Hartwig Wesely Rede an dem hohen Geburts-Feste Seiner Majestät des Königs von Dännemark Christian des Siebenden den 29sten Jenner 1772 in einer Jüdischen Versammlung in hebräischer Sprache gehaltenm von Hartwig Weßely und nachhero von denselbem übersetzt.

Rede

an dem

Hohen Geburts-Feste

Seiner Majestät

des

Königs

von Dännemark

Christian des Siebenden,

den 29sten Jenner 1772,

in einer Jüdischen Versammlung

in hebräischer Sprache gehalten,

von

Hartwig Weßely,

und

nachhero von demselben übersetzt.

Kopenhagen. Gedruckt mit Steinischen Schriften.

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Vorrede.

Die Großmuth unterscheidet sich von allen übrigen Tugenden, darin, daß alle andere nur ihren Verehrer allein glücklich und vollkommen machen. Z. Ex. Ein tugendhafter Mann enthält sich aller Laster, bekämpft seine Leidenschaften, ehret und liebet seinen Schöpfer, widmet seine mehreste Zeit der Nachforschung der Wahrheiten, u. s. w. Wenn eine solche tugendhafte Seele nicht mit der Kraft der Großmuht begabt ist, bleibt sie nur gut für sich

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4 selbst. Wenn aber ein tugendhaftes Herz mit dem edlen Triebe oder Kraft der Großmuht zugleich erfüllet ist, so hat sie eine Neigung, ihren Nebenmenschen, ihre Mitbürger, ja, wenn es möglich wäre, ganze Reiche und Lander glücklich zu machen. Hiezu wendet die Großmuht ohne Eigennutz, Reichthum und Mühe an, wäre es auch mit Gefahr des Lebens verknüpft. Von solcher Art Großmuht edler. Männer, wird in dieser Rede gehandelt.

Die Großmuht ist allerdings eine Vollkommenheit, wenn sie aber in einer lasterhaften Seele wohnt, vergrößert sie noch mehr das Laster, sie wird freygebig andere Lasterhafte zu unterhalten, sich ihrer anzunehmen & c. So wie eine jede unserer Seelenkräfte Gutes und Böses verrichten kann, wie in der Rede kürzlich gezeiget wird, und folglich der Character נדיב, der immer einen Großmühtigen bezeichnet, wo er in der heiligen Schrift vorkömmt, aus dem Text erkannt werden muß, ob von einem wahren Großmühtigen gesprochen wird, oder nicht, so

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muß nun unser Text, worin von einem Volk des Gottes Abrahams geredet wird נדיבי עמים, auf Tugenhafte, die mit der edlen Großmuht begabt sind, gedeutet werden. Es verhalt sich mit diesem Character, wie mit vielen andern, die auch nicht allemahl der Tugend allein bestimmt sind, sondern sowohl denen Gottlosen als Frommen beygelegt werden, welches aber, wie gesagt, aus der Stelle, wo sie angebracht sind, von wem die Rede ist, ersehen werden muß. Zum Exemp. גבור, ein Held, zielet 1 Buch Mosis 10, 8. auf Nimrod, und im 1 Buch Samuelis 17, 51. auf Goliath, Götzendiener, und gehet auch im 2 Buch Samuelis 10, 17. auf David, dem Diener Gottes. Denn diese Art Charactere beziehen sich auf angebohrne Seelenkräfte, und nicht auf Absichten, wozu der Mensch sie gebraucht. Ein anderes ist es mit denen Charackeren, die ausdrücklich einen Hauptbegrif für sich bestimmen, und auf die gute oder böse Wahl des Menschen sich beziehen, als צדיק חסיד, ein Gerechter, ein frommer Mann, und im Gegentheil רשׂע עקשׂ, ein

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6 Bösewicht, ein Verkehrter, u. s. w. Diese Art zeigen von sich selbsten an, von wem man rede.

Ich weiß wohl, daß die Philosophen die Großmuht also beschreiben; die Großmuht ist eine Neigung, demienigen Liebe zu erweisen, der mir hat schaden wollen. Wenn ich aber die heilige Schrift zu Nahte ziehe, so finde ich diesen Begrif weit ausgedehnter. Es ist unwiedersprechlich, daß das Wort נדב, in der Hebräischen Sprache allenthalben die Freygebigkeit bedeutet, wenn keine Pflicht, Zwang, oder Gewinnsucht dahinter steckt; die Freygebigkeit wird in dieser Sprache bey allen Dingen angebracht, so wie im Anfang der Nede erwiesen wird. Zum Exempel; Alle freye Gaben heißen נדבה, wie im 2 Buch Mosis 35, 29. und im 5 Buch Mosis 23, V. 24.; 16, V, 10.; Esrä 1, V. 4.; 3, V. 5. u. f. f. Gott sagt beym Hosea 14, 5. אהבם נדבה, ich will

sie freywillig lieben, das ist: obschon es ihre Gesinnungen nicht verdienen, und Psalm 68,

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V. 19. גשס נדבות, ein freywilliger Regen, und so wird dieses Wort bey allen großen Thaten, die nicht aus Pflicht, oder eigennützigen Absichten geschehen, angebracht. Zu mehrerer Ueberzeugung, betrachte man nur, daß der König David zur Wiederherstellung seiner Kräfte, um große Thaten zu thun, bat: Laß

mich den Geist der Großmuht ורוח נדיבה unterstützen, Psalm 51, V. 14.; und es folget

gleich darauf: so will ich deine Wege die Mißethäter lehren, und Sünder werden sich zu dir bekehren. V. 15. Hieraus sehen wir, daß die Großmuht den Weisen bewegt, allen und jeden seine Weißheit und reine Lehre mitzutheilen, und sie vollkommen zu machen, so wie im Anfange der Rede gesagt wird. David spricht hier nur von diesem Theil der Großmuht, andere weise und fromm zu machen, welches sich nur auf die Vergebung seiner begangenen Sünde paßte. Er will, wenn ihm Gott seine Sünde verzeihet, und mit Großmuht begabt, viele Sünder lenken, daß sie sich zum Herrn be-

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8 kehren sollen. Da nun der Character נדיב in der hebräischen Sprache, wie gesagt, alle Atten von Wohlthaten, die ohne Pflicht oder Zwang geschehen, in sich saßet; so habe ich in der deurschen Sprache (deren ich eben nicht sehr mächtig bin) kein Wort finden können, so viel ich auch nachgedacht, welches die Meynung des hebräischen Worts נדיב ausdrücken könnte, als nur großmüthig. Denn, wenn es sich wie der Philosoph sagt, auf die Neigung beziehet, die demjenigen Liebe erweiset, der ihm hat schaden wollen; so bezeichnet er nur damit den höchsten Grad dieser Tugend, weil alle Gutthätigkeiten in folgenden dreyen Arten bestehen müssen: Erstlich, wenn wir demjenigen Gutes thun, der uns Gutes gethan, oder dafür wie- der Gutes bezahlen wird. Dieses ist eine Pflicht, und keine Großmuht. Die zweyte Art ist, wenn wir Gutes thun, ohne vorher Gutes empfangen zu haben oder ins künftige dafür Gutes empfangen zu wollen. Dieses ist eine Großmuht, wovon der höchste Grad die

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9 dritte Art ausmacht, nemlich demjenigen Gutes zu erweisen, der uns beleidiget, oder wohl gar Böses für ein empfangenes Gute bezahlet, mit dem Beding, wenn der Wohlthäler auf keine Gegen-Belohnung in der Zukunft stehet. Hieraus folget, daß das entgegenstehende Laster in der Undankbarkeit bestehe, die ihrem Wohlthäter ein empfangenes Gute mit Bösem vergilt.

In zweyen von meinen Werken, die ich vor einigen Jahren drucken laßen, und in mehreren, die noch geschrieben liegen, habe ich von

verschiedenen hebräischen Wörtern die wahren

und gemeßenen Bestimmungen angezeiget, und alle Stellen, wo sie in denen heiligen Büchern

Vorkommen, erkläret, und bewiesen: daß jedes-

mal wo ein Wort angebracht worden, von der Bestimmung, die ich demselben beygelegt, nicht abweiche, und was mehr ist, ich habe die Worte,

die jeder Uebersetzer von einerley Meynung zu seyn geglaubet, unterschieden, zum Exempel:

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אחר מהמה בושש, die alle drey mit sich aufhalten übersetzt worden; כח גבורה עוז חוזק אומץ, die man alle durch Starke, Macht, oder Kraft ausgedruckt; יופי פאר הוד הדר, die alle mit Zierde oder Schönheit & c. nach Wohlgefallen eines jeden Uebersetzers gegeben worden, und noch viele dergleichen Wörter mehr. Ich zeige in gedachten Werken aber, daß es falsch sey, so zu denken; weil von gedachten Bestimmungen der Wörter, und dem Unterschied derselben, der wahre Gedanke des Textes immer abhänget. Bishero hat weder ein christlicher noch jüdischer Gelehrter, so viel ich weiß, hierüber etwas geschrieben; dahero haben meine obgedachten Werke, bey den grösten Männern meiner Nation das Lob erworben, daß sie wichtige Wahrheiten enthalten. Unter andern schreibet mir der Hert Moses Mendelssohn: “Zu einer "rechten Erklärung der heiligen Bücher (wie "ich sie wünsche) würden ihre Werke von dem "Unterschiede und Bestimmungen der Wörter "sehr vieles beytragen, und so zu sagen, den

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"Weg dazu bahnen.' Ein Werk von ihrer "Hand, von obgedachter Art, wäre ein vor- "trefliches Hülfsmittel zur Erklärung der heili"gen Bücher. Ich glaube, alle Kenner und "Freunde der hebräischen Sprache, würden für "ein solches Geschenk ihnen unendlichen Dank "wißen.„

Wahrlich, so lange ein Werk von dieser Art nicht erscheinet, kann man, so viel ich glaube, keine Uebersetzung der heiligen Bücher sicher unternehmen. Es wird auch dadurch deutlich an den Tag gelegt, was die göttlichen Redensarten von denen menschlichen unterscheidet; dann letztere mögen so zierlich, angenehm, einnehmend, wohldenkend und scharfsinnig geschrieben seyn, wie sie immer wollen, so können sie mit ersteren doch in keinem Vergleich kommen.

In dem Vorbericht vor meinen obgedachten gedruckten Werken, habe ich dieses alles ausführlich abgehandelt. Es wolle der gütige

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12 Gott, die Bürden meiner zeitlichen Umstände in Gnaden erleichtern, damit ich das zum Nu- tzen aller Wahrheit liebenden Männer angefangene Werk, ungehindert fortsetzen und vollenden möge. נדיבי

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נדיבי עמים נאספו עם אלוהי אברהם

כי לאלהים מגני ארץ מאד נעלה׃

Die Großmühtigen der Völker werden versammelt, ein Volk des Gottes Abrahams; denn die Beschützer der Welt sind des Herrn, der sehr erhaben ist. Psalm. 47, V. 10.

Lieben Brüder! aus diesen Worten des heiligen

Sängers ist zu bemerken:

1, Warum wird der Herr nur die Großmühtigen berufen? Aus welcher Absicht wird allhier der Herr ein Gott Abrahams genannt?

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3. Was wird unter den Worten Beschützer der Welt verstanden?

Wenn wir die unschätzbare Seelenkraft, ich meyne die Großmuht, נדיבות in Betrachtung

ziehen, so finden wir, daß sie die Zierde der großen Männer, und in den wichtigsten Thaten die wirkende Kraft ist. Durch sie wird Haab und Gut um der Gerechtigkeit und Tugend willen, großmüthig hingegeben, 2 Buch Mosis 35, V. 5. כל נדיב לבו ; den Weisen bewegt sie, ohne Eigennutz oder Ehre zu suchen, seine Weisheit der Welt mitzutheilen, i B. der Chron, 28, V. 21. לכל נדיב בחכמה ; und sie ist es auch, die den Helden aufmuntert, Leib und Leben edelmühtig, als ein Opfer, der Tugend zu widmen, Buch der Richter 5, V. 2. 9. המתנדבים בעם. Hieraus ersiehet man: daß ein bedrängtes Volk, ein im Verfall gerahtenes Land, es sey durch Armuht, Unwißenheit, oder Verfolgung geschehen, nur von dieser erhabenen Seelenkraft, nehmlich der Großmuht, seine Errettung zu hoffen habe.

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Wer war unter dem Menschlichen Geschlechte größer, wie der göttliche Mann Mosis? Er war König und Prophet zugleich. Achtzig Jahre verstrichen, bevor der Herr sich ihm zeigte; 2 Buch Mos. 7, V. 7. Was er in dieser Zwischenzeit verrichtet, davon meldet die heilige Schrift weiter nichts, als nur, daß er einen Egypter, der boßhafter Weise einen Hebräer prügelte, erschlug; daß ihn der egyptische König wegen dieser That tödten wollte, und daß er entflohen nach Midian, woselbst er die Hirten, die unrechtmäßiger weise die Töchter des Jethro verjagten, vertrieb. Eine zwote großmühtige That, kurz nach der ersteren, die ihm beynahe sein Leben kostete. Die Schrift erzehlt uns dieses lediglich, daß wir die erhabene Großmuht dieses großen Mannes erkennen sollen, die ihn, ein König und Prophet zu werden, würdig machte.

Wir wollen mehrere Erzählungen von groß- mühtigen Thaten erhabener Männer weglaßen, und uns zu unserem ersten Vater Abraham wenden, dem keiner in dieser Eigenschaft gleich ist. Er zeigte seine Großmuht in allen Dingen. Erstlich in Reich

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thum, wie wir aus seiner Antwort an den König von Sodom sehen können. Er wolle durchaus nichts von dem, was er im Kriege erworben, von ihm annehmen. 1 Buch Mos. 14, 22. 23. Zweytens in Weißheit; denn er verkündigte Gottesfurcht, reine Lehre und Tugend, allen und jeden, wie zu ersehen aus Cap. 18. V. 19. Nicht weniger bewieß er Großmuth mit Gefahr seines Lebens, als er mit 318 Mann, herzhaft 4 Könige schlug, um seines Bruders Sohn, der von ihnen unschuldigerweise war gefangen worden, zu erretten. Cap. 14. V. 14. 15.

Eine mit dieser edlen Tugend begabten Seele, die alles für Anderer Wohl aufopfert, und auf keinen Eigennutz siehet, kann mit Recht eine Beschützerin der Welt genannt werden, weil sie mehr für Anderer, als für ihre eigene Erhaltung da ist. Diese Beschützerin der Welt, die keine zeitliche Belohnung achtet, wird einst gewiß von Gott selbst belohnt werden. Gott allein weiß alle Handlungen der Großmühtigen zu schätzen, und alle großmühtige Thaten der Menschen sind Abdrücke seiner unendlichen

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Großmuht. Er bedarf keines andern, und hilft einem leden Gerechten. Er giebt dem Menschen Erkenntniß und Weisheit. Psalm. 94, V. 9. Sprüchw. Salom. 2, V. 6. Von ihm kömmt Reichthum und Ehre. 1 Chron. 29, V. 12. Er führt für die Gerechten Kriege, und stärkt die Helden. 2 Buch Mos. 15, V. 3.

Alles obbesagte zusammen genommen, wird den tiefen Gedanken des göttlichen Sängers, den wir vorangefetzt, in ein helles Licht setzen. Seine heilige Ode erzählt: wie zu der Zeit, da Gott die Tugend belohnen wird, alle sagen werden: Gott re-

gieret über alle Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Throne, Psalm. 47, V. 9. die Großmühtigen Der Völker werden versammelt. Das ist: jetzo ruft er zu sich die großmühtigen, die edeldenkenden Männer, um sie herrlich zu belohnen. Diese sind, ein Volk Des Gottes Abrahams; weil Abraham der erste Vater aller Großmühtigen war, zu welchem Gott sprach: Fürchte

dich nicht Abraham, ich bin dein Schutz, Deine Belohnung ist sehr groß. 1 Buch Mosis

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18 15, V. 1. Und eben so ist er der Gott aller Großmühtigen Sie sind alle des Herrn Eigenthum,

denn die Beschützer der Welt sind des Herrn.

Diese Worte bezeichnen das Erhabene der Großmuht, wie wir oben gesagt, daß sie eine Beschützerinn der Welt genannt zu werden verdienet; weil sie alles für das Wohl Anderer aufopfert. Und daher werden alle großmühtigen Männer mit dem Nahmen Beschützer der Welt allhier belegt. Darum werden sie auch von dem Herrn so herrlich belohnet, der sehr erhaben, und der Beschützer aller Welten ist. Er liebet Großmuht, und übertrift unendlich alle Geschöpfe an dieser, so wie an allen übrigen erhabenen Tugenden.

Ist Großmuht eine Eigenschaft der erhabenen Seelen, eine Kraft, die in großen Männern wirket; so sollten Könige und Fürsten gewiß mit derselben begabt seyn, weil Gott sie als seine Stadthalter auf Erden bestellet, große Reiche zu regieren. Sie sollen ihre Unterthanen vor aller Gewalt schützen, sie zur Weißheit und Tugend leiten, und den Armen und Nothleidenden zu Hülfe kommen. Wie könnte

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19 dieses alles geschehen, wenn erhabene

die Gott mit der edlen Großmuht ausgerüstet, in

ihnen wohnten? Der heilige König David, wel-

chem bewust war, daß diese edle Tugend einem Könige, einem großen Manne unentbehrlich sey, bat, als er wegen seiner begangenen Sünde, eine Abnahme seiner fürtreflichen Seelenkräfte empfand, zum

Herren: Gieb mir wieder die Freude deiner Hülfe, und laß den Geist der Großmuht mich unterstützen, ודוח נדיבה, Psalm. 51, V. 14. Wenn aber die Großmuht nothwendig in des Regenten Seele wohnen muß, und Gott allein des Menschen Herz kennet, und den Wehrt der ver- schiedenen Seelen weiß, so erfolget: daß auch Gott allein einem Lande einen großmühtigen Fürsten geben kann. Es ist Gott, der, wenn ein König soll gewählet werden, die Herzen derer, die da wählen sollen, dahin lenket, denselben aus einem Stamme zu erwählen, woraus großmühtige Seelen kommen werden. Wie leicht würde es uns seyn, sich wahren Satz, aus vielen Stellen der heiligen Schrift,

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wenn es die Zeit zuließ, zu erweisen. Jetzo wollen wir ihn bloß mit der Erfahrung bestätigen. Als diese Königreiche vor etwa 300 Jahren einen König wählten, so hat die Fürsicht Gottes sie einen Fürsten aus dem weltberühmten oldenburgischen Stamme wählen laßen, woraus so viele großmühtige Könige entsproßen sind, die theils ihre Unterthanen mit Lebensgefahr tapfer vor allen feindlichen Anfällen ge- schützet, theils zu Friedens-Zeiten dieselben zur Tugend und Gottesfurcht geleitet, und Künste und Wißenschasten im Lande eingeführt haben. Sie zeigten sich milde und gnädig gegen alle und jede, freygebig und barmherzig gegen die Armen und Betrübten, gegen Wittwen und Wäysen, wodurch sie sich, außer der Ehrfurcht, die treue Unterthanen ihrem Oberhaupt schuldig sind, auch die Liebe aller Einwohner zugezogen.

Unsere Augen, lieben Brüder, sahen hievon ein Beysviel am 17ten Jenner, als sich die Neuigkeit verbreitete: daß einige undankbare Staats-Be- vor welchen getreue Unterthanen sich fürchteten, daß sie dem hohen Königlichen Hause und diesen

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Reichen gefährlich werden könnten, weggeschaffet wurden. In welche unaussprechliche Freude sind nicht alle Einwohner dieser großen Stadt, durch diese Begebenheit gesetzt worden! Hörten unsere Ohren nicht den Schall des Jauchzens, wie kurz darauf unser Allertheurester Monarch, mit Allerhöchstderoselben Herrn Bruder öffentlich in der Stadt erschienen? Diese Freude konnte man wohl empfinden, aber nicht aussprechen. Warum? weil es eine Seelen-Freude war, die aus der Errettung eines Gesalbten des Gottes entstund, der allein die Könige auf den Thron setzet, und ihre Ehre und Liebe wunderbar der Menschen Seelen einprägt.

Wundervolle Stunde! worin die Seltenheit geschehen, daß ein gesalbtes Haupt, Reiche und Einwohner, durch ein einziges Ja, von der Gefahr, vom Verderben des Lasters, befreyet worden, von dir können die Geschichte wenig Beyspiele aufweisen! Du bleibst unter Millionen verfloßener und unzählbaren bevorstehenden Stunden, eine der merkwürdigsten, ja du bleibst unvergeßen! Die Veränderung, die in dir vorgieng, hatte die Gestalt einer

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uncörperlichen Sache, deren Abwechselungen, weißlich, schnell, ohne Raum der Zeit geschehen; denn es war die Hand Gottes, die es that. Was er will, muß geschehen, und ohne Hülfe der Zeit fängt er ein Wunder an, und endiget es zugleich. Nur selten, nur in der Zusammensetzung vieler Jahre zu vielen Jahren, thut er wenige solcher Thaten, um die Welt durch solche Wunder zu verbeßern; damit sie nicht zur Gewohnheit werden, und dem Sonnen-Licht, dem Lauf der Gestirne, oder vieler tausend anderer, dem Thoren zur Gewohnheit gewordenen Wunder Werke des Herrn, gleich werden, und dahero wie jene, weder Ehrfurcht noch Rührung der Allmacht Gottes, in dem Herzen erregen. Es war eine Stimme des Herrn, die das lasterhafte Herz erschrickt, und des Tugendhaften Seele erfreuet; die den Thoren, der wachend schläft, aufweckt, und ihm zuruft: Warum schlummerst du? stehe auf, und erkenne die Allmacht deines Schöpfers; die den Bösewicht, der mit den Zähnen knirscht, und sich ärgert, warnet, daß er sich vorsehen solle, damit nicht eine gleiche Stunde, worin Gottes Macht würket, ihn auch wegraffe; eine Stimme, die den Frommen,

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der von dem gottlosen Haufen verlacht wird, wie ein Balsam die Glieder erfrischt, seine geduldige Seele stärket, und die endlich dem Weisen, der niemals an der Allmacht und Fürsicht Gottes gezweifelt, nun ermuntert, dem Schöpfer aus dem Innersten seiner Seele zu danken, der ihm die Wahrheit seiner Vernunft-Schlüße thätig bewiesen, und ihm den Sieg über ein verkehrtes Herz verliehen hat. Der Weise kann nun ohne Schaam zum Verkehrten und Arglistigen sagen: So wie du jetzo am Ende siehest, das sich nichts vor dem Auge des Herrn verbergen kann, weil er alles siehet, zeitlichem Glück und Unglück Ziel und Maaß verordnet, und endlich doch alles, wie er will, geschehen muß, also wirst du einst am Ende aller Dinge, wenn Gott das Thun und Laßen seiner Geschöpfe vor dem heiligen Thron seines Gerichts wird Herrechnen laßen, sehen, wie keiner von allen deinen Gedanken und Werken von seiner Allwißenheit, weder wegen der Menge, noch durch die Länge der Zeit ist vergeßen worden.

Wenn durch die Großmuht, wie wir vorhero bewiesen haben, das Wohl ganzer Reiche befördert

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wird, so kann ein jeder leicht von selbsten schließen, daß ein der Großmuht entgegen gesetzes Laster, die Quelle, vieler schlechten Handlungen sey, und das Gegentheil in allen Dingen würken müße. Hier aber entstehet die Frage: welches Laster sollen wir der Großmuht entgegen setzen? Viele werden antworten: die unverschämte Niederträchtigkeit, weil diese, wenn sie auch wie jene, zuweilen Wohlthaten ausübet, dennoch immer eigennützige oder lasterhafte Absichten unter ihrem Thun und Laßen verbirgt. Dieß ist wahr. Unsere Frage ist aber: Wie soll man den letzten Hauptbegrif des gedachten Lasters nennen, welches, wenn es in einer unedlen Seele sich empor schwingt, indem es Macht über andere erhält, ihnen allen so gefährlich wird, und so großes Unheil in der Welt stiftet, wie im Gegentheil die Großmuht, wenn sie in einer tugendhaften Seele wohnt, allen Menschen Schutz und Heil verschaft? Lieben Brüder! wie wir glauben, und wie wir es aus der heiligen Schrift erweißlich machen wollen, so ist das entgegenzusetzende Laster die Undankbarkeit. Und zwar ist sie es alsdenn, wenn sie zu einem solchen Grade in der Seele wächst, daß der Undankbare seinem

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Wohlthäter für das empfangene Gute, Böses bezahlt. Was aber dieses Laster noch verschlimmert, ist, wenn er mit dem erhaltenen Guten so gar gegen seinen Wohlthäter kämpfet, und ihn damit beleidiget. Daß dieses Laster ein völliger Gegensatz der Großmuht ist, läßt sich leicht schließen. Denn, ein Großmühtiger thut Gutes, ohne vorher Gutes empfangen zu haben, oder zu gedenken, es ins künftige empfangen zu wollen, und ein Undankbarer bezahlt eine empfangene Wohlthat mit Bösem. Ein solcher Undankbarer, wird in der hebräischen Sprache, nach unserer Meynung, mit dem Worte נבל angezeigt. Wo dieses Wort in der heiligen Schrift vorkommt, da zielt es, wie wir beweisen können, allenthalben auf einen solchen Lasterhaften, der in gedachtem Grade gegen seinen Wohlthäter undankbar ist. Der Prophet Esaias sagt: Man

wird nicht mehr einen Undankbaren לנבל den Großmühtigen nennen, Cap. 32,

V. 5. Hieraus erhellet unläugbar, daß נדיב und נבל, zwey entgegengesetzte Charactere sind. Das Wort נדיב, wißen wir, bezeichnet Großmuht und Freygebigkeit; wenn nun נבל das Gegentheil

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ist: so kann es nichts anders als die Undankbarkeit anzeigen. Wir wollen nur einige Stellen aus der heiligen Schrift zur Erläuterung unserer Rede anführen; aus diesen Stellen wird man sehen, das die Undankbarkeit in allen Dingen so verderblich für die Welt, als die Großmuht heilsam ist.

Bedenket nur, lieben Brüder! wie schlecht sich der Undankbare gegen seinem Wohlthäter aufführet, wenn letzterer aus Noht etwas von diesem lastervollen Manne erbitten muß. Als der König David, der dem Nabal viel Gutes bewiesen, Boten sandte, und ihn unter zärtlicher Begrüßung um einige wenige Erfrischungs-Speisen bitten ließ; so schlug dieser undankbare Nabal, nicht allein sein Begehren ab, sondern schalt ihn noch dazu, und hieß ihn Knecht, Rebell, u. s. w. David, sagt die Schrift, hätte das boßhaste Hauß des Nabals mit dem Tode bestraft, wenn nicht die gottesfürchtige und großmühtige Abigail, ihn durch ihre weise Ueberredung davon abgehalten hätte. Sie sagte nem-

lich: O mein Herr, laße sich sein Herz nicht bekümmern wegen dieses gottlosen Mannes

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Nabat, er ist seinem Nahmen gleich, sein Nahme ist Nabal נבל, (ein Undankbarer), und Undankbarkeit ist bey thm. 1 Buch Sam.

25, V. 25. Hier ist der Beweiß, wie scheußlich sich dieses Laster zeiget gegen einen Wohlthäter, der in der Noht etwas verlanget, und daß solches mit dem Character נבל bezeichnet wird.

So heßlich der Undankbare sich nun gegen dem Wohlthäter beweiset; so gefährlich wird er der Welt durch sein Wißen, Erkenntniß der Dinge, Verstand und Beredsamkeit. Er ist dahero auch undankbar gegen seinem Gott. O verfluchtes Laster! Du verspottest Weisheit, verhöhnst alle Tugend; deine wilden Gedanken sind so frech, der Allmacht deines Schöpfers, seiner Fürsicht und seiner Gerechtigkeit zu wiedersprechen, du bewafnest deine Schmähungen mit deinem schwachen Verstände, mit deiner eingebildeten Erkenntniß; die weisen göttlichen Fügungen brauchst du frevelhaft als Gegenstände deines hämischen Witzes und deiner höhnischen Wohlredenheit, damit ein thörichter Hausen deinen Witz, deinen Scharfsinn und Einsichten bewundern möge; die

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menschliche Herzen aber, die sich leicht täuschen laßen, stürtzest du ins Verderben. Wer hat dir Ruchloser den Verstand und die Erkenntniß der Dinge gegeben? Dein Schöpfer, dein Gott. Du kampfest also gegen ihn, du beleidigst also deinen Wohlthäter mit dem, was er dir großmühtig geschenkt hat. O Schreckbild für großmühtigen Seelen! Auch von dir sagt der heilige Sänger: Der Undankbare

נבל sagt in seinem Herzen: es ist kein Gott.

Psalm 14, V. 1. Cap. 53, V. 1. Asaph schrie zum Herrn: Denke dieß dem Feinde, der Gott lästert, dem undankbaren Volk die deinen Nahmen spotten. Cap. 74, V. 18. Und er bat: Mache dich auf Gott! streite deinen Streit, erinnere dich derer von dem Undankbaren empfangenen Schmähungen zu jeder Zeit. V. 22. Hieraus begreift man, daß dieser Character נבל Undankbarer, den ärgsten Uebelthäter in der heiligen Schrift beygeleget wird. Als Mosis Israel bestrafte, nachdem es so viele Vorzüge von Gott erhalten, und ihn dennoch mit seinen Sünden beleidiget hatte, sagte er: willst du Gott

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also bezahlen, du undankbares Volk נבל, das nicht weise ist. 5 Buch Mos. 38, V. 6.

Wir haben nun noch zu erweisen, daß dieses Laster sich auch in der Treue und bey Gelegenheiten, wo des Wohlthäters Leib und Leben in Gefahr stehet, verabscheuungswürdig bezeige. Abner, der großmühtige Feldherr in Israel, wurde, wie er mit dem Könige David in ein Bündniß trat, der ihm seine Befehle auftrug, da er von Joab auf dem Wege erschlagen wurde, von ihm selber beweinet. Dem Könige, der seine Großmuht und tugendhafte Seele kannte, gieng sein Tod sehr zu Herzen; er

schrie: Soll Abner den Tod eines Undankbaren sterben נבל, 2 Samuel. 23, V. 23. Und er besang seine große Seele also: Deine

Hände waren nicht gebunden, deine Füße waren nicht gefeßelt. V. 34. Hiemit druckte er die Unerschrockenheit seines Geistes aus, die in allen edlen Verrichtungen sich thätig erzeigte. Ferner: Du fielst wie einer, der in ungerechte

Hände fällt; hiedurch bewunderte er, daß dieser Mann durch eines Joabs Hände gefallen sey, da sein

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30 Tod doch nur durch Mörderhände auf eine solche Art hätte entstehen können, indem ihm das Schicksal eines Ungetreuen und Undankbaren getroffen war. Hieraus ersehen wir, daß ein ungetreuer Diener gegen seinen Herrn und Wohlthäter, auch mit dem Character נבל bezeichnet wird.

Der Prophet Esaias beschreibt das Unwesen dieses Mannes also: ונבל, der Undankbare

spricht niederträchtig, und sein Herz denkt mißlich, heuchlerisch zu thun, und irrig von Gott zu reden, des Hungrigen Leib auszuleeren, und dem Durstigen seinen Trank abzubrechen. Cap. 32, V. 6. Hieraus wird erwiesen, daß ein mit diesem Character bezeichneter Mann, in allem sich schlecht bezeiget. Sein Denken, Sprechen und Thun ist verächtlich, heuchlerisch gegen Menschen, ausgelaßen gegen Gott, und unbarmherzig gegen den Nohtleidenden.

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muht die edle Kraft ist, durch welche edle Männer aller Menschen Wohl befördern; die Undankbarkeit das Gegentheil ist, wenn derselben Händen Anderer Glück und Wohl anvertrauet wird, denn alsdenn ist gewiß ihr Untergang auch nicht weit. So lange die undankbare Seele noch ihres Wohlthäters benöhtigt ist; so lange braucht sie alle Kunstgriffe denselben durch Verstellung und Heucheley zu blenden; glaubet sie aber, alles nöhtige erhascht zu haben, und dünkt sich mächtig genug zur Ausführung ihres Endzwecks, dann werden alle empfangene Wohlthaten von ihr zusammengenommen, angewendet, um ihren Wohlthäter damit zu bekämpfen. Hier hat das Laster seine größte Höhe, und hier wird es nun das Gegentheil der Großmuht. Der weiseste König

sagt: Unter dreyen zittert die Welt & c., unter einem Knecht, wenn er regieret, und unter einen Undankbaren נבל, wenn er des Brodts satt ist & c. Sprüchw. 30, V. 21. 22. Der Ausdruck, wenn er des Brodts satt ist, enthält den Gedanken, den wir sagten, die undankbare Seele wird gegen ihren Wohlthäter alödenn erst ge-

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fährlich, wenn sie der Wohlthaten satt ist, und sie nicht mehr nöhtig hat.

Sind wir, lieben Brüder! nicht selber Zeugen, daß dieses schreckliche Bild der Undankbarkeit, wo es in einem Reiche erscheint, alle Seelen in ängstliche Verwirrung setzt? Wir sahen Leute aus einem Nichts aufsteigen, durch majestätische Güte und Milde am Ruder der Geschäfte, als vermeynte brave Steuer-Leute hingestellet. Sie genoßen eine Wohlthat des gütigen Monarchens nach der andern. Von alleu diesen Wohlthaten satt, auf dem Gipfel des Felsens sich stehen glaubend, zeigten sie sich lasterhaft, und Untugenden brachen bald auf diese, bald auf jene Art aus. Eine Furcht, die jeder lebhaft empfand, und nur stammlend ausdrücken konnte, bemeisterte sich aller getreuen Einwohner. Muht, Trost und Hofnung waren ohnmächtig, eine Furcht, die dieses lastervolle Bild in dem Innern des Herzens dunkel abschilderte, aus- zulöschen. Die Betrübniß hätte jeden übermannet, wenn nicht Gedanken erhabner Seelen sich schwin-

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gend empor gehoben hätten, zu einer Hülfe, der es niemals an Macht mangelt, dem Unterdrückten beyzustehen. Die Vernunft sprach: Der alle Welten erschuf, eine wunderbare Uebereinstimmung in allen Dingen verordnete, und durch der Fürsten Macht, deßen Herzen er in seiner Hand hat, gute Ordnung auf unserer Erdkugel unterhält; der wird gewiß zu rechter Zeit seines Gesalbten Herz erleuchten, diesem verderblichen Laster so zu begegnen, daß es ferner dem Thron und den Reichen sich nicht nähern dürfe.

Die Frommen erinnerten sich der Begebenheit, als Mosis der Wuht des fortreißenden Strohms ausgeseht war, wie damahls seine Schwester Mirjam von ferne stund, das Schicksal, was ihm Gott bestimmet, abzusehen; 2 Buch Mos. 2, V. 4. und daß sie es auch gewesen, die ihm nachhero das ErrettungsMittel verschaffet. V. 7. 8. Ferner, wie Gott ihm befohlen, nach Egypten zu gehen, und sich unerschrocken gegen die stolzen Egypter zu stellen, wie damahls sein Bruder auf göttlichen Befehl in der Wüste ihn begegnet, ihm liebreich zur Hand gegangen sey, und sein frommes Herz gestärket habe. Cap. 4, V. 27. O Gott!

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sende jetzo auch eine Mirjam, die durch ihre Klugheit und erhabene Tugenden, deinen Gesalbten und seine Reiche Errettungs-Mittel verschaffe; sende jetzo auch einen liebreichen Königs-Bruder, der durch seinen Verstand und wahre Liebe zum König und Vaterlande, das Königliche Herz zärtlich und sanftmühtig stärken könne.

O gefährliche Mittelzeit! worin die Undankbarkeit eine großmühtige Seele, die von der Tugend geleitet, auf solche Ränke nicht denkt, und keinen Verdacht hat, durch Verstellungen einnimmt. O fürchterliche Stunden! worin die Treue seufzt, die Edlen sich verbergen, und Großmuht der edlen Männer sich mit dem Schleyer der Gedult umhüllt, und von ferne einem glücklichen Augenblick, entgegen siehet. Was für ein Elend, wann die Rechtschaffenen mit gerechtem Kummer sagen müßen: Du schreckliches Bild der Undankbarkeit! behältst Du in einem Lande die Oberhand, so wirst du gewiß Gottesfurcht und Tugend wegschaffen; der überbleib den Frommen wird dein Spott seyn; Gnade, Güte, Mitleid und Barmherzigkeit, werden dir zum Scherz

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und Gelächter dienen; der Wittwen und Waysen Thränen, werden dich nicht rühren; gegen aller Anderen Elend, wird dein Herz unempfindlich bleiben, und endlich wirst du ein von Menschen bewohntes Land, zu einer wüsten Einöde, zu einer Wohnung der wilden Thiere machen. In einer solchen Zwischenzeit, worin alles zwischen Sorgen und Hofnung lebte, konnte niemand einsehen, wer den steilen Felsen, woraus sich das Laster ohne Furcht gestellet, besteigen, und ihn in seinen Verschanzungen angreifen würde. Wer konnte glauben, daß es plötzlich von seinem Gipfel bis in die Tiefe sollte niedergestürzt werden. Sollte es geschehen, urtheilten die Menschen, so müste es durch ein Wunder seyn, Die Zeit kam, das Wunder geschahe; es fand sich eine großmühtige Mirjam ein, es erschien ein weiser Königs Bruder. Wir alle sahen, daß unser Trost gegründet, und was die Vernunft zu uns gesprochen, richtig gewesen.

Die Fürsicht Gottes, das allerhelligste Auge des Herrn, das von seinem erhabensten Throne, bis aus das niedrigste Geschöpfe herabschauet, ich sage:

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das Auge, welches, wo aller Menschen Fürsicht, Einsehen und Verstand Gränzen haben, mit einem Blick übersiehet, verstehet, und dem sich alles aufgedeckt zeigen muß; Gott, der seine Geschöpfe liebet, der den Gerechten in seinem Pfad leitet, und den Halbverdorbenen von dem gänzlichem Verderben errettet; er, der König aller Könige, der an seinem Gesalbten Wunder thut, der war es, welcher am obgedachtem Tage, einige undankbare Diener des

geliebtesten Königs offenbarte. Sie schliefen geruhig, aber der Herr wachte, und entdeckte das Innerste ihres Herzens.

In diesem Augenblick gefiel es Gott, den großmühtigen König, mit dem Geiste der Tapferkeit auszurüsten. Mitleiden und gerechter Zorn, schwungen sich zugleich empor in das zärtlichste Herz des Königs, die Treue zu belohnen, und ihre Verfolger zu bestrafen. Er beschloß und befahl. Großmühtige Helden umringten sogleich den Gesalbten Gottes, und giengen umher, wie Sterne von der Sonne erleuchtet. Herzhaft, mit Schwerdt und Seele in der Faust, vollzogen sie, den vom Thron erhaltenen

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Befehl. Land und Einwohner sahen sich auf einmahl von dem Joche des Lasters errettet. Das Unrecht muste sich bücken, und die Undankbarkeit bedeckte sich mit Schande. Alle Rechtschaffenen schlugen ihre Augen gen Himmel, und dankten stillschweigend, mit Erstaunen, dem, der allein und zu allen Zeiten Wunder thut.

Lieben Brüder! aus dieser Begebenheit, die wir zur Ehre Gottes erzählen, können wir den Wehrt der Großmuht, die so vieler erhabenen Tharen Quelle ist, abnehmen: nemlich, daß der Großmühtige, durch zwey gegen einander gesetzte Seelenkräfte, deren er sich weißlich bedienet, seine tugendhafte Thaten ausübet. Die eine wirkt, daß er seine Hoheit herabläßt, und die andere, daß er sie erhöhet. Die erstere, die wir die Demuht nennen, bewegt ihn, den gerechten Armen und Elenden zu achten, Mitleiden mit ihm zu haben, und sich seiner anzunehmen, und die letztere, die wir nachhero nennen werden, treibet ihn an, den Großen, und in Ehrenstellen sitzenden Gottlosen zu verachten, Ernst und Strenge gegen ihn zu gebrauchen. Daß

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diese zwey entgegengesetzte Kräfte die vornehmsten Gehülfinnen der Großmuht sind, durch welche sie alle große Thaten zu verrichten, vermögend ist, wird leicht zu begreifen seyn. Man erwäge nur, daß alle große Thaten in zwoen Arten bestehen, davon die eine ist, daß man Haab und Gut darbietet, den Armen, Bedrückten und Nothleidenden zu helfen; die Unwißenden und Einfältigen durch seine Weißheit zu unterrichten und belehren; und endlich die Schwächern mit Lebensgefahr, aus ihrer Verfolger Macht zu erretten. Solches zu thun, muß der Großmühtige nohtwendig seine Hoheit herablaßen. Denn, blenden ihn seine Vorzüge, um den Armen, Einfältigen, oder Schwachen, gegen den Reichthum, die Ehre, Weißheit, oder Stärke des Großen für gering zu achten, so würde sich in ihm kein Mitleiden regen, jenen mit seinem eigenen Schaden, Mühe oder Gefahr zur Hülfe zu eilen.

Die andere Quelle, woraus die großmühtigen Thaten entspringen, ist: daß ein Großmühtiger seinen Reichthum, Mühe, und Gefahr daran wagt, den Gottlosen, Ungerechten, und dem menschlichen

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39 Geschlecht zum Verderben gereichenden Haufen zu bekämpfen, beherrschen, zu erniedrigen und bestrafen. Solches zu thun, muß er nohtwendig sich felbsien, wegen feiner Liebe zur Gottesfurcht und Tugend, höher, erhabener, und wichtiger schätzen, wie jene, die er aus gerechtem Eifer verfolget; denn wäre er gleichgültig gesinnet, achtete er aus Demuht den Gottlosen wie sich selbsten, so würde er keine großmühtige Triebe empfinden, ihn mit seiner eigenen Gefahr zu bestreiten. Es hat auch also seine völlige Richtigkeit, daß ein gottesfürchtiger und tugendhafter Mann, diese edle Eigenschaften höher schätzen soll, als alle zeitliche Glückseligkeit, und sich in Elend und Noht erhabener, fürtreflicher und höher fühlen müße, als den Lasterhaften, der in Gold und Purpur gekleidet einhergeht, und eine wichtige Ehrenstelle bekleidet. Schätzet er sie nicht also, besitzt er nicht diese Tugend, so läuft er Gefahr, sie gegen ein zeitliches Glück zu vertauschen. Gott selber sagt durch seinen Propheten, daß niemand sich hochzuhalten habe, wegen seiner Vorzüge der Klugheit, Macht oder Reichthum, wenn er sie ohne kenntniß des Herrn, und ohne Ausübung der Gerechtigkeit und

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Tugend genießt. So spricht der Herr: Es rühme sich der Kluge nicht mit seiner Klugheit, und rühme sich der Starke nicht mit seiner Stärke, und rühme sich der Reiche nicht mit seinem Reichthum; der sich rühmet, rühme sich damit, daß er mich wiße und kenne, daß ich Gott Gnade, Gericht und Gerechtigkeit auf Erden ausübe: denn an diesen habe ich meinen Wohlgefallen. Jer.

9, V. 22. 23. Hieraus erhellet, daß es nur dem tugendhaften Menschen anstehe, von sich in seinem Herzen zu halten, und sich höher wie alle Untugendhafte, sie mögen klug, stark und reich seyn, zu schätzen.

Es sind in allen Sprachen Wörter erfunden, womit man Laster und Tugenden ausdrückt; so nennet man die Kraft unserer Seele, den Trieb, uns mehr und beßer, wie unsern Nebenmenschen zu schätzen, und über ihn befehlen und herrschen zu wollen,

Hochmuht, Stotz und Herrschsucht, diese sind

des Lasterhaften Leidenschaften. Wie aber, wenn sich der tugendhafte Mann, wegen seiner edlen Eigenschaften beßer und höher schätzet, als den Gott

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losen? Wie aber, wenn der weise Fürst zur Errettung der Gerechten, über ein gottloses Volk die Herrschaft zu erhalten sucht? Wie sollen wir solche Triebe nennen? Vielleicht sollen wir uns so aus-

drucken, daß er sich erhaben, groß oder edelden-

kend fühlet. Wir überlaßen dieses denen Sprach- kündigern zu entscheiden, ihnen kömmt es zu, diesen Character zu bestimmen. Wir wollen nur beweisen, daß in den göttlichen Büchern alle Arten von HerzensErhöhungen, sie mögen Laster oder Tugenden seyn, mit einem und eben dieselben Wörter bemerket werden. Z. E. Hochmuht, Stolz, und Regiersucht, heißen immer גבה לב גאוה גאון. Wir finden

sie zuweilen als große Laster beschrieben. Der weise

König sagt: Die Gottesfurcht haßet das Böse, den Stolz und die Herrschsucht & c. גאה

וגאון. Sprüchw. 8, V. 13. Ferner: Das hoch-

mühtige Herz גבה לב ist ein Greuel vor

Gott. Cap. 16, V. 5. Dahingegen finden wir sie auch als erhabene Tugenden beschrieben. Gott sagte zum frommen Hiob: Wenn du eine Macht

wie Gott hast, und Mit einer Stimme wie er donnern kannst, so ziere dich mit Beherr-

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schung und Hoheit גאון וגבה, kleide dich in Fürtreflichkeit und Vorzüglichkeit, ergieße den Grimm Leines Zorns, schaue jeden Hochmühtigen גאה und erniedrige ihn, unterdrücke den Stolzen גאה, und verstoße die Bösewichter, die sich sicher glauben; verstecke sie in der Erde, ihr Angesicht verbirg im Verhältniß: denn will ich dich auch loben, daß dir deine Rechte hilft. Hiob 40, V.

9, 10. 11. 12. 13. 14. Hieraus ersehen wir, daß die nehmlichen Worte גאון וגבה, die sonst Hoch- muht und Regiersucht bedeuten, allhier als Eigenschaften Gottes, denen ein tugendhafter Mann nachahmen soll, gebraucht sind; weil sie, wenn sie zu rechter Zeit und Stelle angewendet werden, edle Dienerinnen der Gerechtigkeit abgeben. Auf eben diese Art heißt es von dem frommen König Josaphat, wenn die Schrift seine großmühtige Thaten erzählt: und

sein Herz war hoch ויגבה לבו in den göttlichen Wegen. 2 Chron. 17, V. 6. Hier ist eben der Character גבה לב, welcher sonst Stolz und Hochtnuht bedeutet, weil er ihn in denen Wezen Gottes gebraucht, als eine erhabene Tugend an-

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geschrieben. Wir könnten noch viele dergleichen Beweise beybringen, die wir aber wegen Kürze der Zeit weglaßen, und nur anmerken, daß die Heilige Sprache mit wahrem Grunde alle Arten von Erhöhungen des Herzens, sie mögen tugend- oder lasterhaft seyn, durch einerley Charaktere ausdrücket, weil alle Erhöhungen im menschlichen Herzen aus einer und eben derselben Seelenkraft, die in uns den Trieb zu Erhöhungen wirket, entstehen. Der Unterschied, ob sie gut oder böse werden, hängt lediglich von dem Menschen selbsten ab. In des Weisen Herz würkt dieser Trieb hoch zu seyn in denen göttlichen Wegen, und ihm kommen wegen dieser Hoheit größere Pflichten zu, als denen, die nicht so tugendhaft, sind. Er ist stolz gegen das Laster, und sucht die Herrschaft über Gottlose zu erhalten, um die Welt von ihrem Joche zu befreyen.

Im Gegentheil erregt in des Tohren Herz dieser Trieb Hochmuht gegen den Armen, Stolz gegen Tugend und Weißheit, Regiersucht, um seinen nn- bändigen Stolz zu sättigen, und Macht zu haben, seine Laster ausüben zu können. Weil nun alles

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44 aus einer Quelle hervor quillt, so sind'in einer Sprache, worin der spricht, der selbst die Seelen gebildet, alle Arten von Erhöhungen des Herzens, gute und böse, mit einem und eben demselben Character genennet, weil die Charactere auf die Seelenkräfte ihre Beziehung haben, und nicht auf die Absichten, wozn sie gebraucht werden. Das Letztere erfährt man aus dem Erfolg und den Beywörtern, die dazu gesetzt werden.

In meinem gedruckten Werk גן נעול, habe ich eine Abhandlung über die Seelenkräfte geschrieben, wovon ich hier nur eine Stelle kürzlich anführen will zur Erläuterung dieser Rede. Ich sage daselbst an einem gewitzen Orte: "Alle unsere See- lenkräfte sind gut, auch die, welche nach des Ue- bereilten Meynung böse zu seyn scheinen, find es nicht; Gott grub sie alle in unsere Seele, daß sie der Weisheit Dienerinnen seyn sollten. Die Weiß- heit selbst ist die Regel des Lebens, die Gott al- lein offenbaret hat, und allein offenbaren kann. Eine jede Seelenkraft ist von der Weisheit vorgeschrieben, wenn, und wozu sie in der Menschen

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''Herz sich würksam zeigen soll, damit sie thätlich ihre Verrichtung ausübe. Aber leider! die Menschen gehorchen der Weißheit nicht, und lassen ihre Kräfte nach dem Willen ihres Herzens aufsteigen und würken, darum sagt die heilige

Schrift: Die Bildungen im menschlichen Herzen sind böse יצר לב האדם. 1 Buch

Mosis 8, V. 21. Sie sagt nicht: Der Men- schen Seele נפש האדם ist böse. Nein, aller Menschen Seelen sind gut, der Unterschied liegt in denen Bildern in dem Herzen, welche nach unserer Meynung das Wort יצר anzeiget. Keine Leidenschaft kann ohne vorhergegangenem Bilde in dem Herzen entstehen. Hier unterscheidet sich der Gute von dem Bösen, der Gerechte von dem Ungerechten, u. s. w. Alle lieben, alle haßen, alle sind hochmühtig, alle dehmühtig, u. s. m. Nur dieser liebet seinen Schöpfer und was gut ist, und jener liebt Bösewichter und Wollust; jener haßt Betrug, und dieser Gerechtigkeit; dieser be- zeigt sich hochmühtig gegen die Stolzen und Unge rechten, und jener gegen den Frommen und Gerechtesten; jener ist demühtig gegen die Armen

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und Waysen, und dieser gegen den, von welchent er die Ausführung seiner Uebelthaten erwartet, u. s. f.

Wir müßen nun, nachdem wir etwas vom Hochmuht und Stolz zur Erläuterung gesaget, auch von der entgegengesetzten Seelenkraft, nemlich von der Demuht, die in der heiligen Schrift mit dem Worte עכוה bezeichnet wird, reden. In obgedachtem Werke, habe ich auch eine Abhandlung über diese geschrieben. Jetzo wollen wir nur etwas Weniges davon erwehnen, und anmerken, daß der welcher eben nicht hochmühtig ist גאה, darum doch nicht עכו demühtiger genennet werden könne; und daß die Demuht auch nicht darin bestehe, daß ein großer Mann, der mit vielen Vorzügen der Seele begabt ist, seine Vorzüge für nichts achtet, und in seiner Einbildungskraft allen andern sich gleich stellet, denn dieses wäre eine thörichte Einbildung und keine Wahrheit. Ein großer Mann muß seine Vorzüge erkennen, seinem Schöpfer dafür danken, seine Pflichten ausüben, und durch Wohlthaten selbige verherrlichen. Die wahre Demuht ist ei-

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47 gentlich die Quelle aller Güte des Herzens. Der wahre große Mann hat die Kraft, sich bis zu dem niedrigsten seiner Nebenmenschen herunter zu laßen, eines jeden Stand zu empfinden, und alle gütig, mild, leutselig, barmherzig, erträglich zu begegnen, und zu gleicher Zeit seine Vorzüge zu erkennen, sich durch Herablaßung seines Herzens den geringsten Menschen wehrt zu schätzen, und ihm alles mögliches Gute wiederfahren zu laßen. Dieses reitzende Bild der Demuht aber ist so selten vollkommen in einer großen Seele anzutressen, daß die heilige Schrift solches an dem Erhabensten unter allen Menschen preiset. 4 Buch Mos. 12, V. 3. Und außer das die. Vernunft es bewährt, es müße eine Eigenschaft Gottes seyn, so sagt es auch der heilige Sänger: Und deine De-

muht וענותך ists, die mich groß macht.

Psalm. 18, V. 36.

Lieben Brüder! unser geringer Vortrag von Hoheit und Demuht, dienet zu einem unbefleckten Spiegel, das Bildnis der Großmuht, womit Gott die Seelen seiner Geliebten begabt, zu erkennen; sie selber aber ist der edle Trieb, andern Men-

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schen ohne allen Eigennutz, und mit eigener Gefahr zu dienen. Hoheit und Demuht sind es, die diesen erhabenen Trieb zu großen Unternehmungen würken. Aus der ersteren strömt Ernst und gerechter Zorn, und aus der letzteren fließt Güte und Mitleiden. Diese Tugenden waren es auch, womit unser geliebter Monarch, in obgedachter wundervollen Nacht sich zierte, und in dem Augenblick bewafnete, als ihm der Schöpfer mit dem Geiste der Großmuht, seinen Reichen durch eine ernsthafte Entschließung zu Hülfe zu eilen, in Gnaden unterstützte. Es ist nur einem Oberhaupt des Volks allein die Ausführung solcher großen Dinge vorbehalten, und diesem allein befiehlt eö auch Gott in der heiligen Schrift; welches wir aus derselben nach Anleitung unseres Vorberichts, jetzo naher erklären wollen.

Die Schrift befiehlt dem König über Israel, daß er das Buch des Gesetzes neben sich haben, und seine Lebenszeit darin lesen solle, damit er lerne Gott

seinen Herrn fürchten, die Gespräche des Gesetzbuchs inne, und alle Gesetze zu hand-

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haben. 5 Buch Mosis 17, V. 19. In diesen dreyen Abtheilungen ist alles enthalten, was einem Könige von Seiten Gottes anbefohlen werden kann. Nemlich:

I. Gott seinen Herrn fürchten. Diese

Ehrfurcht erfordert, daß er viele Einsichten in die erhabensten Wißenschaften besitze, wodurch die Ehre Gottes dem Menschen bekannt wirb, wie der weise König sagt: alsdenn wirst Du die Ehrfurcht Gottes verstehen, und die Erkenntniß des Herrn finden. Sprüchw. 2, V. 6.

2. Die Gespräche des Gesetzes inne

hüben. Hiezu wird erfordert eine wahre Neigung zur Weißheit, und fleißiges Lesen der heiligen Schrift, daß er alles wohl faße. Und

3. Alle Gesetze zu handhaben. Dieses

übertrift noch das vorige, und erfordert eine Selbstbemeisterung, damit er nicht seinen natürlichen Herzensbildungen nachhänge, sondern alle seine Seelen-

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kräfte anwende, so zu thun, wie es die Gesetze ihm vorschreiben.

Die heilige Schrift läßt es bey diesen dreyen Abtheilungen nicht bewenden, sondern fügt noch hinzu: daß er sein Herz nicht erhöhe über seinen Brüdern, und daß er nicht abwetche von dem Befehl rechts oder links & c. 5 Buch Mos.

17, V. 20. Hier ist die Frage:

I. Warum sagt die Schrift nicht deutlich,

daß er nicht stolz seyn solle?

2. Ist nicht der Zusatz über seine Brüder,

überfiüßig?

3. Welcher Befehl ist es, wovon es heißt,

daß er nicht davon abweichen solle ? Hierunter können nicht die Befehle verstanden werden, die im göttlichen Gesetzbuch stehen; denn diese sind schon mit in der dritten Abtheilung des vorigen Verses inbegriffen. Er spricht auch nicht von Befehlen,

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51 sondern on dem Befehl, als wenn nur von ei- nem einzigen die Rede wäre. Dieses alles ist so zu beantworten: Weil der Inhalt der ersten dreyen Abtheilungen Pflichten in sich faßt, die ein jeder Diener Gottes zu beobachten hat; der Fürsten und Beherrscher Pflichten aber, wegen ihrer Größe weit ausgedehnter als anderer Menschen Verbindlichkeiten sind, so befiehlt Gott dem Könige, der, wie wir im Anfänge unserer Rede gesagt, mit einer großmühtigen Seele begabt ist, noch zwo andere Arten von Pflichten, die er mehr als alle seine Unterthanen zu beobachten schuldig ist. Diese bestehen in obgedachter wahren Demuht, und in der weisen Hoheit, als die

vornehmsten Begleiterinnen der Grossmuht, und diese enthalten die zwo Abtheilungen des zweyten Verses. Die erste Abtheilung bestehet darin, daß er

sein Herz nicht erhöhe über seine Brüder.

Dieses schildert sürtreflich die wahre Demuht ab, daß er nemlich nicht seine Brüder, worunter alle seine, treue Unterthanen verstanden werden, gegen seine Hoheit für zu gering in seiner Seele achtet.

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Es ist damit nicht genug, daß er nicht stolz ist, sondern er soll durch gütige Demuht sein Herz so herablaßen, daß es aller Menschen Herzen gleich bleibe, damit niemand ihm zu klein scheine, um Mitleid und Güte an ihm verschwenden zu dürfen. Wir beziehen uns auf dasjenige, was wir von der wahren Demuht schon gesagt haben.

Die zwote Abtheilung befiehlt ihm die weise Hoheit, die er gegen die stolzen Thoren und Bösewichter gebrauchen soll, um sie zu beherrschen, zu erniedrigen und zu bestrafen, wenn ihm ein göttlicher Befehl dazu antreibet. Er soll weder aus Gefahr oder Mitleid sehen bey einer Gelegenheit, wo ihm die Weißheit die Hoheit anbefiehlt, und er darf nicht sagen: alle meine Brüder sind zu weichlich, dieses zu vollziehen; ich bin nicht mehr wie sie, so will ich es auch unvollzogen laßen. Nein, alsdenn taugt die Demuht nichts. Er selber ist schuldig und verbunden, standhaft den göttlichen Befehl zu vollziehen. Hierauf zielt der Text, Und daß er nicht ab-

weiche von dem Befehl & c. Das ist, ob-

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gleich ihm die Demuht anbefohlen wird, so gilt dieses nur in Hinsicht seiner frommen Brüder, nicht aber von solchen, die ein göttlicher Befehl von der mitleidigen Begegnung ausschließt. Gegen diese, muß er als König und Oberhaupt des Volks, großmühtig denselben vollziehen.

Ein wahres Exempel liesert uns die heilige Schrift selber. Als Saul zum König erkohren worden war, ließ ihm Gott eine der großmühtigsten Thaten durch den Propheten Samuel auftragen, die darin bestund, daß er die Feinde Gottes, die Amaleckiter, mit allem was er bey ihnen fände, vertilgen sollte, ohne im geringsten Mitleiden zu haben. Saul versündigte sich, weil er mit Agag und einigen Gütern Mitleiden hatte; dieses mißfiel Gott, und ließ durch den Propheten ihm seine Sünde Vorhalten. Der Prophet redete ihn mit folgenden Worten an:

Obschon du dich klein in deinen Augen hälst, so bist du doch das Haupt der Stämme Israel, und Gott salbte dich zum König über Israel. I) Buch Samuel. 15,

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V. 17. Diese Vorrede des Propheten, scheinet vielleicht vielen Lesern unnöhtig zu seyn: allein sie enthält alles obgesagte. Der Prophet will sagen: ich gestehe es dir zu, daß du die Tugend besitzest, dich in deinen Augen klein zu achten, so wie Gott dir die Demuht anbefohlen; du hättest aber auch betrachten sollen, daß du das Haupt der Stämme Israel bist, und von Gott zum König gesalbet worden, wegen deiner großmühtigen Seele, die der Hert gebildet und kennet, und es also deine Pflicht gewesen wäre, Gottes Befehl mit weiset Hoheit zu vollziehen, wie dir anbefohlen war, und nicht deinen Brüdern zu gleichen, und wie sie Mitleid und Feigheit blicken zu laßen.

In meiner Uebersetzung des Buchs der Weißheit, in der dabey angesügten Erklärung, habe ich dieses Capitel des Samuels, worin sehr sinnreiche und weise Sprüche enthalten sind, ausführlich erörtert.

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Wir wollen uns nun wieder zu jenem freudigen Tag wenden, woran der Gott aller Großmühtigen unserm allergnädigsten König, den Geist der Großmuht verliehen, um seinen Rei- chen zu Hülfe zu eilen, und wollen sagen, wie Melchisedeck, der König von Salem, zu unserm großmühtigen Vater Abraham wie er als Ueberwinder der vier Könige mit Gefangenen und Beute zurück kam, sprach, indem er ihn grüßte:

Gebenedeyet sey Abraham von dem aller, höchsten Gott, deßen Himmel und Erde eigen sind. I Buch Mosis 14, V. 19. In diesen Worten verglich er Abrahams großmühtige That, da er ohne Eigennutz sich für andere in Lebensgefahr gewagt hatte, mit den Wohlthaten des Schöpfers. Ihm ist Himmel und Erde eigen; Er braucht also keines andern, und hilft einem jeden seiner Geschöpfe. Weil er nun aber durch Großmuht Gott nachahmte, so sollte er dafür gesegnet und belohnt werden, und aus solcher Ursache sagt unser Text: Die Beschützer

der Welt sind des Herrn.

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56 Darum flehen wir auch zu dir, allmächtiger Gott! segne unsern huldreichen König, den du so wunderbar mit der Gabe der Großmuht, in dem Augenblick, der dir allein bewußt war, begabt, und Ihn mit der erhabensten Entschließung ausgerüstet hast, viele tausend traurige Herzen in Freude zu versetzen; kröne Ihm mit der Hoheit, die Könige zieret, bis in sein spätestes Alter. Laß Ihm zu allen Zeiten mit solchen großmühtigen Rähten und Helden umgeben seyn, wie die waren, die du in der wichtigen Stunde, als Werkzeuge deines weisen Gerichts, dem Gesalbten sandtest. Am Tage der Belohnung, wenn du alle Großmühtigen unter den Völkern berufen wirst, alsdann belohne unsern Monarchen, der gütig, menschenfreundlich, und als der gelieb- teste König in aller Menschen Herzen verehret wird. Belohne die heldenmühtige Treue der erhabenen Seelen und der edlen Männer, die ihre Großmuht und tugendhafte Gesinnung in der That, trotz allen drohenden Gefahren bewiesen haben.

Gebenedeyet seyst du Gott! der du so sichtbar

Wunder thust, der du die verborgenen Anschläge sie-

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hest, und deinen Gerechten offenbarest, was sie zu ihrer Sicherheit und Frieden wißen sollen, und der du auch unserm Könige die Anschläge seiner Gegner entdecket hast, daß er sich ihrer versichern könnte. Wir können dich jetzo preisen, so wie ehemals der fromme Melchisedeck dich in Gegenwart deines geliebten Abrahams lobte und sprach: Gebenedeyet

sey der allerhöchste Gott, der deine Beleidiger in deine Hände geliefert hat. I Buch

Mosis 14, V. 20.

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Gebet.

Gott! du schusst durch deine Allmacht und unergründlichen Raht, Himmel und Erde; dem Winde und Waßer; den Bergen und Hügeln gabst du Gewicht und Maaß. Den Menschen bildetest Du mit Deiner Weißheit, und verliehest ihm das Vermögen, Gutes und Böses thun zu können, damit er das Gute wähle, und sich Dir gefällig mache. Weil Du aber sahest, daß seine Herzens-Neigungen dem Bösen nachhängen, Tugend und Weißheit zu verachten, und einer den andern verschlingen würde: so befahlst Du Fürsten und Königen, sie zu beherrschen. Du bist es, der sie noch aus verschiedenen Dir bewußten Stämmen emporziehest; denn Du Gott allein kennest aller Menschen Herzen. Sie sind Deine Stadthalter auf Erden, die Deinen heiligen Willen vollziehen sollen. Du giebst ihnen Macht, den Muhtwillen der Boßhaften zu steuern, den strafbaren Bö- sewichtern Einhalt zu thun, denen verlaßenen Armen zu helsen, und die Gerechten zu beschutzen.

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So wie Du die Sonne, als eine Quelle zur Erhaltung aller irrdischen Geschöpfe verordnet, und das Herz den Menschen zu seiner Lebens-Quelle bestimmet hast, also setzest Du jedem Lande seinen Beherrscher, zur Quelle des Heils und der Glückseligkeit der Einwohner. Deine Engel lagern sich um Deine Auserwählten, sie vor allem Uebel zu bewahren: damit nicht durch ihren Fall das Volk, wie Schaafe, die keinen Hirten haben, durch die Gewalt der Bösewichter zerstreuet werden mögen.

Darum, o Gott! die Dich fürchten, haben auch Ehrfurcht für ihren König, und die Dich erkennen, freuen sich über ihr Wohl, wie Deine heilige Schrift sagt: mein Sohn! fürchte Gott und den König, und menge dich nicht unter denen, die Veränderungen suchen. Du bist es auch, der der Könige Ehre von ihrer Wiedersacher Händen fordert; darum hast Du, o Gott! das Verbrechen der ungetreuen Bedienten, die gegen des Königs Ehre gehandelt, entdeckt. Du sahest ihr Verbrechen, und ihr Zischen stieg zu Deinen Ohren. Sie thaten alles ins geheim, aber Du brachtest ihr Geheimniß an die Sonne; denn wer kann seine Ent-

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schließungen vor Dir verbergen. Wehe denen, sagt Dein Prophet, die in der Tiefe ihren Raht vor Gott verbergen, im Finstern handeln und sagen: Wer siehet und wer kennet uns. Die Untreuen glaubten sich sicher; dachten nicht, daß sie fallen konnten; vielweniger, daß ihr Fall schon so nahe war. Aber in einem Augenblicke verstöhrtest Du ihre Anschläge, Deinen Liebling vom drohendem Nebel zu bewahren, und seine Reiche und Unterthanen vom Verderben zu erretten.

Wir kommen dahero heute vor Dir, Gott, unser Herr! der Du über alle Lobsprüche erhaben bist, Deinem geheiligten Nahmen zu danken wegen dieser Wunderthat. Wer kann, o König aller Völker! Deine unvergleichliche Weißheit und Gerechtigkeit betrachten, ohne von Ehrfurcht gerührt zu werden. Du zeigtest, daß Du denen Gerechten hilfst, und die Empörer in ihrer List fängst.

O! wie sehr schätzen wir die Gnade, die Du dem Könige, Deinen Geliebten, und seinen

Reichen erwiesen hast. Denen, die im Finstern giengen, wurde durch die Ausführung Deines Be-

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fehles auf einmal Helle; alles Grauen verwandelte sich in Freude, und Furcht in Jauchzen. Das alles hast Du Gott! gethan, denn Dir und Deiner Thaten ist keiner gleich.

Herr! der Du solche Wunder an Deinem Ge- salbten und seinen Reichen bewiesen, segne hinführo unsern Geliebten, König Christian den Siebenden. Befiehl Deinen Engeln, ihn auf allen seinen Wegen zu bewahren. Laß ihn unter Deiner Obhut immer Schutz finden, und sein Herz zu Dir gerichtet seyn Du seyst mit ihm bis in das späteste Alter. Er sey eine Sonne der Gerechtigkeit, die diese Reiche bescheine, damit bey seinem Licht die Völker wandeln. Er sey wie ein Baum, deßen Schatten erquicket. Erleuchte ihn mit Verstand und Einsicht, womit Du die Regenten erleuchtest; damit sein Königliches Scepter ein Scepter der Gerechtigkeit bleibe. Du bist der Raht, so führe ihn denn durch Deinen Raht, damit niemand wiederstehe, was Du mit ihm be- schloßenz und die sich gegen ihn auflehnen, ihr Vorhaben zu Schanden werde. Du bist der Gott

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des Friedens; o so sende den Frieden in seine Seele, in seine Palläste und in seine Reiche. Bestreite die, die wieder ihm streiten; und bekriege die, die ihm bekriegen. Von Dir kömmt Reichthum

und Ehre; O vergrößere seine Ehre durch Deine Hülse, und laß ihn an Ehre und Reichthum seine Vorfahren übertreffen. Seinen Königlichen

Sohn, dem Kron-Prinzen Friederich, segne mit Deiner Gnade, daß er weise aufwachse, und ein weiser Sohn, der seinem Vater erfreuet, und ein hofnungsvoller Prinz für alle Unterthanen werde.

Die Königin Juliana Maria, die

Zierde der Tugend, sättige mit langem Leben. Sie bauet das Hauß mit Weißheit, und durch ihre erhabene Tugend blühet Hülfe im Lande. Laß

sie sich freuen mit ihrem großen Sohn, dem Prinzen Friederich, der zur Seite des Königs Recht und Gerechtigkeit übet. Wie gut, wie herrlich ist nicht die Eintracht zwischen weise Brüder.

Erinnere Dich der Prinzeßinn Charlotta Amalia, die von ihrer Jugend an niemahls von

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der Tugend abgewichen ist, und der Armen und Nohtdürstigen Kummer durch ihre Mildthätigkeit gelindert hat.

Vergiß nicht, diejenigen getreuen Diener des Königs zu belohnen, welche Werkzeuge Deines weisen Gerichts gewesen sind; sie nahmen Schwerdt und Seele in ihrer Hand, Deinen Willen einmühtig zu vollziehen, und Du sandtest Deine Engel vor ihnen Her.

O Gott! erhöre alle Wünsche der Einwohner dieser Reiche, die für das Wohl ihres Königs und seiner Staaten Dich anstehen, und erhöre das Gebet Deines Volks Israel, welches mit aufrichtigem Herzen es vor Dir verrichtet. Mache uns so glücklich, daß wir noch in unsern Zeiten in Deinem heiligen Tempel, heilige Hände zu Dir ausheben, um dort für das großmühtige Königliche Hauß Dich anzufleben! Amen.

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