? Versuch einer Lebensbeschreibung der beyden Hingerichteten Grafen Struensee und Brandt aus Zuverläßigen Nachrichten ausgezogen. Mit Ihren Abbildungen.

        

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Versuch einer Lebensbeschreibung der beyben Hingerichteten Grafen

Struensee und Brandt

aus

Zuverläßigen Nachrichten

ausgezogen.

Mit Ihren Abbildungen.

1773.

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Vorbericht.

Die beyden unglücklichen Grafen Struensee und Brandt, haben so wohl während ihrer Gefangenschaft als nach ihrem Tode unendlich viele Federn und Pressen in Bewegung gesetzt. Hungrige Schriftsteller und begierige Buchdrucker, haben sich um die Wette bemühet, sich der Neugierde der Menschen zu Nutze zu machen, um eine ungeheure Menge fliegender Blätter, in die Welt zu schicken, die ihren Verfassern und Herausgebern wahre Schande machen. Unter der unzähligen Anzahl von Schriften, die der Fall bemelder beyden Grafen veranlasset hat, zeichnen sich gar wenige als erträglich und vernünftig aus. Und gleichwohl sind sie alle ohne Unterschied begierig gekauft und gelesen worden. Unter die erträglichen Schriften der Art, rechne ich eine allererst zu Flensburg ans Licht getretene historische Nachricht von diesen beyden Män-

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Vorbericht. nern. Wenn ihr Verfasser nicht zu weitschweifend geworden wäre, sondern sich mehr concentriret hatte: so würde sie sich unter allen den meisten Beyfall erworben haben; weil sie würklich hie und da unterhaltend ist und viel Gutes enthalt. Da es aber dem Verfasser nicht gefallen hat, sich hierinnen nach dem Geschmack des Publicums, das nicht gerne ohne Noch weit ausgedehnte Schriften liefet, zu richten: so habe es für nützlich erachtet, diese Mühe der Einfchrenkung über mich zu nehmen. Ich liefere also hiemit dem geneigten Leser das Wesentliche aus obiger Schrift. Alles Unnütze, Ueberfiüßige und Seichte habe gänzlich weggelasi sen und nur das Reelle ausgezogen.

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Unser Jahrhundert wird das philosophische genannt. Es ist reich an grossen und ausserordentlichen Begebenheiten. Diese sind aber einer solchen Mischung unterworfen, daß man zwar die Handlungen der Sterblichen stehet, die Ursachen aber, die Verbindungen und die Würkungen derselben, dennoch in eine Hülle eingekleidet findet, welche die unpartheyische Richteritt, die Zeit, und zwar erst nach langen Jahren an den Tag bringen wird. Staatskundige des vorigen Jahrhunderts, sahen es voraus, daß

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6 Europa in diesem Jahrhundert in eine neue Welt verwandelt werden würde. Ein großer Zufall folgt immer auf den andern. Selbst die Natur har die stärksten Bewegungen in diesem Jahrhundert zu ertragen gehabt. Der Untergang von Lima, der Umsturz von Lissabon und die Gewalt eines Erdbebens vom àordbis zum Südpol, ist eine ausserordentliche Begebenheit der Natur. Der Philosoph bemerket alle Zufälle der Welt; er bewundert die Gottheit, durch welche alle diese wunderbare Verwickelungen geleitet werden.

So groß auch unser Jahrhundert unter den Göttern der Erden geworden, eben so fruchtbar ist es an andern Begebenheiten, welche, wenn sie schon nicht den Umsturz ganzer Reiche verursachet haben, dennoch in diese grosse Kette der Begebenheiten solchergestalt eingeflochten sind, daß ihre Wirklichkeit, Wirkungen zu den grössern Zufällen hervorgebracht hat. Die Geschichte kennet einen Ravaillac und verabscheuet den Bösewicht, der den besten König har ermorden können, und wir bemerken diese Schande des 16ten Jahrhunderts.

In einem philosophischen Jahrhundert und in welchem der menschliche Verstand durch Ge-

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nies, durch Erfindungen und durch den lebhaftesien Fleiß, sich zu einer Höhe geschwungen hat, welche ihm Ehre macht, sollte man kaum glau- ben, daß dennoch Dinge geschehen sind, welche man in diesen erleuchteten Zeiten eben nicht hätte vermuthen können. In keinem Jahrhundert werden nemlich so viele Bösewichrer, welche sich au der Majestät vergriffen haben, als in dem unsrigen, gefunden werden. Und zwar in dem Jahrhundert, in welchem der Philosoph den Verstand der Sterblichen erleuchtet, und der vernünftige Geistliche, zum Trost der Christen, das alte wahre Christenthum wieder herzustellen,den Aberglauben zu verscheuchen und die Keßcrsucht zu vertilgen, auf das rühmlichste bemühet ist. Den 5ten Jan. 1757. versuchte Franz d' Amsens, den König von Frankreich, den feine Unterchanen den Vielgeliebten nennen, mit einem ganz gefährlich und künstlich verfertigten Messer zu ermorden. Der Stoß gelang nicht, der König wurde verwundet, bald wieder hergestellett und d' Amiens seinen Verdiensten gemäß bestraffet. Den gten Sept. 1758. wurde der in porrugall noch glorwürdig regierende König Joseph der erste, durch zwey Schuß an den rächten Arm auf einer Spaßierfarch ge-

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8 fährlich verwundet. Die Verschwörung wurde entdeckt und die vornehmen Verräther nach den Gesehen bestrafet. Gleichwohl war der König nicht sicher, sondern wurde den zken December eben dieses Jahres, als er auf die Jagd reiten wollte, noch einmal mörderisch von einem Rasenden angefallen.

Die Nachstellungen des von Warkotsch in Schlesien gegen die geheiligte Person eines grossen Monarchen, wurden vereitelt und weil sie wie eine Wasserblase zersprangen: so hat man auch von der ganzen Unternehmung nichts mehr erfahren, als daß Warkotsch ein Verräther seines Herrn gewesen und daß er der rechtmäßigen Strafe durch eine schleunige Flucht ausgewichen sen. Die gegen die geheiligte Person des Königs von potyhn den zten Novemb. 1771. ausgeführte schändliche That wird den rechtschaffenen Pohlen allezeit eine unangenehme Geschichte Heissen.

Ploßlich ereignet sich eine Begebenheit in Norden, welche ausserordentlich wird. Sie ereignet sich in einem Reiche, dessen Unterthanen ihren König ausserordentlich und zärtlich lieben. Seit der Regierung Friedrich IM. sind drey Personen nemlich der Graf Corfitz Uhlefeld,

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Peter Schumacher, nachher Graf Greifènfeld, Paul Jusl ein Normann, als Beleidiger der Majestät jedoch verschieden vernrtheilet; an letztem ist aber nur das Uriheil, dem Gesetz nach, würklich und pünctlich vollstrecket worden. Und in unfern Tagen werden den 28 April 1772. zwey solcher Verbrecher eben so buchstäblich nach dem Gesetz des Königes hingerichtet.

Die Geschichte solcher Personen will das neugierige Publicum wissen. Johann Friedrich Struensee und Enevold Brandt, bende Günstlinge ihres Monarchens, beyde auf einmal zu einer ausserordentlichen Höhe gestiegen, fallen so plötzlich als ein Luftzeichen, welches ganze Gegenden schrecket, und indem es Schrekken erreget, verschwindet. Von diesen Personen will ich sagen, was ich weiß und was ich seit dem 17ten Jan. als dein Tag ihres Falles, in Schriften, welche mir in die Hände gefallen, gelesen habe. Der gewesene und sehr bald gefallene Graf Srruenfee hat die Neugierig keit der Welt bishero auf sich gezogen. Ich habe mir bey einiger Muse ein Vergnügen gemacht, alles, was etwa von ihm gefagct und schon geschrieben worden, zu sammlen, um es in einiger Ordnung dem Leser darlegen zu können.

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In Halle hat man hievon sogleich eine übereylte Schrift auögegeben. Sie führet folgenden Titel: Zuverlässige Nachricht von der in Dannenrark den 17ten Jan. 1772. vorgefallenen grossen Staatsoveränderung rc. Sie saget von dem gewesenen Grafen Struensee folgendes: Johann Friederich Graf von Struensee gewesener königl. dänischer Cabinets Minister, des Mathilden Ordens Ritter ist zu Halle 1757. den 5ten August geboren und hatte sich der Arzneygelahrheit gewidmet. Nachdem er zu Halle den Wissenschaften ans der Schule des Waysenhauses, und der Friedrichs Universität einige Jahre obgelcgen, nahm er die Würde eines Doctors der Arzneygelahrheit an und ging 1757. mit dem Vater von Halle nach Altona, wo er bald Physikus in der Herrschaft Pinneberg und der Herrschaft Ranzow ward und durch Ausübung seiner Kunst, sich reichlichen Unterhalt verschaftc. Im Jahr 1768. ward er den 5ten April zum Leibmedicus des Königs und zugleich ernennet, denselben auf der Reise nach Deutschland, England und Frankreich zu begleiten. Hiedurch legte er den Grund zu seinem Glück. Der junge Monarch lernte ihn genau kennen, er war beständig um densel-

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den und erwarb sich dessen Gnade auf eine ganz vorzügliche Art. So weit die oben,angeführte Scheif. Seit dem ich mich um die Geschichte der Menschen etwas bekümmert habe: so sinde ich an denen Schriften kein sonderliches Vergnüge!;^ welche eben wie diese sagen: da ist er geboren, das ist er geworden, so ist er gestorben. Wird es nicht nothwendig, wenn wir ein so sonderbares Ende eines Mannes als desjenigen, welches wir vor uns haben, anzeigen, wenigstens darauf zu sehen, wie er seine Jugend zugebracht, wie und unter welchen Menschen er erzogen und in welcher Schule er zum Denken angewöhnet worden? Alsdann wird man dem beser etwas nützliches sagen können, wenn man die moralische Seite eines solchen Mannes, welcher durch die Art seines Todes wenigstens viele Aufmerksamkeit bey der Welt erreget hat, so viel möglich zu erforschen suchet.

Ich habe mir viele Mühe gegeben, von der ersten Erziehung dieses unglücklichen, von dem der Herr Pastor zu Serode, Johann Hoffmann, in seiner chronographischen Inscription saget: Johann Frid. Struensee reverendi patris ac piæ matris erat filius lætæ spei juverisi 1735. natus, felix Doctor, infortunatus

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cornes 1772. decoll. einige Nachricht einzuziehen. Ich habe aber ohngeachtet aller meiner Bemühungen sehr wenig von den ersten Jahren seines Daseyns erfahren können.

Eine Nachricht ist mir zu Gesicht gekommen welche folgendes saget: die Bigotterie ist der Anfang seiner freyen Denkungsart gewesen. Wenn er ein wenig gute Manchetten und gepuderte Haare tragen wollte, so hat man ihm eingebildet, daß eine solche Kleidung eine grosse Sünde wäre. Sein Verstand war feuriger, er sah es ein, daß dergleichen Maximen mehr ein Geplauder, ein Vornrtheil, ein Kunsigrif oder sine einfältige Meynnng wären; und wie weit er der wahren Weltweisheit, und unter welchen Lehren er ihr nachgefpüret oder als ein Weltbürger hätte nachspüren sollen, ist mir nicht bekannt — — daher that er etwas, was nur mäßigen Genies beyfällt — er stieß auf einmal ohne weiter darüber zu denken, alle Principia der Religion um, und nun war er Held.

Eine andere Erzählung hat mir folgendes bekannt gemacht: daß er zwar in seiner Jugend guten Lehrern mag untergeben gewesen feyn, allein nach der erst angeführten Wahrheit, hat man so wenig seine jugendlichen Neigungen, als

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noch weniger seine Gesinnungen untersuchet, und daher har er vermuthlich schon mehr als zu früh sich einer VerstellnngSkttnst unterworfen, von welcher er bey reifem Jahren, da ihm alles glücklich gieng, das Joch abzuschütteln, für Recht und für eine Schuldigkeit hielt. Sie auözuüben, hielt er nunmehr für unnöthig, und schweifte aus.

Die bestell Väter vergessen ihre höchste pflicht, wenn sie in der zärtlichsten Jugend die Neigungen ihrer Kinder nicht selbst studiren, sondern dieses wichtige Geschäfte andern, mehrentheils in Sprachen, geschickter aber in Absicht der Erforschung menschlicher Gesinnungen und der Weltklugheit unerfahrnen jungen Leuten, welche ihre Pflicht darin sehen, ihnen gefällig zu seyn, ihrer Denkungsart schmeichelnd zu folgen, übertragen. Ein unvcrgeblicher Fehler der Eltern bleibet es immer, die Bildung ihrer Pflanzen, den Character der Seele, der Beurtheilung schwächerer Menschen als sie selbst sind, ohne alle Sorge und mit einem blinden Zutrauen zu überlassen und ihren Nachrichten völligen Glam den beyzumessen.

Die meisten sogenannten Informators warten ihre Stunden treulich ab, sagen dem jungen

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14 Menschen die Lehrsätze ganz stränge vor, welche der Vater zu Lieblingsfähen aus guten Gründen angenommen hat. Denket nun der junge Mensch feuriger, oder, wie leicht kan dies geschehen, er wird in andern Gesellschaften mit andern Meinungen angefüllet und würklich verführt, so denket er plötzlich anders als der Informator, er dünket sich klüger als jener, und verachtet das würkliche gute, was er sonst lieben würde, wenn ihm die Tugend unter einem liebreichem Bilde wäre vorgestellet worden. Auf die geistige Bildung der Seele, auf den Eindruck der Tugend kommt das Glück des Menschen an, nicht auf Enthaltung gleichgültiger Dinge. Das völlige Glück des künftigen Weltbürgers lieget allein in einer vernünftigen Entwickelung seiner Neigungen und seiner Seelenkräfte. Daher kann eine übertriebene Demuth, die gewaltsahme und vielleicht strenge Beobachtung derselben, würklich dem nachdenkenden und eitlen jungen Struensee die Grundsätze der Religion erstlich schwach, und zuletzt, wie er aus den Zwang der niedrigen Schule in die Freyheit der hohem gelanget, als unnütz vorgestellet haben. Würde man aber feinem Feuer etwas nachgegeben, oder ihm nur billige Regeln vorgeschrieben, und ihn so auf

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15 den rechten Weg geleitet haben, so würde man bey seinem an sich nicht bösen Herzen den Sieg über seine schwache Gegengründe haben behaupten können. Da man aber aller Muthmassung nach, sein verstecktes Feuer nicht wahrnahm, so befestigte er sich in seinen Jrthümern, sie schmeichelten ihn, wurden angenehmer und gewisser, und seinem Temperament waren sie um so angemessener, weil er die Wollust zu seinem höchsten Gut machte, und darnach das Sistem seines ganzen Lebens einzurichten, für gut hielt. Hat vielleicht dieser unglückliche solche Lehrmeister gehabt, wie sie der königliche Schriftsteller mahlet? Genug ich verstehe es; dieser andächtige Hofmeister, der auf eine grobe Art gelehrt, aber ohne Lebensart, ohne Sitten ist, in die Welt sich nicht schickt, und keine Einsichten besitzt, hätte selbst, ehe er auszustehen ist, eines Lehrmeisters nötig, der sich die Mühe nehme, seinen Geist abzufeilen. S. 4ten Brief an Rothenburg.

Man sollte bcynahe glauben, daß in der ersten Erziehung unsers unglücklichen Ministers der Grund zu feinem Verderben geleget worden.

Vernünftige Männer, welche, als er die Schule des Waysenhaufes mit der Universita-

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verwechselt, wenigstens einige Lehrstunden mit ihm abgewartet haben, wollen nichts Hervorstechendes oder sich Unterscheidendes in den Zeiten seiner akademischen Jahre an diesem jungen Menschen bemerket haben. Jedoch soll einer von seinen Comilitonen, als er zum ConferenzRath ernennet worden, in einer kleinen Landstadt, in welcher er als Informator gelebet, sich haben merken lassen: Man würde es sehen, Grruensee würde ein grosses Spiel spielen, er wäre ein Kopf, der alles wagen, versuchen und das äußerste durchzurreiben sich würde angelegen seyn lassen. Dieser Mitgenosse seines Studirens mußte ihn also vor vielen andern entweder genauer beobachtet, oder seiner Gesinnungen und Denkungsart mehr als andere versichert gewesen seyn.

Wie denn eben diesen Gedanken mit einiger Aenderung bey dem schleunigen Fortgang seines Glückes, dein Gerüchte nach, sein eigener Gottesfürchriger Vater in verschiedenen hohen Gesellschaften zu erkennen gegeben, und sich mit dem Ausdruck: Sein Sohn würde die Gnade seines LsIonarchens nicht ertragen können, also gar nichts gutes von seiner Erhebung vorgestellet haben soll. Indessen muß der

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jungen Struensee dennoch seine Studia nicht bey Seite gesetzt, sondern im Gegentheil mit vielem Fleiße getrieben haben, weil die Folge zeigen wird, daß er feine Euren in Altona und den dortigen Gegenden gemacht, und eben dadurch bey seinem nicht unangenehmen Umgang, bey den grosser Familien bekannt und schäßbahr geworden. Ja, ich kenne noch viele, welche ihm ihr Leben zu verdanken haben, und es zu rühmen sich gar nicht entlegen werden.

Gewöhnlichermassen endiget, besonders der Arzncygelehrte auf den deutschen hohen Schulen, den Lauf seines academischen Fleißes damit, daß er die Doctorwürde, welche in dem deutschen Reiche, besonders in den Reichsstädten, mit einem vorzüglichen Rang und Ansehen begleitet ist, zu erlangen sich rühmlich bestrebet. Diese Pflicht setzte unser junger Gelehrte nicht aus den Augen. Er wurde Doctor in Halle und kam also mit seinem Herrn Vater als Doctor nach Altona. So sehr ich mich bemühet habe, von seinem Lebensumständen dieser Zeiten etwas gründliches zu erforschen, so habe ich dennoch nichts weiter als folgende Züge von ihm in Erfahrung bringen können:

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18 Daß er, vermuthlich von der Zeit an, wie sein Hert Vater nach Rendsburg als GeneralSuperintendent der Herzogthümer berufen worden, eine Art von eigener Haushaltung, und zwar sehr ordentlich, geführer, so daß sie einem jeden unverheyrateten Wirth zum Muster dienen konnte.

In den Jahren 1760. 1761 und 1762. hielt sich der gewesene Hert Cabinets-Secretaire Panning bey demselben auf. Sein MittagsTisch war auf einige, der Abendtisch täglich auf zwey gute Freunde zubereitet, und vollständig, doch nicht überstußig, aber sehr schmackhaft beseht. Die Speisen waren außerordentlich gut, leicht und doch nahrhaft. Die Mahlzeit wurde jederzeit unter Scherzen und Lachen, ohne jemals einer Unanständigkeit Plaß zugeben, Trotz den jovialischen Mahlzeiten der lustigen Pariser, zugebracht und vergnügt beschlossen.

Von allen denen Gelehrten, Soldaten, und ändern ansehnlichen Leuten, welche in diesen Jahren den Herrn Doctor besuchten, wird keiner sagen können, daß jemals, wenn der Schcrtz auch feurig wurde, derselbige bis zu dem Grad einer Ausschweifung gekommen wäre. Man aß, man trank, man scherhte und lachte, und

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19 Gott Comus hat wohl sellten vergnügtere Gesellschaften, als jene gewesen sind, gesehen.

Keiner von denen noch lebenden Zengen seines Umganges wird indessen sagen können, daß der Doctor Grruensêc etwas entscheidendes in seinen Reden, Gebärden oder Anstand gehabt habe. Seine Miene konnte bey einem heissen Einsall sehr in das fatyrifche fallen, und sein Lächeln reihte die Satyre zu vermehren. Der vor einigen Jahren verstorbene gelehrte Hert Professor prose war fast eine tägliche Gesellschaft desselben.

Ein Zug mag wohl zum Beweist dienen, daß dieser wohllebende Physieus einen Hang zu einer launigten Satyre gehabt haben mag. Es fiel ihm einmahl ein, vier Personen, die sich alle vier und wider einer gegen den andern nicht gerne in Gesellschaft sehen mögken, ohne daß sie das geringste wüsten, daß sein Gegner gebeten war, zur Mittagsmahlzeit zu bitten. Er kitzelte sich bey dem ersten sauren Gesichte eines jeden ankommenden Gastes, wenn er seinen Antipoden erblickte, suchte die Gesellschaft so viel an ihm war zur Freude zu führen, welches ihm aber wegen der eingewurtzelten gegenseitigen Meinung, welche ein jeder von diesen Gästen gegen den andern

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gefaßt Hatte, nicht wohl gelingen konnte. Er belachte den unruhigen Geist eines jeden, und nahm ihrem Abschied ganz gleichgültig an. Ein jeder von diesen Gästen raunte ihm in das Ohr: warum haben Sie mir es nicht gesagt, daß Sie jenen mit bitten wollten. — Er lächelte und spottete mit guten Fug und Recht über einem Haß, welchen die Pedanten so gerne ernähren und ausüben. Noch neulich erzählte ein geschickter Chi: rurguö, daß er in diesen Jahren bey demselben ein frohes Mittagsmal eingenommen habe. Nach der Mahlzeit hätte ihm der Hert Doctor seine schöne Instrumente, zum Accouchement nöthig, gewiesen. Er, der Chirurguö, hätte gesagt, da Sie, mein Hert Doctor, diese in unfern Ger genden noch ziemlich unbekannte und vernachlä- ßigte Kunst treiben wollen, so können Sie sehr berühmt, reich und nützlich werden. Er hätte aber die treriherzige Antwort hören müssen: ich habe, wenn ich Ihnen die Wahrheit gestehen soll, weder Trieb, Gedult oder Lust zu diesem mir durchaus unangenehmen Handwerk.

In seiner Schlafkammer standen vor seinem Bette zwey mäßige Skelete, welche Leuchter mit angebrannt gewesenen Lichtern in den Händen hielten. Ob er nun in dieser nicht sonderlich an-

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genehmen Gesellschaft, würklich des Machts gelesen, um sich bey Zeiten mit dem Tode bekannt zu machen, kann ich nicht als eine Gewißheit behaupten. Die Sache hat aber ihre Richtigkeit, und schien es überhaupt, daß er sich die Physik gründlich zu studiren, besonders vorgenommen hatte.

Er war in den besten Familien in Altona, deren man verschiedene anzugeben vermögte, sehr wohl gelitten; man scherzte wohl mit ihm, und er gestand, jedoch allezeit auf eine feine Weise zu, daß er ein Verehrer des schönen Geschlechts sey. Wenn man ihn auch mit einer oder der andern kleinen Geschichte, welche lose Leute von ihm ausgebracht hatten, roch zu machen suchte, so lehnte er dennoch allen Scherz auf eine solche Art von sich ab, daß er die genauste Discrétion beobachtete, und überhaupt haben die, welche vielen Umgang und in verschiedenen Jahren mit ihm gehabt, diese Tugend an ihm bemerken wollen, daß ec von keinem Menschen übel gesprochen habe. Ein feiner Scherz war immer das Gewürz bey seinen Mahlzeiten, von welchen würklich die Schwelgerey und eine jede Auöschwei- fung verbannet war.

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Es lebte Doctor Struensee also wohl in diesen Zeiten in einem sehr glücklichen Mittelmasse und sind allem Anschein nach diese Jahre, wenn er sein Leben in seinen letzten Tagen ernsthaft überdacht haben mag, vor ihn die glücklichsten gewesen. Er ernährte keine Schmeichler, man aß bey ihm, weil die Frende nicht aus seinem Hause wich, man war ihm dankbar, weil man glaubte, daß er nur den Gästen seinen Ueberfluß miktheilte, und man widmete ihm seine Freundschaft von Herzen, weil in seinen ganzen Umgang kein Intresse zufinden war.

In dem Jahr 1763. wagte er sich auf die schlüpfrige Bahn der Schriftsteller. Vielleicht wissen wenige Leser, daß er auf dieser Laufbahn zu glänzen gesuchet hat. Es ist aber eine Wahrheit. Er und der Hert Manning schrieben ein Journal. Diese Schrift nahm ihren Anfang und ihr Ende im Jahr 1763. Ihr Titel ist — Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen. Erstes Stück in Heumonath. Hamburg gedruckt und verlegt von Mich. Christ. Bock. 1763.

Man wird in mancher Abhandlung sehr viele Laune und gute Einsichten finden und man känn auch gewisse Dinge, die dem Rath und dem

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Angehen Struensees, daß sie in diesen Jahren geschehen sind, beygemesien werden, also bemerken, daß man sichet, er hübe um die Zeit schon das gedacht, was, er den. der Zunahme seiner Gewalt als nützlich angesehen har. Ich will hier nur ein Beyspiel anführen, und meine Leser werden mir Gerechtigkeit wiederfahren lassenIn dem ersten Stück endiget dasselbe p. 94. folgendes Epigramma.

An die Fürsten.

Ihr Heist mit recht die Götter unsrer Erde,

Denn ihr erschask — — O schöne That!

Ihr sprecht nur ein allmächtig: Fürsten Fürsten Werde,

Schnell wird aus dem Laquay — ein Rath.

Es hat also der Autor schon 1763. so gedacht@als nachher der Minister vermöge der Cabinetsordre vom raten Febr. 1771. dem Stand der Bedienten hart zu fallensich bemühet hat. Man wird indessen ans denen Abhandlungen, welche glaublich von Grruenfte selbst aufgesetzt sind, sehen, daß es ihm nicht an Einsichten und an einem Hang zu der Satyre gefthlet habe» Daß ihm aber, den gelehrten Lorbeer zu verdien nen, kein rechter Ernst gewesen sey, oder er auch schon damalen der Arbeit müde geworden, käme das geschwinde Ende dieser Schrift, in welcher

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dennoch ganz artige und der Welt nicht unnütze Abhandlungen Vorkommen, zeigen.

Als ihn ein Freund fragte, warum er die Schrift nicht forschen wollte, gab er kurz und gut zur Antwort: Es käme nichts bey dem Handwerk der Schriftsteller heraus. Und er hatte nicht unrecht. Erbeharte also bey der Ausübung seiner Kunst, und vermittelst derselben erhielt er den Zutritt in dem Haufe Sr. Exellence des Herren Grafen von Ranzow Asch Der, dessen Gemahlin er bey ihren Blattern bediente, des Herrn Geheimtenraths von Berkenrhien zu Pinneberg und auch von Sslenrhal, ehemaligen Oberhofmeister des König Feiederichs V. und nunmehr Administrator der Grafschaft Ranzow, wo er vermuthlich feinen unglücklichen Mitgesellen und Freund, den von Brandt hat kennen lernen, und in diesen Zeiten muß Vas unauflößliche Band der Freundschaft, welches mit dem Tode aller beyden besiegelt ist, geknüpft worden seyn.

Hier entstehet aber ein moralischer Contrast. Doctor Struensee mix sammt seinem Freund dem von Brandt hatten, wie die Folge ihres Lebens zeiget, in Absicht der Religion verdorbene und vielleicht ausgelassene freye Grundsätze.

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Man kann ta der Geschichte ihrer letzten Tage nicht recht sehen, ob la Mettrie aller beyder Lehrer oder der Zeitung nach, nur des erstem Abgott gewesen. Es scheint, daß der von Brandt verschieden im Denken von Struensee gewesen und vielleicht viele der reinen Religion entgegenstehende Sähe ans dem Busen des geliebten Frankreichs, der Sirene unsers Nordischen und Deutschen Adels mitgebrache habe.

Bekanntermassen ist Sr. Exellence der Herr Administrator Baron von Gölenrchal das Muster einer exemplarischen Gottesfurcht gewesen, und wie man nicht anders weiß, hat die ungehenchelte Frömmigkeit der Frau von Brandt, derselben auch sein Herz zugewendet, und sie ihm zu einer teuren Gehülfin gegeben.

Wie nun diese junge sreydenkende Freunde die Scharfsichtigkeit zweyer so würdigen und Welterfahrnen Personen bey einem beynahe täglichen Umgang haben hinter das Licht führen können, bleibet wohl ein moralisches Problem, das der, welcher den Umgang auf Ranzow dazumal nicht genau beobachtet und mit Augen gesehen hat, schwerlich wird beurtheilen können. Und wem hätten die schrecklichen Folgen dieser Freundschaft bcyfallen sollen? Nach dem Abster-

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den Sr. Excellence des Herrn Geheimtenraths von Berkenthin wurde Sr. Excellence der Hert Geheimte Confercnzrath von Ahlefeld Amtmann zu pitincbetg, und auch diesem Hause wurde der Doctor Struensee angenehm.

Ich muß mich wieder mit dem Wörtlein: Soll zu behelfen suchen. Um diese Zeit soll, das hat mir eine glaubhafte Person erzählet, unser Gtruenste, den sein schwarzer Dämon vermurhlich reihte, den Abscheu, die Pflichten eines Artzteö getreulich auszuüben, bey mehr als einer Gelegenheit und in vielen Gesellschaften sehr deutlich geäußert, auch würklich die AusÜbung seiner Kunst in Altona gewißermaßen vernachläßiget, und seine meiste Zeit und Sorge diesen hohen Familien in Pinneberg und auf Ranzow allein gewidmet haben.

In Pinneberg brachte ihm auch seine sehr glückliche angewandte Arzneykunst die Hochachtung der Frau von Berkemm zu wege, so wie ihm auch wegen seines freyen, witzigen und belebten Umganges, die Frau von Bülow Gemahlin des Herrn Stallmeisters von Bülow, der dennoch in etwas mit in feinen Fall verwickelt worden, ihre Gnade zuwandte.

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Diesen Damen soll er öfters sein Verlangen, in Copenhagen angebracht zu werden, wenigstens schertzhast mit den Worten zu erkennen gegeben haben: Machen sie nur meine Damen und Gönnerinnen, daß ich erst nach Copenhagen komme, so will ich meine Sache schon machen. Hatte der gute Doctor bey diesem so ausserordentt lichen Verlangen, (da er den v. Voltaire als Lehrer angenommen haben soll, welches mir aber aus verschiedenen wichtigen Gründen gar nicht wahrscheinlich geworden,) nach Copenhagen zu kommen, doch an schwarz und weiß gedacht.

Er war also in drey vornehmen, reichen und beträchtlichen Familien, welches auch seine lehre Briefe bezeugen, würklich nicht allein beliebt, hochgeschätzt, sondern auch wegen der glückliche!» Ausübung seiner Kunst, so wie bey vielen angesehenen Familien in Altona, in Betracht gezogen. Und wie glücklich würde dieser Ball der menschlichen Zufalle gewesen seyn, wenn er diese selige Mittelmäßigkeit eines sanften Privatlebens, Anschlägen vorgezogen hätte, welche man zwar nur durch den Flor der Ungewißheit bemerken kann, sie aber als eine tadelswürdige und unmögliche Chimäre betrachten muß. Diese Lieb-

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28 lingschimäre auszuführen, war nicht einmal ein anscheinender Grund, so weit das gar nicht unterrichtete und völlig ungewisse Publicum etwas zu schließen fähig ist, da. Alles was man liefet ist dunkel.

Die Frau von Berkemm, gebohrue Gräfin von Callenberg, wurde in diesen Jahren als Oberhosmeisterin von des Eronprinzens Königlicher Hoheit nach Copenhagen berufen. Wer diese erhabene Dame kennet, wird nicht leugnen können, daß ihr edier Character ihrem Geschlechte Ehre macht, und sie jedem redlichem Mann als ein Muster desselben darstellet. Sie ist es würdig weit besser geschildert zu werden. Vielleicht aus Ueberzeugung der geprüften Geschicklichkeiten in der Ausübung der Arzneykunss hat die Bekräftigung durch ihre Zeugnisse mit gewirket, daß unser Doctor seinem Schicksal und seinem Entzweck naher kam.

Genug, erwürbe Leibmedicus den 5ten April 1768. und verwaltete dieses Amt auf der ganzen Reift allem Vermuthen nach, mit einer aufmerksamen Geschicklichkeit und Treue, welche ihm des Monarchen Gnade vorzüglich zuwege gebracht har. Er wurde zu Oxford Doctor, und bleibet also in dem Verzeichnisse der Docto-

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29 ven dieser Universität ein sich sehr unterscheidender Gelehrte, da er nur mit dem Königlichen Sardinischen Leibmedicus Graf von Catbury, der 14 Jahre in Oxford siudiret har, der zwey Ausländer ift, welchem diese Würde geworden.

Ehe ich das was eine in Lopenharzen herausgekommene Schrift, betietelr: Lebensbeschreibuncz des Grafen Srruenste rc. rc. ausserordentliches saget, anführe, will ich das, was uns von dem Vater und den Brüdern dieses Unglücklichen, bekannt geworden, mit Nachrichten, welche noch nicht allen bekannt sind, ein: schalten. Von dem Vater schreibet der reisende Deutsche dieses: Adam Srruenste, der Gottesgelahrheit Doctor, Königlich Dänischer Oberconsiftorialrath und Generalsuperintendenten der Herzogtümer Schleswig und Hollsrein, ist der Varer des Grafen von Grruenfte, dessen Nahmen die dänischen Geschichtschreiber künftiger Zeiten vorzüglich bemerken werden. Er ist 1708. den 8ten Sept, zu Neuruppin gebohren, folglich er so wohl als seine zu Halle im Magdeburgischen gebohrne Söhne, ein Untertan des Königs von Preussen. Nachdem er auf der Schule zu Ruppin und auf der Salz dernshenSchulezu Schule zu Brandenburg den Grund

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30 zu den Wissenschaften geleget, so widmete er sich der GotteSgelahrheit, bezog im Jahr 1727. die Universität Halle, und 1728. die zu Jena. An beyden Orten besuchte er die Lehrstunden der berühmtesten Männer, und erwarb sie durch Fleiß und Uebung diejenige Geschicklichkeit, wel- che er in der folgenden Zeit durch Schriften und im Predigtamte so vorzüglich an den Tag geleger hat. 1750. gieng er von Jena ab, nachdem er daselbst den Ruf an zwey Orten als Prediger, und einen andern ein Schullehrer zu werden erhalten hatte. Nachdem er sich sorgfältig geprüfte hatte, entschloß er sich denjenigen Vorschlag anzunehmen der ihm die Stelle als Hofdiaconus bey der regierenden Reichsgräftn von Sayn und Wirczenstem zu Berleburg gewährte. Er trat dieses Ammt zu Lerlehurst im Jahr 1730. an, blieb aber nur kurze Zeit daselbst, indem er 1731. statt des verstorbenen Pastors John als Prediger bey der Gemeine des Neumarkts zu Halle im Magdeburgifchen berufen ward. Er nahm diese Stelle an, und hielt am Sonntage Eraudi 1732. zu Halle seine Anzugspredigt. Diese Gemeine behielt ihn nur einige Monathe, allermassen er noch in eben dem Jahre zum Pastor der Morizkirche in Halle berufen ward.

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31 1739. bekam er das Pastorat den der Ulrichs kirche in Halle, und den dieser seiner drittem hallischm Gemeine blieb er bis 1757. da er Königlich dänischer Consisiorialrach, Probst des' Altonaischen und pinnebergischen Consistorii, und Hauptpastor der Evattgelischlutherischen Gemeine nach Altona berufen ward. 1760. gieng mit ihm eine neue Veränderung vor, denn er ward wegen seiner vorzüglichen Verdienste zum Oberconsistorialrath, Generalsuperinteudenren in den Herzogthümern Schleswig und Hollstein, auch Probst in den Aemtern Sottorf, Rendsburg, Husum und Schwab stedt, wie auch in dem Domcapirelsdistrickten ernennet, und bekam nunmehr seinen beständigen Aufenthalt zu Rendsburg. Er ist ein Mann von einer ansehnlichen Grösse und ernsthaften Ansehen, ein guter Canzelrcdner, der mehr die Erbauung seiner Zuhörer, als durch einen gekünstelten Vortrag zu glänzen, zum Augenmerk hat, und ein Beförderer des thatigen Christenrhums. Mit feiner Ehegenoßin, Maria Dorothea Earlin, einziger Tochter des Königl. dänischen Justitzraths und ersten Leibmedici Doctor Johann Samuel Earl, welche er sich 1732. noch zu Berleburg, wo sein Schwieger-

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32 vater damals als Gräflich Sayn- und Mitgensteinischer Leibmedicus stand, beygeleget, und 1771. durch den Tod *) verloren, hat er folgende Kinder erzeugt:

1, Sophia Elisabeth, gebohrenden 14ten April 1733. eine Ehegenoßin des Superintendenten zu Brandenburg, Samuel Struensee,

2. Carl August, Königl. dänischer Ju-

3. Johann Friederich Graf von Struensee, gewesener Königl. dänischer Cabinets-

minister.

4. Samuel Adam, gebohren zu Halle den 1sten Octobre 1739.

5. Maria Dorothea, gebohren den 12ten Merz 1744. eine Ehegenoßin des Königl. dänifchen Conststorialraths und Pastoris zu Schleswig, Theophilus Christ. Schwallmann.

6. Johanna Henrietta, gebohren zu Halle den 3ten Sept. 1745. starb jung.

7. Gotthilf Christian, gebohren zu Halleden 12ten Decemb. 1746. starb jung.

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33 8. Gotthilf Christian, gebohren zü Halle den 7ten May 1752. Königl, dänischer Second- Lieutenand des Leibregiments.

Unter diesen Geschwistern sind nun in den Fall des Bruders verwickelt worden:

Carl August Struensee, Königl. dänischer Justißrath und Deputirter des Generalfinanzcollegii bey der deutschen Cammer, ist der älteste Sohn des Generalsuperintendenten, und 1735. den 8ten August zu Halle gebohren. Er hat zu Halle sich der Gottesgelahrheit gewidmet, ward hernach Professor der Matematick auf der Rikteracademie zu Liegniz, in welcher Stadt er auch des Hofraths Müllers Tochter heyrathete, die noch daselbst wohnet, 1769. aber ans Veranlassung seines Bruders des Cabinetsministers nach Dannemark berufen, zum Justißrath ernennet, und als statt der aufgehobenen Renteund Zollkammer, auch des Commerzcollegii, am 8ten Junius 1771. das Generalfinanzcollegium errichtet war, bey der deutschen Cammer zum Deputaten erkläret wurde. Seine in Druck gegebenen Schriften zeigen seine Geschicklichkeit, wie er denn auch 1771. Anfangsgründen der Befestigunczskunst, herauögegeben hat, welche allgemeinen Beyfall gefunden. Der Fall feines

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Brukers zog dm seinigen nach sich. Die Fünf tige Zeit wird enttvicklcn, wie weit die gegen ihn angebrachten Beschuldigungen gegründet sind.

Weil Samuel Adam Scrumfee gar nicht in diese Begebenheiten verwickelt gewesen, lind auch überdem in der Stille bey dem Vater lebet, so ist nur noch übrig (Botthilf Christian Struensee, Königl. dänischer Secondlieutenant der dänischen Leibregiements zu Fuß, ist der jüngste Bruder des Cabinetsministers, und den 7ten May 1752. zu Halle gebohren. Er hatte gleichfalls den Wissenschaften zu Göttingen ob-

gelegen, *) ward aber den 27sten unit 1771. auf Empfelung seines Bruders zum Secondlieurenant des dänischen Leibregiements zu Fuße ernennet. Bey der durch den Fall feines Bruders veruhrsachten grossen Veränderung ward er zwar gefänglich eingezogen, erhielt aber bald seine Freyheit mir dem Befehl, die dänischen Staaten zu verlassen.

Um nun diese Nachrichten aus dieser in Halle ausgegangenen Schrift vollends herzusehen, so saget dieselbe p. 103. von dem Minister Grru-

*) Die Widerlegung dieser Nachricht fiye in folgenden.

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35 enste annoch dieses: Er ward Königl. Lecteur, 1769. den 12ten May ernannte der Monarch denselben zum würklichen Staaiörath, und am 14ten May 1770. zum Conferentzrath; im December 1770. zum Maitre des requettes, und 1771. im Julius zum geheimten Cabinetsminister. 1771. den 15ten Julius erhob ihn der König in den dänischen Grafenstand, und in eben dem Jahre ertheilte ihm der König den neugestifteten Mathildenorden am 29sten Jenner, als am Stiftungstage 1771. fiel dieser vielgeltende Minister in Ungnade, und die künftige Zeit wird über die Ursachen derselben, so wie über den Grund oder Ungrund aller ihm beygsmessenen Verbrechen, ein mehreres Licht verbreiten. Er ist groß von Person, mehr langsahm als feurig, folglich zu Ausführung grosser Unternehmungen brauchbar, keiner Verstellung fähig, uneigennützig, barmharzig und überhaupt von einem guten moralischen Character, allein von der Seite der StaatSkunst, der nötigen Vorsicht und Klugheit, um weder fremde Mächte gerade vor dem Kopf zu flössen, noch die Feindschaft der angesehensten Häuser des Landes fich auf den Hals zu ziehen, mögten sich ihm Fehler vorwerfen lassen.

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36 In einem unterm 4ten März 1772. von Rendsburg aus an diesem unglücklichen Sohn, abgelaßenen Schreiben, benennet der Vater drey große Krankheiten desselben. Da dieses Schreiben schon zum öftern auch in D. Münters Be- kehrungsgeschichte abgedruckt erschienen: so Halle es für überflüßig, es abermals hier einzurucken.

Es ist mir indessen besonders vorgekommen, daß in diesem Brief einer so schweren Krankheit, welche dieser unglückliche Minister in Gedern ausgestanden habe, gedacht wird. Man findet in allen Nachrichten keine Spur, um welche Zeit und in welchen Umstanden er in Gedern oder Gedern, einem Flecken, ResidenzscShloß und Herrschaft am Vogelberge gewesen seyn mag.

Die schwere Krankheit in Altona muß er in den ersten Jahren seines Dafeyns ausgestanden Haben, und ist es freylich zu bewundern, daß er sich durch diese Anmahnungen, welche sonst viele Menschen zu einer stillen Lebensart zu führen vermögend sind, nicht hat abwenden lassen, ausserordentliche Dinge zu begehren. So viel ich Habe erfahren können, und wie man auch, wann der Vater saget: „Dein Herz wird es dir sagen, wie, ob und in wie ferne du meinen väterlichen

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Vermahmungen nachgekommen bist," schliessen kann, so mögen vielleicht ein und andere bey der etwas freyen, aber wirklich nicht asotischen Lebensart des jungen Physicus, wenn der Vater ihn in Altona besuchte, geschehen seyn. Dennoch sind aber wohl, wie es immer geschieht, mehr üble Gerüchte von dem etwas zu freydenkendcn Sohn durch die allerliebste Schmähsucht der heuchlerischen Welt ausgebreitet worden, als es jemals die Wahrheit gewesen ist. Da man weiß, daß er überhaupt kein Vergnügen daran gesunden, von andern Personen übel zu reden, so ist es um so viel warscheinlicher, daß er feinen frommen Vater noch weniger durch eine beleidi? gende Wiederspenstigkeir schon in diesen Zeiten gereißet und gleichsam, wie ein elendes Gerüchte es auszubreiten gefuchet hat, seinen Ungehorsam zu verfluchen gezwungen, und noch weniger ist es mit der Warheit zu'verbinden, daß er ungeziemende Ausdrücke von seinem Vater und seiner Denkungsart in öffentlichen Gesellschaften als ein Wißling der Mode, gebrauchet habe. Wenigstens ist bis zu einer stehenden Warheit von einem solchen Vergehen nichts bekannt geworden, und mag alles, was davon in der Welt ausge- streuet ist, als ein Geschenke der geißelnden

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Schmähsucht, welche Unglückliche zu beschim- psen bemühet ist, angesehen werden.

So viel stehet man indessen anoden Briefen des betrübten Vaters so wohl, als aus seinem eigenen Geständnisse an die Frau von Berkemm, daß er so, wie er an Würden und Glück stieg, seine ehemalige Beförderer, Freunde, Verwandte und Bekannte, von seinem Fluge zu sehr berauschet, vernachläßigte, und da er seine Erhöhungen nicht einmal seinem Vater bekannt machte, wie leicht war es ihm, die Freundschaft bey Seite zu sehen. Eben diese Warheit ist durch die Nachrichten einiger feiner ehemaligen Freunde, die in dem Fall waren, als er Maitre ries Requetes gewesen, den Thron anzuflehen, bekräftiget worden. Er hat diesen ehemaligen Freunden wirklich stolh lind hart begegnet, und eben diese streuten es aus, daß er die Wörter: Tugend, Menschenliebe und Freundschaft, als einem grossen Geiste unanständige Begriske, völlig verkennte, und wie leicht glaubet die übrige Welt das, was erst wahrscheinlich wird, als eine Wahrheit?

Daß aber einige seiner nächsten Verwandten, als er wirklich seinem Untergang sich näherte, gesaget haben sollen, er hätte sie in seinem Glück

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39 verkannt, sie verkennten ihn in seinem Unglück, kömmt mir unglaublich vor. Es sind Erzähr lungen und Gerüchte. Lieblos zu feyn, ist indessen ein nicht unbekanntes Laster, welches man häufig antrift.

Daß Struensee aber in seinem Glück der Freundschaft nicht völlig abgefaget hatte, zeiget sein Verhalten gegen seinen unglücklichen Freund dm von Brandt, und scheinet es daher, daß sein Anstrengen, die Freundschaft nicht zu fühlen, mehr eine Verblendung als ein wirkliches Vorsatz, alle Tugend und diese sanfte Leidenschaft aus seinem Herzen völlig zu verbannen, gewei sin fey.

Daß übrigens sein würdiger Vater seine Fähigkeit oder Neigung, sich verblenden zu lassengekannt haben muss, und ihn davor gewarnt haben mag, kann man wohl ziemlich gewis aus einigen sehr deutlichen Perioden dieses Briefes wahrnehmen.

Der Inhalt dieses Briefes ftlbsten stimmet Übrigens mit der dogmatischen Lehrart des Herrn Superintendenten völlig überein. Er macht dem an sich schon genug gekränkten und tun diese Zeiten dem Christenchum sich nähernden Gefangenem keine Vorwürfe. Er weiser ihn als ein zärtli-

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cher Vater auf die Heilsmittel seiner Seele, und gehet bey dem, was in der Welt geschehen war, um die wallende Seele nicht mehr zu kränken, sanft vorüber. Die Predigt der Strafe und der Verdammniß war hier unnütz, der Trost konnte dem unglücklichen und von den Lehren des Christenthums gerührten Sohn allein angenehm werden.

Da der Brief dieses unglücklichen Sohnes relativifch auf den vorher erwehnten seines Vaters ist, so verweist ich dem geneigten Leser gleichfalls auf D. Münters Bekehrungsgeschichte dieses unglücklichen Grafens, wo derselbe mit der der Beyschrift des Herrn D. Münters abgedruckt zu finden ist.

Sonsten muß man auch zum besondern Lobe des Herrn Generalsuperintendcnten anzuführen nicht vergessen, daß er sich die dänische Sprache so zu eigen gemacht, daß er in den Districten des Herzogthums Schleswig, in welchen schon Dänisch gesprochen wird, auf den Visitationen, und gewiß in einem zierlichen Ausdruck, in dänischer Sprache seine Amtspflichten auf das erbaulichste auszuüben gewöhnet ist. Hätte doch der Sohn dem Fleiß und der Emsigkeit des Vaters, seinem Amte wohl vorzustehen, nachge- ahmet!

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Das Unglück hat dieser gute Vater christlich und gedultig ertragen. Rendsburg har seine Gelassenheit an dem unglücklichsten Tage, als der Sohn der Gerechtigkeit aufgeopfert wurde, zu bewundern Gelegenheit gehabt. Er soll sich mitten in der zweifelhaften Betrübniß gegen einen Freund haben verlauten lassen, daß, wie auch das Schicksal seines Sohnes ausfallen würde, es immer zu der Verherrlichung des Reiches Gottes dienen müßte. Vielleicht hat der Triumph der Religion in dem Herzen des Sohnes auch diese Verherrlichung zu ihrer Wirklichkeit gebracht.

Daß die Frau Mutter des unglücklichen Grafens noch dem 4ten Merz 1772. am Leben gewesen, beweiset der Inhalt des oben angeführten Briefes, und noch mehr der Ausdruck des Herrn Doctor Münrers, wenn er schreibet: „Ich gebe Ihnen und seiner frommeu betrübten Mutter die heilichste Versicherung rc. warum die Hällische Nachricht sie 1771. hat sterben lassen, kann ich nicht errakhcn.

In dem Briefe des dem Tode sich nahenden Grruenjees findet man, so wie in den andern, ungemein viel sanftes. Sie bewegen nicht, aber sie reihen, von ihm das Gute, was in ihm verborgen war, als eine Wahrheit anzunehmen, und

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daher sicher zu schliessen, daß, wenn er mehr Philosoph gewesen, er auch weit eher als ein rechtschaffener Mann, der sich von der Tugend leiten ließ, würde seine Chimäre verlassen und als ein Christ die Nochwendigkeit, seine grosse Pflichten in Obacht zu nehmen, für seine erhabenste Schuldigkeit angesehen haben.

Ausser diesem durch die Bekchrungsgcschichte autorisirren Brief sind anstoch zwey andere untergeschobene Briefe unter folgenden Titeln dem Publico in der Geschwindigkeit mitgetheilet und ans dem Dänischen übersehet worden:

Ein merkwürdiger Brief an den Grafen J. F. Struensee, von seinem Vater. Flensburg 8vo.

Ein merkwürdiger Brif an den Grafen J. F. Struensee, von seiner Mutter, nach dem Copenhagischen Exemplar, Hadersleben 1772.

In wie weit die geschwinden Verfasser dieser Briefe, die Gesinnungen äuserst betrübter Eltern anögedrucket haben, muß ich den Critikern überlassen. Mich haben sie nicht sonderlich erbauet.

Ueberhaupt werden die, seit dem die Presse freygegeben worden, auögegangenen Schriften zeigen, daß ein Schwarm von Scribcnten es allein ihr Hauptwerk seyn lassen, eben den Mann,

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durch dessen Angebcn vielleicht eine so nützliche Freyheit der Nation geschenkct worden, auf allen Seiten altzufallen, und allen seinen Handlungen eine üble Wendung zu geben. Grruensee machte der menschlichen Freyheit in Dännemark ein grosses Geschenke, seine Belohnung war aber von der Seite der Schriftsteller die allgemeine Belohnung der Welt. Die Anzeige der in den Jahren 71. und 72. ausgegangenen Stachelschriften, welche den jedem Jahre folgen soll, wird das, was ich hier voraussetze, in eine Wahrheit verwandeln.

Warum aber har man den Brief einer betrübten und gottesfürchtigen Mutter eines unglücklichen Sohnes dem Publico vorenthalten? Die Tochter eines Carls hat viel zu viel Borurtheil vor sich, als daß ein jeder, dem dieses Mannes Verdienste bekannt sind, nicht glauben könnte, daß seine Tochter einen derjenigen Briefe würde geschrieben haben, welche durch das traurige Gefühl einer sich der Allmacht übergebenen Seele, ihr ganzes ficht verbreiten. Es fehlet von den Briefen Struensees ausser dem noch ein anderer, welcher dem Publico nicht bekannt gemacht worden, und der vieler Aufmerksamkeit werth seyn soll.

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Die Geschicklichkeit des Herrn, Justitzraths Carl August Struensees, besonders in mathematischen Wissenschaften, ist bekannt; die gute Aufnahme seiner der Welt mitgetheilten Schriften, ist der klare Beweist dieser Warheit, *) Er wurde den 17ten Jenner natürlicher Weise im Anfang als Bruder des verbrecherischen Grafens schuldiger angesehen, als es die Folge der Zeit uns gelehrer hat. Daher war sein Gesangniß hart. Es wurde bald gemildert, und man sähe sehr bald an ihm die gütige Regierung der dänischen Monarchen ausgeübet. Gegen den ten Fehr. wurden seine Schriften von der nieder: gefebten Commißion untersuchet. Im Merz-monath wurde er verhöret, seine Gefangenschaft noch mehr erleichtert, und endlich haben wir von seinem Schicksal und dessen Ende in den Hamburger Zerrungen folgendes gelesen:

*) Die bisher bekannten Schriften, deren Fortsetzung die wissensbegierige Welt ohne meine Anerinnerungen gewis wünschte, sind, soviel mir bekannt geworden:

1) Anfangsgründe der Artillerie. 1760. gr. 8vo.

2) Anfangsgründe der Kriegesbaukunsi. 1771. gr. 8vo,

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Der Justikrath Struensee ist am Sonnabend nach Lübeck abgereiset (den 20sten Jun.) wenige Tage vorher hatte er an den GeheimtenRath Freyherrn Juel von Wind, als erstes Mitglied der Inquisitionscommißion geschrieben, und ihn gebeten, daß er ihm die Erlaubniß auswirken mögte, in die Stadt zu kommen, um seine Sache selbst zu berichtigen, oder daß auch denen, mit welchen er es zu thun habe, erlaubt würde, zu ihm in die Citadelle zu kommen. In dem Antwortsschreiben erhielt er die Nachricht, daß ihm letzteres verstanei werde. Der König hat ihm auch eine Obligation auf 2000 Thaler, die er kurz vor dm 17ten Jan. von seinem Bruder geliehen, geschenkt, und vom tzten Jul. schreibet die Zeitung:

„Der Justitzrarh Struensee ist gleich nach seiner Ankunft zu Lübeck nach Rendsburg gereiset, um daselbst seinen Vater den General- Superintendenten zu besuchen." Hier muß ich ihn verlassen, vermuthlich wird er wieder nach Liegnitz gehen. Welch eine Unterhaltung!

Seine Verantwortung soll nur drey Bogen enthalten haben, aber bündig, treffend und männlich geschrieben seyn. So viel ist gewiß, daß seine Gelehrsamkeit und Verdienste nicht ge-

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46 mein gewesen seyn sollen. Ja sie sind von hohen Personen im Reiche erhoben worden. Man hat ihn wegen der Verwicklung mit dein Verbrechen seines Bruders bedauert. Die Folgen haben gezeiget, daß diese Verwicklung dennoch nicht in einer zu genauen Verbindung bestanden haben muß. Man hat geglaubet, daß er in der Verwaltung der Finanzen seinen Nutzen, wenn er erst von dem Reiche sich eine sichere Erkenntniß würde erworben haben. Hätte stiften können. Er hat auch als Deputirter der Rentekammer einen und andern wohl verdienten und bey diesen unruhigen Zeiten hintan gesetzten Unterthanen Gerechtigkeit wiederfahren lassen.

Kurz vor Weynachten 1771. reiste der Herr Lieutenant von Seiner, ein Sohn des berühmten und verdienstvollen Geheirntenraths und Professors in Halle, mir seiner Gehülfin und noch einen Begleiter nach Copenhagen. Den Umständen und den Verbindungen unter ihnen nach, war ihm wohl von dem Herrn Justitzrach Struensee diese Reise angerahten worden. Allein die Zeiten änderten sich zu bald, und der Herr Lieutenant von Gegner reiste nach den Nachrichten des Adreßcomtoirs sehr bald wieder nach Lübeck, Und vermuhtlich von da, sich bey seinen grossen

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Monarchen ferner verdient zu machen, nach Schlesien, wo er im der Gegend von Liegniz Besitze hat, und werden also die Verbindungen der Freundschaft, welche unter ihnen sind, da ferner fortgesetzet werden können, wo sie ihren Anfang genommen haben.

Des Herrn Lieutenant Struensee, der nicht in (Göttingen, sondern in Kiel den Studien obgelegen, Unschuld, und daß er keinen Antheil an denen Verbrechen, welche seinem gräflichen Bruder zur Last geleget worden sind, genommen hatte, muß sehr bald bekannt geworden seyn. Man verabschiedete ihn als einen auf hohen Schulen lebenden jungen Menschen, mit einem Geschenke von 200 Thaler und einen Reisepaß. Er besuchte seinen betrübten Herrn Vater in Rendsdurg, gieng nach Hamburg, von da ihm die gar zu grosse Neu- begierde der Börse, welche bey seinem Anblick ausserordentlich gewesen seyn soll, und diese Erzählung sicher auch einer Stadt Hamburg ist, ähnlich, seinen Aufenthalt in der Nähe und zwar in Kiel zu nehmen, wohl angerahten haben mag; von seinem weitern Glück, welches ich, da ich dieses schreibe, an seinen Ort gestellet seyn lasse, ist bekannt geworden, was ich in der Note mit

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48 meinem Gewährtsmann anführe. *) Ich verlasse die angeführte gallische Schrift, und werde zu meinem GeleitSmann besonders diese dänische sehr unpartheyisch und mit vieler Behut- samkeit geschribene Schrift, deren Titel ich bereits angezeiget habe --- erwählen. Diese Schrift, welcher ich nunmehr als einer autoristrten und sehr unpartheyischen Nachricht Fuß für Fuß folgen werde, machet uns ebenfals wenig von den erstern Jahren des unglücklichen Ministers kund. Sie saget von dem Vater desselben, daß er alle väterliche Führsorge, das zeitliche und ewige Wohl dieses Sohnes zu befördern, angewendet. habe. Daß der Sohn ein gutes Gedächmiß,

*) On apprend que Lieutenant Struensee, qui peu de tems avant la detention du Comte fon firere, a obtenu fion eongè à Conenhaguen eft arrivé à Berlin, et que fêtant rendu à Potzdam auprès du S. M. l’a pris à fon Service en lui accordant une pension et un rang parmi les officiers, qu’on nomme de la fuite du Roi. Journ. Encyclop. Avril 1772. p. 323. Mercure historique le Mois de Juin 1772. p. 673

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Gelehrsamkeit und BmrtheilungSkraft besessen. Daß freylich ein Gerücht gegangen, er halte nicht viel von der Religion, und auch dieserwegen habe ihm sein Vater stets sein Mißvergnügen bezeuget. Indessen wären unter seiner kurzen Ministerschast dennoch viele nützliche Veränderungen geschehen, und manche gute Verordnung ausgegangen.

Meine mich leitende Schrift sagt ferner: der König liebte Srmeirsee, und daß die Königin Carolina Mathilda ihn ebenfalls liebte und viele Gnade vor ihn hatte, daran durfte keiner zweifeln. Da ihn nun bende Majestäten schätzten, so war es desto leichter alles das zu werden, was er wurde, aber so gefährlich war es auch, das zu bleiben, was er war, und sich in den eingenommenen Posten zu erhalten, wann nicht die Gottesfurcht und die Religion feine Handlungen segneten und begleiteten.

Von dem Guten, was man von ihm weiß, kann man freylich nicht viel in Absicht der Eigenschaften seiner Seele und seines Geistes sagen. Von seinen innerlichen Character mehr der Welt mitzutheilen, ist nur der vermögend, der einen.

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50 nähern Umgang, welchen Der Verfasser nicht gehabt hat, mir demselben gehabt haben mag.

Der dänische Verfasser ist also wohl von der genauen Kennlniß des innerlichen Characters dieses Unglücklichen eben so wenig unterrichtet, als alle die, welche von ihm schreiben, seyn. werden, und ich habe Ursache zu glauben, ja viele Umstände seines Verhaltens machen mich noch gewisser, daß ich mir beynahe zu behaupten getraue, daß ausser seinem bedaurenö wehrten Freund, dem Herrn von Brandt, vielleicht nicht drey Personen sagen können, ihn recht genau gekannt zu Haben. Ich will nur dies zu fernem moralischen Character noch hinzuseken, daß ich nicht unrecht Haben werde, wenn ich behaupte, er fen, wenn er auch Moral besessen hat. Vermöge seiner gar nicht gezähmten Leidenschaften nicht vermögend gewesen, dieselben zu mäßigen oder zu bändigen. Er war ein Feuer, das auf einmahl ausbrach, und immer mehrere Nahrung haben wollte. Man stehet an ihm einen Fehler, welcher andern in Ley- denschasten vergrabenen zum Beyspiel dienen mag.

Hätte er diese Grundsätze, die ich mir einsmals aus einem Wochenblatt, welches ich nicht mehr be-

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nennen kann, ausgeschrieben habe, von der Tugend inne gehabt, vielleicht würbe er seine ehrgeißige Chimären gedämpfet haben, und kein polirischer Phaeton des dänischen Reichs geworden seyn.

Denen zum besten, welche so viel von diesem gefallenen Minister hören, und ihn dennoch nicht gesehen haben, machet der Verfasser die Beschreibung seiner Person also:

Er war ein starker und sehr breirschulrerigrer Kerl, beynahe von gardemäßiger Höhe, sah nicht übel aus, hatte eine zimlich lange nase, ein munteres Ansehen, spielende und durchdringende Attgen, einen freyen Gang, und er führte sein Pferd sehr aur. Die Sreyheir folgte stimm ganzen Wesen, bey dem Konig und unter den Hofleuten fochte ihn, gleich als wenn er ein gebohrner Edelmann gewesen, und bey Hof wäre auferzogen worden, gar nichts an.

Mir kurzen, bey den Eigenschaften seiner Seele und seines Leibes hätte er ein liebenswürdiger Hof- und ein tüchtiger

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52 Der Verfasser beschreibet die Person unsers Helden naif genug. Ich habe mich bestmöglichst erkundiget, ob er einen richtigen Umriß gemacht, und Personen, die ihn mehr als einmal gesehen haben, versichern, daß das Gemählde richtig getroffen fey. Ob er in Halle oder Altona die Kunst sein Pferd wohl zu führen gelernt habe, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.

Daß sein Umgang nichts furchtsames zeigte, kann sehr wohl angenommen werden. Er hat mit den angesehensten Personen in Altona und den dortigen Gegenden so viele Jahre einen vertraulichen Umgang gepflogen; ungeschickt war er nicht, und dies Bewust seyn war ihm vielleicht natürlich, warum sollte er sich am Hofe, da er zumal einen Schritt nach dem andern in die Höhe that, einer Furcht haben merken lassen. Die Furcht würde ihn gleich gedemühtiget haben, und das war, aller Wahrscheinlichkeit nach, seiner Art zu denken, und den Endzwecken, welche er ansführen wollte, im Diameter entgegen. Er muste sich also weil eher Kühn zu seyn zwingen,

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53 Der Verfasser, welchen ich also zu meiner Leitung, etwas ordentliches, vollständiges und zusammenhängendes von diesen Vorfällen zusamt men zu bringen, gebrauchen will, sänget nach diesen Beschreibungen den 6ten Jun. 1768. seine Geschichte an, und will mit der Ausreise des Königs den fernern Schicksalen des nunmehrigen Königl. Leidmedicus bis zu dem 17ten Jan. 1772. Schritt vor Schritt folgen, und einen Zeitraum von 4. und einen halbenJahre genau beschreiben.

Der König reifte als Prinz von Travendahl delt 5ten Jun. von Altona ab, und Struensee folglich als Königl. Leibmedius mit.

Erhalte also das Glück viele gelehrte Männer

und besondere Merkwürdigkeiten zu sehen.

Er betrug sich auf der ganzen Reise mit der Freyheit und dem kühnen Muth, welche ihm stets folgten.

Die Reift ging über Herrnhausen nach Hanau, von dar nach Frankfurt, Maynz

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54 und Cöln. In Amsterdam besuchte er den botanischen Garten und die Anatomie. In Leyden, Harlem, Haag und in mehreren Städten, durch welche der König ging, besah er, so wie er Zeit und Gelegenheit hatte, die medicinischen (vermuhtlich botanischen) Garten, Naturalien- Cabinetter, Akademien, öffentliche Bibliotheguen, Anatomiekammern. Er versäumte gar nicht alle Stiftungen und Einrichtungen, welche nur einen Einfluß in seine Wissenschaften hatten oder zu der Vermehrung seiner Einsichten in andern Theilen dienen konnten, zu besuchen. Das Vergnügen den dänischen Monarchen bey der Tafel zu sehen, hatte viele Zuschauer herbeygezogen, und diese Zufälle hatte er mit denen, welche dem König folgten, gemein. Vermuhtlich hat er sich aber alle dergleichen Gelegenheiten auf eine ganz andere Art, als die übrigen, zu Nutze zu machen gewußt, um endlich den Grund zu dem nachher gefolgten Umgang mit dem König zu legen.

Diese Reflexion meines dänischen Verfassers ist durchaus dunkel. Man könnte verschiedene Muhtmassungen, wie unser Leibmedicus Gelegenheit, wenn der König auf seinen Reisen, öffent

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lich gefpeifet hat, gefunden hätte, desselben Gnade durch einen oder den andern Weg zu gewinnenbekommen, beybringen. Ich überlasse diese Muthmassungen den Scharfsichtigen, in welche Classe der Menschen aber ich mich.nicht habe ein? schreiben lassen.

Er kam mit dem König nach England, und die Freude des englischen Volkes bezeugte das Vergnügen desselben. Er sah die Ehrerbier tung eines fremden Volkes gegen diesen jungen König, ließ sich aber zu keiner Erinnerung dienen, sondern er vergaß die Ehrerbietung, welche er seinem Monarchen schuldig, war, sehr hald.

Jede Gelegenheit diente seinen Ehrgeih zu vergnügen. Er wurde den 14ten Sept. 1768. Doctor und Ehrenmitglied der medicinischen Facultät in Oxford, als der zweyte Ausländer, welcher diese Ehre genossen hat.

Den 14ten Oct. reiste Struensee mit Sr. Majestät von Dower aus England ab, kam den Nachmittag um 6. Uhr nach Calais. In Paris traf Ihro Majestät den 21sten Oct. ein. Er sah Paris, Versailles, Fontenebleon

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56 und den prächtigen französischen Hof, und kam den 6ten Jun. 1769. wieder mit dein König, welcher ausser einer kleinen Verkalkung beständig munter und wohl gewesen, als ein wohl verdienter Doctor, glücklich zurück.

Den 14ten eben dieses Jahren hielt der König seinen erfreulichen Einzug in Copenhagen. Hier hätte bey der Frende der Unierthanen cs sich Grruenfee eine Warnung seyn lassen sollen, seines Königs heilige Person unterrhänig zu verehren.

Der König kheilte um diese Zeit vielen Rang und Ehrentitels aus. Und diese Gnade legte derselbe auch gegen Struensee an den Tag. Er wurde den raten May 1769. wirklicher Etatsrath. Dieser Rang gab ihm die Freyheit bey allen Feyerlichkeiten des Hofes zu erscheinen. Er nutzte diesen Zugang, und befestigte fein Glück bey Ihro Majestät ie mehr und mehr. Vieler Augen wendeten sich auf ihn, und man fing an zu glauben, daß er Einfluß habe; man fing an ihm aufzuwarten.

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57 Die Dänen sind Menschen, wie andere Menschen, und der grosse Haufe ist eben so gesinnt, wie der grosse Haufe anderer und aller Nationen. Eine ausgehende Sonne ist immer ein Phanomenon welches sich der Adoration nähert, man gaffet sie an, wie die müßigen Pariser iho die Venus angaffen, so wie einer untergehenden Sonne Staub nachgeschmissen wird. Das Gerüchte har so gar haben wollen, daß seinem Bruder dem Lieutenant bey seinem kurzen Aufenthalt in Copeuhagen, vermuthlich von kurzsichtigen Menschen, schon vielbedeutende Aufwartungen gemacht worden sind. Eine Schwachheit derer Menschen, welche ihr Glück bey den ihnen so ähnlichen Sterblichen suchen, indem sie nicht Kräfte genug haben, ihr Glück selbst zu bilden, und nicht wissen, was man der alles bestimmenden Vorsicht schuldig ist.

Fünf Monarh darnach, als er Etatöraht geworden, wurde sein Bruder Carl August Struensee, Professor Matheseos zu Liegnitz, den 13ten Oct. 1769. Königl, dänischer Justißrarh. Man hat Ursache zu glauben, daß er von dieser Zeit an den Plan, welchen er nach-

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her auszuführen getrachtet, nachgegrübelt und entworfen habe.

Der Plan selbst, welchen Grruenste hat ausführen wollen, ist weder von diesem oder einem andern Schriftsteller nur in etwas bekannt gemacht worden.

Dieser Tietel gab dem Bruder Gelegenheit auch wirklich in Dienste zu kommen, und man stehet, daß die Schwachheit, welche die meisten Günstlinge grosser Herren, ihre Angehörige zu befördern, haben, ebuermaffen auch ihm ange hänget habe. Sind doch die Päbste von dieser Seuche angestecket!

Es ist unmöglich alle Canäle, durch welche er seinen Plan auszuführen, mag gewaget haben, zu beschreiben. So viel kann man merken, daß er seine einzige Bemühung, daß ganz Europa von ihm wissen und reden sollte, hat seyn lassen. Er sah aber noch immer, daß ec an dem Hofe nur eine kleine Creatur vorstelle, und deswegen suchte er eine bequeme Gelegenheit sich ferner weit zu zeigen. Er war auch nicht müßig. Er suchte sich den Nahmen eines däni-

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schen Patrioten zu verschaffen. In seinem jetzigen Cirkel konnte er keinen bessern Weg finden, als den Monarchen den Ruhen und die RothWendigkeit des Blattereinpeltzens anzupreisen, und bey einer Königl. Stiftung ein Directeur mit zu werden. Sein Wunsch wurde auch er; füller, Sr. Majestät befahl den istcn Decemb. 1769. daß die Eratörähte von Berger, Stru- ensee und Linde mit dem Justihrath IenseMUS eine Stiftung nach einem von ihm abgefahren Plan vor der Stadt anlegen sollten, in welcher die armen Kinder frey, vermögende vor Bezahlung unter der Direction dieser Herren inoculiret werden sollten. Die Sache wurde Jhro Majestät so vorgestellet, daß allerhöchst Dieselben in 5 Jahren jährlich 4000 Thaier dazu schenkten, und alle andere Inoculation in der Stadt wurde verboten. Diese Stiftung daurer noch, und das Gebäude stehet vor dem Norderthor, bey der sogenannten Solitude, und der Ruhen derselben ist verschiedenemal in den Zeitungen bekannt geworden.

Unterdessen erhielt er wichtigere Aemter bey dem Hof. Er wurde Lecteur du Roi, doch weiß man nicht einmahl, um welche Zeit er die-

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sen Posten zu bekleiden angefangen hat. Nun- mehr hatte er schon mehreren Zugang zu Ihro Majestät. Er war also einen ansehnlichen Schritt weiter gekommen.

Und so hoch war Grrueniee mit dem Ende 1769. gestiegen. Mir dem Jahr 1769. will ich den Lauf meines Heldens also endigen. Das unparkhcyische Publicum mag nun urtheilen, ob ich diejenigen Schriften, welche das Leben desselben schon so frühzeitig, als es nur möglich gewesen, der Welt dargelegct haben, vorbey gegangen, und ob ich etwas mehreres, als sie alle gefaget habe. Es ist schwer von einem Manne viel sagen zu wollen, dessen erste einge: schrenkte Lebensart sich in einer glänzenden Laufbahn zu zeigen, nicht gleich Gelegenheit gab. Hipomenes lief nur in der Zeit der Fabel nach dem Ziel und wo sinder man ibo goldene Aepfel, da die Königlichen Garten der Gesperiden nicht mehr da sind? Am Ende dieses Jahres war also die Grundlage zu derjenigen Höhe, zu welcher Grruenjee nicht stieg, sondern gleich: sabm flog, noch immer wenigstens durch anscheinende Verdienste geleget, und hätte er nicht ein so göspannetes Seegel, das Schisk feines

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Glückes immer \ würde er offenba geschickter Arzt,

Königs zu heissen, würde ihn geschähet.

Beförderer der Gesundheit des besten Königs, geliebet und verehret haben. Hier hatte er mit dem schlauen August denken sollen: Eile mit Weile. Allein das Herz des Menschen ist ein ungründlicheS Meer, das Glück verblendet den Doctor, er kletterte einen Felsen hinan, dessen Höhe zu gewinnen, er niemals zu erreichen im Stande war.

Ende des ersiert Stücks.

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