[Helferich Pt. Sturz] Zwey Briefe über die Academie der Künste.

Zwey Briefe über die Academie der Künste.

Kopenhagen gedruckt bey Paul Hermann Höecke.@1771.

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Ich muß Ihnen freymüthig gestehen, es scheint mir noch nicht ausgemacht zu seyn, ob eine Academie den Künsten oder dem Staat vortheilhaft ist oder nicht. Ist es wahr, daß ein Künstler gebohren wird, daß ihn die Natur mit der Empfindung des Schönen, mit dem Talent einer leichten Ausführung beschenkt und in seine feinere Organisation den Beruf zur künftigen Vortreflichkeit legt; wenn das Genie entsteht, sich nicht bildet, wollen Sie es wagen ihm Fesseln anzulegen, es in Schranken einzusperren, ihm in der gränzenlosen Laufbahn zu lehren, wie es die Füsse setzen soll? wollen Sie den jungen Schöpfer der Grazie mit dem Maaßstab und der Ruthe in der Hand durch die Schule begleiten? Ein Baum, dessen Gipfel dem Auge entwächst, kommt wohl in der freyen Luft, aber nicht im Treibhause fort, Die grösten Künstler blüthen nicht in der Zeit der Academie, die Raphaels, die Corregios, die Le Sueurs, die Poussins die Rubens, die Van Dyks haben nie um eine Medaille gewahlt. Seitdem Italien Aca- demien stiftete, kann es sich keines grossen Meisters mehr rühmen. Wozu helfen diese Anstalten denn? Das wahre Genie bedarf ihrer nicht, und dem Staate fallen sie zur Last, indem sie dem Pflug,

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4 der Marine, den Handwerkern eine Menge nützliche Hände entführen, um Stümper zu bilden oder Unglückliche, die der Hunger nöthigt ein ander Vaterland zu suchen. Die Vorsicht hat uns unter einem rauheren Himmel nur ein nochdürftiges kein geschmücktes Leben beschieden; wir sind nicht zur Ueppigkeit, der Mutter und Ernährerinn der Künste berufen.

Antwort.

Sie beweisen mehr als Sie wollen. Die größten Feldherrn aller Zeiten haben die Kunst zu siegen in keiner Schule gelernt. Weder Ruyter noch Du Gue Trouin, sind jemals Seecadetten gewesen. Der Engländer Blake, der Cromwells Feinden zu Lande und zu Wasser fürchterlich war, hatte vergeblich eine Priesterstelle auf dem Lande gesucht. Pascal als Knabe ohne Anweisung in der Geometrie erfand die fünf ersten Propositionen des Euclides noch einmahl. Oft bildete sich in der ländlichen Einsamkeit, fern von Lehrern und Classen, ein grosser Gelehrter. Wenn Ihre Grundsätze und diese Beyspiele tressen, so ist der Unterricht in der Taktik, in der Navigation, so sind alle Schulen und Erziehungs-Anstalten überflüssig. Der grosse Mann in jeder Wissenschaft bildet sich selbst und übersteigt alle Hindernisse glücklich. Lassen Sie immer den Jüngling mit allen Talenten zur Bortreflichkeit gebohren seyn; die Kunst steigt nicht, wie die Egeria des Numa, von Himmel herab und flüstert ihrem Liebling

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5 ihre Geheimnisse ins Ohr. Er muß arbeiten, sich bemühen, sich üben. Auch die Raphaels und die Poussins giengen nicht aus der Hand der Natur, wie Minerva aus dem Haupte des Jupiters, vollkommen hervor; sie studirten nach Menschen und nach der Antike. Noch sind eine Menge Entwürfe des erstern übrig, und auf den Ueber- bleibseln des Alterthums findet man beynahe alle Figuren des letztem. Hätte Rubens in einer Künstler Schule oder, welches einerley ist, nach wohl gewählten Modellen nach den besten Bildsäulen gezeichnet, so wären seine Formen edler gerathen, und seine dicke Hausfrau hätte nicht zum Urbild, denn einer Grazie, und denn einer Liebesgüttinn gedient.

In der Academie wählt man Modelle, man sammelt Antiken, man lehrt dem Schüler die wahren Grundsätze der Kunst, man leitet seine Ausführung, man belebt seinen Eifer durch den Wettstreit, man feuert seinen Fleis durch Belohnungen an, man seht ihn in Stand die Schätze der Kunst fremder Länder zu nutzen. Man erleichtert und verschaft ihm also die Mittel, ohne welche er ohnmöglich geschickt werden kann. Oder wird es ihm besser gelingen, wenn er nach schlechten Modellen arbeitet, die Regeln erst durch mislungene Versuche, durch eine eckelhafte unordentliche Uebung finden muß? wenn sein Fleis ohne Belohnung und Wetteifer erkaltet? wenn seine Armuth ihn an seine Heymath fesselt, wenn ihm das grosse belehrende Schauspiel fremder Kunstwerke verborgen bleibt.

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6 Sie sehen, mit welchem Recht Sie den Verfall der Kunst in Italien seinen Academien beymessen. Gestehen Sie vielmehr, daß in diesem mit ewigen Ruinen der römischen und griechischen Pracht ganz angefüllten Lande, alles Gefühl aller Sinn des Schönen ganz ausgeartet, ganz vernichtet zu seyn scheint. Lesen Sie die neuern Alterthumskenner, die Commentatoren der Herkulanischen Ueberbleibsel: Sind sie nicht so trocken, so kalt, so voll Pedanterey als ob von Druidischen Steinhaufen, von Hieroglyphen ober von dem Gort Horus und Aunbis die Rede wäre. Die, französischen Academien hingegen haben einen Bouchardon, einen le Moine, einen Saly, einen Grenze, einen Vernet, und eine Menge vortrefliger Baumeister und Kupferstecher erzogen, Künstler, die in ihrer Art an der Seite der größten Meister aller Jahrhunderte glänzen,

Ihre Haupt-Bedenklichkeit ist, ob diesem nördlichen mit Reichthum nicht gesegneten Lande die Ueppigkeit der Künste erlaubt sey? Wir sind freylich nicht reich genug um einen Circus, ein Amphitheater zu bauen, unsere Hauser mit Gemälden auszuzieren und unsere Kohlgärten mit Statuen zu bevölkern, aber einige Künstler muß man uns nicht mißgönnen. Wir lieben die Bildnisse unsers Königs, unserer Königinn, und unserer Freunde; Die Kupferstechery ist der nützlichen Wissenschaften treueste Gefährtin; Und sollten nicht würdige Männer unter uns, die ihr Vaterland ehren und der Thräne der spätern Zeit werth sind, Denkmäler verdienen? Die Academie wird unsere nöthige

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7 Künstler aus Landeskindern in unserm Schooß erziehen. Lassen Sie uns auf diesen Vortheil eifersüchtig werden, damit wir nicht immer fremde berufen und theuer zu unterhalten genöthigt sind.

Wo aber finden wir Arbeit und Brod für die Menge junger Reisenden, die jährlich zunimmt, deren mancher geschickt zurückkommt und endlich dem Staate zur Last fällt oder unglücklich wird? Noch sind wir nicht mit guten Meistern überhäuft. Und lassen Sie uns immer unsern Ueberfluß an Fremde überlassen. Der Däne liebt sein Vaterland, er wird den auswärts eingeerndteten Ruhm und sein erworbenes Vermögen zu uns zurückbringen, um sein übriges Leben in der Gesellschaft der Freunde seiner Jugend zu endigen. Man kann auch in Zukunft nur vorzüglich begabten Lehrlingen zu reisen verstatten, deren Anzahl immer gering ist. Auch diese sind Nicht dazu berufen des Königs Kostgänger zu werden; Er hat sie zwar durch sein Wohlthun fähig gemacht ihren Unterhalt selbst zu verdienen, aber nirgends versprochen sie Lebenslang aus seiner Casse zu ernähren.

Die nützlichste Wirkung der Academie habe ich bis zuletzt verspart. Sie können nicht leugnen,@daß seit ihrer Errichtung der gute Geschmack ausgebreiteter und allgemeiner geworden sey; daß er nach und nach in unfern Gebäuden, in unsern Verzierungen, in allen unsern bildenden Handwerkern kenntlich werde. Die Academie unterweist jährlich gegen zweyhundert Knaben, deren vielleicht nur sechs sich eigentlich den Künsten widmen, die andern werden in alle Werkstätte verstreut

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und es ist möglich diese vortheilhafte Wirkung noch zu verstärken. Zimmerleute, Maurer, Tischler, Wagenmacher, Kleinschmiede, Silberarbeiter, einige Fabrikanten können sämtlich die Zeichenkunst nicht entbehren. Die Academie unterweist ihre Lehrlinge gründlich und umsonst. Gelingt es uns einst unsere Products zu veredlen und Kupfer- Stahl-und Eisen-Fabriken anzulegen, unsere Tapeten, unsere geblümte Zeuge, und alle die Arbeiten selbst zu verfertigen, wo der Geschmack der Zeichnung und die Schönheit der Formen den Preis der Waare erhöht und ihren Absatz begünstigt, so werden wir erst den Nutzen dieser Anstalt lebhaft empfinden.

Wenn nun die Academie nicht allein vaterländische Künstler sondern auch geschickte Handwerker und Fabrikanten erziehet, wenn dadurch ihre Arbeit sich der fremden an Vollkommenheit nähert, wenn der zunehmende Geschmack unsere Neichen befriedigt, ihre Lust zum ausländischen entkräftet und dem Staat ansehnliche Summen erspart, so verdient sie in solcher Betrachtung allein den Schutz aller wahren Patrioten- Sie wird auch dem strengsten Haußhalter nicht misfallen, wenn ihm die mässige Summa bekannt wird, die jährlich ihre Unterhaltung kostet.