P.F. Suhm An den König von dem Herrn Conferentzrath Suhm.

An den König

von

dem Herrn Conferenzrath Suhm.

Aus dem Dänischen.

Flensburg,

gedrukt und zu bekommen in der Serringhausenschen Buchdrukkerei, 1772.

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Vorbericht.

Ob mein bestürztes Vaterland diese freimütige Anrede an seinen König, erwartet habe, weiß ich nicht. Das weiß ich: jene fürchterliche Veranlassung dazu hat es gewiß nicht erwartet, nicht vermutet und nie vermuten können. Die dänischen Jahrbücher haben keine ähnliche Begebenheiten aufzuweisen. Unsere Väter würden die vor unmöglich gehalten ha- ben; mögten unsere Enkel sie niemals erfahren! So wie die dänische Unterthanen nie Ursache haben, irgend eine andere Nation zu beneiden, so haben die dänischen Monarchen nie Ursache gehabt, sich bessere und getreuere Unterthanen zu wünschen.

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Können es Dänen gewesen styn, die die verwägensten Anschläge zum Umsturz unserer ruhevollen Regierung geschmiedet hatten? Solche unwürdige Söhne hat das Vaterland nie hervorgebracht. Ein rasender Geist der Empörung hatte die Fakkel des Aufruhrs schon in der wütenden Faust. Wie nahe, wie groß, von welchem erschreklichen Umfang die Gefahr war, die uns drohete, zeiget der ruhmwürdige Verfasser dieser Anrede uns, mit aller Freimüthigkeit eines edel denkenden und edel handelnden Dänen. Im Finstern schlich die Gefahr bis an die GrundSäulen des Throns. Im Finstern theilte die Verschwörung ihre Rollen aus, bewafnete Bürger gegen Bürger, und in kurzem würden wir die Wirkungen ihrer Wuth gesehn, gefühlt und beweint haben. Dies sind die schönen Früchte unsrer erleuchteten Zeiten, da der Spötter der Religion und Gottesfurcht geehret und bewundert wird. Kann man von dem Verächter der Gottesfurcht und Religion mit Grund was anders erwarten, als daß er bei der ersten Versuchung ein jedes moralische Gefühl erstikt, und die heiligsten Pflichten seinen Leidenschaften und Lastern aufopfert? Was soll ihn einschränken? Dank sei der Vorsehung, die dir kühnen

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Hände der Frevler gefesselt! Dank den erhabenen Werkzeugen unsrer Errettung! Dank dem edelmüthigen Menschenfreund- de, der seinem Könige — unserm gemeinschaftlichen Vater nicht allein die Gefahr seines Throns, sondern auch die Noth seiner Kinder, so lebhaft, rührend und der Wahrheit getreu schildert. Mögten seine Wünsche — Wünsche, die er im Namen seines Vaterlandes vorträgt, erfüllt werden: wie blühend könnten die dänischen Reiche und Provinzen wieder werden! Dann würde die Religion uns wieder mit ihrem wohlthätigen Einfluß segnen; dann die Gesezze ihr ehrwürdiges Ansehen behauvten; dann die Talente der Landeskinder aufgemuntert, erweitert und belohnet; dann ihr Genie zur Thätigkeit angefeuert werden. Welche Nation würde der unsrigen den Leidenschaftenortrit streitig machen können1 wenn einheimische Vorzüge auch bei uns mit Ruhm und Beifall beehrt würden? wenn das erniedrigende und schon zu lange begünstigte Vorurtheil unter uns aufhörte: es müssen Ausländer seyn, die unsern Geschmak bilden, unsere Künste verfeinern, unsere Sitten verderben, unser Brod verzehren, unsere Bedienungen verschlingen, unsern Staat verheeren und — uns auslachen.

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Wenn der Geist der Nation von Verachtung und Geringschäzzung muthlos gemacht, sich immer zurückgesetzt sieht, was soll ihn anspornen, nach Verdiensten zu streben, die ihn zu den höhern Aemrtern des Staats geschickt machen, da er nie hoffen darf, sie zu erreichen? Ja, was soll ihn reizen, sich nur für geringere Bedienungen die nöthigen Einsichten und Talente zu verschaffen, wenn er sieht, daß Talente und Einsichten in keine Betrachtung gezogen werden? Wie lange mag es her seyn, da man sich erst um Geschiklichkeit, und dann um Brod und Bedienung Mühe gab? Diese Mode ist längst verjähret: wer bekümmert sich mehr darum? Nicht, ob wir Geschiklichkeit besizzen, einem Dienste vorzustehen, sondern, ob wir uns Kräfte und Geschiklichkeit zutrauen, die Einkünfte eines Dienstes zu verzehren, und etwa durch geschikte Handgriffe auf den Nothfall zu vermehren — dies ist die Hauptsache; dies aber auch die Hauptquelle so vieler Bedrükkungen, Erpressungen und Ungerechtigkeiten, worüber das Volk seufzet: daher der Ursprung der kleinen Tyrannen, die das Land aussaugen, eine Geis- sel der Unterthanen und eine Pest der Gerechtigkeit sind. Wehe dem Bürger und

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dem Landmanne, der in ihre würgende Hände fällt! Sein Verderben ist unvermeidlich. Welches Verzeichniß ihrer Plakkereien, ihrer feinen und groben Plünderungen könnte man nicht machen? Wäre es nicht Pflicht — Patrioten-Pflicht es zu thun, und der Regierung diese menschenfeindliche Brut bekannt zu machen? Wie viele tausend Seufzer würden wir weniger hören, wenn der Wunsch unsers Patrioten erhört würde: Daß die Wahl des Königs auf würdige Männer bei Besezzung der Bedienungen fallen mögte, und wenn die Großen des Landes sich überreden lassen wollten: es sei ihnen nicht unrühmlich, mit eignen Augen zu sehen, mit eignen Ohren zu hören und mit eignem Verstande zu denken.

Wenn einmal die bescheidene Stimme der Wahrheit wieder zu den Stuffen des Throns durchdringen wird, so werden auch die stillen Seufzer des Jammers vorgelassen werden, und wer könnte ihnen besser den Weg bahnen, als der Mann, der mit völligem Bewustseyn seiner rechtschaffenen Gesinnungen von sich behaupten kann, daß "weder Verstellung, noch Schmeichelei, weder Hofnung, noch Furcht, seine Triebfedern sind;" der unerschrokne Mann, der mit einem brittisch-

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freien Tone sich zum Ruhm anrechnet, „daß er nie so niedrig gewesen, den vorigen Ministern fleißige Aufwartungen zu machen,” an deren Spizze doch der fast angebetete Graf von Bernstorf stand — so lange der Abgott treuherziger Dänen und wizziger Franzosen, die der Hunger über die Belten trieb. Welchen Schwarm überlästiger Einwohner hat uns nicht jenes höfliche Land abgetreten, denen er Brod, Ehre und Ueberfluß auf Kosten der Söhne unsers Vaterlandes geschenkt! Frankreich, das feine Frankreich wird ihn in Marmor verewigen. Man verdenke es den Dänen nicht, daß sie noch so viele Lebensart nicht haben. Ein unsterblicher Patriot hat Dännemark bereits 1766 die Binde vom Gesicht gerissen. Schande! wenn wir noch nicht sehen könnten. Dannenskiold ist es, von dem ich rede. Sein Name braucht keinen Zufaz. Kein Däne nennt ihn je ohne Ehrfurcht. Er hat uns gelehrt, den süßen Ton, die einnehmenden Manieren des Gesandten in Frankreich, von den Thaten des Ministers in Dännemark abzusondern. Man sehe die Beschwerden, die der ehrwürdige Held, in dem das ächte dänische Blut noch floß, gegen ihn eingegeben. Wie bestimmt, wie ungekünstelt, wie nachdruksvoll sind

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sie! Man sehe die Verantwortung dabei. Wie unbestimmt! wie schwankend! wie zur Seite ausweichend! Ueberhaupt, wie verdächtig, wenn der Ankläger sich erst durch eine Staubwolke von complimenten hindurcharbeiten muß, ehe er seinen Mann wieder findet. Und was nüzzen sie? Thaten müssen reden. Wen die vertheidigen, der steht. Wen die verlassen, der falle. Wie der Graf das Staatsruder übernahm, da war das Land schuldenfrei, die Commerzen blühend, die Gränzen durch eine wohlunterhaltene Armee, die Küsten durch eine ruhmvolle Flotte gesichert, und kein Unterthan seufzte unter drükkenden Lasten und auszehrenden Auflagen. Nun, unser jezziger Zustand dagegen gehalten! O! wie leicht sind wir in der Waage von Europa geworden! Jezt ist Volk, und Land, und Armee, und Flotte — doch, warum soll ich erzählen, was die ganze Welt weiß? Selbst die Einrichtungen, die dem Lande vielleicht — vielleicht auch nicht hätten nüzlich werden können, wurden in einer so beschwerlichen, so übel abgepaßren Zeit angeordnet und ausgeführt, daß ihr künftiger Vortheil nie dem gegenwärtigen Aufwande das Gleichgewicht halten kann. Jetz belebt eine gegründete Hofnung das

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Vaterland wieder, unsere Bedrängnisse geendigt zu sehen. Das wichtige Ruder des Staats ist in den Händen geborner Dänen. Das Vaterland sieht mit einem Auge voll Erwartung auf sie. Was es erwartet, hat es Ihnen durch den Herrn Verfasser dieser mit so ausnehmendem Beifall aufgenommenen Schrift öffentlich sagen lassen. Ich bin gewiß, daß sie in den Provinzen gleiche Aufnahme finden werde. Ich gedenke es also meinen deutschen Lesern nicht einmal zu sagen, daß sie mit einer Begierde in Kopenhagen weggerissen sei, die von der ganzen Auflage kein einziges Exemplar zurük ließ. Ich werde nicht sagen, daß es blos ihr Inhalt sei, der ihr diese Ausnahme erwarb: nicht der hohe Name des Herrn Verfassers: nicht sein durch Wissenschaften auch bei Ausländern wohlgegründeter Ruhm. Ich sage blos: Glükliches Land! dessen Einwohner so frei und patriotisch denken. Glüklicher Patriot! der so frei und edel reden darf. Ein würdiger Skalde besinge Sein Lob.

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Lange gnug ist Religion und Tugend bei uns mit Füßen getreten. Zu lange ist Rechtschaf- fenheit und Ehrbarkeit Landes verwiesen. Doch bist Du, o König! nicht Schuld daran. Eine schändliche Bande vom niedrigen Haufen hat- te sich Deiner Person bemächtiget, und den Zutrit zu Dir für alle Rechtschaffene unmöglich gemacht. Nur mit ihren Augen und Ohren sahest und hörtest Du. Da Dein Land in Thränen schwam: Da allenthalben Furcht und Schrekken herschte: Da der Dänische Name fast ein Schimpf geworden, und man sich ausser Landes kaum dazu bekennen durfte: Da der Patriot bestürzt, das Vaterland ausge- saugt, der Glanz des königlichen Hauses verdunkelt und alles dem Verläumder, dem Räuber, dem Gotteslästerer, dem Feinde der Tugend und Menschlichkeit feil war: Da alles dies geschahe, da warst Du vergnügt, weil Du glaubtest, daß ein jeder vergnügt wäre, und das Glük deiner Untertha- nen blühete. Gesegnet sei Juliana, gepriesen Prinz Friederich! Wir danken jedem Patrioten, und allen, die aus reiner Absicht die Binde von Deinen Augen gerissen, Dich und das Reich ge-

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rächet, ihr Leben für unsere Rettung gewagt und Dir Deine rechte wesentliche Macht wieder gegeben haben. Und in der That, es war die höchste Zeit. Ich sahe bereits das Schwerdt des Bürgers gegen Bürger gewezzet, und ein vormals friedliches Volk zum Morde gereizzet. Vielleicht wäre Deine Residenz in wenigen Tagen ein Raub der Flammen und ein kläglicher Schutthaufen gewesen; Vielleicht Dännemark und Norwegen unter dem Könige äußerst unglüklich, der ihr Glük am eifrigsten wünschet. Siehe doch, o König! die Freude in den Augen Deiner Unterthanen. Besiehe doch nachdenkend, ihr Freudenfeuer, ihr freiwilliges Freudenfeuer; Laß das Blut so vieler Könige, das durch Deine Adern strömt, Dein Herz erwärmen. Selbst auf Dein Volk zu schauen. So machte es der vierte Christian, und so Friederich der vierte: Verewigte Namen! Laß Dich von keinem Schmeichler überreden, daß Du schon seist, wie Sie: Bestrebe Dich es zu werden. Von GOtt und Deinem Volke hast Du Deine Macht; GOtt bist Du Rechenschaft schuldig, wie Du sie anwendest. Souveraine Macht! eine erschrekliche Macht! Je größere Macht, desto größere Pflichten! Sezze Selbst Deiner Macht dadurch Gränzen, daß Du GOtt über Dich

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erkennest, daß Du auf das Beste Deines Volks sie- hest, daß Deine Wahl auf würdige Männer falle — @Den Würdigsten hast Du an Deinem Bruder, daß Du Niemand ohne nach dem Gesezze verurthei- lest oder absezzest, und daß Du vornemlich Deine eigene Unterthanen hervorziehest. Laß uns in Deinen Befehlen wiederum unsere Landes-Sprache hören. Du bist ja ein Däne, und ich weiß, Du kannst Dänisch. Laß die fremde Sprache für jenen niedrigen Verräther ein Merkzeichen seyn; der zu faul war unsere Sprache zu lernen, und zu hönisch sich so weit herab zu lassen. Halt die Eigenkluge im Zaum und gieb nicht zu daß Jemand, wäre es auch der geringste Mensch, beleidiget werde, am wenigsten durch offenbare Gewalt. Rufe diejenigen zurük, die unrechtmäßig abgesezt, oder verwiesen sind, und gieb den Brauchbaren unter ihnen ihre Bedienungen wieder. Mache weder zu viele noch zu schnelle Veränderungen, und laß veraltete Dinge nicht hervorgesucht und aufgemuzt werden, aber untersuch das Neueste genau — Züchtige die gelinde, bei denen Gnade statt finden kann: straf aber ohne Schonung gerecht, die Dich und uns entehret haben. Verhindere daß die Gedächtniß-Säulen Deines Vaters nicht verfallen. Schränke die kostbaren Ergözzungen ein. Unter-

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suche sorgfältig die Schulden des Landes; die recht- mäßigen bezahle. Greb Norwegen, dem treuen und tapfern — Norwegen seine Münze wieder. Laß seine Helden — diese sicherste Stüzzen des Thrones, nie wieder von Deinem Throne verjagt werden. Vergiß den Zustand der Bank und des Handels nicht, und laß diesen nicht länger ein Ziel für einige wenige Habsüchtige seyn. Ist es möglich, so heb die harten Schazzungen auf, die Deine Unterthanen so drükken, wenigstens theile sie verhältnißmäßiger ein. Freudig will ich nach meinen Umständen den Theil abtragen, der vormals auf dem Dürftigen lag. Dann wird das Land der Souverainität mehr ein Land der Freude, des Ueberflusses und der Sicherheit seyn, als selbst das freye Engelland, wo zwar eigennüzzige und kriechende Minister nicht verhindern können, daß der Rath des Volks vor den König komme, wo sie aber gleichwol die Wirkungen davon hindern, indem sie es wagen dürfen, die Vorspre- cher des Volks, die die heiligste Sache vertheidigen, ins Gefängniß zu werfen. Dännemark, Norwegen und die Fürstenthümer reden durch meinen Mund mit Dir, o König! Weder Verstellung noch Schmeichelei, weder Hofnung noch Furcht führen meine Feder. Nie habe ich mich erniedriget, den vo-

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rigen Ministern fleißig die Aufwartung zu machen. Nie habe ich besuchet, nie begrüßet, nie eine Beugung gemacht vor — dem lezten Abschaum. Nie habe ich mich als Bettler Deinem Throne genähert. Der Vorsehung und meiner Ehegattin sei Dank, daß ich in dem Stande bin, um nichts bitten zu dürfen. Höre daher die Wahrheit aus meinem Munde, eine Wahrheit, die nicht verdächtig seyn kann, wenn gleich die Wahrheit fast immer vom Sizze der Könige ausgeschlossen wird. Fürchte GOtt; liebe Dein Volk; regier Selber; traue Deinem Bruder, so wollen wir Dich in Zukunft Christian den Grossen, den Weisen, den Gütigen nennen. Unser Vermögen, unsere Kinder, unser Blut sei zu Deinen Diensten: es fließe für Dich, für Juliana, für Friederich, fürs Vaterland. Dann wird Dein Königliches Haus, das dänische und nordische Reich stehen, bis die Welt einstürzt. Wer anders denkt, ist kein Däne, kein Normann: doch wer denkt anders, außer Sclaven des Lasters? Wer ehret und erhebet nicht, jene gefährliche doch ruhmvolle Nacht, die unsere Ketten zerbrach, und uns wieder zu einem Volke machte. Herrliche Nacht! Künftige Homere und Virgile sollen dich besingen. So lange es dänische und nordische Helden giebt, so lange wird

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sich Julianens und Friedrichs Ruhm erhalten — @nicht vergrößern, denn das ist nicht möglich. Die Welt wird also eher zu Trümmern gehen, als Ihre Ehre vergehen wird.

Ewiger GOtt! der du über Könige, über Menschen und Welten herschest, der du mit einem Hauche die Gottlosen zerstreuet und ihre Anschläge vernichtet, hast: Lehre uns mit verständigem Herzen Deine weise Fügungen einsehen, deine Almacht erkennen, deinen, heiligen Gesezzen Folge leisten. Gieb un- serm Könige Kraft, fest an dir zu halten; laß Ihn einsehen, daß du Sein König; Er unser Vater sei. Es geschehe!