Antwort von Struensee in seiner Gefangenschaft auf seines Vaters Brief. Ins Deutsche übersetzt. [Samme som 2.9.20, men anden udgave]

Antwort von

Struensee

in seiner Gefangenschaft

auf seines

Vaters Brief.

Ins Deutsche übersetzt.

1772.

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OD. ^a

Ebräer am z. V. Te 8.

D. ^arum wie der heilige Geist spricht: Heute so ihr hören werdet seine Stimme, so verstocket eure Herzen nicht, als geschah in der Verbitterung, am Tage der Versuchung in der Wüsten.

Hochgeehrter Vater!

ch habe Dero letztes Schreiben an mich % in meinem Gefangniß richtig erhallen, WF welches ich auf bic nur erdenklichste Art und Werse, Liebe und Ehre, nicht allein aus dem Grunde der natürlichen Ehrfurcht, welche ich, als Sohn, gegen meinen Vater habe, sondern weil es angefüllet lst milden allerreinsten und getreuesten Beweisen, daß Sie innerlich bekümmert und sorgsam für meine ewigeWohlfahrt seyn, indem meine zeitliche Glückseligkeit, Ihrer Wünsche Gegen stand, und keines Menschen Vermuthung mehr seyn kan. Sie haben recht Vater! wenn Sie behaupten und versichern, daß ich der gllergottloseste Mensch auf

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Erden, ja die Gottlosigkeit selbsten wäre. Zn meiner Zugend sing ich schon an ein Religions-Spötter zu seyn , und ich bekannte mich zu den stärksten Geistern der Religion. Ich sing zuerst an meinen Spott mit den Erlöser zu treiben, und keinZude fente abscheulicher vonJesus und Meßias reden, als ich. O! wollte dochdieWelt durch mich und durch mehrere Exempel lernen, daß die rechte Quelle zur zeitlichen und ewigen Unglückseligkert sey ; daß man Gott und sein Wort nicht achte, und daß dieses der Schritt zu dem Anfänge des mcnschlichenElendes sey.

Da ich jederzeit die liebreichenRertzungen des göttlichen Worts ausgewichen bin, welche doch zu unserer eignenGlückseligkeltabzielen,so hielte ich mich nicht lange bey der sogenannten natürlichen Religion auf; und nun lehrete mir ein Deist die Unsterblichkeit der Seele und die göttliche Vorsehung zu leugnen, und stellte min Gott als ein Wesen für, der ohne Absichten handle, und der nicht die geringsteAufmerksamkeit auf meine böse Handelungen hatte, sondern daß ich wegen des allerhöchsten Wesens rey und sicher reden konnte:

„ Gottbekümmert sich wenig darum, wek„ ches Leben ich führe; fein Auge sicher mich „nicht, sein Ohr höret mich nicht, ich kan „ leben wie ich will, und nach dem Tode ist „keine Auferstehung»

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Ich bekam mehrere , theils feinere theils gröbere gottlose Lehrmeister. Ein la Metrie bildere nur ein, daß wir Menschen keinen freyenWillen hätten, und waren eben so gezwungen zu böse Handlungen , als ein Uhrwerk in seinen Lauf; daß keinGott wäre, und wenn etwa einer wäre, daß er weder strafen noch belohnen fonte, well wir blosse Maschinen und gezwungen waren , unfern Lauf, wie die Sonne, zu nehmen. Epicur und Spinoza haben mir vergewissert, daß kein Gott wäre. Ich wünschte selbst, daß kein Gott wäre, und deshalb trauete ich dessen Lehre unvermerkt. Da ich nun auf diese Weise alle Religion verkennete, welches der Grund zum Spott und Hohn gegen meineEltcrn war; was ist es denn sürWunder,da ich meinen himl. Vater verachtet, wenn ich Sie verachtet habe; was ist es denn für Wunder, da ich meinen himl. König habe verläuqnen und abschweren können , daß ich meinen Erden König, meinen Souverain , den Siebenden Christian aus einem gesegneten Stamme , wie derselbe mirbey meiner zu keiner Zeit und in keinem Reiche und Lande erhörten Verrätherey, Millionen 1000 mal mehr gutes bewiesen, als ich mir habe vorstellen können, auch noch jetzo in meinem Arreste, bey meinem harten Verbrechen, alle Milde, in Ansehung meinerBequemlichkeiten, zustehety such habe verkennen und abfthwören können.

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Da ichalso ohne alleReligion lebte,so war ich nur bemühet meine zwo Haupt Leidenschaften zu sättigen; alsEhrsucht und unnichtiges wollüstiges Leben, und ich war in den mehresten Stücken den Julius Casar gleich. Meine Ehrsucht war, wie die seinige, ohne Granzen, daß keiner von uns einen höheren erkante. Meine unzüchtige Wollust ging eben so weit, wie die seinige, so daß man um mich eben dasjenige sagen konte, was man zu Rom wegen Julius Cäsar sagte:

„Er diente allen Männern zur Frau,

„ Und war aller Frauen Mann."

Ich bin theils aus natürlichen Triebe, und den wegen neben Absichten, im Essen und Trinken enthaltsam gewesen, gleich wie die RO: yer und gleich wie Cicero um dieselben sagte, haß erd?r einzigste wäre, der Rom zum Gräuel umzuwenden gesucht, und so hat man wegen mir auch sagen können, daß ich der allerverabscheuungswürdigste Landesverrather gewesen. Casar liebte den Pracht, ich hatte dieselbe Neigung ; er gestehet selber,daß er alle nur erdenklicheUngerechtigkeitcn beginge,um zu der grossen Regierung zu gelangen, ich that ein gleiches. Casar lobte ausserordentliche grosse Natur-Gaben , und die Wahrheit zu sagen, so glaubte ich von mirselber, daß ich auch mit dergleichen Natur Gaben begl ücket war, so, daßich mich zu ein

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auserlesenes und nur zu erwünschendesSubject für dem Staat und dem Reiche bilden wollte.

Casar war ein grosser General, und wer wüßte, was aus wir geworden wäre, im Fall ich meine Rolle zu spielen die Erlaubmß behal« ten hatte; viele grosse Generals wachsen aufein« mal. Konnte der englische Verrather Cromwel von einem armseligen Pradicanten und betrügerischen Wirthshausmann aufeinmal ein solcher grosser Genera! werden, wie die Welt ge* habt hat; so hatte vielleicht ein dänischer Verrarher seineRolle dergestalt auch spielen können.

Julius läugnete, gleich wie ich, alle Strafe und Belohnung, und trieb, wie ich, nur Spott mit der Religion. Die Römer stifteten zu Zeiten doch etwas gutes; dieses that ich auch, und wie sehr ich auch ein abscheuungswürdiger Taugenichts gewesen: und für Lucifers Erstgebohr« nen kann angesehen werden, so erbat ich mich Doch zuZewen vomSatanErlaubmß, eine gute Thar zu des Landes Besten auszuüben. Wenn man mir glauben will, so sind in den letzten Zeit ten ein und andere Dinge auf mein Anrachen geschehen, die gelobet werden können: i)Zst Der Ehrsucht der Domestiken Maas und Grenzen gesetzt, 2) befteyetkein Ordensstand, noch Rang, auch nicht den größten Manne von dex Bezahlung einer rechtmäßigen Forderung. Den Cäsar glückte es, Rom zu stürzen; allein mein teuflischer Vorsatz wurde hintcrmrben,

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ehe er zur Vollkommenheit kam, und dieses ist nun die Quelle meiner Freude.

. Ein jeder, welcher dieser Reiche und Staates Ehrlrebe, Tapferkeit» Muth» edle Grof: muth und brennende Liebe zu das Königl. Erdhaus nur in etwas kennet, kan es mit halben Augen sehen» daß ich meinen Vorsatz niemalen vollkommen hatte ins Werk richten können. Allein» daß ich dieses zu der Zeit nicht habe eingeseben, rührete daher; wer! meineEhrsuchtmir verblendete, und der Satan meiner Seele sich bemeisterte. Sie wissen, hochzuehrender Vater! daß ein Mensch in einem solchen Zustande ferner Sinnen, Witz und Verstand beraubet ist. Der Teufel und ich wir würden schon den Un‘tergang des Königlichen Hauses»und mit Feuer und Schwerdt diese Reiche und Lande aufgerieben haben »wenn Gott ferne Zulassung nur hierzu gegeben hätte: allein am Ende hatte ich doch unterliegen und leiden müssen, indem die unerschrockene Dänen und Normanner sich durch Teufels Handgriske nicht haben verblende« lassen wollen» zum Souverain einen solchen gemeinen» niedrigen, sündigen Kerl und geile« Bock» als ich bin»anzunehmen» und das» was das allergrausamste unter alles ist, «einen Königs-Mörder" Gesegnet sey ewig für alle König!. Geschlechter der Erden» die Königin Juliana Maria, welche von einen von dem höchsten Gott herabgesandten Cherub begleitet wurde, diese Paten mir und meinen Complot in unser« Absichten Einhalt zu thun, wodurch also das ganze Königliche Haus, Reiche und Lande» Freude und

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Sicherheit gemessen, und wodurch so viele Millionen Anspinnungen ihre Wirkung verlohren. Ich weiß wohl, hochgeehrter Vater! daß für Gott der Wille und das Verbrechen emerlry sey ; allein für mich, alsMensch, wäre die Verzweifelung ungleich grösser gewesen» wenn meine Absichten waren erreicht geworden Bey alle meine Sorgen habe ich doch nun die Freude, daß mein trefliches Project ganz und gar keine Ausflucht erhielte, und indem ich jetzo Gott danke, daß Monarch und Ruhe erhalten, so empfinde ich Liebe zu Gott, zum Erlöser und zur Religion Bitten Sw nun, hochgeehrter Vater! täglich mit mich, ja» bittet alle! und für mich, die von mein Unglück sagen können t daß Jesus, den ich bisher jederzeit verachtet hade, seine Gnade und Barmherzigkeit mir bey meinem Tode schenken möge. Meine Strafe aufdiewr Welt kan niemalen so groß und abscheulich scyn, als diejenige, die ich verdienet habe. Allein ach! daß doch der rrbarmungsvolle Jesus mich von der ewigen Strafe und HöüemPem besreym wolle! Den Monarchen» das ganze König!. Haus, meinen Vater» beyde Königreiche» ja alle Menschen aus Erden, bitte ich meine Sünden und Bosheit, welche so abscheulich seyn, daß solche von der Welt Anfang bls auf den heutigen Tag, ihres gleichen nicht gehabt haben, hiemit ad. Hoch geehrter Vater! leben Sie wohl—ich kan mchi mehr schmbencherm meine Thraånen verbleien es

Stwenfee.