aber noch weit ärger. — Du bist höchst abscheulich! — Du bist also nicht bloß Dein Verderber, sondern auch der Verderber Deines ganzen Geschlechtes. — Die deutlichsten Zeichen sahe ich noch in Deiner Jugend, die mir sagten. Du würdest in den männlichen Jahren zum Bösen aufwachsen. — Und hiedurch um so viel mehr bewogen, ja, getrieben, wandte ich alle nur erdenkliche Mühe an. Dich noch als einen jungen Baum zu beugen, damit Du zum Wohlgefallen Gottes, als welcher allein das Gedeyen giebt, wachsen möchtest. Aber leider! — alles, alles war an dir vergebens.

Du wandeltest auf bösen Wegen, — und aus diesen Wegen der Ungerechtigkeit und Bosheit übtest Du nur solche Werke aus, woraus ich

deutlich abnehmen konnte:

2) Was Dir alsdenn begegnen würde, wann Du, meiner Aufsicht entlassen, Dich selbst auf Deinen eigenen Wegen führen solltest. — Weit

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19 gefehlt, daß Deine Erhöhung mir hätte ange- nehm seyn sollen. Nein! — sie machte mich be- kümmert und betrübt! — Bey einer jeden Stufe Deiner Erhöhung fielen mir die Worte bey:

Tollunter in altu,

Ut lapsu graviori ruant. —

O! wie genau wurde nicht diefes erfüllet.

Du klettertest die Ehren-Leiter hinauf, — damit Du desto tiefer in den Abgrund des Verderbens stürzen möchtest, wo Dir, statt der Ehre und Hoheit, Schande und Verderben begegnet. — Und was sollte ich von Dir erwarten, da Du Dich auch nicht scheuetest, die Majestät Gottes zu spotten, — die Menschen zu verachten, — und Deine nach Wollust und Ungerechtigkeit dürstende Seele zu erquicken. —

Sahe ich Dich gleich als einen Baum an, der nicht gute Früchte tragen würde — so gab ich Dir dennoch, von mir ausgehend, meinen Segen mit.

Das Glück schmeichelte Dich, — und Du warest unvorsichtig genug, ihre falschen Schmeicheleyen und Liebkosungen zu trauen. Du vertrauerest Dich, gleich dem verwegenen Seemanne, ihren falschen Wellen. —

Ach! wie glücklich wärest Du gewesen, wenn Du nach der künftigen Glückseligkeit, und nicht Nach irrdischer und vergänglicher Ehre getrach- tet hättest.

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20 Hättest Du Dich des Beyspiels eines keuschen Josephs erinnert; so hättest Du auch mit ihm der Wollust Trotz bieten, — mit ihm die schmeichelhaften Lockungen der Verführer verlachen können. — Aber ach! Du verkanntest Gott, — Du verkanntest die ewige Glückseligkeit, die er denen zubereitet hat, die in Aufrichtigkeit des Herzens vor seinen Augen gewandelt haben. —Du suchtest nur der Wollust ihre Begierden zu stillen, und Deine eigene Seele in Unreinigkeit zu sättigen. Aber ach! — Nun, — ja, — nun, allein, zu spät weißt Du Dich der Worte eines tugendhaften Heiden zu erinnern, die Du über auch vorhin schon gewußt hast:

— Hic murus ahæneus esto,

Nil conscire sibi, nulla pallescere culpa, @Horatius.

Er, den das Licht der Offenbarung, Gott in seiner Macht zu erkennen, fehlte, — er beschämet Dich um so mehr. — Denn, ob er gleich, nach seiner Erziehung, nichts von der Erkenntniß Gottes wußte, und hierinn keinen Unterricht gehabt hatte: so erkannte er doch aus dem Lichte der Natur, daß ein allgewaltiger Oberherr seyn müßte, welcher die Tugend belohnen, die Laster aber bestrafen würde. — Deine Frechheit hingegen, in Ausübung der Laster, ließ es nicht einmal zu, Dich solcher Lehren zu erinnern; denn wenn Du dieses gethan hättest, so würdest Du gewiß meine väterliche Warnung und den letzten Abschied mit Ueberlegung nachgedacht haben.

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21 So gewiß nun alle diese Deine lasterhaften und unreinen Handlungen Dir von Deinem unglücklichen Vater sind vorher gesagt worden, — so gewiß wird Dir zum voraus gesaget, und nur gar zu gewiß erfüllet werden, was für Strafe Du mit Deinem verruchten und gottlosen Leben verdienet hast. — Ja, — mein Sohn! — @zittern müßte ich vor dem Zorn des Allmächtigen, als welcher keine Lust an den Werken der Ungerechtigkeit hat, wenn ich, so es auch möglich wäre, mich bestreben wollte, die gerecht auf Dich fallende Strafe abzuwenden. O! nein. — Dies sey von mir weit entfernt! Dahin soll aber mein Bemühen gehen, dahin soll es gerichtet seyn, daß ich Dir zu Deiner Bekehrung von Gott die mächtige, starke und Herzenslenkende Kraft erflehe. — Ach! — alsdenn würde Dein hart getroffener Vater selbst in Deiner Strafe einen Trost zur Linderung seines schmerzenden Unglücks finden.

O! könnten Felsen, könnten Steine Worte hervorbringen; o! könnten alle Quellen meine äng- stig-lechzende Seele laben, sie würden in Worten ausbrechen, und mir zurufen: Komm! — komme her, Untröstbarer! laß Dich Deine matte Seele erquicken! — Eher wird Bley auf den Gewässern schwimmen, und Wachs zu Grunde gehen, — eher werden die reissenden Wölfe sanftmüthig bey den Lämmern liegen, — eher wird der Geyer, wie eine Taube, girren; als ich die mir durch Dich gemachte Schande werde verschmerzen können. —

Lebe, und bekehre Dich wohl.

FE TTT TA SN Ormene teen rets PT

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Dr. Adam Struensees

Schreiben

an seinen unglücklichen Sohn,

dem

Grafen Joh. Fried. Struensee.

Mein geliebter, aber unglücklicher Sohn!

Mein Sohn! mein Sohn! wie oft habe ich Deinenthalben Gott angerufen, daß er Dich mir seinem heiligen Geist erleuchten möchte!

Kaum glaubst Du es, wie sehr der Schmerz, den ich durch Deinen Fall empfinde, mein Herze naget, und meine Seele bis in den Tod betrübet. O! mein Sohn, Dein Fall ist die betrübte Folge deiner Gottesvergessenheit. Wenn die Religion gegen die Zärtlichkeit, welche ich für Dich als Vater habe, mein Herz hart machen könnte, so müßte ich damit zufrieden seyn, welches Du mit Deinem Exempel beweisest, wie ein Gottloser mit Schande bestehet, wenn wahre Gottesfurcht für den Gerechten in allen Lebensgefahren ein Fels wird. Ich hoffe, daß es Dir wohl bewußt seyn wird; Dein eigen Gewissen wird Dich daran erinnern, wenn Du es solltest vergessen haben, daß ich ofte, so wohl in deiner zartend Jugend, als in Deinem zunehmenden Alter, auf meinen Knien Dich den Gnadenhänden Jesu anbefoh

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len habe, daß sie Deine Seele zu einer beständigen Wohnung für Deinen gecreuzigten Erlöser machen, daß ich auch möchte seyn, in der Zahl der glückseligen Väter, welche an jenem Tage mit freudigen Angesichtern zu dem Oberrichter sagen könnten: Herr! hier bin ich, und die Kinder, die Du mir gegeben hast.

Ich habe allezeit für Deine ungöttliche Handlungen einen Ekel bewiesen. Ich habe sie bestrafet, nicht mit übereilter Herrschsüchtigkeit, sondern mit vieler Zärtlichkeit und Langmüthigkeit, nach der Gnade, so mir mein Erlöser dazu gegeben hat. Niemals habe ich aus Eigensinn oder Unbesonnenheit Dir Lebens-Regeln gegeben, sondern Dich zu Deinem Beßten ermahnet, den Weg zu wandeln, der zum Leben und beständi- ger Glückseligkeit führet. Du hast Dich oft geweigert, meine väterlichen Vermahnungen zu hören, welche ich Dir oft mit Thränen fürgehalten, noch vielweniger hast Du den heiligen Geist in Deinem Herzen Raum gegeben. Ich habe es Dir oft gesagt, daß kein Verlust mit dem Verluste der Seele zu vergleichen ist; Denn was hülfe es uns, wenn wir auch gleich die ganze Welt gewinnen könnten, und nehmen doch Schaden an unserer Seele? Die Glückseligkeit, welche darinn ist, in der Gemeinschaft Jesu zu stehen, hast Du verschmähet; stets, und von Jugend auf, hast Du eine höchst schädliche Freude in der Welt gesuchet. Dein beständiger Widerwille gegen Gott und sein Wort hat meine Hoffnung zu Deiner Verbesserung zu Boden gedrückt.

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Dein Muthwille gegen meine Vermahnungen hat mir manche Seufzer Deinenthalben abgepres- set. Deine Gottlosigkeit hat mich vor der Zeit zu einem grauhärigten Mann gemacht. Dein Spottgeist hat mir manchesmal so mein Herz durchgegraben, daß ich oft gewünschet, mich nie- mals erinnern zu können, einen solchen Sohn ge- habt zu haben, und gänzlich aus meinem Ge- dächtniß ausgelöschet seyn möchte.

Das, was in dieser Welt das Ziel aller Dei- ner Handlungen war, das erreichtest Du, und da dachtest Du, Du wärest nun so hoch gestiegen, daß keine Rache Deiner Mitmenschen Dich im mindesten erreichen könnte; Ehre uud Wohl- lust war das Kleinod, wornach Du allezeit gerungen, und daher Preiß aufs Geld fetzetest, welches Du zum Mittel erkohren, Deine eitlen Wünsche zu vollführen. Aber die Rache verzehrte Deine Wünsche; Deine Hoffnung blieb Verzweifelung; Deine Ehre Schande; Deine Wollust Bitterkeit der Höllen. Zu was bist Du nun geworden, weil Du ohne Gott in dieser Welt gewandert hast? und was für Elend foltert Dich itzt in Deinem wohlverdienten Gefängniß; Aber Du bist in Sünden abgehärtet, und her Herr Deiner Sünden hat Deine Augen zugebunden, Deine Ohren verstopfet. Deine Ver- nunft verwirret und Dein Herz verstocket.

Du allein bemühetest Dich mit einem Schwarm eigennütziger Heuchler am Hofe einzuschläfern, so, daß du nicht hörtest das Ach- und Wehkla

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gen, welches die Unterthanen über Deine Nie- derträchtigkeiten ausschütteten. Nun bist Du in Deinem Gefängniß, und wo Du wiederum nicht das geringste von den Verbannungen, womit Dich das Volck aus Rache verfolget, hörest, weil Du suchtest die Glückseligkeit der Unterthanen zu stürzen, die Religion, das Heiligste, was die Menschen haben, gelähmet; indem Du bosheitsvolle Verordnungen zu sündigen ausgegeben, und Fleiß angewendet, die Guten aus dem Lande auszurotten. Ach! verabscheuungswürdige und erschreckliche Dinge! — Mein graues Haar hebt sich empor, Deine Bosheit zu nennen. Kein Wunder, daß man so auf Dich erbittert ist; Aber was denkest Du in Deinem Gefängniß? Ich fürchte es Dir zu sagen, besonders, wegen den schlechten Zustand Deiner armen Seele.

Wenn Du mit einer zerknirschten Wehmüthigkeit Dir selbst Dein gräuliches Verbrechen unter Augen stellest; wenn Du solltest und könntest Blut weinen über Deine Bosheit; wenn Du solltest recht von Herzen ernstlichen Abscheu haben an Dir selbst und Deinen Gottesvergesse- nen Thaten; wenn Du solltest im demüthigen Gebeth Dich Deinem gnädigen Versöhner zu Füssen werfen, Gnade und Vergebung zu erflehen; wenn Du solltest Dich mit Eifer bereiten, in die Ewigkeit einzugehen, welche Dich an der Thür Deines Gefängnißes erwartet; wenn Du jetzt noch suchen solltest, hier in der Gnadenzeit den Rest Deines Lebens in der so

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süssen Gemeinschaft Deines göttlichen Erbarmers zu geniessen; wenn Du einst den heftigen Widerwillen gegen das Eitele und Schimmernde der Welt, darinn Du so lange geschwebet, has- sen sollst, und mit einem wahren brünstigen Verlangen, die ewige Seligkeit des Himmels davon zu tragen wünschest; so (sage ich) glaube ich, daß Du Deine vorigen Handlungen nicht, ohne mit einer kalten Gleichgültigkeit, und wahren Abscheu ansiehest; und hingegen alle die Gedanken, welche vermittelst des heiligen Geistes Würkung, Dich zu einer solchen Selbsterkänntniß bringen, und die, welche eine Begierde nach der Gnade Gottes wirket, in Deiner Seele Raum giebst.

Aber es verdriesset Dich wohl vielmehr, daß Du Deine Rollen nicht besser gespielet hast, und daß Du selbst in Fallstricke gefallen, die DU andern geleget hattest, darinn bestehet wohl Deine, Selbsterkänntniß, und erkennest, aber mit Schande zu spät, daß mit einem ganzen Reiche picht gut Ball zu spielen sey, Aber, daß die Verachtung Gottes einen Menschen eben sowohl die zeitliche als ewige Verhöhnung über den Hals ziehet, dazu giebst Du Dir wohl niemals Zeit, daran zu gedenken, Vielleicht glaubst Du sogar noch, Du seyst unschuldig, Gefährlicher Gedanke! Vielleicht glaubst Du, daß Du bey Deinen hohen Vorzügen und Auftritten Mißgunst erweckt hast, Dich zu stürzen; Doch ich kann es nicht glauben, daß Du so verblendet bist. Du denkst vielleicht vielmehr, daß Du in Dännemark eine höchst unentbehrliche Person ge

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27 wesen; man müßte also des Nutzens wegen, wel- che Deine Eigenliebe Dir eingebildet, gestiftet zu haben, Deine kleinen Fehler übersehen; Denn der größte Sünder schmücket seine unmenschlichen Thaten so sehr, daß der böse Geist ihm gerne unschuldig erkennet, und dieses Urtheil nimmt der Sünder mit Freuden an. Hast Du die mindeste Erleichterung in dem erschrecklichen Zustande, in welchem Du Dich befindest, so besteht sie wohl darinn, daß Du Dich über die Macht und List, womit Du Deine Brüder in der Welt gekränket, und Deinen und meinen Gott erzürnet, erfreuest.

O! wie hast Du getrachtet Deinen Namen in Dännemark unsterblich zu machen; Aber, wie hast Du ihn unsterblich gemacht? mir schaudert! — Entsetzen fährt mir durch alle meine Glieder! — Zu Deiner Schande währet er von Geschlecht zu Geschlecht, ja, bis in die Zeiten der grauesten Ewigkeiten» Lieber wollte ich unbekannt meine Lebensjahre, in dem grössesten Elende, in den entferntesten Winkel der Welt, als ein niedriges Geschöpf hindurch gelebet, und mich mit Gott geweyheten Gedanken beschäftiget haben, oder mich mit den Wilden, die auch eine ehrfurchtsvolle Achtung für Gott hegen, unterhalten haben, Kein Menschenfreund wird einmal, ohne mit dem größten Ekel, für die Nachwelt Deinen Namen nennen können, und noch weniger wird ein GotteSfürchtiger es leiden, daß man deinem Gedächtniß Aufmerksamkeit gönne.

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28 Was gewannest Du denn bey Deiner Got- tesvergessenheit, bey Deiner Gottssverspottung, bey Deiner Vermessenheit und niederträchtigen Lebensart? Nichts als den Hohn der Welt, Gottes Zorn, der Welt Strafe, Gottes Rache, der Welt Abscheu, und ein ewig Verstossen von Gottes Angesicht, wenn Du nicht Dich in Zeiten bekehrest.

Der Mensch, wie elend er auch ist, in wie vielen Sorgen er auch schwebet, wie viel nagende und stechende Vorwürfe er auch fühlet, so empfindet er doch die Süßigkeit des Lebens, und wann ihm auch gleich der Tod vor Augen schwebet, und seine Ankunft in den Gliedern des Menschen verkündiget, so glaubt er es doch nicht, daß es der Tod sey, Also geht es auch wohl dir.

Du siehest Dich nun selbst in einem Gefängniss, wo die Einsamkeit Dir Gelegenheit genug giebt, zurücke zu denken an Deine so grossen und unzähligen Sünden, und die an Zahl dem Sand am Meere gleichen. Dein Gewissen klopfet an, und rufet Dich zu, Du hast den ewigen Tod verdienet, und die Landes-Gesetze verkündigen es Dir, daß der Zorn des Staats Deines Verbrechens halber durch Deinen Tod muß befriediget werden.

Laß nun die Ketten, welche Du von aussen an Dir trägst, als ein Merkmaal Deines erschrecklichen Herzens, welches inwändig in Dir wohnet, Dir eine Erinnerung seyn an die Ketten, womit

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29 die Sünde und der Satan Dich bisher gefangen mit sich herum geführet hat. Ich glaube gewiß, daß du eifrig wünschest, aus Deinem Gefängniß, und von deinen Banden erlöset zu werden; aber dieses Gefängniß und diese Bande haben nichts zu sagen gegen die Sclaverey der Sünden, wor- inn Du beständig geplaget worden. Wünsche lieber aus den schneidenden Ketten des Satans befreyet zu seyn; dieses solltest Du für einen viel grössern Gewinn ansehen, grösser, als wenn Dein Uebermuth und Deine Vergreiffuug nie- mals wären geschwächt, grösser, als wenn Deine gottlosen Begierden nach der höchsten Würde er- füllet wären.

Höre denn nun diese letzte Bitte von deinem betrübten Vater! höre sie nicht mit einem fre- chen und störrichten Herzen; nicht mit einer Seele, welche Ausflüchte sucht, und sich unter eigene Feigenblätter versteckt, nicht mit einem Verstande, welcher auf gefährliche Gründe ausleitet, die den Schein der Wahrheit haben, Deine ungöttlichen Handlungen zu rechtfertigen, nicht mit einer hochmüthigen Einbildung von Deiner eigenen und fehlbaren Sinnesverfassung; sondern höre meine Vermahnung, als ein Sohn, welcher nach so vielen Liebesproben seinen Vater liebt; als ein Sohn, welcher seinem Vater alle vorigen Seufzer und Sorgen, die er seines Ungehorsams wegen fühlte, will vergeßlich machen, als ein Sohn, welcher feinem Vater alle Beküm- merung mit dem letzten, dem einzigen Gehorsam bezahlen will.

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30 Meine Bitte an Dir ist, daß Du die Wett, und alle ihr funkelndes Wesen, so sie Dir gab, aus deinen Gedanken fahren lässest, und Deine Ge- danken auf Dein eigen Herz zur Verbesserung desselben hinwendest, und in demselben so tief grabest, bis Du mit Schmerzen erkennest und bekennest, daß Du Dich von Deinem rechten Hirten Jesu verirret hast; daß Du bist, einer von den verlohrnen Schaafen vom Hause Israel; ja, daß Du dem verlohrnen Sohn gleichest, welcher, Trotz aller himmlischen und väterlichen Erinnerungen, unter Fremden zugesetzt das Erbe; das zu seiner wahren Glückseligkeit bestimmet war, und dieses auf die schlechteste Weise, in die häßlichsten Gesellschaften, und in die ekelhaftesten Wollüste.

Bekenne alle deine Sünden vordeinem himm- lischen Vater, und obgleich Du einige Zeit für deine grobe Sünden eine unleidliche Pein fühlen mußt, so ist diese doch nicht zu vergleichen Mit der ewigen Quaal. Dein Erlöser, welcher ein Erbarmer ist auch über die gröbesten und gottlosesten Sün- der; er will dich umschaffen zu einem viel ange- nehmern Menschen, so wohl in seinen als der Engel Augen, als Du in aller Deiner Pracht Und Eitelkeit vorher nicht gewesen bist, er will Dein verhärtetes und fühlloses Herz wegnehmen, und Dir einen neuen und gewißen Geist geben. Er will das wankelmüthige und böse Herz, welches Du jetzt noch hast, von Dir nehmen, und an dessen Stelle ein reines, lauteres und ihm ge- weyhetes schaffen, voll von Gnade, voll von

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Freude, voll von allen denen Eigenschaften, wo- durch ein Mensch denen Engeln gleicht, und in den Augen eines heiligen Gottes gefällig und angenehm wird.

Jesu Unschuld will und muß dann auslöschen alle Deine Sündenschuld; und mußt Du gleich, Deiner schrecklichen Vergehungen halber, ein Abscheu vor der Welt werden, so wird doch Jesu Gerechtigkeit, wenn Du dieselbe im Glauben annimmst, Dich rein und unsträflich machen, vor Gott gestellt zu werden.

Du wagest vielleicht noch, Dir mit der Gnade Deines Königs zu schmeicheln, welche Du so schändlich gemißbrauchet, und unter die Füsse getreten hast. Wahr, und höchst wahr ist es. Dein König hat sich gegen Dir allzu gnädig und liebreich erwiesen. Hätte er nicht mit befreyetent Gewissen Dich sogleich fällen können, da Du im Begriff stundest, Deine schändlichen Gottlo- sigkeiten auszuüben? Hätte er Dich nicht mit Recht aus der Zahl der Lebendigen austilgen können, wenn Dein teufelischer Sinn sich gegen seine unumschränkte Majestät und Hoheit vergriff? Aber nein! Gnade genug, und nächstens noch zu viel Gnade gegen Dir, daß er nicht darauf gedenken konnte, Dich zu strafen, ausser nach den Gesetzen.

Nun giebt er Dir noch Zeit und Raum zu ernstlicher Busse und Bekehrung; hieran hast Du Ursache, allermeist seine Gnade zu preisen, im Fall, da Du nicht so verhärtest bist, und diese

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Gnade so geringe achtest, die Sorge für Deine Seligkeit bis auf der letzten Todesstunde zu er sparen. Ergreife diese Gelegenheit, versäume keinen Augenblick, um das ewige Leben zu er- werben, welches Dein Erlöser auch für Dich erworben und aufbewahret hat. Denke nicht anders, als mit Ekel, an die Eitelkeit, welche Du hier genossen.

Ich sollte doch nicht gedenken, daß Du die un- angenehmen Grillen (wie man sie nennet) von Deinem qegenwätrigen Zustand, durch das Andenken Deiner vorigen Lustbarkeiten und der schändlichsten Wollüste, worinnen Du geschwemmet hast, vertreibst? Wünschest Du auch wohl noch einmal in den Stand zu kommen, Dich an denen zu rächen, die Du als Deine Feinde ansiehest, und welche die Werkzeuge in Gottes Hand gewesen, Deiner verruchten Gottlosigkeit Ziel und Gränzen zu setzen?

Du glaubest wohl noch, daß Du in Deinem Glücke Dich Freunde erworben und nachgelassen, durch deren Hülfe Du noch aus Deinen wohlverdienten Banden entfesselt werden kannst; aber denke niemals darauf! Ich rathe es Dir als ein Vater, der in der Sorge, welche Deine Unglücksfälle über fein Haupt gebracht haben, den größten Antheil nimmt. Wer wird den erretten können, über welchen ein ganzes Volk mit Recht Rache fodert? Und es steht nicht zu glauben, daß ein einziger von Deinen vorigen Schmeichlern wircklich wünschte, dich zu retten,

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33 wenn er es auch vermöchte; glaube, baß er dieser- wegen seinen Wunsch nicht äussern dürfte, denn er würde als ein Mitschuldiger Deines Verbrechens angesehen, und wenn er auch noch so unschuldig wäre. Darum sey kein Thor, Dich mit der Hoffnung zu trösten, das Leben davon zu bringen, bis der Büttel (und vielleicht zu spät) Dich von der Wahrheit überführet, daß du ein Mann des Todes seyst. Du sollst sterben, und mußt sterben! alles Volk rufet: weg mit den Gottesvergessenen Verräther! weg mit dem Gottesverspotter! weg mit das schwarze Ungeheuer. Die Erde fordert Dein Blut. Der Himmel will, Du sollst sterben, um denen zum Exempel zu dienen, ihnen in Zukunft zu lehren, wie ein Mensch durch die gewaltige Herrschaft der Sünde könne verleitet werden, ihre Fußstapfen zu folgen. Ja, erschrecklicher Gedanke für mich, Du sollst sterben! Du, der da Blut von meinem Blut, Fleisch von meinem Fleisch, und Bein von meinem Bein! Du sollst sterben von der grausamen Hand des Scharfrichters; Aber ach! was Wunder? Ein Kind, welches Eltern hat, die da redlich vor dem Ange- sicht Gottes wandeln, welche mit Worten und Exempeln es den Weg der Seligkeit wiesen; wenn dieses Kind dann von dem Pfade der wahren Gottesfurcht abweichet, mit denen Spöttern wandelt, und in dem Rathe der Gottlosen gehet; wenn es gleichsam alle Erinnerungen und Ermahnungen zum Guten von sich schüttelt; wenn es sich den Führungen der Sünde und des Satans übergiebt, so, daß dir Eltern jeden Tag mehr und mehr sich

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34 müssen; muß denn nicht der Fluch Gottes auf einem solchem Kinde ruhen? Solcher Eltern wohlgemeynte Vermahnungen sind allein nach Gottes Befehlen eingerichtet, das Kind also, wel- ches gegen ihren Willen streitet, streitet ja auch gegen Gottes, Willen, und der, welcher sich gegen Gott empöret, kann der wohl erwarten, daß es ihm wohl gehen soll? Hierinn lieget der Fluch des vierten Gebots. Nun magst du selbst Richter in Deiner eigenen Sache seyn. Es ist unnöthig, und vielleicht schädlich, alle Deine Sünden, welche mir bewußt, hier auszurechnen. Ich will allein Dich anhalten, daß Du den heiligen Geist um Gnade bittest, einen Blick, einen ernstlichen und durch die Gnade Gottes einen klarsehenden Blick mit Dein eigen Herz zu thun; da wirst Du aufs Beßte alle Deine Gottlosigkeiten gewahr werden, als ich im Stande bin, sie Dir zu sagen; da wirst Du merken, daß du durch die Sünde abscheulich zugerichtet bist, als je ein Mensch im Stande ist. Dich abzumalen.

O! wie mußt Du nicht von der Angst geklem- met werden, wenn Du erwegest alles das Böse, welches Du betrieben. Wie man mir sagt, so sollst Du Ursache darann seyn, daß vater- und mutterlose Kinder so gut als hausflüchtig gemacht worden; Die Unterhaltung, welche ein gottes- fürchtiger König ihnen zugedacht, die Frucht davon zu geniessen, so lange Dännemarks Reich währete, beraubet worden sind. Diese Seufzer der Unmündigen sind vor des Herrn Ohren kommen, und fordern Rache über Dich als ihren Ver-

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stöhrer ihrer Glückseligkeit. Das, was Ihr gethan habt einem unter diesen geringsten Kleinen, das habt ihr mir gethan; so spricht der Mund der ewigen Wahrheit; und an einem andern Orte: Weichet von mir, ihr Verfluch-ten; denn ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet; ich war hungrich, und ihr habt mich nicht gespeiset. Siehe, ein solch verzehrendes Feuer wartet auf die, welche sich an die Unmündigen vergriffen haben, durch welche der Erlöser seine Kirche fortpflanzen will; durch welche er sich einen Lobgesäng auf Erden bereitet; durch welche er uns läßet sehen seine Engel in Menschengestalt, eine solche Strafe fodert der Himmel über Dich; weil du auf alle mögliche Weise gesucht den guten Samen zu ersticken, sowohl in Dir als in andern.

Wieviele Menschen hast Du nicht verführt, und deine gottlosen Begierden zu sättigen, diese rufen Ach und Wehe über Dich! Sie sehen Dich an als einen Verführer, welche ihnen ihre Ehre, das Kleinod, welches ihnen in der Weit glücklich und beliebt macht, beraubet hast. Sie sehen Dich an, als den, der die Ruhe aus ihrer Seelen gerissen, die sie fühlten, ehe sie ihre Keuschheit befleckten. Sie sehen Dich an, als den, der da Ursache ist in alle den Umständen, welche jene Welt für ihnen einschenken will, im Fall sie ihre Mißethaten nicht ernstlich bereuen, und sich umwen- den, Gnade zu suchen, in Jesu und seinem Verdienste. Siehe! solche nagende Vorwürfe stürmen ein: auf deine Seele; kannst Du dennoch Dich so sehr verhärten, das Du nichts fühlest von allem diesem?

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Mir deucht, es müßte für einem Menschen unmöglich seyn, die Marter so vieler abscheulichen Handlungen in seiner Seele zu fühlen, ohne dadurch von seiner Fühllosigkeit erweckt zu werden; ohne für sich selbst zu erschrecken, und getrieben zu werden, in des Erlösers Verdienst die Ruhe zu suchen, welche alle beissende Unruhe vertreibt, womit der Nachschmack der Sünden uns quälet. Du hast das Band gebrochen, welches von Gott selbst geheiligt war, und von ihm selbst geknüpfet, zur Beförderung der Glückseligkeit für vielen Tausenden. Nicht sobald hattest du diese Vereinigung aufge- löset, ehe sich Millionen Unglücke einfanden, als, Misvergnügen, Verhöhnung, der Wollustschlangen, Eigendünkel, Eigennutz, Unterfündigkeit, Schalkheit, Falschheit und manche andere Unthie- re, welche anzuführen zu weitläuftig ist. Wenn Du dich einmal Zeit gäbest, zu erwägen und nachzudenken, alle die Schäden, welche diese Unthiere verursachet, so müßtest Du wohl zugleich alle die Ströme von Quaal kommen sehen, welche auf Dir ein- fahren, dieweil Du der Anführer zu allen diesen Unglücken gewesen bist.

Niemals kann ein gottloser Raubvogel die Absichten Gottes mit den Menschen zu ihrer Glückselichkeit mehr schaden, als dadurch, das er angreife und zerreisse das Liebesband, welches die meiste Ruhe, die größeste Freude, welche die Welt zu geben hat, über zwey vereinigte Gemüther ziehet. Diese Unverschämtheit muß denn wohl das Kennzeichen einer niedrigen Seele seyn; denn je größere Unglücke eine Handlung verursacht, desto größere

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Gottlosigkeit muß eine Seele beherrschen, welche im Stande ist, solche Umthat ins Werk zu setzen.

Du hast denn (so zu sagen) einen Riß gethan in der Gottheit eigen Werk. Ach! erschreckliches @Urtheil! Du hast deine Hand ausgestreckt gegen Gott selbst; Aber glaube, es wird Dir schwer werden gegen den Stachel zu löcken; wider den Stachel, welchen deine bösen Thaten dir Nachlaßen werden, deine Seele zu martern in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Beuge Dich derowegen unter die gewaltige Hand Gottes, demüthtige Dich unter seinem Scepter, küsse den Sohn, daß er nicht allezeit so zornig bleibt über Dir, als er gegenwärtig ist. Bitte Jesum, daß er Dich doch in deiner kurzen Lebenszeit hier züchtigen wolle, und dort schonen; oder willst Du bleiben, was Du allezeit gewesen: ein frecher Sünder, ein verwegener Gottesverläugner bis an deine letzte To- destunde?

Ueberweiset Dich nicht Dein elendes Gefängniß, daß doch ein Gott sey, der das Böse, was Du begangen, bestrafen will? Hat nicht dein Gewißen in deinem Leben Dich vielleicht erinnert, an deinen Oberrichter, wie viele Künste Du auch gebraucht hast, daßelbe einzuschläfern? Man sagt mir, das Du Zweifelmüthig seyst; Aber überführet Dich nicht selbst diese Verzweifelung, daß ein Gott sey? Wenn Du aber den Gräuel deiner Sünden erkennest, da nimm deine Zuflucht zu den Gnadenstuhl, welcher Dir durch den Glauben an das Verföhnungsblut Jesu ist vorgestellet. Ach! könnte ich noch für alle Betrübniß, welche Du

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38 mir verursachet hast, die Freude genießen, baß ich diese selige Sinnesveränderung an Dir spüren möchte; Dies würde mich vielmehr erfreuen, als Dein unglückliches Schicksal mich betrübet hat; so wollte ich meinem Gott und unsern Herrn Jesum danken und preisen, daß seine Wege mit Dir und mir eitel Güte und Gnade wären; so wollte ich seinen heiligen Namen loben, welcher alle Dinge mit uns zu einem herrlichen Ende ge- bracht; so wollte ich mit innerlicher Freude dar- nach verlangen, meinen verlohrnen Sohn zu umfangen in der Ewigkeit, wo wir sollen schauen unsern gecreuzigten Erlöser, entweder als einen strengen Richter, oder als einen Milden Versöh- ner. Gott gebe das Letzte! Ich bin & c.

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39 Antwortschreiben

des Grafen

Johann Friederich Struensee

an

seinen Vater.

Hochgeehrter Vater!

Richtig genug ist mir in meiner Gefangenschaft Dero letztes Schreiben ein ehändiget worden, welches ich überaus viel liebe und ehre; und dieses nicht allein, vermöge der natürlichen Liebe und Ehrfurcht, die ich als ein Sohn gegen meinen Vater hege, sondern vornämlich deshalb, weil es die reinesten und sichersten Beweise davon enthält, daß Sie, innerlich meinethalben bekümmert, noch für meine ewige Glückseligkeit die größte Sorge tragen; indem mein zeitliches Wohl nicht mehr der Gegenstand Ihrer Wünsche, oder Menschlicher Erwartung seyn kann. Wenn Sie also, hochgeehrter Vater! behaupten, daß ich einer der gottlosesten Menschen, ja, die Gottlosigkeit selbst gewesen bin; so behaupten Sie eine Wahrheit, die ich nicht widerlegen kann. Schon in der frühen Jugend fieng ich an, die Religion zu verspotten, und ließ mich, noch eher ich mann- bar ward, unter die sogenannten starken Geister einschreiben. Den Anfang machte ich mit Verachtung und Verspottung des Erlösers; und kein Jude konnte mit mehrerer Bitterkeit von Jesu reden, als wie ich es that. O! möchte doch die

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Welt aus meinem und noch vielen andern Bey: spielen diesen Unterricht fassen, daß die Verachtung des Jehovens, des Gott und Menschen, die bittere Quelle sey, woraus alles zeitliche und ewige Verderben entspringet, und daß eben dieses der erste Schritt zu allem menschlichen Elende sey.

Da ich erst die süssen Fesseln, welche Jesu Lehren und Gesetze uns anlegen, mit verruchter Frechheit verworfen hatte, die uns doch zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit dienen: so blieb ich nicht mehr lange bey der sogenannten natürlichen Religion stehen. Nun brachte mich ein Deiste auf den Wahn, daß ich gegründet die Unsterblichkeit der Seele und die göttliche Vorsehung läugnen könnte; er stellte mich Gott als ein solches Wesen vor, welches, ohne eine Absicht zu haben, würkte, und auch auf meine Handlungen nicht die geringste Achtung hätte; ja, er versicherte mir, daß ich frey von dem höchsten Wesen sagen dürfte: Gott bekümmert sich im geringsten nicht, wie ich auch lebe; seine Augen sehen mich nicht; seine Ohren hören mich nicht. Ich kann ohne Furcht nach meinem Gefallen leben, da ich weiß, dass auch nach dem Tode keine Auferstehung zu hoffen ist.

Ich war so unglücklich, noch mehrere dergleichen Lehrer zu finden, die theils besser, theils schlimmer waren. La Metrie lehrte mich, daß die Menschen auch nicht einmal einen freyen Willen hätten; sondern daß auch ihre Handlungen eben so nothwendig wären, wie der bestimmte

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Lauf einer Uhre; daß entweder kein Gott sey, oder auch, wenn einer wäre, derselbe uns doch weder bestrafen noch belohnen könnte, indem wir bloße Maschinen wären, die eben so gezwungen handelten, als wie die Sonne, in Ansehung des ihr bestimmten Laufes. Endlich begegneten mich Spinoza und Epicurus, die mir bestimmt ver- sicherten: Es wäre kein Gott. Ich wünschte, daß es wahr wäre, und zwang mich also unvermerkt, nach und nach dieses zu glauben. Da stand ich nun entkleidet von aller Religion, und dieses war eine nothwendige Folge der Verach- tung, die ich mit unverschämten Herzen meinem Erlöser bewiesen habe. Was Wunder? daß ich als ein solcher, der sich nicht gescheuet, selbst meinen himmlischen Vater zu verachten; auch Sie, meinen irdischen Vater, habe verachten,und Trotz bieten dürfen? Was Wunder? daß ich als ein solcher, der es gewagt, meinen himmlischen König zu verleugnen und abzuschwören, auch meinen irdischen Monarchen, Christian dem Sie- benden, habe abschwören, und nach der Krone stehen dürfen, der mir doch, meiner verdammten, und in allen Zeiten und Reichen der Welt unerhörten Verrärhererey ohnerachtet, seine allerhöchste Gnade in einer so reichen Maasse erthei- let, als ich es mir nie, als möglich, hätte denken können, indem seine hohe königliche Huld und Gnade mir auch in meiner Gefangenschaft, die in Rücksicht ans die Größe meines Verbrechens gelinde ist, erlaubet, daß ich mich eines Bettes der Wärme, und noch anderer Bequemlichkeiten bedienen darf.

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Da ich nun ohne alle Religion lebte; hatte ich nur die Befriedigung meiner Hauptleiden schaften, nämlich des Ehrgeizes und der unreinen Wollust, zu meinem Ziele, so daß ich in den mehresten Stücken mir jenen Alten, dem Julius Cäsar, eine grosse Aehnlichkeit zu haben schiene Mein Ehrgeiz verkannte, wie die seinige, alle ihr gesetzte Gränzen, und keiner unter uns wollte einen Oberherrn leiden. Die Begierde, meine fleischlichen Lüste zu stillen, ist eben so eifrig, wie die seinige gewesen, so daß man mir Recht von mir hat sagen können, was man zu der Zeit in Rom vom Julius Cäsar gesagt hat;

Er hat allen Männern zur Frau gedient,

Und allen Frauen zum Manne.

Ich bin theils aus natürlichem Triebe, theils aus Politik, jederzeit der Mäßigkeit im Essen und Trinken ergeben gewesen; gleichwie jener Römer, von welchem Cicero sagte: er wäre der Einzigste gewesen, der in seiner Nüchternheit gesucht hatte, die mächtige Stadt Rom übern Haufen zu werfen; und dieses läßt sich gleichfalls auf mich an-denien, indem man mit Recht von mir sagen kann daß ich ein nüchterer Landesverräther gewesen bin. Cäsar liebte die Pracht; ich nicht weniger. Er selbst gestand, daß er, um die Herrschaft zu erlangen, alle nur erdenkliche Ungerechtigkeiten ausübte; ich nicht weniger. Am Cäsar rühmt und bewundert man die Grösse und das Erhabene der Natur-Gaben; und, die Wahrheit zu sagen, glaube ich von mir selbsten solche erhabene und

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hohe Talente zu haben, daß eben ihr Misbrauch mich nur zu einem solchen auserwählten, und besonders erwünschten Rüstzeug des Satans machen konnte. Cäsar war ein großer General, und wer weiß, was ich noch hätte werden können, wenn ich nur die Freyheit gehabt hätte, meine Rolle zu endigen.

Mancher großer General wird gleichsam in ei- nem Augenblick groß. Konnte der engländische Verräther, der Cromwel, aus einem lächerlichen Pfaffen und betrügerischem Wirthe sobald einer der größten Generals werden, die je gelebt haben; so hätte vielleicht ein dänischer Verräther eben diese Rolle mit eben dem Erfolge spielen können. Julius läugnete Strafe und Belohnung, so wie auch ich; und, verspottete jede Religion, so wie auch ich gethan habe. Dieser Römer that doch auch zuweilen etwas Gutes; so habe ich auch desgleichen ge- than, und, ob ich schon ein abscheulicher Bösewicht gewesen, so daß man mich billig für den Erstgebohrnen des Teufels hat halten können; so habe ich mich doch zuweilen von dem Teufel gleichsam die Erlaubniß ausgebeten, etwas zum Besten des Landes zu verrichten. Wenn man auch glauben will, daß zu den letzten Zeiten dies und jenes nach meinem Gutachten geschehen, wer wird denn nicht rühmen, 1) daß dem Ehrgeize der Bedienten ein Ziel gesetzet worden; 2) daß die Orden und Charaktere nicht mehr bloß denen Gros- sen gegeben werden, um rechtmäßige Schulden damit zu erlegen. Cäsar glückte es, Rom zu zerstören, und unter das Joch zu bringen; allein,

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mein gottesvergessener und teufelischer Anschlag wurde entdecket, bevor er bewerkstelliget wurde, und eben dies ist die Quelle aller der Freude, die ich ißt habe. Ich hätte doch niemals meinen Vorsatz können völlig zu Stande bringen, welches ein jeder mit einem halben Auge hat sehen können, der nur die mindeste Kenntniß von der Ehrliebe, Tapferkeit, Muth, edlen Stolz und hellflammenden Liebe hat, welche beyde mit einander verbundene Reiche gegen das königliche Haus hegen. Daß ich dieses aber nicht zu der Zeit habe sehen können, kam daher, daß meine Seele, vom Ehrgeize geblendet, gänzlich in den Stricken des Teufels verwickelt war, und nach seinem Willen geleitet wurde Sie wissen, hochgeehrter Vater, daß der Mensch in diesem kläglichen Zustande gänzlich aller Sinne der Vernunft und des Verstandes beraubet ist.

Der Teufel, mit mir genau verbunden, hätte schon das größte Schrecken über das königliche Haus verbreiten, und beyde Reiche mit Blut und Feuer füllen können, wenn Gott dieses hätte zugeben wollen; allein, ich hätte doch zum Beschluß Last tragen müssen. Denn die wuthigen Dänen und Normänner hätten sich durch die Ränke des Teufels nimmer so verblenden lassen, daß sie einen so gemeinen, niederträchtigen und lüderlichen Kerl, wie ich bin, ja, was noch mehr ist, einen K—m—r für ihren unumschränkten Oberherrn erkannt hätten. Gesegnet sey deshalb, ja, ewig über alle Geschlechter der Erden, gesegnet sey die allerpreißwürdigste unter den Königinnen,

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die Königinn Juliana Maria, welche, von einem von Gott gesandten Cherub gestärket, mich und meine verruchte Bande entdeckte, und ruchbar machte, wodurch das königliche Haus und beyde Reiche gesichert Und erfreuet; wodurch tausend meiner Vergehungen und Missethaten ihrer Wür- kung beraubet wurden.

Nur zu wohl weiß ich, hochgeehrter Vater! daß der Wille in den Augen Gottes eben so abscheulich sey, als die That. Doch, in Ansehung meiner, als eines Menschen, würde die Verzweifelung alsdenn ohnweit größer seyn, wenn meine An- schläge, statt entdeckt zu werden, ihre völlige Wür- kung erhalten hätten. Run freuet es mich doch selbst, im den Sorgen, womit ich umgeben bin, daß mein teufelisches Project mir mißlungen ist, und, indem ich Gott für die Erhaltung des Monarchen und der Reiche danke, fühle ich nach und nach die Liebe zu Gott, der Vorsehung und der Religion, in meiner Seele zunehmen und wachsen. Vereinigen Sie nun, hochgeehrter Vater! Ihr Gebet mit dem meinigen! Ja, bittet alle zugleich für und mit mir, die ihr von meinem Unglücke etwas wisset, daß der Jesus, den ich bisher beständig verachtet und verläugnet habe, @mir den Geist der Gnaden schenke, damit er zu meiner Seligkeit eine wahre Sinnesänderung in

mir bewürke. Meine Strafe hier auf der Welt kann zwar nie scheußlich, nie grausam, nie groß

genug werden, indem ich das martervolleste Ende verdienet habe. Aber ach! daß der erbarmungäs wolle Heiland, Jesus, durch den seligmachenden

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Glauben mich doch zu Gnaden annehmen, und mich vor dev ewigen Strafe und Höllen-Pein be- freyen möchte! Dem Monarchen, das ganze königliche Haus, Sie, mein Vater, bende ver- einigte Reiche, ja, alle Menschen, die auf Erden leben, flehe ich an, mir meine Sünden zu vergeben, die so groß sind, daß sie von Anbeginn der Welt bis auf diesen Tag nicht größer hat können begangen werden, ja, daß sie in allen Jahrhunderren nicht ihres Gleichen haben. — Hochgeehrter Vater ! — Leben Sie wohl. — Ich bin nicht vermögend, mehreres zu schreiben. — @Thränen, häufige Thränen verhindern es. Ich bin

der unglückliche

Struensee

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47 Thränen der Wehmuth

der bekümmerten Mutter an

diesen mißrathenen, unglücklichen Sohn.

Mein elender Sohn!

Indem Dein Vater das letztemal schrieb, hatte ich auch im Sinne, Dich zu schreiben. Ich griff zu verschiedenenmalen nach der Feder; aber die starken Empfindungen, welche mich überwältigten, hielten meine Gedanken zurück, daß solche nicht ausbrechen konnten. Mein Geblüt war in die heftigste Wallung über die mütterliche Bewegung und unaussprechliche Verwirrung meiner Gedanken, welche sich Meister über meiner Seele machten. Ich wußte nicht, ob Mitleiden, Härte, Verbitterungen, oder ein heiliger Eifer für Gottes Ehre, diese Gedanken waren, welche meine Seele so entsetzlich in Zerstreuung brachten. Der eine Gedanke wollte sich vor den andern aus meiner Seele drängen; sie konnten aber nicht alle auf einmal hervorbrechen; und so press ten sie sich alle auf einander, daß nicht ein Einziger im Stande war, hervor zu kommen. Ehe ich die Ueberschrift schrieb, deuchtete es mir, ich hätte schon einen so weitläuftigen Brief geschrieben, haß selbiger kein Raum auf ein ganzes Buch Papier hätte: aber weil ich Dich auf einmal alles sagen wollte, was ich von Deinem gegenwärtigen Schicksal dachte, so hatte ich just noch nicht das Mindeste

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48 geschrieben. — Nun ist Mein Geblüt nicht mehr in einem so verwirrten Umlauf; nun ist es ein menig mehr gestillet, und meine Seele mehr in Gottes Willen hingegeben; nun bin ich nicht mehr so viel von den schmerzhaften Vorstellungen über Dich überwältiget; und auch nicht so sehr bestürmet von entsetzlichen Beängstigungen. Demnach kann ich nun mit mehrerer Sanftmüthigkeit und mit wenigere Fehler Dich mein mütterliches Herz, vielleicht zum letztenmal, abschildern. — Wenn ich niemalen Dich könnte, oder wollte, etwas anders Vorhalten, als daß Du von der Zeit an, da Du unter meinem Herzen lagest, mir ein Schmerzenssohn gewesen bist; so müßte solches Dir genug zu Deiner Bekehrung seyn; so müßte solches vermögend seyn, Dich zu einer genugsamen Erkenntniß zu bringen, um selbst einzusehen, wie verachtungswürdig Du in Gottes Augen seyest, und Dich zu vermögen, Gnade zu suchen, um eine Dir so nöthige Hülfe. — Ich erinnere es mich noch, daß Du, ehe Du noch das Licht der Welt sahest, mich tausendfältige Schmerzen verursachtest, prophezeyhete ich öfters, und sagte: Du würdest ein halsstarriges Kind, und uns noch zu einem grossen Herzeleid bringen. Du sahest

das Licht, aber zu unserer wenigen Freude. Ehe Du noch Gedanken hattest, verwirrtest Du schon mit Geschrey und Eigensinnigkeit, was wir von Dir zu vermuthen hatten, und aus Dir werden könnte. Wie innerlich habe ich nicht meinen Erlöser knieend gebeten, daß er doch die Furcht und Traurigkeit, die ich Deinethalben empfand,

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in Freude, daß er die ängstlichen Ahndungen in einer guten Hoffnung verwandeln möchte, und unsere Bangigkeit, für Deine künftigen Auftritte Deines Lebens, in Gnaden abwenden, und uns diejenige süsse Ruhe schenken, welche Eltern fühlen, denen ihre Kinder ge- rathen wollen, und aufwachsen in Tugend und Gottesfurcht. Ich tröste mich öfters mit folgenden Worten: Des Rechtschaffenen Saame soll nicht zuschanden werden. Aber ach! sollte dieses sich auch auf ungehorsame Kinder erstrecken, auf Kinder, welche den Nackenschlägen nach einer Mutter sanftmüthigen Vermahnung? Kinder, welche sich der Spitze des Stachels widersetzen, die ein mütterlicher Grimm auf die Sünde setzt? Nein! niemalen: Der Sohn soll nicht des Vaters verbrechen tragen. Warum sollte denn wohl ein unwürdiger Sohn die Früchte von rechtschaffene und gottesfürchtige Eltern einärndten? Dieses stritte ja gegen dir Gnade Gottes, so weit, daß die wahrhaftig Glaubende ihre verhoffende Seligkeit ensehen könnten, entweder als eine Aufmunterung, den Heiland zu lieben, noch als eine unverdiente Belohnung für ihrem Gott-gewidmeten Leben und Wandel in der Welt; dieses stritte ja gegen die Weisheit Gottes in Hinsicht der Strafe und Belohnung; ja, es stritte gegen seiner strengen Gerechtigkeit: da er doch zugleich, als ein heiliger Gott, das Böse hassen und verfolgen muß. Wenn ein Blumensaame in die Erde gelegt wird, keimt es, und schlägt Wurzel, wächset und entwickelt eine Blume, die der vorigen, wovon das Saamenkorn war, an Farbe, Geruch und der Bildung, völlig ähnlich ist. Eine Wurzel von einem guten Apfelbaum, erzielet niemalen einen Zweig, welcher saure Birnen trägt. So wohl ist die arbeitsame und wachsame Natur beschaffen. Ein herrliches Sinnbild, wornach der Menschen Kindern, von Kind zu Kind, arten sollten! Den Baum erkennet man an die Früchte, und wiederum an der Frucht den Baum. Wenn Kinder ihre Gedanken im Stande wären, sel-

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50 bige anzugeben, wie sie dächten, und endlich handeln würden, so würde ihre künftige Aufführung in ein bes- seres Licht gesetzt, und würden zeigen, wie ihre Eltern seyn und itzo sind. Aber ach! — Gott bessere es. Der Eltern böse Exempel vermögen viel dazu, Kinder ungehörsam zu machen, so wie die guten Exempel got- tesfürchtiger Eltern im Stande sind, Kinder zu bilden, als wahre und lebendige Glieder an Christo Jesu. — Doch, wie Eltern sind, so geben sie einstimmend zu erkennen, wie die Kinder auch werden sollen; aber oft haben die Würkungen des heiligen Geistes bessere Gegenwürkungen bey gottlosen Eltern ihrer Kindern, als bey gottesfürchtigen; aber warum? — Die Ursache ist diese, daß das gesegnete Wort Gottes, welches rechtdenkende Eltern als Ueberzeugungsgründe allezeit gebrauchen, die Gottesfurcht in ihrer Seele zu bilden. Doch erregt das Wort Gottes bey einigen Kindern anstatt der Bekehrung eine Verhärtung, und dies ist äusserst zu beklagen.

Ist es denn wohl rechtschaffenen Eltern Schuld zu geben, wenn sie ihre Kinder zur Gottesfurcht halten, und verhärten sich in Gottlosigkeit? Niemalen!— Was ist denn das für ein rechtschaffener Saame, welcher nicht zuschanden werden soll?— Dieses ist der Saame, welcher niemalen ausartet, und bey seiner eigenthüm- lichen guten Natur bleibt. Diese sind die Kinder, denen in ihren Herzen der gute Saame, welche Eltern durch Mitwürkung des heiligen Geistes einstreuen, und darinn aufwächset; diese tragen denn Früchte der Rechtschaffenheit und Ehrbarkeit zu Gottes Lob und Ehre. —

Kannst Du oder einer von deinen Brüdern mich das überführen, da ihr Kinder noch bey einander waret, daß ich euch, als eure Mutter, euch mit trotzigem Gesichte etwas vorgehalten oder vorgeworfen? — Könnt ihr sagen, daß ich euch verzärtelt habe, oder daß meine unzeitige rege gewordne Empfindungen die guten Vermahlnungen, und die wirklichen Bestrafungen, welche

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euer Vater, und wenn es am meisten nöthig war, euch gab, unterdrücket oder verhindert habe?— Wohl habe ich mich vieles selbst vorzuwerfen, daß ich nicht jederzeit, und zwar bey jeden Fehltritt ein Rettungsband gewesen sey und nach die würksamen Waffen gegriffen, welche die Wurzel von deiner Gottlosigkeit ausgerottet haben würde, ja, damals sollte ich mich beßer angespornt haben. — Aber dieses ist an und für sich selber kein Vorwurf, so wie ich glaube, daß die Zulockungen aus Liebe zu der Gottesfurcht mehr wirken sollten, als entsetzliche Züchtigungen. Ich habe anstatt dieses, geistliche Waffen gebraucht, nemlich des Geistes Schwerdt und der Sanftmüthigkeit Helm, hierüber macht mir mein Gewissen auch nicht die mindeste Unruhe, so wie ich glaube, daß ein Kind, welches sich nicht am meisten mit guten erziehen läßt, niemalen mit scharfe Strafen zu retten sey. All mein gottesfürchtiger Eifer, alle meine Mütterlichen Bestrebungen sind auf das jämmerlichste verlohren gegangen, mein redliches Augenmerk, mit allen denen Mitteln, die ich anwandte, dich heraus zu reissen, um meine grosse Hofnung blühend zu sehen, dieses alles ist mir zu Wasser geworden. Mein öfters Nachtwachen bey deiner Wiege, hast du mit einer unheilbaren Wunde an mein Herz belohnet, und welche ich in diesem Leben nicht verschmerzen werde, und diese unleidlichen Schmerzen erregen die heissesten Zähren, welche über meine Backen auf dieses Papier herab rollen, diese können die beßten Zeugen seyn. — Ach mein Gott, dein unerforschlicher Rath ist lauter Weisheit und Gnade.

Du verbirgest aus weisen Absichten die zukünftigen Unglücke für das kurzsichtige Auge des Menschen, das Vergangene können wir bemerken, um uns für das muthmaßliche Böse zu bewahren; das Gegenwärtige läßest du uns zwar sehen, aber deine Hand hält über uns, daß wir uns nicht für die künftigen Unglücke, die sich über unsere Häupter empor heben, zu Tode ängstigen sollen. Nun gehen meine Verschmähungen, meine Sorge, meine Furcht an die Bretter, welche fertig sind,

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mein ganzes Ich zu verzehren. Ach hätte ich Dich, da Du noch in unschuldiger Ruhe, an meine Brüste und Seite lagst, hätte ich da die erschrecklichen Unglücksfälle, die Du Dich durch deine selbst eigene Uebertretung zugezogen, voraus sehen können, und die Dich nun begegnet haben, hätte ich mich da schon alle die Bekümmerungen, und Verachtungen vorstellen können, welche mich itzt durch Deine Schuld umringen, und mich Dein Sündenregister auf den Halse heftet! — Ach! mein Gott! wie viel würde es nicht meine Tage verkürzet haben; ja! wenn ich mir was wünschen dürfte, welches aber nur nicht gegen Gottes Willen stritte, und gegen der Menschlichkeit, dann wollte ich wünschen, daß mein Erbarmer mich längstens zu der ewigen Ruhe gerufen hätte, welche er allen seinen Lieblingen zubereitet hat, lieber als daß ich nun die Zeit erleben muß, meinen eigenen Sohn, meine Leibesfrucht in solchen jämmerlichen Ketten zu sehen. Ich wollte, Du wärest gebunden geblieben, ehe Du Deinen Eingang ins Leben thatest, weil du darum in die Welt gekommen, bloß als ein giftiger Pfeil in deiner Mutter Herz zu seyn. — Ein Feind gegen Gott, ein Opfer für die Gottlosigkeit, und ein Schlachtopfer für der ganzen Welt. — Ja, ich wollte daß mein Name möchte von der ganzen Welt vergeßen werden, und auch unter der Mörderzahl ausgelöschet seyn. — Ja ich bin die unglückseligste unter allen unglückseligen Müttern. — Doch! — Doch! ich muß mich ja nicht gegen des höchsten Wesen weisesten Rathschlüßen auflehnen. — Darf ein Wurm sich wohl erkühnen seinen Schöpfer zu tadeln? Oder darf die Made fragen, warum solcher nicht zu einen Engel geworden ist?— Gott ist in allen unendlich weise, und da seine Weisheit niemalen genung von einem sterblichen Auge erkannt wird, und bleibt auch unveränderlich, ein wahrer Gott, ein unbegreifliches Wesen, in alle ewige Ewigkeiten.— Gott, welcher voraus sahe, daß ich eine so höchst bejammernswürdige Mutter werden sollte. Derselbige Gott, wog auch meine Kräffte ab, und

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schenkte mir die Gelaßenheit, eine so schwere und unaussprechliche Bürde zu tragen, womit mich mein Sohn durch seine Gottlosigkeit quälet. Hätte mich mein Gott nicht in den Stand gesetzt, das Drangsalsfcuer, welches du ungerakhner Sohn, mich gemacht hast, durchzugehen ohne daß sich mein Glaube nicht verzehrt; so hätte niemalen mein Erlöser ein so hartes Schicksal auf mein Los fallen laßen.— Beweinet mich, ihr rechtschaffenen und gottsfürchtigen Mütter! Ihr, die ihr öfters, das im Kleinen erlebt, was ich jetzt im Großen erfahre. — Ihr in Gott gewetheten Väter, bejammert mich in meinem entsetzlichen Unglück, und ich weis, wenn ihr meines ungerathenen Sohnes Namen nennet, daß ihr ihm nicht anders als mit Entsetzen nennen werdet. DO dann so vergesset aus Mittleiden den Mcinigen!

Du, mein abgewichener und elender Sohn! hast Du noch nicht einen Funken Gefühl in Deinem Herzen? Bist Du denn so sehr gehärtet gegen des heiligen Geistes göttliche Bewegungen? Fühltest Du Abgewichener nicht, daß Gott Dich zu ein Wesen übergeben hat, das nichts taugt, ein Wesen zu seyn, welches ewig die Gnade Gottes in Christo Jesu wegwirft, welcher auch auf ewig dafür weggeworfen werden muß, niemalen den Heiland in seinem heiligen Reiche zu sehen» Laßdoch alle meine vorige und itzigewehmüthige, einfältige, mütterliche, aber auch zugleich vor Gott an Dich gethane aufrichtige Vermahnungen nun endlich einmal in Deiner Seele recht lebendig werden. Laß nicht ein einziges Wort von allen denen, so ich zu Dir rede, und geredet habe, auf die Erde fallen. Laß Dich von dem werthen heiligen Geist an alle Wahrheiten durch seine besondere kräftige Art von allem dem, welches Du von ihm, durch mir, und von andere Rechtschaffene, zu Deine selige Beförderung gehöret, erinnern, und mache doch einmal Dein Herz zu rin feines gutes Herz, selbiges darinn zu bewahren.

. Diese Worte und diese Kenntniß, die Dich Dein sviger Erlöser schafft, sollen dann nicht (n Dein durch D z dir

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bie Sünde, so verwirrtes Gehirn «ntblösset, stehen; bann will Dein Herze, durch des heiligen Geistes wür fenden Gnade, mit Freuden alle glückselige WahrheiLen aufnehmen. Ein fedes 01 und Ach! welches Dich ausser Deines Crdarmers zarte Freundschaft bejammert , wird in eine solche Wehmüthigkcir über Deine bösen Anschläge versetzet, baß Du vor Angst weder aus, oder ein kannst, und die bittersten Thrakien darüber vergiessest, daß Du so schändlich die Gnas denzeit versäumt hast, um den künftigen Zorn zu entwichen.

Nichts wird Dir Deine Seele heftiger nagen, als wenn der heilige Geist Dir auf die schrecklichste Art Vorhält, wie Du so abscheulich gegen das Licht des reiven Evangelii gesündiget hast; gegen das Licht, welches Dir in Deiner Erziehung' angezündet wurde, und wornach Du Dein Leben und Wandel solltest einrichten, dadurch Du alle Steine des Anstosses aus dem Wege räumen, und denen gefährlichen Lockungen entfliehen können, um als ein wahrer Ehrist zu leben und zu sterben. Derjenige, der nach dem göttlichen Schicksal in seiner Erziehung wenig, oder eine schlechte Aufklärung der Religion erhalten hat, dieser ist zu entschuldigen, und ist des Mitleidens würdig, wenn er in seinem Wandel sündiget, denn er hat kein besseres Wissen von Gott, und der Menschen Seligkeit gehabt; aber Du sollst darüber an jenem grossen Tage der Offenbarung und des Gerichts angeklaget werden, und von eiuem jedem unnützen Worte, welches Du geredet, Rechenschaft geben; Demi wer des Herrn willen weiß, und thut ihn nicht, ist doppelter Strafe werch. Gott erhält den Frommen in wahnwitzigen Zeiten. Capernaum wird eine strengere Strafe als Sodom erhalten. Gottes Barmherzigkeit vermag viel,' er sicht den Wahnwitzigen lange durch die Finger, welche seine Rechtfcrtigkeit und Heiligkeit gerade widcrsmchen, und unter die' Füsse treten; Aber glaube, Gott wird mrckiich Rechenschaft von Dir fodern, vor die

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Anwendung Deines Erkenntnisses/ die Du in Deiner Unterweisung erhieltest, und von alle die guten Erinnerungen und Vermahnungen, welche Deine Ohren wohl gehöret haben, aber mit dein gottloses Herz wieder verstoßen hast. Wie willst Du alSdenn bestehen könne»?— Hier gelten keine Entschuldigungen oder Ausflüchte, ich glaube, dann wirst Du rufen: O! ihr Berge, fallet über mich! Es wird Dich auch nicht entschuldigen, diesen oder jenen als Deinen Verführer anzugeben, auch wird es Dir nichts helfen, wennDu auch sagen könntest, Du wärest durch Dein hohes und vielgeltendes Ansehen verführet worden. Josephs Exempel hätte Dich zu einem wirksamen Leitfaden dienen können. — Er durchgieng ja Me allerheftigsten Anlockungen, seine Tugend blieb dennoch ungekränket, obschon er die gefährlichste Feuerprobe auöstehen mußte. —Du mußt allein Deine Handlungen verantworten. Keiner wird Dich vertreten , oder Dich in Fürsprache «ehmen, als allein Dein Versöhner Jesus, welchen Du noch hier in der Gnadrnzeit, mit dem rechten Glauben an ihm, bewegen kannst, ihn zu Deinem Freund zu erlangen. Greife, eile zu demjenigen, der unsere Versöhnung vollsühret hat, welches auch einem himmelschreienden Sünder zukommt, wie Du bist, und der nach der Seligkeit am meisten ringen muß. Doch — Ach — was denke ich nun ? Gräulicher Gedanke J — soll ich es gewohnt werden, meine Vermahnungen fruchtlos zu sehen? so will ich mich erleichtern, — so will ich ruhen von meiner anDich so gethanenenArbeit— ja! Millionen mal habe ich über Dich erröthen müssen, daß meine nöthigrn und behutsamen Vermahnungen und Bekümmerungcn bey Dir nichts fruchteten, ja die Sorge, so ich für Deine Besserung trug. — Darf ich glauben, daß deine betrübte Bande mir eine Hülfe wären, um dich aus dem Schlund desjenigen zu reissen, der alles Wüste macht? Kann ich noch glauben, daß Deine fehlgeschlagene und entsetzliche Hoffnung zu dec Welt, und bi« Dich in dein Elend gebracht, Dich bewegt,

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wegt, die Hoffnung zu erfüllen, die ich Deinenthalbeii so sehnlich gewünscht habe, um Deine fehlende Seele zu verbessern? ja, aber ich schaudere in meinem Glauben, über diese Aussichten. — Ich beängstige mich schon zum voraus über Deine Einwürfe und Mißtrauen in einer so wichtigen Sache. — Doch — der Jesus, welcher im Stande ist, alles dasjenige zu schaffen, was wir verstehen in wahren Glauben von ihm zu bitten, der ist auch im Stande Dein hartes Herz zu erweichen, Dein widerspenstiges zu beugen, Dein freches zu züchtigen, und Dein gottloses Herz überhaupt zu verändern. Sobald Du aber selbst nicht willst, ach! wie ist denn Dein Erlöser im Stande etwas bey Dir auszurichten. Gib Deinen Misten in seinen Willen, er wird es wohl dry Dir machen. Der Gott, der im Stande ist, durch «inen Wink ganze Welten zu erschaffen, sollte nicht vermögend seyn, Deine ruchlose Seele umzubilden? Fasse die Gegenmittel der Sünde, bereite Dich zu seiner Dic: «ntgegengcschickten Gnade. — Ach! hätte ich Engelzungen, Dich zu überreden. — Gott—gieb Kraft, daß meine Worte in das Innerste seiner Seelen dringe, 0! so könnte ich Dich, Deinen Heiland in seine Hände überliefern, so könnte ich noch allezeit nach Deinem Tode an Dich denken, wie auf eine Seele, die die ewige Freude genießet, ja! wenn Du Deinen Erlöserliebest, so kannst Du mit einem fröhlichen Auge Deinem Tode entgegen sehen; so kannst Du den Tod umarmen, wie ein lang erwarteter und liebkommendev Bruder; so kannst Du mit die Glaubens - Augen die Schaaren der heilige» Engel sehen, welche Deiner Seele entgegen eilen wollen, sobald sie diese ärgerliche Leibeshütte verläßt, die sie noch bewohnet; so kannst Du Dich in Deinem wohlverdienten Leiden mit dem trösten, den kennen lernen, und! ihn sehen, der schon bereit ist, Dir holdselig entgegen zu lächeln; so sollst Du in den ewigen und glückseligen Wohnungen Deine Mutter umarmen, um ihr genug für alle ihre Seufzer zu thun.

Ich bin re»