Briefe der Hochseeligen Fürstin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg an Ihren Durchlauchtigsten Gemal und Prinzes Tochter.

Briefe

der

Hochseeligen Fürstin

zu

Schleßwig-Holstein-Sonderburg

an

Ihren Durchlauchtigsten Gemal

und

Prinzeß Tochter.

Leipzig und Jena, bey dem Commercien-Rath Fischer, 1772.

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Vorbericht.

Ich habe dem Leser helder Ausgabe dieser Briefe wenig zu sagen. Die hohe Verfasserin und der rührende Inhalt derselben, wird sie ihm ohne alle Empfelung interessant machen.

Das einzige, wovon er versi-

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4 Vorbericht. chert zu werden, erwarten mögte, ist dieses: daß sie authentisch sind, und das sind sie zuverläßig. Sie sind vor den Augen und mit Genehmhaltung des Durchlauchtigsten Hofes, der den Vertust dieser erhabenen Fürstin noch in seiner ganzen Stärke fühlet, dem Druck überlassen, uud von dem Herrn Cabinetsprediger Jessen der Standrede angehängt, die das Publikum mit verdientem Beyfat ausgenommen hat. Im Original waren sie französisch: allein man darf sie nur lesen, um sich zu überzeugen, daß sie durch die Uebersehung nichts von ihrem eigenthümlichen Wehrte ver-

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5 Vorbericht.

loren haben. Das Sanfte, das Rührende, das Einnehmende und die lebhaften Empfindungen, die das volle Herz der zärtlichsten Gemalin und Mutter auszudrükken suchet, wird kein fühlbares Herz verkennen können.

Die eigentliche Bestimmung dieser Briefe zeichnen den vortrefiichen Charakter ihrer hohen Verfasserin. Je weniger Sie in Ihrem Leben vermuten können, daß das Publikum sie sehen und bewundern würde, desto freyer erscheinen sie, in der ungekünstelten Sprache des Herzens, wovon ihr ganzer In-

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6 Vorberichk

halt zeuget. Die Höchste!. Fürstin/ pflegte nicht allein Ihre häußliche Angelegenheiten, so oft Sie Ihrer Niederkunft entgegen sahe, schriftlich anzuordnen; sondern auch schriftlich Ihre mütterliche Vermahnungen abzufassen. Da diese aber eine andere Einkleidung erforderten, so wie fürstlichen Kinder an Jahren Zunahmen, so wurden Diese Aufsätze unterdrükt, wenn sie ihrem Zwekke nicht mehr angemessen waren.

Die gegenwärtigen fanden sich bey Ihrem letzten Willen eingegeschlossen, und ungeachtet sie be-

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7 Vorbericht.

reits 1766. abgefaßt sind, so muß die DurchlauchtigeVerfasserin nicht nöthig gefunden haben, Veränderungen damit vorzunehmen. Wie viele Fürstinnen mögte wo! unser so sehr gepriesenes Zeitalter aufzuweisen haben, die sich aus der Erziehung ihrer Kinder ein angelegentliches Geschäfte machen, und die es so gar vor eine Pflicht halten, sich diesem Geschäfte selbst zu unterziehen?

Diese grose Fürstin, deren Ur- theile so richtig, als Ihre Gesinnungen edel waren; die selbst die beste Erziehung gehabt, und die

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8 Vorbericht.

Wissenschaften liebte, unterrichtete selbst Ihre Hoffnungsvolle Princcß und Ihren ältesten Prinzen in den Grundsäzen der Religion, in der Geschichte und Erdbeschreibung, und wie süß war Ihre Belonung, da der Fortgang Ihrer Unterweisung alle Ihre Erwartung befriedigte? Rom konnte von der berühmten Mutter der Griechen nicht mehr Ehre haben, als Dännemark sich von dieser vortreflichen Fürstin hätte versprechen können, wenn es der Vorsicht gefallen hätte, Ihre Tage zu verlängern. Sie starb plötzlich, in der schönsten Blüthe Ihrer Jahre und in den schönsten Entwürfen,

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9 Vorbericht.

Ihr Vaterland durch die Erziehung Ihrer Kinder glüklich zu machen. Fürstliche Kinder, die wie diese, mit den vorzüglichsten Talenten, mit der ruhmvolsten Begierde, sie zu erweitern und zu verschönern begabt sind, müssen ein jedes Land, worin die Vorsehung solche Denkmäler ihrer Güte seht, glüklich machen; oder es weiß nicht, worin sein wahres Glük bestehe. Unter den Augen des Durchlauchtigsten Fürsten und der Hohen Angehörigen Seines Hofes, entwikkeln sich die Fähigkeiten dieser liebenswürdigen Jugend bis zur Verwunderung. Man kan nicht ohne Entzükken hö-

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10 Vorbericht.

ren, aus welcher Fülle des Herzens ein jedes Lob flieset, das Ihnen mehr Ihre schöne Eigenschaften als Ihre hohe Geburt erwirbt. Ein jedes Verlangen, das Ihre verewigte Frau Mutter in Hinsicht auf Ihre Erziehung geäussert, wird mit der größten Genauigkeit erfüllt, und eine jede Bemühung, die an Ihrer Bildung gewandt wird, entspricht volkommen Ihren Wünschen. Glükliche Nachwelt, die die Früchte davon einärndten kann! Es kostet oft viele Ueberwindung, wenn man Personen bloß ihres zufälligen Standes wegen verehren soll; aber dann kostet es keine Ue-

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11 Vorbericht.

berwindung, wenn die Größe ihrer Selen und die Güte ihres Herzens selbst ihrem Stande Ehre machet.

Die grossen Gesinnungen der Hochseeligen' Fürstin, zeigen sich nicht allein in diesen rührenden Briefen, nicht allein in vielen ruhmvollen Thaten, die Ihr Andenken unvergeßlich machen, sondern auch in Ihrem stillen und verborgenen Umgang mit GOtt. Es ist der Standrede, deren ich ermähnt habe, ein Gebet angehängt, welches die erhabene Verfasserin, zur täglichen Uebung Ihrer Gott-

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12 Vorbericht.

seeligkeit selbst aufgesetzt hatte. Die gründliche Ueberzeugung von den Warheiten der Religion, die reinste Andacht, die tiefste Ehrfurcht vor GOtt, die edelste Menschenliebe, allgemein in ihrem Umfang und wvhlthätig in ihrer Äusserung, leuchtet darin hervor, und zeiget Sie in einem jeden Verhältniß Sich selber gleich. Da aber dieser Aufsatz, die besondern Angelegenheiten Ihrer Seele mit GOtt betraf, so habe ich ihn nicht über diese Schranken seiner Bestimmung hinausführen wollen. Sich vor dem GOtt erniedrigen, den Sie vor den Urheber aller Ihrer -Vor

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13 Vorbericht.

zuge erkannte, war so wenig Ihrer hohen Würde verkleinerlich, daß vielmehr diese Erniedrigung Sie in der ruhmwürdigsten Größe zeigte. Doch, vielleicht habe ich zum Vorbericht für diese wenigen Bläktet schon zu viel gesagt; allein wie sauer wird es, da wenig zu sagen, wo man nie gnug sagen kann.

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Erster Brief

an Ihren Herrn Gemal.

Mein Geliebtes Herz!

Mögte dieser Brief nicht Deinen Schmerz erneuern, sondern

Dich vielmehr wegen meines Derlur stes trösten! Ich fühle die ganze

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15 an Ihren Herrn Gemal.

Bitterkeit unserer Trennung. Dasjenige zu verlassen, was ich über alles in der Welt liebe, ist eine Sache, woran ich nicht denken kan, ohne daß mir mein Herz blutet. Aber es ist der Wille GOttes, des GOttes, der die Güte und Weisheit selbst ist. Er thut alles zu unserm Besten. Und was ist unsere Trennung? Sie wird nur kurz dauren; und wenn wir wieder vereinigt seyn werden, mein Geliebter! so sind wir es ewig. Alsdenn werden wir nichts mehr zu fürchten haben; wir werden einer unwandelbaren Glückseeligkeih gemessen. Wie viel Trostreiches bat dieser Gedanke für mich, daß ich mich dereinst aus ewig wieder vereinigt sehen werde mit Dir und Mit meinen lieben Kindern!

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16 Erster Brief

Ich bin gewiß überzeugt, daß GOtt meine Wünsche erhören wird. Täglich habe ich ihn angefleht, daß er mir meine Kinder nehmen mögke, wenn Sie nicht zu ferner Ehre und zum Nutzen Ihres Nächsten leben würden.

Mir ist also nichts übrig, mein Geliebter! als daß ich Dich um Vergebung bitte, wenn ich Dich bisweilen durch meine Lebhaftigkeit beleidigt habe. Ich erkenne die grosse Gedult, die Du mit mir gehabt hast, und das Einzige, das mich tröstet, ist dieses, daß ich Dich niemals vorsätzlich beleidigt. Köntest Du in meinem Herzen die Reue sehen, die. ich darüber

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17 an Ihren Herrn Gemal.

empfinde, daß es bisweilen durch meine Lebhaftigkeit geschehen ist: so bin ich versichert, daß ich meine Vergebung erhalten würde. Ich habe Nicht uöthig, Dir unsere Kinder zu empfehlen Deine Zärtlichkeit gegen Dieselbe ist mit bekannt. Sie haben gegenwärtig Dich allein in der Welt übrig, und um der Liebe willen, die Du für Sie hast, bitte th Dich: Mäßige Deine Traurigkeit, daß sie nicht zu gleiches Zeit ihren Vater und ihre Mutter verlieren!

Für meine Söhnt bin ich unbesorgt. Ich hakte mir vorgenommen; Mich nicht länger mit Ihrer Erziehung übzugeben, so bald sie ihr fünftes

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Erster Brief

Jahr erreicht hätten. Ich wolte Dir alsdenn ganz allein die Fürsorge für dieselbe überlassen, und GOtt hat es für gut gefunden, daß dieses einige Jahre früher geschehen solte. Ich gestehe es gern, daß ich in Ansehung meiner Tochter nicht völlig so beruhigt bin. Es scheint mir, daß diejenige Mütter nicht zu entschuldigen sind, die ihre Töchter Fremden anvertrauen, Das Vorurtheil will nicht, daß sie die Erziehung ihrer Söhne auf sich nehmen; aber sich an diesem Vorurthe» le zu rächen, solten sie sich billig mit der Erziehung ihrer Töchter ganz allein beschäftigen. Suche Dir für sie eine Person vom Stande aus, an der sie sich halten kan, und die gelinde mit ihr umgeht; denn man würbe dieses

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19 an Ihren Herrn Gemal.

liebe Kind ganz verderben, wenn man es mit zu vieler Strenge erziehen wolte- Diese Person muß vor allen Dingen grosse Gesinnungen haben, und ihre vornehmste Bemühung muß es seyn, diese ihrer Untergebenen mitzutheilen. Insonderheit bitte ich Dich, Mein Ges liedter! daß Du sie nicht einer blossen Französin anvertkauest Gemeiniglich seht diese die ganze Erziehung darin- daß man lernt gut französisch zu sprechen, und einen äusserlichen guten Anstand zu habenz aber zur Bildung des Herzens hat sie selten die gehörige Kenntnisse. Annoch ist dieses eine nicht geringe Unbequemlichkeit, daß sie nicht allezeit bey ihrer Untergebenen seyn kan; Und nach meiner Meinung, um ein Kind wohl zu erziehen, darf man dass

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Erster Brief

selbe nicht einen Augenblick verlassen. Ich habe bey der Kleinen den Grund zu einem guten Character bemerkt, und ich bin gewiß, daß man dieselbe zu einer guten und liebenswürdigen Person bilden kan, wenn man sie nicht verdirbt. Ich bitte Dich, mein Geliebter! schenke ihr einen Theil derjenigen Zärtlichkeit, die Du für ihre Mutter gehübt hast, und liebe sie nicht weniger, als ihre Brüder.

Ich bin überzeugt, daß Dü insonderheit Sorge trage» wirst, daß unsere Kinder einen guten Grund in der Religion erhalten; dies ist das gröste Guth, das wir ihnen geben können. Was mein Vermögen betrift, so habe ich in meinem Testament bestimmet, wie

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21 an Ihren Herrn Gemal,

viel rin jedes von unfern Kindern nach Deinem Tode haben soll. Ich habe auch einige Pensions für meine Bediente verordnet. Ich bin gewiß, mein Allerliebster! daß Du sie bezahlen wirst. Meine übrige Bediente empfehle ich Deiner Fürsorge. Bezeuge ihnen insgesamt meine Erkenntlichkeit für ihre Treue, womit sie mir gedienet haben.

Vermelde meinen Abschiedsgruß meiner geliebten Mutter, und sage Ihr den verbindlichsten Dank für alle Zärtlichkeit, die Sie im Leben gegen mich bezeigt hat. GOtt sey Ihr Vergelter!

Danke Deiner lieben Familie

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22 Erster Brief

für alle Freundschaft, die Sie für mich gehabt! Ich bitte Sie um Vergebung, Wenn ich Sie jemals wider meinen Willen beleidiget habe. Ich hoske, daß Sie alle das kleine Andenken, daß ich Ihnen vermacht habe, von einer Person annehmen werden, die die zärtlichste Freundschaft für Sie mit in ihr Grab nimmt. Ich empfehle Ihnen meine liebenKinder, insonderheit bitte ich meine Schwiegerinnen, diejenige Freundschaft, die Sie für mich gehabt, meiner Tochter zu schenken. Zum Beschluß danke ich Dir nochmals, mein Geliebter! für alle Zärtlichkeit, die Du für mich gehabt hast, und bitte Dich

um dieser Zärtlichkeit willen, Dich

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23 an Ihren Herrn Gemal.

nicht zu sehr zu kränken; sondern Dich mit der Hofnung aufzurichten, daß Du bald wiederum vereinigt seyn wirst mit Deiner zärlichen und ganz getreuen Gemahlin, Freundin und Diene- rin.

Den eingeschlossenen Brief bitte meiner Tochter zu geben, wenn Du glaubst, daß sie fähig seyn wird, meinen Verlust zu empfinden.

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Zweyter Brief

an Ihre Tochter.

Meine liebe Tochter!

Man hat mich allezeit beschuldigt, daß ich Dich mehr, als Deinen Bruder liebte, käugnen kan ich es nicht, haß meine Beschäftigung mit

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Zweyter Brief

Deiner Erziehung, zu der ich verbunden zu seyn glaubte, bey mir eine gewisse Neigung gegen Dich erweckte, die ich nicht i gegen Deinen Bruder empfand; allein dieses ausgenommen, Habe ich meine lieben Kinder gleich zärtlich geliebt. Ich war gleich entschlossen, den süssen Namen einer Mutter dadurch zu verdienen, daß ich Dir grosse und Deinem Stande würdige Gesinnungen beyzubringen suchte- Aber das gütigste Wesen hat es nicht für gut gefunden, daß ich diesen Vorsatz vollenden solte. Der HERR nimmt mich von der Welt, da Du Dich annoch in einem Alter befindest, in welchem Du meinen Verlust gar nicht, oder doch nur sehr schwach empfinden kanst. Hierin, wie in allen andern

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27 an Ihre Tochter.

Dingen müssen wir den Willen GOttes verehren; er weiß besser, was uns heilsam ist, als wir es selbst wissen. Vielleicht hat er mich nicht fähig genug zu Deiner Erziehung gefunden. Die einzige Gnade, um die ich ihn anflehe, ist diese: Daß er den guten Character befestigen möge, den ich glaube bey Dir bemerkt zu haben. Er segne eine jede Bemühung zu Deiner Erziehung! Deine vornehmste Sorge sey, Dich nie der Gnade des Allmächtigen unwürdig zu machen-

Liebe GOtt; setze Dein ganzes Vertrauen auf ihn! Diejenige verläßt er nie, die ihn fürchten. GOtt ist der beste Freund, den wir finden können, und der Einzige, der alle, auch unsere

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Zweyter Brief

geheimsten Handlungen, ficht. Me viele Mühe giebt man sich in der Welt, um denen zu gefallen, von denen man Wünscht geachtet zu werden! und wie viel mehr ist man dem schuldig, von dem allein unsere geistliche und irdische Wohlfahrt abhängt? Ueberlege, daß Du allezeit von der Gegenwart GOttes umgeben bist, und daß er, unsere ganze Glückseeligkeit, sowol in dieser, ls in der künftigen Welt, allein in seinen Händen hat! Versäume niemals das Gebeth! Dieses ist das einzige Mittel, uns mit der wahren Quelle unserer Glückseligkeit zu unterhalten. Wie sehr würde sich ein Unterthan geehrt finden, wenn es ihm erlaubt wäre, sich allezeit mit seinem Landesherrn vertraut zu unkerreden! Würde er diese Ehre versäu-

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29 an Ihre Tochter.

men? und doch sind die Könige dieser Welt nur Menschen; fie können uns nicht in allen unfern Bedürfnissen helfen. Uns geringen Geschöpfen hat der HErt der Welt erlaubt, daß wir mit ihm reden dürfen, so oft wir nur wollen; mit ihm, von dem alles in dieser und in der künftigen Welt abhängt. Wir müssen uns seiner Güte nicht dadurch unwürdig machen, daß wir dieselbe gering achten. Bringe keinen Tag zu, meine Geliebte! ohne am Abend eine Untersuchung Deiner Handlungen anzustellen! halte einen irden Tag Deines Lebens für verlohren, an welchen Du nicht über Deine Leidenschaften einen Sieg erkämpft hast; Annoch bist Du zu jung, als daß ich bemerken

könnte, zu welcher Leidenschaft Du am

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Zweyter Brief

mehresten geneigt bist; aber sey täglich aufmerksam auf Deine Handlungen; bitte GOtt, daß er Dir Dein Herz aufdecke, und erwirb Dich mit demselben bekannt machen. Es ist kein Mensch, der nicht zu diesem oder jenem Laster eine stärkere Neigung als zu den übrigen hatte; und diese Neigung ist es eben, gegen welche wir am mehresten kämpfen müssen. Endlich können wir dieselbe unter unsere Herrschaft bringen. Aber auch hier haben wir den Beystand GOttes nöthig, ohne welchen wir nicht fähig sind, diesen fürchterlichen Feind au besiegen. Wenn Du meinen Rach folgen wirst: so bin ich gewiß, daß Du allezeit vollkommen glücklich seyn wirst. Sollte es auch GOttes Wille seyn, Dich in dieser Welt viele Wider-

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31 an Ihre Tochter.

wärtigkeiten erfahren zu lassen, so wird dieses doch Deiner wahren Glückfeeligkeit nichts schaden. Du weißt, daß in dieser Welt nichts vollkommen ist, und daß GOTT alles zu unserm Besten macht. Lebst Du im Gegentheil in einer völligen Zufriedenheit: so muß dieses Dein Herz um desto mehr mit dem verbinden, der hievon die einzige Quelle ist. Wenn Du Deine Pflichten gegen GOtt erfüllest: so habe ich nicht nöthig, Dir die übrigen zu empfehlen. Es folgt von selbst aus der Liebe GOttes, daß man mit Vergnügen seinen Befehlen gehorcht, und unter diesen ist die Liebe des Nächsten, der Gehorsam gegen unsere Eltern und gegen diejenige, die uns zu befehlen haben, vorzüglich wichtig. Ich nehme demnach von

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32 Zweyter Brief an Ihre Tochter.

Die den letzten Abschied, meine geliebt te Tochter! und schliesse damit, daß ich Dich bitte, niemals Meinen Rath zu vergessen; damit ich die Freude haben kan, Dich dereinst vor GOtt wieder zu sehen, und ihn ewig zu preisen. Ich sterbe als Deine zärtliche und ganz ergebene Mutter.