Briefe eines Dänen an den Verfasser der Anekdoten eines angeblichen reisenden Russen. 1tes Stück, 2tes Stück.

BRIEFE

EINES DÄNEN

AN DEN

VERFASSER DER ANEKDOTEN

EINES

ANGEBLICHEN REISENDEN RUSSEN.

1tes Stück.

Koppenhagen, Bey CL. PHILIBERT,

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Erster Brief. Mein Herr,

Ich habe Ihre Briefe über mein Vaterland gelefen; denn ich bin wirklich ein Däne, und freue mich Einer zu seyn; daher ich auch in meiner Muttersprache an Sie würde geschrieben haben, wofern ich nicht zweifeln müsste, dass Sie mich verstehen sollten. Ich würde Ihnen aber schmeicheln, wofern ich hinzufetzte, dass ich Ihre Anekdoten ganz mit Vergnügen gelesen hätte. Nicht weil Sie uns Fehler vorrücken: Nein, wir scheuen uns nicht solche kennen zu lernen; denn wir fühlen den Muth bey uns sie abzulegen, und wir hoffen unsre Schwachheiten, deren jede Nation einige hat, durch den Gebrauch unsrer natürlichen Vortheile wenigstens aufzuwiegen. Unsre Vaterlandsliebe gebeut uns gar nicht alles was üblich geworden, und Altdänisch heisset, für vollkommen anzufehen. Wir folgen willig der väterlichen Hand, die uns auf neuen Wegen, sollten sie auch einigen unter uns anfangs etwas rauh

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und ungebahnt scheinen, zum Glücke leiten will. Der bescheidene Ausländer, und der einsichtsvolle Einheimische verbinden uns beide, so oft sie uns Irrthümer, und Fehler aufdecken; und noch mehr, wenn sie gegründete Vorschläge zu deren Verbessrung zu machen wissen. Die unter uns eingeführte Druckfreyheit ist selbst eine Art der öffentlichen Aufforderung an alle Vernünftige ihren Beytrag zur Kenntniss der Missbrauche, (und wo ist das Land, laßen Sie mich dieses wiederholen, da sich keine eingeschlichen hätten?) und zu den Mitteln der Beförderung des wahren, allgemeinen Besten zu liesern. Wir haßen aber ein leeres, politisches Gewäsche; und wir verachten einen seichten, hämischen Spott.

Erlauben Sie mir zuvörderft anzumerken, dass Sie Ihren angenommenen Charackter eines Reisenden nicht sorgfältig genug behaupten. Sie haben die Zeitrechnung Sehr vernachlässigt, oder Sie reden mit prophetischer Voraussehung im Jahre 1769. Schon von Schriften und Anordnungen, die erst neulich bekannt geworden sind. Sie scheinen auch alle unsre politische Blätterchen, vom Philopatreyas an, bis auf Ihre eigene Briefe, fleissig gelesen, und genutzt zu haben; denn Ihr Brief vom Handel ift aus dem ersten Hefte Ihres Vorgängers, des Philopatreyas entlehnt; und Ihre Anmerkungen über den

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Verfall der Universität in Koppenhagen, und über den Nutzen einer Academie in Norwegen sind ein kurzer Auszug aus der danischen Schrift über diese Materie, mehrere nicht zu gedenken.

Doch, Sie sollen ein Reisender seyn; denn Sie haben wirklich viele Eigenschaften eines unstäten Menschen, der fremde Heerstrassen durchzieht, und eine Menge ihm unbekannter Dinge mit flüchtigem Blicke überschauet, von wenigen mehr als die äussere Schaale kennen lernt, und endlich seine Bermerkungen mit Zuverficht als neue Wahrheiten erzählet, und wohl gar drucken lässt. Nur die Feinheit und Anständigkeit der Sitten und Sprache, die man gemeiniglich für die natürliche Frucht der Reisen hält, wird oft in Ihrer Schrift vermisset; wie würden Sie sich sonst so viele heftige, und selbst verläumderische Persönlichkeiten, so viele ungestüme Anfälle auf ganze Stände und Collegia erlaubt haben? Reiche und angesehene Männer, deren Credit in vielen Fällen einem Lande vortheilhaft, ja wohl gar nothwendig seyn kann, und welche alleine die nöthigen Fonds zu grossen Unternehmungen der Industrie (*) herge-

(*) Ich will Ihnen z. B. nur die Anlegung der Heerings-Compagnie in Altona anführen, wider welche die Interessenten immer verschiedene Beschwerden haben mögen; der Staat wird sie doch jederzeit hochschätzen,

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den können, scheinen vorzüglich Ihren Unwillen auf sich gezogen zu haben. Wenn Sie Fürst wären, (vor welchem Unfalle Gott Sie und Ihre zufälligen Unterthanen bewahrt hat) wollten Sie alle solche Personen aus Ihrem Staate verbannen? Ihre Nachbarn würden Ihnen gewiss den verbindlichsten Dank wissen. Seit wann aber ist der Gewinn des Fleisses und der Einsichten eines Mannes ihm bey Vernünftigen ein gerechter Vorwurf gewesen, wosern auch verschiedene glückliche Zufälle zusammen gekommen wären, ihn zu bereichern? Kann der Privatvortheil niemals mit dem allgemeinen Besten, und mit lautern Absichten bestehen? So dürfte Niemand mehr Theil an den öffentlichen Geschäften nehmen; denn er wird jederzeit dieser Beschuldigung des Pöbels ausgesetzt seyn; und Sie, M. H., würden nicht einmal die Einname für den eigenen Verlag Ihrer Briefe mit der Rernigkeit Ihrer Wahrheitsliebe vereinigen können. Müssen alle Personen, die sich durch Vortheile, die man Ihnen aber auch wetteyfernd in andern Ländern anboth, haben bewegen laßen, ihr beträchtliches Vermögen nach Dännemark zu ziehen, nothwendig ge-

als ein glückliches Beyspiel in einem Theile der Industrie, die unserm Lande so vorzüglich eigen, und dennoch bisher so sehr vernachlässigt worden ist.

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zwungen gewesen seyn, Schutz bey uns zu suchen? Scheint Ihnen diese Wahl des Aufenthalts etwa so seltsam, dass sie ohne geheime Absichten unmöglich wäre? Ich könnte Ihnen das Gegentheil durch das Beyspiel eines verdienten Mannes beweisen, der annoch Häuser in der Hauptstadt eines mächtigen Fürsten, und einen Sohn in desselben Kriegsdiensten hat, der vielleicht an diesem Hofe eine noch schmeichelhaftere Aufnahme, als bey uns, würde gefunden haben; und der dennoch seiner Wahl getreu bleibt. Sie werfen einem reichen Manne alhier einen, Ihrer Berechnung nach, sehr vorteilhaften Kauf gewisser Besitzthümer in W. I. vor, der ihm jedoch vom Hofe selber angetragen wurde. Wären Sie aber im Stande gewesen sich besser, als durch die Nachrichten Ihres Miethlaquaien, und d. h. gewiss nur von den allgemeinsten Gerüchten, zu unterrichten: So würden Sie erfahren haben, dass diese Ländereyen, ungeachtet vieler und wichtiger Verbessrungen, jährlich noch nicht so. viel p. C. von der Kaufsumme eintragen, als wosern er diese, nach der wiederhergestellten Verordnung, auf ordentliche Zinsen ausgethan hätte. (*) Nun lassen Sie diese entfernten Pflanzungen, ohne jene kost-

(*) In Ihrer Angabe der jährlichen Einkünfte ist ein beträchtlicher Druckfehler begangen worden, der unglücklicherweise auch in Ihre Berechnung eingeflossen ist,

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bare Verbessrungen, für die Rechnung eines Königs verwaltet werden; (und wer kennet nicht diese Art der Administrationen?) dann urtheilen Sie aufrichtig, ob der Handel so nachtheilig für den König sey, als er Ihnen geschienen hat. Freylich werden dieselben künftig mehr einbringen; allein wird es nicht alsdann der gerechte Lohn seiner gewagten Gelder, und seiner guten Anordnungen seyn? Und wenn auf ähnliche Art, mit beträchtlichen Kosten andere Besitzthümer im Lande, ebenfalls in Aufnahme gebracht werden; haben wir den Besitzern nichts zu verdanken? Ist es kein Vortheil für ein Land, wenn dasselbe, auch mit dem Gewinne sonst schon reicher Leute, gut angebauet wird? Erlauben Sie mir, M. H., noch eine Frage. Wenn Könige förmlich Gesandte an diese oder jene Republick schicken, um Geld zu negotiiren, sind diese nicht alsdann auch die Mäckler ihres Staats; und erniedrigt solches ihren Character?

Ihre Anekdote von einem fremden Generale, der den Kriegsstand bey uns hat einrichten sollen, stellt die Sache in vielen Stücken falsch vor. Er wollte nicht die Armee in Landmilitz verwandeln, denn Sie werden doch wissen, dass diese erst nach seiner Abreise wieder ist errichtet worden; sondern er wollte statt der erkauften Ueberläufer aus fremden Diensten,

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deren Trene wir auch in Friedenszeiten erfahren, so oft die See gefriert, unsre Regimenter mit Landeskindern besetzen. Dieses Vorhaben mag immer unüberwindliche Hindernisse finden, so werden Sie doch die Absicht wohl nicht für verrätherisch halten. Wie nützlich und nothwendig eine hinlängliche Anzahl von Officieren bey einer Armee sey, die eigentlich stets im Stande seyn soll auszurücken, darüber befragen Sie diejenigen, die den Krieg kennen, und verlassen sich weniger auf Ihr eigenes Urtheil und Ihre Rechenkunst. Hätten Sie Preussische und Oesterreichische Regimenter gesehen, so würden Sie wissen, dass in beiden Diensten die Grenadier-Compagnien von den Füseliers abgesondert sind, um im Felde in besondere Corps zusammen gezogen zu werden. Die Zahl Zwölf ist auch gar kein geheiligter Pythagorischer Numerus für die Compagnien eines Regiments; denn in Oesterreich und Frankreich bestehen dieselben aus vier Bataillons; und in Preussen sind einige von zweyen, andere von drey und vier Bataillons. Sie müssen aber wenig auf Ihren Reisen bemerkt haben. Endlich ift es ein lächerlicher Widerspruch, dass dieser General eine grosse Armee bey uns habe errichten wollen, und gleichwohl die Anzahl unsrer Soldaten vermindert hätte. Ich habe weder allgemeine Staatseinsichten genug, noch Kenntnisse von den un-

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ausgeführten Anschlägen dieses Generals, um sein System als Staatsmann zu vertheidigen. Wosern er aber angenommen hätte, dass die Lage von Dännemark von selber entscheidet, dass selbiges niemals auf Eroberungen, sondern bloss auf seine Sicherheit bedacht seyn darf; dass eine gute Seemacht, und wohl eingerichtete, nach unsern Finanzen abgemessne Infanterie unsre Grenzen am gewissesten decken: wäre alsdann die Anlage seiner Veränderungen mit diesen Grundsätzen nicht übereinstimmend? Unpartheyische, welche bey diesem allem noch auf die Thätigkeit eines lebhaften Geistes sehen, der was er schnell entschliefst, auch schnell ausführt, werden gewiss viele seiner Handlungen entschuldigen; und wenigstens nicht Irrthümer für eine niedrige Begierde zu schaden halten. Wenn Sie, M. H., ihm aber den Ruhm des Feldherrn absprechen, weil er, wie Sie sagen, keine Schlacht gewonnen hat: so verrathen Sie Ihre gänzliche Unwissenheit in der Kriegskunft. Der Zufall hat oft vielen Antheil am Siege; Klugheit und Einsicht allein führen eine glückliche Retraile aus; und Frankreich wird Ihnen sagen, wie oft es eben diesem Generale die Rettung einer geschlagenen Armee verdankt.

Womit hat Sie aber insbesondere die schönre Hälfte der Nation beleidigt, dass Sie unser Frauenzimmer als sanst gelarvte Furien

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schildern? Wären Sie nicht ein Reisender, und also vermuthlich unverheyrathet: so hätte ich fast geargwöhnet, dass Sie das Schicksal des ungerathenen Sohns in der Fabel müssten erfahren haben; und dass man auch das Letzte, jedoch ohne glücklichen Erfolg, versucht, und Ihnen ein böses Weib gegeben hätte.

Sollten Sie nicht auf Ihren Reisen die Sitten der Nationen ans Ihrem Fenster im Gasthose, wie der Doktor Smollet, studiert haben? Vielleicht hielten Sie sich bey uns nahe am Strande auf, und lernten das dänische Frauenzimmer in den Damen kennen, die in dieser Gegend Fische verkaufen, und Schimpfreden verschenken. Aber auch diesen haben Sie Ihre eigene Sprache geliehen, die sehr eigenthümlich deutsch, und gar nicht aus dem dänischen übersetzt ist. Nicht als ob unter uns gar keine Frauenzimmer wären, deren Erziehung vernachlässigt worden, oder deren heftige Leidenschaften zuweilen über die Erziehung selbst liegen könnten. Allein das feine Athen hat seine Xantippen gehabt, und Frankreich dessen Frauenzimmer fast ganz Europa für liebenswürdig, wenigstens für verführerisch hält, hat dennoch Muster zur Baronne im Procureur arbitre, zur Madame Grognac im Distrait, und zu so vielen andern hergegeben. Zielen Ihre Spöttereyen aber nur auf Eine Person;

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wie werden Sie denn hier auf einmal so verschämt, dass Sie sich scheuen, diese zu nennen, oder zu bezeichnen, und lieber dem ganzen Geschlechte schimpfen? Setzen Sie endlich die Veränderlichkeit unsers Frauenzimmers nur in dem Wechsel der Moden, so sagen Sie ja bloss, dass die Mode, die ohne Veränderung aufhören würde das zu seyn, was sie heisst, wirklich Mode bey uns ilt.

Doch lassen Sie uns zu wichtigem Gegenständen eilen. Das vernünftige Frauenzimmer bedarf meiner Vertheidigung nicht, und lieset Ihre Vorwürfe mit Mitleiden.

Ich bin, &c.

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Zweyter Brief.

Mein Herr,

Wir wollen uns, wenn Sie es also erlauben,

stückweise bey den wichtigsten Materien verweilen, die in Ihren Briesen unter einander zerstreuet sind, damit nicht meine Beantwortung, so wie Ihre Anekdoten selber, zu sehr den kleinen Schriften dieser Zeit gleichen möge, die Ihnen selbsten ein Irrgarten von Gedanken und Worten geschienen haben.

Lassen Sie uns in diesem Briefe vom Zollwesen reden.

Und das war also das wichtigfte, was Sie in unf´sern Zolleinrichtungen bemerkten, dass unsre Visiteurs den Zollauffehern aller andern Länder gleichen; durch kleine Geschenke in ihrer Strenge nachlassen, und keine Höflichkeit kennen, die nicht von ihnen erkauft wird? — Als ein Däne bedaure ich, dass meine Landsleute diesen Fehler mit den andern Nationen gemein haben; und ich hoffe, dass man durch scharfe Oberaufsicht, durch einen festgefetzten Sold dieser Leute, und durch bestimmte, unausbleibliche Strafen bey jeder Abweichung von ihrer Pflicht, dieses Uebel, so

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viel es möglich ist, einschränken wird, wofern es sich nicht sollte heben lassen.

Als ein Reisender aber hätte Sie dieses nicht bestürzen müssen, wenn Sie anders mit den Oesterreichischen Auffchauern, mit den Preussischen, Französischen, und mit Ihren eigenen Russischen (*) Visiteurs bekannt gewesen waren. Hätten Sie dagegen die Staatsverfassung, und innere Einrichtung von Dännemark recht schildern wollen, wie der Tittel Ihrer Schrift es verspricht: so würden Sie Ihr spähendes Auge tiefer in das Zollwesen bey uns haben dringen lassen. Sie würden alsdann die Verwicklung dieses Geschäftes, die Mannichfaltigkeit der Formalitäten, und der damit verbundenen Nebenausgaben, mit denen auch eine jede Unterschrift (und wie oft wird nicht in einer und derselben Sache, jawohl auf einen einzigen Zettel unterschrieben? so dass man fast glauben sollte, die Unterschriften wären nur erfunden worden, um sie bezahlen zu laden:) erkauft werden muss, entdeckt haben. Sie würden mit Recht haben anmerken können, dass es eine sehr übelverstandene Einrichtung ist, wenn Zölle durch Nebenabgaben, die nicht in die öffentlichen Cassen fliessen, verdoppelt, und dem Unterthanen verhasster gemacht werden:

(*) S. Gmelins Reisen,

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Dass aber der Verluft der Zeit, und die oftmals unbescheidene Abweisung auf eine für die Herren Controllers &c. bequemere Stunde den geschäftigen Kaufmann und Seefahrenden noch mehr auf bringt, und eine Ungerechtigkeit ist, Sie hätten hinzusetzen können, dass ein so verderblicher Staatsfehler in keinem Lande weniger geduldet werden dürfe, als da wo der Mangel der Arbeitfamkeit gleichsam ein natürlicher Fehler der Nation geworden ist, und wo also im Gegentheile die Industrie auf alle Art erleichtert, befördert, und ermuntert werden müsse. Lassen Sie uns hieraus den allgemeinen politischen Schluss ziehen, dass eine jede Einrichtung im Staate, die von den einfältigen Grundsätzen der gefunden Vernunft, und von dem ersten Endzwecke zu dem sie ersonnen wurde durch eine künstliche Verfassung ab weicht, schädliche Folgen hat.

Die mit den Zöllen überhaupt verbundene Contrebande haben Sie eben so flüchtig und obenhin angesehen. Darum dass kein Manschester bey uns gemacht wird, (ob es gleich zwo Fabricken versucht haben, von welchen die eine guten Fortgang würde gehabt haben, wofern sie nicht mit dem Tode des Unternehmers ganz eingegangen wäre; auch wird noch etwas weniges hie und da bey uns verarbeitet) konnte diese Verordnung noch sehr gegründet

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seyn ; denn wir haben Sammetfabricken denen der Gebrauch des wohlfeilern und dauerhaftem Manschesters sehr nachtheilig seyn musste. Und hätten wir auch diese nicht gehabt, so würde vielleicht eine allgemeine Einschränkung des gar zu häufigen Gebrauchs der seidenen Stoffen zur Aufnahme unsrer wollenen Fabricken dennoch sehr weise gewesen seyn. Ueberhaupt ist es eine nicht unwichtige Frage, ob wir wohl gethan haben, Seidenfabricken, die so vielen Schwierigkeiten bey uns unterworfen seyn müssen, zu gleicher Zeit neben unsern Wollenfabricken, die nothwendig der natürlichen Verfassung des Landes viel angemessner sind, anzulegen, in einem Augenblicke, da wir auch die letztern unter uns erschaffen sollten? Alle Wissenschaften auf Einmal mit einem Kinde treiben, und nicht auf dessen besonderes Genie sehen, macht dasselbe vielleicht zu einem untauglichern Manne, als wäre es in seiner natürlichen Unwissenheit der blossen Erfahrung, und der Aufmerkfamkeit seines eigenen Verstandes überlassen worden. Allein von den Fabricken werden wir ausführlicher in einem besondern Briefe handeln.

Darum läugne ich Ihnen nicht, dass zu viele Artickel der Contrebande einem Lande nicht sehr nachtheilig seyn sollten. Alles felber machen wollen, und alles Fremde verbie-

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then, ist wider den ersten Begriff des Handels, der eigentlich in einem Tausche bestehen soll. Ein Land, das alles auf Einmal selber zu verarbeiten anfangen will, wird lange alles schlecht und theuer liefern, und wird also zu Verbothen der fremden Waaren gezwungen; daraus muss der Schleichhandel entliehen. Je mehr die Menge der Contrebande-Verordnungen die Zweige des Schleichhandels vervielfältigt, desto schwerer wird er zu überleben, und zu hemmen. Der gewisse und grosse Gewinn ermuntert nothwendig viele sich der Gefahr auszusetzen. Hat man durch zu strenge drohende Gesetze die Uebertreter abschrecken wollen: so tritt in dem vorkommenden Falle die Menschlichkeit ein, und die Abweichung von dem Gesetze nimmt demselben seine Kraft. Je weniger gleichwohl ein Land auszutauschen hat; desto mehr muss dasselbe den Handel mit Fremden gegen baare Münze einschränken.

Darinne haben Sie also Recht, dass eine unzeitige Nachsicht gegen einzelne Personen, die fast immer Härte gegen das Allgemeine wird, auch bey diesen Contraventionen sehr nachtheilig gewesen sey. Dagegen irren Sie sich, wenn Sie behaupten, diese Nachsicht wäre bloss auf die bestochenen Zollbedienten, und nicht auch auf die Kaufleute erstreckt worden. Wie oft sind vordem ganze Kaufladen, um

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dieses Versehens willen, verschlossen, und hernach wieder geöfnet worden; wie oft hat man verbothene Waaren bey den Schiffern in Verhaft genommen, und sie den Eigenthümern wieder zugestellt? Man wollte diese Leute nicht unglücklich machen, und wünschte halb, dass sie der Sache durch Verdrehungen und Vorwände einen Anschein möchten geben können. Ist nicht eine kleine Handelstadt nahe bey Koppenbagen, deren Kaufleute sich fast allein mit verbothenem Handel ernähren? Erst nachdem man die gefährlichen Folgen dieser Gelindigkeit erfahren hat, ist man mit Recht entschlossen, streng über die Gesetze zu wachen. Dass aber seiten Zollbediente wegen Unterschleif bestraft worden sind, ist lehr natürlich, weil es viel schwerer war, ihre Bestechung, als die Contrebande selbst, die man vorfand, zu entdecken; besonders da man keine förmliche Untersuchung, über die Art den Unterschleif auszuführen, anstellte, sondern sich begnügte die Contrebande selbst betroffen zu haben. Freylich wäre es vielleicht nützlich, wofern die Contrebande-Verordnungen also eingerichtet werden könnten, dass in einem Contraventionsfalle der Zollbediente, wenn er der Bestechung auch nicht zu überführen ist, wenigstens wegen einer nothwendigen Nachlässigkeit bestraft werden müsste.

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Dieser fromme Wunsch würde aber zuvörderst eine künstliche und vielleicht in etwas verworrene Aufsichts-Verordnung nach sich ziehen; und endlich lehret die Erfahrung, dass die Lift der Gewinnsucht dem grössten Eyfer der Pflicht auszuweichen weiss.

Ihrer Anmerkung gemäss, dass ungeachtet des Verboths, dennoch viele Personen unter uns fremden Manschester tragen, müsste man fast den Satz annehmen, dass die Geldstrafe auf denjenigen zu legen sey, der ganz verbotene Zeuge trägt, wofern die Contrebande lieber gehemmet werden soll. Allein dieses würde wieder die Schwierigkeit haben, dass es eine etwas harte Einschränkung der natürlichen Freyheit scheinen möchte, welche jedoch durch die Verminderung der Contrebande-Artickel vieles von ihrem Zwange verliehren müsste. Und in England selber, wo Eigenthum und Freyheit (property and liberty) der Sinnspruch der Regierung und jedes einzeln Bürgers ist, hat man sich wohl zuweilen einen solchen nützlichen und notwendigen Zwang erlaubt. Wenigstens wären die offenen Laden nicht von unerwarteten Inquisitionen auszunehmen. Lässt man aber dergleichen auf bestimmte Tage angesetzte Untersuchungen voraus ruchtbar werden, so sind sie nur ein Blendwerk, welches unter

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Me

dem Scheine der pflichtseyfrigen Geschäftigkeit ein lächerliches Aufsehen macht.

Ieh hoffe, Sie würden also mit mir über folgende allgemeine Sätze in Ansehung der Conterbande einig seyn:

1°. Man mache nur die nothwendigsten Artickel, welche der einheimischen Industrie gar zu nachtheilig seyn müssten, zu Contrebande.

2°. Man forsche bey Contraventionen genau den Mitteln nach, durch welche dieselben aus geführet worden sind; und wegen Bestechungen wäre der Zollbediente am Leibe zu bestrafen, wegen überwiesener Nachlässigkeit aber abzusetzen.

3°. Der Kaufmann, der den Schleichhandel treibt, leidet die Consiscation; und

4°. Der Käufer büsset eine bestimmte Geldstrafe. (*)

Wollen Sie aber zu verstehen geben, als ob die Obern-Collegia, wegen der vermeintli-

(*) Allein das Beyspiel eines Königes, den sein Volk liebt, ist mächtiger, denn die strengsten Gesetze, um Missbräuche dieser Art einzuschränken. Wenn er selber sich in nichts als einheimischen Zeugen kleidet, so veredelt er dieselben, und erhebt sie weit über die Feinheit, den Glanz und den Geschmack der zierlichsten, auswärtigen Stoffe.

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chen Nachsicht gegen bestochene Zollbediente, einen heimlichen Theil an der Vervortheilung der Königlichen Cassen genommen hatten: So haben Sie wircklich wieder zu viel den Gerüchten des Pöbels getrauet, der bey allen Fehltritten den Eigennutz voraussetzet, durch den er fühlt, dass er selber geleitet wird. Das allgemeine Uebel in unsrer Administration ist wohl vielmehr lange das zu gewöhnliche Mitleiden, und die persönliche Wohlthätigkeit gewesen, die beyde Lobsprüche des Herzens eines Privatmannes sind; aber in dem Staatsmanne eine gefährliche Schwäche werden, welcher er sich auf Kosten des Allgemeinen überlässt. Nehmen Sie hierzu die gegenseitigen Gefälligkeiten, und die Furcht zu missfallen in den Untern; so haben Sie den Schlüssel zu vielen öffentlichen Fehlern deren Quelle gewiss nicht so verderbt war, als die Folgen nachtheilig wurden. Bey unsern Collegiis überhaupt hätten Sie auch anstatt der niedrigen Neigung zum Betruge, einen gewissen ehrgeizigen Krieg über ihre gegenseitige Vorrechte bemerken können, über welche sie oft eben so heftig und eben so lange eins gegen das andere gestritten, als kleine Deutsche Reichsfürsten über den Vorsitz am Reichstage, und selbst vergessen haben, dass sie mit einerley Geiste an der allgemeinen Wohlfarth arbeiten sollen. Und wo müsste sich wohl

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mehr Einförmigkeit der Abficht finden, als unter der Regierung eines Einzigen, der über das Glück aller Stände, und über den Sinn aller seiner Anordnungen nur Eine und dieselbe Denkungsart haben kann?

Sie sehen, M. H., wie aufrichtig ich Ihnen die Fehler gestehe, die ich selber glaube in meinem Vaterlande zu entdecken; und Sie werden daraus urtheilen, dass ich nur Ihre Bitterkeit, und Ihre übereilte, seiten mit der rechten Einsicht verbundene Vorwürfe tadle. Und freuen werde ich mich, so bald Klügere, wie ich gar nicht zweifle, mir auch meine Irrthümer zeigen werden.

Ich verharre, &c.

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Dritter Brief.

Mein Herr,

Ich weis noch nicht, wie lange ich auch darüber nachgesonnen habe, was Sie mit dem Vorwurfe sagen wollen, dass wir Dänen zu sprechen pflegen: „der König wird betrogen, der König hat es verbothen, der König leidet darunter, der König hat es geschenket; anstatt zu sagen: der Staat thut es, der Staat giebt es." Noch unverständlicher aber wird dieses, wenn Sie hinzusetzen, „als wenn nicht König und Staat eins und eben dasselbe wären, oder als wenn sie je von einander getrennet seyn könnten,“ p. 19 und 20.

Eben darum, weil nach unsrer Regierungsform der König der Vertreter des gesamten Volks, und die wirkende Kraft des ganzen Staats ist, nennen wir ihn mit Recht für den Staat selber. Weil jeder Däne in seinem Herzen die beruhigende Ueberzeugung fühlet, dass sein König keinen von dem allgemeinen Besten unterschiedenen Vortheil kennet, noch nach unsrer Staatsverfassung haben kann; weil der Fürst nothwendig leidet, so oft der Staat verliehrt, und hingegen gewinnet, wenn dieser an Wohlfahrt zunimmt: so brauchen wir mit Freuden eine Redensart, die wir mit den Franzosen, Engländern,

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und mit allen Nationen, die von Königen regiert werden, gemein haben. Nun lassen Sie auch mich mit Ihrem angebrachten Schulsprüchelchen schliessen, Sapienti sat! und der Kluge wird urtheilen, welcher von uns beiden ihm wirklich genug gethan hat.

Dielet Brief ist eigentlich bestimmt Ihre Begriffe von unserm Commerz-Collegio zu berichtigen, und Ihre falschen, eingezogenen Nachrichten über diese Dinge aufzuklären.

Ihr Sprecher, p. 22, 23, und 24. wirft unserm Commerz-Collegio besonders vor, „dass selbiges nicht mit Kaufleuten und Fabrickanten besetzt sey; sondern aus Räthen bestehe, denen man bloss, um ihnen Aemter und Besoldungen zu geben, die Sorge für die Aufnahme der Handlung und der Fabricken aufgetragen habe.“ —

„Dass ein Drittheil des zur Unterstutzung der Fabricken ausgesetzten Fonds an Gehalt dieser Personen, und wieder ein Drittheil an Geschenken aufgehe, wenn etwas aus dem Ueberreste einem bedürftigen Fabrickanten bewilliget werde." —

,,Und endlich, dass man nur die Bemittelten und Fremden aufhelfe, ohne fleissige Einheimische zu unterstützen." —

Sollten Sie selber, M. H., niemals in Ihrem Leben erfahren haben, dass niedrige Missver-

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gnügte, die nicht das Vermögen hatten, Ihnen anders zu schaden, sich durch falsche und verläumderische Gerüchte an Ihnen hatten rächen wollen? Dieses könnte doch wohl, in einigen Stücken wenigstens, der Grund zu jenen heftigen Klagen seyn, und Sie hatten nicht so schlechthin dieser einzigen Stimme trauen müssen. Wir wollen itzt die Sache etwas genauer prüfen.

Es giebt eine doppelte Art im Commerzwesen zu rechnen. Einmal für den Staat, wie ferne derselbe durch die Aufnahme oder den Verfall dieses und jenes Zweiges im Handel gewinnet oder verliehrt, und zwar nicht allein, in den Zollen und öffentlichen Abgaben, sondern auch vorzüglich in dem Zuwachse oder in der Abnahme der ganzen Baarfchaft des Staats. Die andere Art zu rechnen ist blos für den Privatkaufmann, der sehr leicht auf Kosten des Staats glückliche Speculationen machen kann: oder auch vielleicht mit den gründlichsten Einsichten von den Qualitäten der Waaren mit denen er handelt, von dem glücklichen Augenblicke ihres Einkaufes und Absatzes, von der Berichtigung seiner Handlungsbücher, und was dazu weiter gehört; dennoch nicht die erforderlichen Kenntnisse von dem allgemeinen Gleichgewichte des Handels im ganzen Staate, und gegen auswärtige, von dem Verhältnisse der verschiedenen Theile unter einander, und von dem besondern

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Einflusse eines jeden Theils auf andere Vortheile und nothwendige Staatsabsichten haben kann. Werden Sie leicht Kaufleute genug finden, die theils ihrem Privatvortheile ganz entsagen, theils diese nothwendigen höhern Einsichten besitzen, theils durch die fortlaufenden Geschäfte ihrer Handlung nicht abgehalten werden, mit ganzem Eyfer an der allgemeinen Wohlfarth zu arbeiten?

Wofern noch der grosse Haufe der Kaufleute und Fabrikanten sich lange als Gegner angesehen hatten, anstatt sich brüderlich zu ihrer beiderseitigen Aufnahme die Hände zu biethen; halten Sie es für wahrscheinlich, dass diese sich jederzeit über die nützlichsten Entschlüsse sollten vereiniget haben? Und so lange die Fabricken überhaupt noch in der Verfassung sind, dass die größten Unternehmer derselben Vorschuss vom Staate, als die einzige wahre Unterstützung ansehen, weis ich nicht, wie dieselben Anspruch auf den Beysitz in einem Collegio machen können, dessen Hauptbestimmung sie darinne zu setzen scheinen, einen gewissen Fond zur Austheilung unter den Fabrikanten selber zu verwalten.

In dem Augenblicke der Errichtung dieses Instituts wenigstens mussten die angeführten Betrachtungen die Regierung abhalten, blossen Kaufleuten, und dazu Fabrikanten, die erst unter uns gebildet werden follten, einen so ent-

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scheidenden Theil der öffentlichen Wohlfarth ganz anzuvertrauen. Und noch itzt überlässt der Patriot es dem weifern Ermessen seines Fürsten, ob derselbe (in der Voraussetzung, dass man, nach Ihrem Gedanken auch wirkliche Kaufleute in dieses Collegium ziehen wollte; denn Staatskundige Fabrikanten werden Sie mir schwerlich unter uns ausweilen, wäre auch irgend ein Fabrikant ihr vertrauter Freund) die Personen, die für ihn, oder welches einerley ist, für den Staat rechnen sollen, von denjenigen wird überstimmen lassen, die aller Wahrscheinlichkeit nach, am heften für sich selber zu rechnen willen. Dagegen würde man vielleicht wünschen, dass die Kaufleute, und auch die Fabrikanten, ja selbst andere Handwerker, bey allen Gelegenheiten das Recht haben möchten zusammen zu treten, und die ersten oder letztern für sich, oder auch gesammt, wie es ihr Vortheil erheischen würde, dem Commerz-Collegio, oder selbst dem Könige, (nach Art der Adressen der Englischen Kaufleute, Manufakturisten oder Handwerker an den König und das Parlement) Vorstellungen zu thun. So wie das Commerz-Collegium es nicht für erniedrigend halten wird, über vorzunehmende Veränderungen die Bedenken und Gründe solcher Corporum einzuziehen.

Hatte man sich also auch in der Wahl der Personen geirret, so werden Sie mir doch zuge-

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ben, dass die erste Anlage diefes Collegii nicht ganz fehlerhaft war; obgleich darum immer nicht der völlige Nutzen durch dasselbe mag erhalten worden seyn.

Ihre Anführung, dass ein Drittheil des Fonds zu Besoldungen dieser Räthe verschwendet worden sey, ist aber vollkommen falsch; denn diefe Personen werden, wenigstens gegenwärtig, aus den öffentlichen Cassen, als Mitglieder der Zollkammer, und nicht als Beysitzer des Commerz-Collegii aus desselben Fond bezahlet.

Diese Verbindung hatte auch eine sehr weise Absicht; denn in allen Ländern, wo die Handlung ein Gegenstand der Sorgfalt des Staats ist, hält man Zölle nicht blos für eine öffentliche Einnahme, sondern zugleich für ein Mittel das Commerz in den vortheilhaften Zweigen, durch die Verminderung der Abgaben, zu befördern, und in schädlichen Theilen, durch Belästigung derselben, einzuschränken. Daher auch die Zoll-Rollen nach den veränderten Umständen, jedoch nur mit der reifesten Erwegung, von einer Zeit zur andern abgeändert werden müssen. Und in diesem Stücke giebt besonders England den andern Ländern Beyspiele zweyer Art, theils zu folgen, theils zu vermeyden. Ob wir selber aber hierinne nicht zuweilen grosse Fehler begangen haben; das dürfte ich Ihnen fall offenherzig mit Ja beantworten. Allein Frankreich und Holland haben es auch

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gethan, und es ist nichts leichter, als in dieser Sache zu fehlen. So haben wir wohl Zölle auf einheimische Industrie, auf vorteilhafte Theile unsers Handels ersonnen, die uns schädlicher waren, als die Auflage auf fremden Witz lächerlich ist. Wie z. B. die neueste Auflage auf den Thee. (*)

Noch ein Drittheil des Fabricken-Fonds rechnen Sie durch Geschenke den Rathen des Commerz-Collegii an. Ob ich gleich nicht behaupten dürfte, dass nichts Menschliches, besonders Gefälligkeit und Freundschaft, bey Unterstützung der Fabrikanten statt gefunden haben sollte: so wünschte ich doch lieber, dass Sie einzelne Fälle eines so strafwürdigen Vergehens, der Bestechung, angeführt hätten, und bis dahin erlauben Sie mir Ihre Beschwerden für falsch zu halten; als dass Sie ein ganzes Collegium durch diese Anschuldigung schwärzen. Jene Freymüthigkeit würde Ihnen jeder Patriot verdanken, der da wünschet das Lafter bestraft zu sehen; durch diese allgemeine Anklagen aber verbinden Sie sich nur den Verbrecher, der sich vor dem Publico in der bekannten Redlichkeit seiner Collegen mitverhüllet.

(#) Von deren nachteiligen Folgen S. Philodani 1tes Heft, p. 43. Lassen Sie mich hier im Vorbeygehen anmerken, dass Sie dieser Schrift nicht volle Gerechtigkeit in der Beurteilung gethan haben.

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Ihr Vorwurf des Vorzugs den Fremde in unsern Fabrickenanstalten genossen haben, verwechselt die Zeiten. Bey der Anlage derselben war es nothwendig, Fremde zu gebrauchen, um die Einheimischen zu unterrichten, welche sich aber nur durch Vortheile aus ihrem Vaterlande entführen lassen. Als Sie vor Ihren Reisen deutsch lernen wollten, nahmen Sie wohl keinen Bauern aus einem Dorfe bey Moscow, sondern einen deutschen Sprachmeister an, und diesen mussten Sie bezahlen.

Dass wir wirklich von einigen dieser Leute betrogen worden sind, das wissen und beklagen wir alle. Theils war dieses aber nicht ganz vermeydlich; theils ist es der gewöhnliche Fall des gutherzigen Mannes, dass er von seiner eigenen Redlichkeit auf diejenigen schliesset, die ihn von der ihrigen versichern, und also oft hintergangen wird. Allein der scharfsichtige König von Preussen, der die Aufnahme seiner Fabricken durch fortdauernde Anwendung beträchtlicher Geldsummen erzwingen will, hat eben dieses Schicksal oft erfahren, und sein Beyspiel eben hätte uns insbesondere von dem Charakter des von Ihnen angeführten Huthmachers belehren können.

Seitdem einige unsrer Fabricken aber eine gewisse wiewohl noch unvollkomne Confiftenz erlangt haben, werden Sie dergleichen Beyspiele sehr selten finden; und es ist wohl vielmehr der

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Unwille der gegenwärtigen Fabrikanten über diese weislich zurückgehaltene und gemässigte Freygebigkeit, welche die Beyspiele der vorigen Zeit hervorruft.

Mit diesem allem halten einsichtsvolle Patrioten gar nicht dafür, dass Dannemark im Handel und in der Industrie, sich seiner natürlichen Vortheile recht benutzt habe. Hätten Sie sich von diesen unterrichten lasten, so würden Sie denselben mit mir haben nachsagen können, dass wir zu verschiedenen Zeiten bald zu weit, bald zu kurzsichtig gewesen sind. Bald haben wir einen kühnen Blick auf beide Indien und die Levante geworfen, und über unsre sischreichen Küsten, über unsre Schiffarth in der Oft- und Nordsee, über unsern lsländischen, Finnmärkischen und Grönlandischen Handel weggesehen; Bald hefteten wir wieder unser Auge auf die blosse Innere Geschäftigkeit in der Hauptstadt; und jedesmal blieben jene angebohrne Schätze unsers Vaterlandes ausserhalb unserm Gelichtskreyse, Wenn wir die Nothwendigkeit erkannten, diesen oder jenen Theil der Industrie zu heben, so geschahe es oft auf Kosten, fast immer mit Vernachlässigung, der übrigen, darum nicht weniger nothwendigen, Theile der allgemeinen Arbeitsamkeit. Die Verbessrung der Handwerker wurde nicht genug mit zum Manufakturwesen gezählet; und wir erforschten nicht mit Sorgfalt wel-

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che Unternehmungen auf dem Lande, in dieser und jener Provinz, oder kleinen Stadt, mit einiger Ermunterung und Unterstützung hätten zu einer glücklichen Vollkommenheit gebracht werden können. Wir verwandelten Vorschuss und Geschenke nicht genug in Preise und Aufmunterungen zum Wetteyser im Fleisse. Kurz wir arbeiteten immer an einzelnen Stücken, niemals an einem ganzen System. Allein wir hoffen noch einen solchen allgemeinen Entwurf za sehen, in welchem alle Theile des innern Fleisses mit dem auswärtigen Handel verbunden, und unter einander geordnet seyn werden; je nach ihrer Fähigkeit durch Anwendung, Vervielfältigung und Verkehrung der natürlichen Produckten, unsre im allgemeinen Handel so sehr überwogene Balanz-Schaale wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein System also, das sich auf die Lage und natürliche Verfassung von Dännemark gründen wird. Wir schmeicheln uns, unsern Isländischen Handel von der Sklaverey der allgemeinen Handels-Compagnie befreyet; und vielleicht auch durch eine, nach unsern genau geprüsten Umständen, und nicht auf die blosse Nachahmung gegründete, Navigations - Akte, unsre Schiffarth und Fifchereyen nach dem Maasse unsrer Kräfte, blühen zu sehen. Durch ein solches, in glückliche Wirksamkeit gebrachtes, Gesetz würde es auch dem gerechtesten Erbkönige ein ewiger Ruhm seyn dem grossen Verbrecher Englands zu gleichen.

Die Fortsetzung soll in wenig Tagen folgen.