? Entdeckung der wahren Absichten des Staatssystems der Dänischen Regierung enthaltend die wahren Ursachen der letztern Revolution zu Copenhagen. Auf glaubwürdige Schriften gegründet von Christian Adolph Rothes [...] ursprünglich französisch zu Hamburg herausgegeben.

Entdeckung

der wahren Absichten

des

Staatssystems

der Dänischen Regierung

enthaltend

die wahren Ursachen der letztern

Revolution zu Copenhagen.

Auf glaubwürdige Schriften gegründet von

Christian Adolph Rothes

vormaligen Conferenzrath und Cabinetssekretär seiner Majestät Christian des Siebenden und Oberassessor des höchsten Raths zu Altona,

ursprünglich französisch zu Hamburg herausgegeben.

Quis talia fando Temperet a lacrymis. VIRGIL

1772

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Entdeckung

der wahren Absichten,

des Staatsystems der Dänischen Regierung.

Kaum hatte Friedrich der Fünfte,

glorreicher Gedächtniß, die Augen geschlossen, als die verwittwete Königin Juliana Maria, eine hochmüthige, ehrgeitzige, Ränke- und Verstellungsvolle Fürstin, den ungerechten und verwegenen Entschluß faßte, den Scepter denen schwachen Händen Christians des Siebenden zu entreissen, dessen Jugend und Blödigkeit die verderblichen Anschläge dieser arglistigen Stiefmutter anfeuerten. Sie hatte schon verschiedenemale selbst bey Lebzeiten des hochseligen Königs ihres Gemahls, ihren Haß und Widerwillen ge-

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4 gen den Kronprinzen ausbrechen lassen, als gegen das einzige Hinderniß, welches ihren eignen Sohn Friedrich, den Weg zum Thron versperrete, auf welchen ihn zu heben, sie sich eifrigst bemühete. Es sey nun Furcht oder Staatsklugheit von Christian den Siebenden der in seinem siebenzehnten Jahre zur Krone gelanget, so bezeigte er doch seiner Stiefmutter, ohn- geachter ihrer Verachtung gegen ihn, alle Ergebenheit, welche ihr Rang und ihr Ansehen im Staatsrath zu erfordern schie- nen. Das einzigemal wo er Standhaftigkeit bezeigte und sich ihrer Meinung muthig widerfetzte, war in der Wahl der Englischen Prinzeßin Mathilde, welche Verbindung so wenig, als die dazu angesetze Zeit die verwittwete Königin genehmigte. Der schwache und zarte Körper des jungen Monarchen, der durch den Aufschub dieser Heirath leicht ohne Nach-

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5 kommenschaft sterben könnte, war der geheime Bewegungsgrund ihres Widerstrebens. Sie fürchtete überdem durch die junge Königin das Ansehen zu verlieren, welches sie über den Geist des Königs sich angemaßet hatte, und die Macht, die sie im Staatsrath zu behaupten entschlossen war. Sie konnte ihren Widerwillen nicht verbergen als die Königin Mathildis in Kopenhagen ankam, und in dieser Residenz mit allen Vorzügen der Jugend und Schönheit unter den einmü- thigen Frohlocken eines Volkes erschien, das von ihrer Annehmlichkeit und Leutseligkeit bezaubert war.

Weder die Gefälligkeit dieser liebenswürdigen Fürstin, noch ihre reizende Bildung, noch die Achtung und Aufmerk- samkeit, welche sie der verwittweten Kö- nigin bezeigte, waren fähig diesen hoch-

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müthigen und rachsüchtigen Geist zu be- sänftigen. Sie stattete der jungen Kö- nigin keine andere Besuche ab, als die das Etiquet und der Wohlstand forderten. Sie begegnete ihr stets mit einem schimpf- lichen Uebermuth, suchte sie wegen ihrer Jugend und wenigen Erfahrung zu ver- achten, und kränkte sie durch beleidigende Urtheile über ihre Nation. So Viele schlechte Begegnungen und wiederhohlte Beleidigungen, bey denen der König gleichgültig schien, machten in dem Her- zen der Königin Mathilde einen widri- gen Eindruck gegen ihren Gemahl, und Abscheu gegen die herrschsüchtige Wittwe. Listig beredete diese den neuvermählten König, seiner Gemahlin und Staaten einer gefährlichen Cabale, welche sie bereits ge- schmiedet hatte, zu überlassen, unter dem Vorwand seinen Geist mit nützlichen Kenntnissen zu schmücken, und seine Ein-

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7 sichten durch Reisen und Beobachtungen an den vornehmsten Höfen von Europa auszubreiten. Sie hoffte seine Abwesen- heit sollte ihre beyderseitige Liebe gänzlich auslöschen; während der Trennung wür- den keine Erben zu hoffen seyn, und die junge so vernachläßigte Königin könnte leicht einen unbedachtsamen Schritt thun, dessen sie sich geschickt bedienen wolte, ihre Aufführung zu tadeln und ihre Tugend in Verdacht zu bringen. Mathil- dens Lebhaftigkeit, Munterkeit und freyes Betragen unter einer phlegmatischen, zurückhaltenden Nation, dienten den Absichten ihrer Feindin zu glücklichen Vorzeichen. Den Grafen von Bernstorff ausgenommen, (einen großen Staatsmann, den Christian der Siebende in seinen Diensten behalten hatte, und der verwittwete Königin gezwungen, feine Tugend die sie nicht bestechen konnte, zu fürch

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8 ten) waren fast alle Herren die mit dem König reiseten, junge Weibische Wollüst- linge, die sich in die Wette bemüheten die Aufsicht über die kleinen Ausgaben eines Herrn zu haben, der mehr den Ehrgeitz besaß von Frauenzimmer ge- liebt zu scheinen, als er geschickt war sich bey demselben beliebt zu machen.

Die junge Königin wurde eines unbe- dachtsamen Monarchen überdrüßig, der niemals ihr Vertrauen und ihre Hochachtung zu verdienen sich bemühte, und sich ihrer Zärtlichkeit durch seine kleinen Liebeshändel in London und Paris unwürdig machte. Fremd in der Hauptstadt ihrer Staaten, suchte sie sich für den Zwang und die Langeweile eines traurigen und fast leeren Hofes, durch Zeitvertreibe schadloß zu halten, welche von einer eifersüchtigen Aufseherin nicht als mit der

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Würde einer Königin, noch mit der Schamhaftigkeit eines Frauenzimmers bestehend, abgemahlt wurden. Mathildis kleidete sich bey ihren öftern Spatzier- reiten und auf der Jagd als Amazone, diß ärgerte die ganze Geistlichkeit, und weil sie vertraulich mit denen umgieng die bey diesen Parthien in ihrem Gefolge waren; so beklagte die fromme liebesvolle Juliana Maria mit ihren Vertrauten, die Unbedachtsamkeit der jungen Fürstin, welche dadurch ihren Rang verächtlich machte und ihren guten Namen befleckte. Alle Moden und Gebräuche, welche die junge Königin zu Kopenhagen eingeführet hatte, waren dem Tadel der Königin Wittwe als sonderbar, ungeziemend und lächerlich ausgesetzt. Sie ließ sogar dem König während seines Aufenthalts in England und Frankreich heimlich wissen, seine Gemahlin stünde mit einigen

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10 ihrer Günstlinge in gar zu genauer Verbindung, und der Fürst hatte die Schwachheit diese verläumderische Beschuldigungen zu glauben, anstatt die Erfinderin derselben zu bestrafen.

Ohngeachtet der hohe Englische Adel durch Anrichtung der prächtigsten Feste@und kostbarsten Mahlzeiten, für den König von Dännemark, dem Französischen zum Beyspiel, gedient hatte; so bezeigte er doch viel Partheylichkeit und gab dem letztern Hofe einen offenbaren Vorzug. Er schenkte dem ältesten Sohn des Her- zog von Duras ein Regiment Dänischer Reuter: Seine Gemahlin sagte deswegen „er sey ein guter Franzose, aber ein „schlechter Staatsmann." Dieser Einfall wurde ihm durch die Kundschafter der verwittweten Königin mit vielen Vergrößerungen wieder gesagt.

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11 Der junge König kam ungerechter Weise wider seine Gemahlin eingenommen, in seine Staaten zurück, anstatt ihr also seine Freude, sie wieder zu sehen, blicken zu lassen, brachte er sie durch Gleichgültigkeit und Kaltsinn gegen sich auf. Die Königin Wittwe nahm den Schein der lebhaftesten und aufrichtigsten Freude an, sie wünschte ihm Glück im Namen aller rechtschaffenen Dänischen Patrioten, die sich während seiner Abwesenheit auf ihre Landgüter begeben hätten, um sich den Beschimpfungen der Günstlinge der jungen Königin zu entziehen. Alle diese falsche, boshafte Vorspiegelungen, entfernten den König immer mehr und mehr von seiner liebenswürdigen unschuldigen Gemahlin, die sich dagegen mit Ausspähern umgeben sah, welche den schwarzern Entwürfen eines Ränkevollen treulosen Weibes gewidmet waren. Bemüth den

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12 Staatsrath des Königs allein zu regieren, um dessen Macht zu vernichten, sahe sie mit eifersüchtigen Augen die große Gnade, die der Graf von Holke genoß, und das Vertrauen, womit der König seine Reise- gefährten beehrte, an. Durch geheime Triebfedern brachte sie die Grafen Holke, Moltke, Thott, Reventlau, die Freyherrn von Schimmelmann und von Bülow, und den Herrn von Rosenkranz, in Ungnade, sie wurden auf ihre Landgüter verwiesen, und gezwungen, ihre Bedienungen ohne Gnadengehalt niederzulegen, zur größesten Verwunderung der Nation, welcher niemals die Ursachen einer so unerwarteten Veränderung bekannt gemacht sind. Unter diesen Umständen verließ der Rußische Minister, der General Phi- losophow, den Hof, ohne Abschied zu nehmen. Man schrieb alle diese Veränderungen dem Vorzug zu, welchen Frank

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13 reichs Rathschläge hätten; auch ist die verwittwete Königin, würklich diesem Hofe gänzlich ergeben, Und sie begegnet dem Minister desselben mit den schmeichelhaftesten Vorzügen.

Der Staatssecretär, Graf von Bern- storf, den der vorige König und die ganze Nation verehreten, dessen durchdringender Verstand, dessen Geschicklichkeit und Erfahrung in den Geschäfften bishieher über die kleinen Kunstgriffe und Anschläge der verwittweten Königin gesieget hatte, erhielt Befehl, seine Bedienungen niederzulegen, mit der Erlaubniß, sich nach Hamburg zu begeben, wo er nämlich gestorben ist. Hier ist eine genaue Abschrift des Briefes, welchen er bey Gelegenheit seiner Dienstentlassung an den Freyherm von Bülow schrieb.

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Man lieber Freyherr?

„Schon lange Habe ich die plötzliche Veränderungen vorausgesehen, die sich jetzt zutragen. Dieses ist pur das Vor- spiel einer noch unglücklichern Revolution die ganz Europa in Verwunderung setzen wird. Die Schwachheit des jungen Königs, die Unvorsichtigkeit der Köni- gin und der unermeßliche Ehrgeitz der Königin Wittwe, stürzen die regierende Familie und vielleicht ihre Nachkom- men in die erfchröcklichsten Unglücksfälle. Ich bedaure den Monarchen, ich habe Mitleiden mit seiner Gemahlin, und verabscheue die Grundsätze von Ju- liane der Machiavellistin. Ich wün- sche Ihnen sowohl als mir Glück, daß wir in der Entfernung leben, sicher für das Gewitter, das schon aufsteigt. Gott sey Dank, ich bin nicht in dem

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Geheimniß verwickelt, aber ich weiß, daß die Wittwe fähig ist, alles der Beförderung ihres lieben Friederichs aufzuopfern. Sie ist ein böses Weib, die nur schmeichelt, um zu verrathen, die nur ihre Dienste anbietet, um zu ihrem Endzweck zu gelangen. Sie sind lange von ihren Anschlägen betrogen, und ich habe mich derhalben widersetzt. Die Geistlichkeit hat sie schon durch ihre Heucheley gewonnen, und ich fürchte, Sie verführt den Kriegsstand durch eingeflößte Verachtung gegen Ihren Monarchen. Leben Sie wohl, mein lieber Freund, leben sie glücklich und ruhig, wie ich, ich bin Ihr aufrichtiger Diener und getreuer Freund

Bernstorff.

Hamburg,

den 24. Marz, 1771.

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16 Die Revolution vom 17. Jenner har die Vorhersagung dieses Staatsmanns wahr gemacht.

Nur den Doctor Struensee, konnte sie ohngeachtet aller ihrer Cabalen nicht vom Hofe entfernen, wo er vom König und der Königin gleichmäßig geliebet und geehrt wurde. Seine Einsicht in die Arzneywissenschaft und Chymie bewog den König, ihn bey seiner Durchreise in Altona, wo er seine Wissenschaft trieb, in sein Gefolge aufzunehmen. Er wurde nachher zum Leibarzt des Königs ernannt, und stand der Königin bey ihrer Niederkunft bey. Er ist von einer ansehnlichen, obgleich bürgerlichen Familie, und sein Vater Generalsuperintendent im Herzogthum Holstein, wo er große Achtung genießt. Er war zu deren erschrecklichsten Denkmahl der unversöhnlichen Rache der

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verwittweten Königin aufbehalten, plötzlich wurde er auf den Gipfel der Ehre erhoben, um in einen schimpflichen Kerker geschleppet, mit Fesseln beladen zu werden, und auf deren Blutgerüste sein Leben zu endigen. Die junge Königin fing an, ein Mißtrauen in die verderblichen Anschläge Julianens, zu setzen und suchte ihnen dadurch vorzubeugen, daß sie lauter neue Günstlinge an ihren Hof nahm, aber mehrentheils Leute, die alles dem Glücksfall zu danken, ohne Ansehen oder Familie, im Staat voller Ränke, ohne Staarsklugheit, hochmüthig im Glücke und stolz auf ihre Macht waren. Mit einem eingeschränkten Genie und mittelmäßigen Einsichten, waren sie nur bedacht, den Staat zu plündern, und ihren armen An- gehörigen schnell Reichthümer zusammen zu häufen; diese plötzlich erhobene Ausländer, wurden also durch ihre Unvorsich

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18 tigkeit und Erpressungen, den alten Fa- milien des Königreichs, verhaßt. Mathildens Unglück war ihr Mangel der Beurtheilung bey der Wahl ihrer An- hänger; dieser Fehler hat ihr ganzes Un- glück verursachet.

Während allen diesen Veränderungen, welche die verwittweie Königin dem Eigensinn und Ehrgeitz der jungen Königin zuschrieb, beschäftigte sich der König mit den heilsamsten Entwürfen zur Glückse- ligkeit seines Volkes, und zur inneren Policey des Reichs. Er ließ ein königli- ches Hospital bauen, welches schwachen und alten Soldaten zur Zuflucht dienen solte: er munterte den Ackerbau, die Handlung und die Manufacturen auf, und um seine Unterthanen zu unterrichten, und ihre Erkänntnisse zu erweitern, befahl er durch ein Edict, daß alle in seinen

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Staaten herauskommende Werke künftig, Censur-frey seyn sollten.

Plötzlich fiel der junge Monarch, der geschäfflig und wachsam die Unordnungen der Regierung verbesserte, in eine Schwachheit und Art von Blödigkeit deren wahre Ursache man nicht sogleich errieth. Struensee, der vom ersten Leibarzt der königlichen Familie zum Grafen gemacht, und unüberlegt zum Range eines ersten Ministers erhoben war, zog sch natürlicher Weise, den Neid der Grossen des Königreichs zu; welchen denn die verwittwete Königin zu verstehen gab, daß dieser Ausländer, dessen Grundsatz wäre, den Adel herunter zu bringen, und Leute von eben so dunkler Herkunft in die vornehmsten Staatsbedienungen zu setzen, seine erstaunenswürdige Erhöhung aber, einer schändlichen Neigung der Königin zu

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20 danken habe, daß diese in ihrem, Herzen die Dänen verabscheuete, den König und den Staat durch ihre leichtfertige Aufführung entehrete, und entschlossen schiene, ohne allen Rückhalt mit ihren unwürdigen Günstlingen zu regieren. Die Unthärigkeit und der schwache Verstand des Königs, dieneten den ungerechtesten und gräulichsten Verdacht gegen Struensee, zu bestärken; man beschuldigte ihn des erschröcklichen Verbrechens, er habe dem jungen Monarchen Gift beygebracht, welches seine Kräfte verzehrt, und sei- nen Geist geschwächt hätte; daher kamen die Unordnungen und schändlichen Aus- schweifungen, die den Souverain der Verachtung seiner Unterthanen blos stel- lete, und ihn gegen die Vergehungen der jungen Königin und die Verbrechen ihrer Günstlinge gleichgültig machten.

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21 Diese in der Hauptstadt listig ausgearbeiteten Gerüchte, machten auf den Kriegsstand und die Bürgerschaft den Eindruck, den die verwittwete Königin vorhergesehen hattte. Sie hatte den Kunstgriff gebraucht, die Grafen Thott und Osten, die Obersten Keller und Scheffer, und alle die Commissarien in ihre Parthey zu ziehen, welche nachher den Auftrag erhielten, den Proceß der Königin und der übrigen Gefangenen zu machen. Der Graf Ranzau, der sowohl bey der Armee, als bey dem Volke, in größestem Ansehen stand, war von ihr ebenfalls, wegen der großen Staatsveränderung, die sie im Sinn hatte, erforscht worden: aber, ob er sich schon öffentlich wider den ersten Minister und dessen Anhänger erklärte, so ließ ihm doch sein natürlicher Stolz nicht zu, sich in eine Verschwörung einzulassen, in der er nur eine Nebenperson

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22 verstellet; zudem handelte er nach Grund- sätzen, die der verwittweten Königin ihren sehr zuwider waren; sein Plan war seinen Mitbürgern die Freyheit wieder zu verschaffen, und durch Einschränkung der souverainen Macht, die alten Gesetze wieder herzustellen. Er theilte sein Vorhaben dem schwedischen Minister mit, welcher auch seinem Hofe Nachricht davon gab, aber dieser entschloß sich, ein gleichgültiger Zuschauer bey den dänischen Unruhen zu bleiben, vielleicht, weil die Verbindung wider Höfe, welche durch die Vermählung des Königs von Schweden mit der königlich dänischen Prinzeßin noch fester gezogen war, diese Macht verhinderte, sich in Verpflichtungen einzulassen, die der regierenden Familie in Dännemark nachtheilig seyn konnten; oder weil Schweden es nicht für sich selbst nützlich hielte, etwas zur Befreyung

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der Dänen von ihrer Knechtschaft beyzutragen.

Der Graf Ranzau, hatte es so gar auf sich genommen, zu bewürken, daß der König von Dännemark, wenn er von seiner Gemahlin geschieden wäre, eine schwedische Prinzeßin heyrarhete. Indessen fuhr die verwittwete Königin fort, den Grafen Ranzau mit besonderer Achtung zu begegnen aus Furcht, einen Mann, dessen Name und Ansehen einer oder der andern Parthey schaden oder nützen könnte, verdrießlich zu machen. Der französische und preußische Minister wußten gewiß um ihr Geheimniß, aber diese Höfe hatten Ursachen, Engeland zu schonen, welches sie nöthigte, heimlich und mit Vorsicht- tigkeit zu Werke zu gehen.

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Es ist mehr als zu wahrscheinlich, daß die verwittwete Königin selbst der gräulichen Verbrechen, womit sie Struensee belegte, schuldig war. Ihr teuflisches Vorhaben, welches sie zum Theil ausgeführet hat, besteht seit langer Zeit darin: den König bey den Unterthanen verächtlich, und die Königin verhaßt zu machen, die Ehre dieser liebenswürdigen unschuldigen Prinzeßin durch die schwärzesten Verleumdungen zu schmälern, den König, ihren Stiefsohn, durch langsames Gift hinzurichten, den jungen Cron- prinzen und die Prinzeßin unehelich zu erklären, dadurch die königliche Familie zu vernichten, und endlich ihren eigenen Sohn auf einen durch Schandthaten erledigten Thron zu setzen.

Es ist zu verwundern, daß die englischen Minister, die, wie alle ihre Mitge-

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nossen, privilegirte Kundschafter sind, we- der die gefährlichen Ränke der Königin Juliana gemerket, noch ihrem Hofe Nachricht davon gegeben haben.

Struensee war gewiß ein geschickte- rer Hof- als Staatsmann, seine gar zu große Sicherheit und der Mangel an Vorsichtigkeit, haben ihn gestürzet. Es ist außer Zweifel, daß die junge Königin eine besondere Achtung für ihn hatte und ein großes Vertrauen in seine Arzneywis- senschaft setzte. Sie unterhielt sich oft mit ihm ohne Rückhalt und Zwang; es war also einer listigen Ränkevollen Frau leicht, diesen vertraulichen obgleich unschuldigen Umgang zu nutzen, um diese reitzende, unglückliche Fürstin elend zu machen.

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Obschon Struensee als Minister dem Publico mit den schwärzesten Farben abgeschildert ist, so hat er doch Befehle ergehen lassen, welche zur Sicherheit des Staats und der Nachkommenschaft verdienten verewigt zu werden. Vor seiner Zeit waren die Einwohner von Kopenhagen der strengsten Aufsicht der Policey unterworfen, welche zu allen Stunden, bey Tag oder Nacht gewaltthätig in ihre Häuser drangen. Er befahl, daß künftig niemand in seinem Hause sollte beunruhiget werden, ausgenommen Missethätter.

Das allgemeine Vorurtheil hatte die Vergehungen der Wittwen, der leichtsinnigen Mädgen, und die unehelichen Kinder mit einer solchen Schande belegt, daß erstere deshalb oftmals die Frucht ihrer schändlichen Liebe vernichteten. Diese Verbrechen und Mißbräuche zu verhin

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dern, gab der Graf Struensee ein Edict heraus, worinn bey Geldstrafe verboten wurde inskünftige Jemanden von diesen Gegenständen des Mitleids und der Menschlichkeit, den geringsten Vorwurf zu machen; zugleich wurden dadurch die unehelichen Kinder in Ermangelung rechtmäßigen, fähig erkannt die Güter ihrer Eltern zu ererben.

Diese heilsamen Edicte und weise Ver- ordnungen sind seit der letzteren Revolution wieder abgeschaffet. Da man dem unglücklichen Struensee ein Verbrechen daraus gemacht, daß er seine Edicte in deutscher Sprache kund machen lassen, da diese doch allezeit die Sprache des Hofes und des Cabinets gewesen.

Hätten die Berschwornen den Befehlen der verwittweten Königin (die voll Un

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28 geduld auf die Ausführung ihrer ungerechten Entwürfe, war) schlechterdings gehorchet; so wäre die Revolution vom 17. Jenner, sechs Monate eher ausgebrochen. Dieser fatale Tag wurde endlich bestimmt, an welchem das Ansehen des Königs vernichtet, eine junge Fürstin, dis Schwester und Gemahlin eines Königs entehret, ihre Nachkommenschaft mit Schande beladen, und die angeblichen Mitschuldigen ihrer Verbrechungen und Vergehungen, dem leichtgläubigen und einfältigen Dänen zum Abscheu sollten, dargestellt werden.

Die Abdankung des Garde-Regi wozu der König einige Wochen vorher, aus ökonomischen Gründen überredet würde, stellte die Schwachheit und Blödsinnigkeit des Monarchen ins Licht; und dienere dazu, Struensee bey der Ar- mee noch verhaßter zu machen. Die ver-

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wittwete Königin bediente sich schlau dieses Vorfalls, um feine Staatsverwaltung in übeln Ruf zu bringen, und ihm als einen Feind aller derer abzuschildern, denen die Leibwache seiner Majestät anvertraut war.@Obschon in der That Struensee, um dem Staat Ausgaben zu ersparen, den Vorschlag gethan hatte: daß die Regimenter, welche zu Kopenhagen in Garnison lagen, die Dienste der Garde thun sollten.

Der Graf Ranzau, der vergebens gesucht hatte das Haupt einer eigenen Parthey zu werden, ergab sich den dringenden Bitten der verwittweten Königin und nahm es auf ihr Ersuchen über sich, die regierende Königin, gefangen zu nehmen und nach dem Schloß Cronenburg zu führen.

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Diesen waren die üblen Gesinnungen ter verwittweten Königin in Ansehung ihrer, gar wohl bekannt, aber sie war gegen ihre List und Kunstgriffe nicht genugsam auf ihrer Huth, und Struensee versäumte es, ein Auge auf die treulose Juliana und ihre Ausspäher, zu haben. Hätte er sie aufheben und an einen sichern Ort bringen lassen; so würde diese eigenmächtige That seine Feinde in Schröcken gesetzt haben, und die Einwilligung des Königs, die er leicht erhalten hätte, würde ihm für alle Vorwürfe von Gewaltthätig- keit oder Ungerechtigkeit, gesichert haben.

Die Verschwörung vom 17. Jenner, würde mit undurchdringlicher Geheimhaltung betrieben. Eine Masquerade war das Vorspiel ihrer schröcklichen Entwikkelung. Bis in dem Augenblick, da die Königin, der Graf Struensee und des-

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sen Bruder, der Graf Brandt, der General Gähler und dessen Gemahlin, (welche den Abend Mit dem König spielte) der Generallieutenant Hesselberg, der General Gude, der Freyherr von Bülow, der Staatssecretär Zöge Herr Pa- nin u. a. aufgehoben wurden, hatte niemand den geringsten Argwohn an einer so außerordentlichen Begebenheit. Der Prinz Friedrich, Bruder des Königs, begab sich gegen 11 Uhr von dem Balle weg, um mit seiner Mutter die Maaßregeln zu treffen, die den glücklichen Ausschlag dieses boshaften Angriffs versichern sollten. Bey Festsetzung der jungen Königin und deren Anhänger, zwang man den König, den Verhaftsbefehl zu unterschreiben; im Weigerungsfall wäre er vom Thron gestürzet und sein Leben selbst in Gefahr gewesen. Um dem Pöbel noch mehr gegen diese vornehme Verbrecher

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32 aufzubringen bestach dre verwittwete Kö- nigin einige gemeine Leute, welche: Vivat Juliana Maria! und um Gerechtigkeit gegen die Königin und ihren geliebten Struensee, schrieen. In der ersten Wuth begieng das verblendete Volk die grösten Ausschweifungen, und brach in Schmähworten gegen die unglückliche Mathilde aus, die es offenbar des Ehe- bruchs und schröcklicher Verbrechen, ge- gen den Staat und den König beschuldigte. Der Graf Ranzau, wollte sich, ungeachtet er Gewalt gegen die Königin brauchte, doch noch ein Verdienst daraus machen, sie der Wuth des Pöbels entrissen zu haben. Dieses junge Opfer, welches den Haß einer unversöhnlichen Furie geweihet war, bezeigte eine bewundernswürdige Standhaftigkeit in diesem schröcklichen Unglück. Der, durch die listige Königin Wittwe bestochene Senat

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erklärete sie, ohne einige Form des Pro- cesses des Ehebruchs und der Vergiftung des Königs, ihres Gemahls, schuldig und würde sie zum Tode verdammt haben, wenn der englische Minister, Herr Reith, nicht aufs feyerlichste gegen alle Gewaltthätigkeiten, womit die Person der Königin bedrohet wurde, protestirt hätte: er untersuchte mit einem seinem Character würgen Muthe, die unterdrückte Unschuld, und widerlegte mit großem Nachdruck ihre Ankläger; wobey er ihnen zum Schluß die Rache seiner Nation und das Bombardement von Kopenhagen ankündigte, wofern sie der Schwester seines Souverains keine Gerechtigkeit widerfahren ließen. Diese Drohungen verhinderten, daß ein so unerhörtes Urtheil nicht alsobald ausgeführt wurde. Wenige Tage nach der Gefangenhaltung der Königin zu Cro- nenburg, wo sie von den aufgebrachten

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Soldaten aufs verächtlichste begegnet wurde, verwandelte sich die Wuth des Pöbels in Mitleiden, für eine Fürstin, deren unglückliches Schicksal man endlich der grausamen Politik eines bösen Weibes zuschrieb. Ihr Sohn, Friederich, wurde zum Chef des geheimen Raths ernannt.

Der König, der nun von der Willkühr seiner Stiefmutter abhing, übte keine Handlung der Souverainität mehr aus, die Befehle, die er unterschrieb, waren nur dann gültig, wenn sie durch Julianens neuen Staatsrath bekräftiget wurden. Aller Umgangs und Briefwechsel mit seiner unglücklichen Gemahlin, wurde ihm untersagt, und er willigte sogar zu seiner Demüthigung darin, seine Unterthanen zwischen sich und der Königin, zu Richter zu nehmen.

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35 Die beyden Struensees und der Graf Brandt, wurden dem Gelächter und Beschimpfung des niedrigsten Pöbels blos gestellt, und im Triumph vor das Tribunal ihrer unbarmherzigen Richter geführt. Diese wurden der vergeblichen Fragen müde, und droheten sie mit der schröck- lichsten Tortur, deren scheußliche Quaalen sie zum Bekännmiß von Verbrechen brachte, die sie nie begangen hatten. Ein Bösewicht, Namens Groninter, der sich auf Anstiften der verwittweten Königin, bey dem Grafen Struensee eingeschmeichelt hatte, und sein Vertrauen mißbrauchte, wurde, um das Publicum zu hintergehen, eingesetzt und mit Fesseln belegt. Er wies einige verfälschte Briefe vor, die einen strafbaren Umgang des Grafen mit der jungen Königin anzeigten, und hatte sogar die Unverschämtheit, zu behaupten, daß er mehr als einmal ein Augenzeuge ihrer

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ungeziemenden Vertraulichkeiten gewesen sey: sogleich wurde er wieder entlassen, und erhielt eine ansehnliche Summe zur Belohnung seines Betrugs und seiner Treulosigkeit.

Um günstige Vorurtheile für ihre Gnade und für die Gerechtigkeitsliebe der zur Verurtheilung der Verbrecher bestimmten Commissarien zu erwecken, hat die ver- wittwete Königin verschiedenen Personen, welche im Verdacht waren, dem neuen Ministerio ergeben zu seyn, die Freyheit wieder geben lassen.

Sie ließ in der Hauptstadt einen Brief bekannt machen, und im Reiche ausbrei- ten, welchen sie dem König vorgeschrie- ben hatte, des Inhalts, daß er von der Untreue seiner Gemahlin und von dem Struensee aufgebürdeten Verbrechen

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überführt wäre. Da die Geistlichkeit ihr gänzlich ergeben war, so befahl sie denen in der Kanzelberedsamkeit berühmtesten Predigern, gegen die Leichtfertigkeit und Ausschweifungen an Mathildens Hof, loszudonnern und die in Ungnade gefallenen Minister als Bösewichter und Gotteslästerer abzumahlen, dem Allmächti- gen aber Dank zu sagen, daß er das Volk unter der glücklichen Anführung der Königin Juliana, von der Unterdrückung dieser Feinde der Religion und des Staats befreyet habe.

Sie war so grausam, des Unglücks der gefangenen Königin zu spotten, in- dem sie zween Geistliche bestimmte, um wechselsweise vor ihr zu predigen, und sie zu ermahnen den Rest ihrer Tage dazu anzuwenden, ihre Verbrechen und Fehler zu beweinen.

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Seitdem der vernünftige Theil der Nation ihre schwarzen Absichten und strafbare Entwürfe entdeckt hat, hat sie einen großen Schein von Mäßigung und Gleichgültigkeit in Verwaltung der Staatssachen angenommen. Diese Entdeckung hat auch ihre Angriffe auf das Leben der königlichen Familie abgehalten, und die auswärtigen Zeitungen, welche sie dieser Absicht beschuldigten, haben würklich durch Errathung ihrer bösen Endzwecke, deren Erfüllung verhindert.

Sie hat sogar die Heucheley und Verstellung so weit getrieben, daß sie ausbreitete, sie wünschte, daß zur Einrichtung des Processes der Königin, nie- dergesetzte Gericht, möchte dieselbe frey sprechen; um das Publikum hierin zu hintergehen, gab sie dem König ein,

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den berühmten Advocaten Uldahl in dieser wichtigen Sache zu gebrauchen, und ihn seines Eydes zu erlassen, da- mit er sie mit aller der ihm eigenen Beredsamkeit, zu ihrem Besten treiben könnte. Dieser Kunstgriff kann nie- mand irre machen, ein jeder, der die Grundsätze und Absichten des königlichen Advocaten kennet, wird wissen, daß er die Seele des Complots der verwittweten Königin ist. Wenn seine Beredsamkeit und der Nachdruck seiner scheinbaren Gründe die Königin nicht retten könne, so wird die ganze Nation sie für schuldig halten. So urtheilte diese Megäre bey sich selbst.

Wurklich hat auch die ganze schöne Declamation und alle Redekunst des Herrn Uldahl nur dazu genutzet, die der unglücklichen Königin untergescho

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benen Laster, als wahre auszugeben, und sie mit Schande zu bedecken. Alle Anklage gegen sie sind kaum Vermuthungen, und man hat keinen einzi- gen Beweis ihrer Untreue gegen den König, sonst würde sie entehret, mit dem Tode bestraft, und ihre Kinder für uneheliche, erklärt worden seyn. Die Furcht der gerechten Ahndung des Königs ihres Bruders, und einer großmüthigen Nation, die allzeit bereit war, der unterdrückten Unschuld, einer in ihrem Schooß gebohrenen und erzogenen Fürstin beyzustehen, nöthigten die grausame verwittwete Königin, ihr erstes Urtheil in eine beständige Gefanschaft an den äußersten Grenzen, der mit Eis bedeckte Wüsten von Jütland zu verändern.

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Der Verfasser dieser Erzählung, kennet schon lange die verwittwete Königin und ihre niederträchtigen Ränke. Er hoffet, es werde in England nicht an Rechtschaffenheit fehlen, sie zur Reue über ihre Verbrechen und Grausamkeiten gegen eine der liebenswürdigsten und vollkommensten Prinzeßinnen Europens, zu bringen, welche in ihrem ein und zwanzigsten Jahre, durch ein erkauftes Complot verurtheilt ist, in einen Kerker zu veralten.

Ich versichere nochmals zum Beschluß, daß die Königin Mathilde unschuldig ist, ohngeachtet des verkehrten Urtheils, das ungerechte, bestochene Richter gesprochen haben.

Die verwittwete Königin fordre ich, so heuchlerisch und verstellt sie auch ist,

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auf, das Gegentheil dessen, was ich zu ihrem Nachtheil bewiesen habe, darzuthun.

Ich verabscheue die verwittwete Königin als ein Ungeheuer, und bin bereit mein Blut zur Rache der Unschuld ihrer Rivalin, zu vergießen. Ich wünschte, daß diese mir von der Wahrheit eingegebene kleine Schrift, bey fremden Natio- nen Eingang finde, um die verwittwete Königin der entfernsten Nachwelt, zum Gräuel darzustellen, und die Regierung allen denen verhaßt zu machen die fähig sind, Gerechtigkeit und Menschenliebe zu empfinden.

Der Minister des Königs, Freyherr von Diede, wird in der Residenz gefangen gehalten, und verdient die Ausnahme von den allgemeinen Vorurtheil wi- der Julianens Minister. Er besitzt alle

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Eigenschaften eines großen Staatsmanns, die Grundsätze eines rechtschaffenen Mannes, und die Tugenden eines guten Bürgers. An der jetzigen Revolution hat er keinen Antheil und in der gefährlichen Lage worin er sich jetzt befindet, hat er sich durch sein Betragen Ehrfurcht von einer Nation zu erwerben gewußt, die der seinigen gehäßig ist.

Wenn Englands Rache noch durch einige Ursachen aufgeschoben wird, so rühren solche von den Mächten her, die die Parthey der verwittweten Königin nehmen.

Die Königin Mathilde schrieb folgenden Brief, welcher von dem wachthabenden Officier aufgefangen ward. Da ich kein Englisch verstehe, so habe ich eine getreue Uebersetzung davon be- kommen.

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An den Ritter Keith, dem groß- brittannischen Gesandten:

„Vom ersten Tage meiner Gefangenschaft an, habe ich es vorausgesehen, die Wuth meiner Feinde würde auf den Verlust meiner Freyheit oder meines Lebens dringen. Ich ergebe mich voll- kommen gelassen in einen von beyden Schicksalen. Aber der Gedanke, daß meine Ehre beflecket ist, und meine lieben Kinder der Willkühr eines Volkes, das unbilliger Weise gegen die Recht mäßigkeit ihrer Geburt eingenommen ist, überlassen sind, überhäuft mich mit dem lebhaftesten Schmerz. Hat der König, mein Bruder, mich denn ver- lassen? Großer Gott, will denn nie mand meine Unschuld und mein An denken rächen! Ich zweifle, ob die- ser Brief meinem unbarmherzigen Ar-

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gus entgehen wird, aber wenn Sie ihn erhalten, so fahren Sie fort, mir die Dienste, die in Ihrer Macht sind, zu leisten. Niemals werde ich den Eifer vergessen, welchen Sie für die Sache der Unschuld bezeiget haben, und sollte der Himmel mich jemals wieder in den Rang und die Vorzüge setzen, woraus ich so ungerecht ver- stoßen bin, so sollen Sie, sicherer Be- weise meiner Erkenntlichkeit haben. O wäre ich doch in England, meinem lieben Vaterlande, wo der geringste Elende den Vorzug hat, durch seines Gleichen gerichtet zu werden. Hat mich denn die ganze Welt vergessen? Ich fange an, mager zu werden, und meine Gesundheit ist seit meiner Einsperrung in diesen Mauern sehr ge schwächt. Alle, die um mich sind, sind mir verdächtig, ich zweifle, ob

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ich jemals meine Freyheit wieder er halte. Um Gottes willen, suchen Sie doch zu mir zu kommen; die Zeit kommt heran, daß mein Proceß ge- macht wird, aber mein Urtheil ist schon gesprochen.

Ich bitte Gott, daß er Sie in sei- nen heiligen Schutz nehme.

Mathilde.

Cronenburg, den 11. April, 1772.

Der englische Minister, dem der König, sein Herr, zum ruhmvollen Belohnung seines Eifers und zum Zeichen der Zufriedenheit mir seinem Betragen, den Orden von Bath gesandt hat, ist durch Julianens Anschläge der Zutritt zum König versagt, aber ihr Ansehen ist doch nicht so groß, daß sie den König hätte verhindern könnet, ihm ein Ba-

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taillon zur Sicherheit seiner Person und Bewachung seines Hauses zuzugeben. Der Ritter Keith ist zurückberufen, und Englands Drohungen, die durch eine ansehnliche Ausrüstung, Nachdruck erhalten haben, haben die dänische Re- gierung gezwungen, die junge Königin, diesem Minister zu übergeben; er wird sie in das Churfürstenthum Hannover, welches der König, ihr Bruder, zu ihrem Aufenthalt angewiesen hat, be- gleiten. Ihr Proceß ist ein Gewebe von Widersprüchen, wo sie zu gleicher Zeit unschuldig und strafbar erklärt wird. Den unglücklichen Struensee betreffend, so hat man ihm angekündiget, daß er durch einen gewaltsamen schmerzhaften Tod die Verbrechen büssen soll, deren die verwittwete Königin sich gewiß schuldig gemacht hat.

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48 Mit einem Wort, alle vorgegebenen Verbrechen der jungen Königin, wider den Staat und den König, sind ohngeachtet der untergeschobenen Zeugen, um sie ihres Rangs und ihrer Vorrechte zu berauben, von allen rechtskräftigen Beweisen entblößt. Der König, der an diesem berüchtigen Proceß den vornehmsten Antheil hat, ist weit entfernt, sie der Untreue und noch schwärzerer Laster zu beschuldigen, sondern hat verschiedentlich erkläret, sie wäre eines Gemahls würdig, der mehr, wie er, geneigt wäre, ihren Reitzen und Tugenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das offenherzige Gestandniß seiner Ausschweifungen und unordentlichen Lebensart, rechtfertiget die Gleichgültigkeit und Abneigung, die sie schon lange gegen ihn bezeiget hat. Hätte sie, während ihres Verhafts eine Unterredung mit dem König haben können, so

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49 ist außer Zweifel, daß sie ihn genöthiget hätte, ihr, wegen des ansgestandenen Unrechts, Genugthuung zu verschaffen. Aber die verwittwete Königin verhinderte beständig alle Gemeinschaft zwischen ihnen, weil sie überzeugt war, daß die junge Königin durch eine Zusammenkunft mit dem König bald ihre Freyheit würde bewürkt, und ihre Feinde zur Reue über ihre Ungerechtigkeiten, gebracht haben.

Zusätze

des englischen Herausgebers. Da die vorhergehende Schrift zu Ham-

burg französisch herauskam, ehe das Schicksal der Grafen, Struensee und Brandt, entschieden war, so glaubte der englische Herausgeber, es seine Schul- digkeit zu seyn, seinen Lesern das, was nachher davon bekannt geworden, vor

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Augen legen zu müssen, um eine so vollkommene Nachricht als möglich, von dem Ursprung und den Folgen dieser außerordentlichen Verhandlung zu geben.

Die große Commißion sprach den 25ten April das Urtheil über diese beyde vornehme Unglückliche; die ihnen zur Last gelegten Verbrechen, welche vorher am Hofe bekannt gemacht waren, sind folgende:

Der Graf Struensee wurde schuldig erklärt, er habe von dem Schatze des Königs den 6 Tonnen Goldes entwendet, er habe verschiedene Cabinetsordres, ohne Vorwissen des Königs ausgefertiget; einen strafbaren Umgang mit der Königin gepflogen; verschiedene Briefe, die dem König hätten sollen vorgelegt

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werden, untergeschlagen; dem König die Abdankung der Garde angerathen; die Münze verfälscht, und verdächtige Anstalten in der Stadt gemacht.

Der Graf Brandt wurde schuldig erklärt, daß er um Struensees strafbaren Umgang, und aller ihm zur Last gelegten Verbrechen gewußt habe, ohne sie anzugeben, wie auch, daß er böse Ab- sichten unmittelbar gegen die Person des Königs gehegt hätte.

Darauf wurde folgendes Urtheil ge- sprochen:

Johann Friederich Struenfte hat, nach Inhalt des dänischen Gesetzbuchs VI. B. 4. Cap. 1. Art., wegen seiner Verbrechen, seine Ehre, Güter und Le- ben verwirket: Sein Wappen soll durch

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den Henker zerbrochen, ihm seine rechte Hand und nachher der Kopf abgehauen werden: sein Körper darauf gevier- theilt und aufs Rad geflochten, sein Kopf aber und die Hand auf einen Pfahl, beym Thore angenagelt werden.

Gleiches Urtheil wurde über den Gra- fen Enewold Brandt gefället.

Dieses strenge Urtheil wurde am 28ten desselben Monats, um 8 Uhr des Morgens vor dem Osterthore vor Kopenhagen, auf einem zu diesem Ende auf dem Felde dazu aufgerichtetem Blutgerüste, vollzogen. Der Graf Brandt wurde zuerst hingerichtet, und bewies einen großen Heldenmuth, und eine Standhaftigkeit ohne Beyfpiel. Nach Abhauung der Hand, sagte er mit vieler Ruhe:

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53 „ich muß gestehen, das schmerzt ein weinig.“ Demohngeachtet überstand er das übrige seines Urtheils mit einer bewundernswürdigen Unerschrockenheit, hielt eine Rede an die Zuschauer, bezeugte seine Unschuld, und erklärete seine Ankläger für erkauft und meineydig. Sein Kopf wurde dem versammleten Volke verschiedenemal vorgezeigt. Er wurde vom Herrn Hee, einem protestantischen Geistlichen, zum Gericht ge- führt.

Der Graf Struensee gieng mit vie- lem Widerwillen zum Tode; er beklagete sich noch lange gegen dem Geistlichen, den Doctor Münter, der ihn begleitete, über die Härte seines Schicksals, und schien eine zeitlang auf Aufschub seiner Todesstrafe zu hoffen, wobey er bis auf den letzten Augenblick, seine Unschuld be

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theuerte'; aber der Doctor Münter bewies ihm mit vielem Nachdruck seine übelgegründete Hoffnung, darauf fing er mit der größesten Inbrunst zu beten an, aber er konnte sein Schicksal nicht mit solcher Standhaftigkeit erwarten als der Gefährte seines Unglückes. Wie ihm die Hand abgehauen war, erhob er sich plötzlich, wurde aber mit Gewalt in seine vorige Stelle gebracht. Sie waren beyde in farbigter Kleidung, der eine grau mit Gold, der andere blau. Das Gerücht, als wenn Brandt dem Geistlichen, der ihm das Abendmahl gereichet, gebeten habe, Gift in den Kelch zu schütten, um einem schimpflichen und schmerzhaften Tode zu entgehen, ist gänzlich ungegründet.

Die Vorstellungen des Ritter Keith, zum Besten der Königin, haben die er-

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55 wünschte Würkung gethan. Man hat ihr erlaubt auf den Wällen von Cronenburg die freye Luft zu genießen, jede Ge- sellschaft die ihr gefält bey sich zu haben, und den englischen Minister zu jeder Zeit zu sich kommen zu lassen. Dieser wird sie nach Zelle, im Churfürstenthum Hannover begleiten, wo sie wenigstens eine zeitlang sich aufhalten und ein Jahrgeld von 30000 Rthlr. genießen wird. Weil auch dem Ritter Reith, alle zum Besten der Königin gefoderten Bedinge zugestanden sind; so sind alle Gedanken von Feindseligkeiten auf beyden Seiten aufgerufen, und er wird wahrscheinlich, wenn er vorher nach England gereiset, und einen umständlichen Bericht von diesem wichtigen Vorgang abgestattet hat, in einem öffentlichen Character nach Kopenhagen zurückkehren.

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Das Gerücht einer Heyrath, des Kö- nigs von Dännemark mit einer Prinzeßin von Brandenburg-Schwedt, ist nicht allein unwahrscheinlich; sondern verträgt sich auch nicht mit dem zu Kopenhagen jetzt angenommenen Staatssystem: Denn die verwittwete König ist fest entschlossen, wenn es möglich ist, ihren Sohn Friederich, auf den Thron zu setzen, welcher Entwurf mit keiner Heyrath Christian des Siebenden bestehen kann, da eine junge Prinzeßin, der Hauptlinie Erben geben könnte, die ein Recht zur Thronfolge hätten.

Was den jungen Kronprinzen und die Prinzeßin betrifft, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie wohl an einer ähnlichen Krankheit als Peter der Dritte vom St. — sterben könnten.